Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1999
- Issue
- No. 67 (1999)
- Date
- 1999-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 1550)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2 Gedanken über Humanismus und Barbarei Von Wilfried Seiring, Leitender Oberschulrat i.R. Reinhard Heydrich war ein begabter Cellist, Rudolf Höss war tierliebend und ein guter Familienvater. Verwundert uns das? Ich muß an Max Frisch denken: "Zu den entscheidenden Erfahrungen, die unsere Generation, geboren in diesem Jahrhundert, aber erzogen noch im Geiste des vorigen, besonders während des Zweiten Weltkrieges hat machen können, gehört wohl die, daß Menschen, die voll sind von jener Kultur, Kenner, die sich mit Geist und Inbrunst unterhalten können über Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Bruckner, ohne weiteres auch als Schlächter auftreten können, beides in gleicher Person". Es waren schließlich Menschen, Mitbürger, die für Terror und Verfolgung, Barbarei und Holocaust verantwortlich waren. Können wir da sicher sein, daß sich das Geschehene nicht wiederholt? Daß der Funken einer intoleranten Ideologie nicht Massen ergreift und zum Flächenbrand führt? Können Sie uns des anhaltenden Erfolges unserer Erziehungsbemühungen, daß "Auschwitz nicht noch einmal sein darf" (Adorno), wirklich sicher sein? Mich treibt die Frage um, welche Differenz den Humanisten, der Gewalt ablehnt und jede Ideologie, die Gewaltherrschaft anstrebt, von dem trennt, der das Glück der Mehrheit, vielleicht aller Menschen im Auge hat und dafür jedes Mittel akzeptiert bzw. es nicht ausschließt, weil nach seiner Auffassung das Ziel die Mittel heiligt. Meine Frage hat mit dem außergewöhnlichen Buch des amerikanischen Historikers Christopher Browning ("Ganz normale Männer", Rowohlt Verlag, Hamburg, 1993) eine Antwort gefunden. Vielleicht keine endgültige und abschließende, auf jeden Fall eine, die zu diskutieren lohnt. Es geht um die Männer des Reserve- Polizeibataillons 101, die 1942 aus Hamburg nach Polen abkommandiert wurden, um Sicherheitsaufgaben im besetzten Gebiet zu übernehmen. Es waren Familienväter mittleren Alters aus proletarischen oder kleinbürgerlichen Verhältnissen. Am 13. Juli 1942, noch vor Tagesanbruch, erhielten sie vom kommandierenden Offizier den Befehl, alle Juden der Ortschaft Jozefow zusammenzutreiben, die Männer im arbeitsfähigen Alter "auszusondern" und die übrigen - Frauen, Kinder, Säuglinge und Greise - auf der Stelle zu erschießen. Bis auf wenige empfanden die fünfhundert Männer der Einheit diesen Befehl als Schock. Sie hatten, aufgewachsen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, die Schule besucht, eine Ausbildung abgeschlossen, waren Angestellte, Lehrer, Handwerker und Facharbeiter; für den Dienst an der Front zu alt, gehörten sie meist nicht zu den überzeugten Nationalsozialisten, einige waren nach 1933 in die NSDAP eingetreten. Am Abend des 13. Juli 1942 waren 1500 Einwohner des Dorfes Jozefow tot. Mehr als zwölf Stunden lang hatten die Polizisten ihre Opfer in ein nahegelegenes Waldstück geführt, ihnen die Spitzen ihrer aufgepflanzten Bajonette in den Nacken gesetzt und die nackten Frauen, Kinder und Greise erschossen. Sie taten es freiwillig, denn zuvor war ihnen gesagt worden, daß sie den Befehl nicht ausfQJnren müßten. Zu diesem ersten Einsatrz des Bataillons zwischen Juli 1942 und November 1943 kamen viele weitere; mehr als 38.000 Menschen wurden erschossen oder erschlagen und weitere 45.000 wurden aus ihren Häusern und Verstecken in Viehwaggons getrieben, die sie in die Gaskammern von Treblinka brachten. Der Geschichtsprofesor Browning verfolgt mit großer Genauigkeit das Geschehene, prüft alle denkbaren Begründungen für inhumanes Handeln, vermeidet vorschnelles Werten und versucht, zu einem gerechten Urteil zu kommen. Für unsere Fragestellung ist von Bedeutung, daß ca. 10 Prozent der Polizisten sich weigerten, den Mordbefehl auszuführen. Sie waren, wie die übrige deutsche Gesellschaft, von rassistischer und antisemitischer Propaganda jahrelang überschwemmt worden. Sie unterlagen wie di'e anderen Bataillonskameraden der ideologischen Indoktrinierung. Sie gingen dennoch das Risiko der Isolierung, der Ablehnung und Verachtung als Feiglinge ein, als schwächlich und unkameradschaftlich gescholten zu werden. Tatsächlich behaupteten sie nicht, zum Töten "zu gut", vielmehr dafür "zu schwach" zu sein. Die meisten von denen, die nicht schossen, waren bemüht, die kameradschaftlichen Bindungen, in die sie eingebettet waren, nicht zu zerreißen, und bekräftigten dadurch fatalerweise nur die "Männlichkeitswerte" der Mehrheit, denen zufolge es eine positive Eigenschaft darstellte, "hart" genug zu sein, um unbewaffnete, nicht an Kampfhandlungen beteiligte Männer, Frauen und Kinder zu erschießen. Nur sehr wenige Ausnahmecharaktere hielten stand, wenn sie mtMimsmm von ihren Kameraden als "Schwächlinge" verspottet wurden, und konnten mit der Tatsache leben, daß die anderen meinten, sie seien "keine Männer". Ich glaube, wir dürfen behaupten, die Verantwortung für das eigene Tun liegt letztlich bei jedem einzelnen. Aber der Gruppendruck zur Konformität ist groß, sehr groß! Und so zieht Browning folgendes Fazit: "Es gibt auf der Welt viele Gesellschaften, die durch rassistische Traditionen belastet und aufgrund von Krieg und Kriegsbedrohung in einer Art Belagerungsmentalität befangen sind. Überall erzieht die Gesellschaft ihre Mitglieder dazu, sich der Autorität respektvoll zu fügen, und sie dürfte ohne diese Form der Konditionierung wohl auch kaum funktionieren. Überall streben die Menschen nach beruflichem Fortkommen. In jeder modernen Gesellschaft wird durch die Komplexität des Lebens und die daraus resultierende Bürokratisierung und Spezialisierung bei den Menschen, die offizielle Politik umsetzen, das Gefühl für die persönliche Verantwortung geschwächt. In praktisch jedem sozialen Kollektiv übt die Gruppe, der eine Person angehört, gewaltigen Druck auf deren Verhalten aus und legt moralische Wertmaßstäbe fest. Wenn die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 unter solchen Umständen zu Mördern werden konnten, für welche Gruppe von Menschen ließe sich dann noch Ähnliches ausschließen?" Gehen wir von dieser Erkenntnis aus, dann müßte es unser dringlichstes Anliegen sein, in den Familien, in der Schule, in den Jugendgruppen, Sportvereinen und Betrieben das selbstverantwortete Verhalten, das begründete nonkonforme Handeln, das unabhängige Selbstbewußtsein, die Zivilcourage zu stärken, die Erfahrung einer verläßlichen Bindung zu sichern und damit die Grundlage für eine humanistische Lebenshaltung zu legen, die auch in Versuchungs- und Versagungssituationen stabil bleibt. Wissen wir doch, daß die Wirklichkeit noch anders aussieht. So berichtete der Schriftsteller Peter Schneider, der mit der Initiative "Courage gegen Fremdenhaß" Schülergespräche führt, daß er Abiturienten von einem Mordversuch an einem nigerianischen Schwarzafrikaner erzählt hatte, der aus einer fahrenden S-Bahn gestoßen worden war, angeblich unter den Augen von 15 Passagieren. Diese hatten weder eingegriffen, noch sich anschließend als Zeugen gemeldet. Verblüfft war Schneider, weil die Schüler (Fortsetzung auf Seite 20)