Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1999
- Issue
- No. 66 (1999)
- Date
- 1999-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich stand am Waggonfenster der polnischen Eisenbahn und schaute - nach langer Nachtfahrt und Grenzkontrolle - nach den ersten Anzeichen der Stadt aus. Wir waren durch schlesische Dörfer gekommen, die alle einmal Giersdorf oder Hermsdorf oder so ähnlich hiessen mit dem Zobten im Hintergrund. Der Hauptbahnhof hat nur seine Farbe gewechselt, er ist jetzt gelb angestrichen, aber er steht noch pompös da, wie in alten Zeiten, mit seinen beiden Türmen. Ein kleines Hotel neben der Universität am Ufer der Oder und der erste Gang durch die Stadt. Der Ring mit dem schönen aber düsteren Rathaus in der Mitte und ringsherum die alten, gotischen Häuser restauriert und bunt angestrichen, jedes einzelne wie ein lustiges Petit Four. Die Schweidnizerstraße bis zur Ohlauerstraße ist heute eine Fußgängerzone. Im Hof des alten Storch wird noch geräumt und gebaut. Baubaracken stehen herum und an die Synagoge kann man noch nicht heran. In den dunklen, ungastlichen Räumen der jüdischen Gemeinde auf der Wallstraße 9 kann man wenig Auskunft bekommen über Gebetszeiten und Ort, oder auf andere Fragen. Aber man bringt die Sterbe reg ister und ich finde Feld und Nummer des Grabes meines Großvaters. Die Sekretärin bestellt Bronislaw, der draußen bei Cosel wohnt und der Friedhofswärter ist. Wir fahren die lange, heute ganz veränderte und unbekannte Friedrich Wilhelmstraße lang bis zum Friedhofsportal. Bronislaw aus der Ukraine war mit einem Friedhofsplan da. Das Verwaltungsgebäude, wo die Krankenstation 1943-1944 war, steht nicht mehr. Es hatte in den letzten Kriegstagen einen Volltreffer bekommen. Die Leichenhalle ragt aus dem grünen Gestrüpp heraus, aber sie ist ganz verfallen. Die Gräber der Gefallenen von 1914- 18 sind erkennbar. Auch die Säule mit den Namen hat man freigelegt. Und bald finde ich Karl Grabowsky's Grab. Mein Onkel Karl, dessen Name ich trage. Dann beginnt die Suche durch den Dschungel, der einmal ein jüdischer Friedhof war. Umgefallene und zerbrochene Grabsteine, gebrochene Bäume und Äste. Es gibt keine Reihen mehr, keine Gräber und wenn mal ein Grabstein steht, kann man den Namen nicht mehr lesen. Alte Kochtöpfe und leere Einst and heute Von Karla Wolff Bierflaschen liegen herum und man sieht Spuren von Feuerstellen. Sammelplatz von Obdachlosen oder dunkelen Existenzen? “Hier ist Feld 18", sagt Bronislaw. Ich wandere zwischen den zerbrochenen und bemoosten Steinen umher. Keine Hoffnung je ein Grab zu finden. Ich streiche mit der Hand über manche Steine. Mögen sie alle in Frieden ruhen. Manche große Familiengruften, an der Mauer des Friedhofes, sind noch erkennbar. Bronislaw zeigt uns noch abgebrochene Gräber, wo nur noch die zerfallenen Särge erkennbar sind. Das Tor schloß sich, Bronislaw bekam sein Trinkgeld und wirwanderten durch den Park, der einmal ein evangelischer Friedhof war, zur Straßenbahn. Ich machte diese Reise mit meiner Freundin Lisa, eine evangelische Pfarrerin aus Frankfurt, die tief mit dem Judentum verwurzelt ist und sich mit der Schuld ihres Volkes an dem jüdischen Volk schwer auseinandersetzt. An der Tagung in Kreisau, ca. 60 km von Breslau entfernt, die das Thema "Die Juden Breslaus im 19. und 20. Jahrhundert" führte und die auch an diesen Tagen stattfand, wohl um auch den 60. Jahrestag der Reichskristallnacht zu würdigen, nahmen deutsche und polnische Dozenten teil, auch zwei aus der U.S.A.. Wir besuchten dort einen Vormittag und nahmen an zwei Vorlesungen teil. Kreisau, das ehemalige Gut des Freiherrn von Moltke, der bei dem Attentat auf Hitler, im Juli 1944, verurteilt und hingerichtet wurde, ist heute eine internationale Jugendbegegnungsstätte. Die Tagung war sicher interessant. Akademische und konkrete Abhandlungen des Themas, aber was wußten die Teilnehmer über die Leiden und den Untergang der Menschen dieser einst blühenden Gemeinde zu Breslau? Die Atmosphäre dort stimmte nicht mit meiner Gefühlsverfassung überein. Zurück in der Stadt wanderten wir über den Tauenzienplatz durch die Arkaden der Schweidnizerstraße über die Gartenstraße durch die Bahnunterführung zu meinem Baum. Ich war schon einmal, vor 7 Jahren, in Breslau und wußte, daß die Häuser der Sadowastraße nicht aufgebaut worden waren, aber ich fand damals die Akazie, .die bei uns im Garten stand. Ich erkannte sie an einem der Äste, der in meiner Kindheit für mich eine Schaukel war und sie hatte ein tiefes Loch in ihrem alten Stamm gebrannt. Sie stand ganz dicht an dem Haus und als dieses brannte, hat sich das Feuer wohl in ihren Stamm gefressen. Er hat sich nicht verändert - mein Baum - noch etwas älter geworden und blätterlos, die Wunde ist nicht geheilt, so wie auch bei uns die Wunden nicht heilen, aber man kann damit leben. Zimmerstraße, Sonnenplatz über die Graupenstraße, das Haus der Freunde ist nicht mehr dasselbe. Ober den Stadtgraben gingen wir noch einmal zum Storch. Man arbeitete noch im Hof, aber die Tür war offen. Der Storch! Nicht zu beschreibende Gefühle. Die Wände sind noch unverputzt, die Frauenempore z.T. noch zerbrochen, aber das Dach war sogar schon gestrichen. Lange Reihen von Stühlen standen für die morgige Feierstunde bereit. Vor dem Thoraschrank - wo kein Schrank dahinter ist - hängt ein altes Parochet, eine "ewige Lampe" darüber. Eine kleine Bilderausstellung an der Wand von gewesenen Gebetstuben und den Gründern der Synagoge, Rabbiner Geiger, Rabbiner Tiktin u.a.. Ganz oben das Gitter vor dem Chor. Wir saßen da lange und die Vergangenheit wurde lebendig. Das war die wirkliche Reise zurück zu dem Verlorenen. Frau Rabbiner Levin in der ersten Empore, linke Seite in der Mitte, ich hatte meinen Platz nicht weit davon. Der Schammes mit dem Finger auf dem Mund - man soll nicht flüstern! Oben der Chor hinter dem Gitter und Herr Bergers Kopf, der Chorleiter über den Rand gebeugt, um zu sehen, ob der Kantor schon mit der Shmona Essre fertig ist und man W'schomru beginnen kann. Und später der Storch und der Hof voll mit Menschen auf ihrem armseligen Gepäck sitzend, grau und trostlos - bis die Lastautos kamen. Die Freunde und Lehrer aus der Schule, Freunde und Verwandte der Eltern, Familie Lewin, alle, alle sammelten sich dort und im Freundesaal zu der letzten Reise, der Reise in die ewige Nacht. Und jetzt soll er wieder auferstehen, der alte Storch mit anderen Menschen und andere Kinder werden vielleicht dort ihre Bar-Mizwah begehen. (Fortsetzung auf Seite 7)