Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1999
- Issue
- No. 66 (1999)
- Date
- 1999-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Vier Jahrzehnte eines jüdischen Lebenslaufes Willy Cohn: "Verwehte Spuren. Erinnerungen an das Breslauer Judentum vor seinem Untergang", herausgegeben von Norbert Conrads, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 1995, 776 S. 1975 erschien als Veröffentlichung des "Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier in Israel" die nicht sehr umfangreiche, aber bedrückende Veröffentlichung "Als Jude in Breslau - 1941. Aus den Tagebüchern von Studienrat a.D. Dr. Willy Cohn, herausgegeben von Joseph Walk". 1984 kam dieses gleichsam als Privatdruck vorgelegte Büchlein in einer "verbesserten und erweiterten Auflage" als Taschenbuch des Verlages Bleicher in Gerlingen heraus. "Es enthält", um aus der Einleitung von Prof. Dr. Norbert Conrads zu dem jetzt vorliegenden umfangreichen Memoirenbuch Willy Cohns zu zitieren, "ausgewählte Tagebuchaufzeichnungen Cohns aus seinem letzten Lebensjahr. Sieht man einmal von den autobiographischen Aufzeichnungen des Breslauer Kaufmanns Walter Tausk ("Breslauer Tagebuch 1933-1940") ab, so erwiesen sich Cohns Notizen als besonders authentische und bewegende Einblicke in den Breslauer Alltag einer jüdischen Familie. Das führte zur Aufnahme eines Briefwechsels mit Joseph Walk, dem Jerusalemer Herausgeber, in der Hoffnung, mehr über Cohns Tagebücher und Schriften in Erfahrung zu bringen.“ Das Ergebnis dieser Bemühungen ist dieser Band. Willy Cohn, 1888 in Brslau geboren, wurde am 25. November 1941 zusammen mit seiner Frau und zwei Töchtern im Alter von neun und drei Jahren in einem sogenannten Judentransport nach Kaunas in das damals von der Wehrmacht des Deutschen Reiches okkupierten Litauen verschleppt und am 29. November auf Kommando des SS von "litauischen Partisanen" erschossen.. Heute weiß man, daß damals 1000 Breslauer Juden gemeinsam mit der gleichen Anzahl Wiener Juden erschossen wurden. Wenige Tge vor dem Abtransport, in einer düsteren Vorahnung des ihm und seiner Familie bestimmten Schicksals, hatte Willy Cohn nicht nur seine Lebenserinnerungen, die er bewußt mit dem Jahre 1933 abgeschlossen hatte, beendet, sondern es war auch möglich geworden, das Manuskript bei Verwandten, die in einer sogenannten Mischehe lebten, in Berlin zu deponieren. Der schriftliche Nachlaß Willy Cohns liegt heute in den "Central Archivs for the History of the Jewish People" in Jerusalem. Dank der Einwilligung der drei Kinder Willy Cohns, die Deutschland rechtzeitig verlassen konnten, wurde die jetzige Veröffentlichung möglich. Noch liegen unveröffentlicht 21 Tagebuchhefte zwischen dem 24. Oktober 1937 und dem 7. September 1941 im Jerusalemer Archiv, deren Veröffentlichung "man sich", wie Norbert Conrads bemerkt," als zeitgeschichtlichen Querschnitt von 1933 bis 1941 vorstellen konnte”. Willy Cohn hat ausführlich und gründlich Tagebuch geführt, denn auch der jetzt veröffentlichte Band "Verwehte Spuren" basiert auf den Eintragungen in den Tagebüchern, die dann zum Diktat der Lebenserinnerungen, deren Niederschrift 1940/41 erfolgte, als geistiges Rüstzeug benutzt worden sind. Das sehr umfangreiche Ur-Manuskript wurde, was dem Herausgeber gern zugebilligt werden muß, um ein Drittel gekürzt. Bei aller gebotenen Ehrfurcht vor dem Verfasser, gerade angesichts seines grausamen Schicksals, wären da und dort sogar noch weitere Striche geboten gewesen, denn allzu vieles wiederholt sich, was bei einem fortlaufenden Diktat, und das noch unter dem besonderen Druck der Zeitumstände, auch gar nicht anders hatte sein können. Vieles ist in einer derartigen Autobiographie und zugleich historischen Darstellung des Judentums in Breslau und Schlesien bedauerlicherweise unbedeutendes Rankenwerk. Es wäre aber vermessen, ob der Ausführlichkeit und der soeben skizzierten Nebensächlichkeiten die Bedeutung dieses Bandes allzu kritisch beurteilen oder gar unterschätzen zu wollen. Willy Cohn war ein seinem Glauben zutiefst verpflichteter Jude, der sich streng an die Gebote seiner Religion gehalten hat. Aus dem orthodoxen Gläubigen wurde nach Ende des Ersten Weltkrieges ein überzeugter Zionist. 1937 nahm er die Gelegenheit zu einem Besuch in "Erez Israel", dem damals Britisch beherrschten Palästina, wahr, aber er kehrte nach Breslau zurück, zu seiner Familie, zu den gleich ihm bis jetzt zurückgebliebenen Juden in der Stadt. Das waren von ungefähr 24 000 im Jahre 1920 jetzt nur noch 8 000. In der Einleitung, auch im englischen Summary (es gibt auch ein polnisches) zum Schluß des Bandes wird gesagt, daß er sich in der Rolle eines Moses fühlte, indem er seinen Glaubensgenossen den Weg nach "Erez Israel" wies, ohne ihn selbst zu gehen. "Es wäre eine Desertion vor dem Feind gewesen." Der Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns mit einem aus eigener finanzieller Kraft errichteten Geschäftshaus in bester und teuerster Breslauer Lage, nämlich am Ring, hatte sich den Geisteswissenschaften verschrieben, hatte Geschichte, Deutsch und Geographie in Breslau und Heidelberg studiert und war nach einer bereits mit 22 Jahren bestandenen Promotion zu Beginn der zwanziger Jahre, Studienrat am Johannesgymnasium seiner Geburtsstadt geworden, einer humanistisch ausgerichteten Schule, die traditionsgemäß zur guten Hälfte von Schülern jüdischenGlaubens besucht wurde. Das eigentliche Berufsziel war das eines Professors der Geschichte, weshalb er sehr darunter gelitten hat, daß ihm dieses aus vielerlei Umständen versagt worden ist. Aber auch das hat ihn getroffen, daß der Soldat Willy Cohn, der seinen "einjährigen" Dienst geleistet hatte und in den Krieg gezogen war, es nur bis zum Unteroffizier hat bringen können, woran seine jüdische Abstammung die Hauptschuld getragen hat. Erst in den Tagen der November- Revolution von 1918 wurde er zum Leutnant ernannt, aber das zählte dann nicht mehr. Vor allem war Cohn ein engagiert wissenschaftlich arbeitender Historiker, für dessen Fleiß und Können in dem verdienstvollerweise mitveröffentlichten Schriftenverzeichnis bis zum Todesjahr 477 Titel sprechen. Die Dissertation befasste sich mit der "Geschichte der normannisch-sizilischten Flotte unter der Regierung Rogers I. und Rogers II. (1060-1154)"! Eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der Stauferzeit schloß sich an, sodaß durchaus zu verstehen ist, mit welch innerer Bewegtheit er dann vor dem Grab Friedrichs II. im Dom zu Palermo gestanden hat. Diese Reise nach Sizilien war der Höhepunkt des mit Reisen nicht gerade ärmlich bedachten Lebens. Geradezu schwärmerisch fallen die Reiseberichte aus, wenn das Ziel das Riesengebirge oder die Grafschaft Glatz gewesen ist. (Hier hätte man Kürzungen angesichts der sich wiederholenden Texte vornehmen sollen.) Aber auch Ostpreußen bis hin nach Memel sind immer wieder sehr gern aufgesuchte Landschaften und Orte, wobei auf diesen Reisen Königsberg und Lötzen, Allenstein und Elbing in Westpreußen aufgrund von Einladungen zu Vorträgen, die Cohn nur zu gern gehalten hat, aufgesucht worden sind. Da dem Band ein Ortsregister neben dem Personenregister mitgegeben worden ist, wofür Dank gebührt, sollten hier Heimathistoriker zugreifen, um Auskunft über die jeweiligen jüdischen Gemeinden und deren religiöses Leben einzuholen. Die rege Reise- und Vortragstätigkeit umfasste aber nicht nur jüdische Themen, sondern auch Themen der von Cohn in der Schule besonders gepflegten staatsbürgerlichen Unterrichtung, und hier (Fortsetzung auf Seite 21)