Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1998
- Issue
- No. 64 (1998)
- Date
- 1998-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 DER MAHARADSCHA AUS GERMANY Aller Anfang ist schwer - der Anfang in Dhaka war turbulent. Die Opposition hatte die Strasse okkupiert. Sie veranstaltete sog. "Hartals“ wann immer ihr das gefiel. Diese Hartals wurden euphemistisch als Streiks bezeichnet. In Wirklichkeit waren sie gewalttaetige grausame Strassenbesetzungen. Mit erzwungener Verkehrsruhe fuer das ganze Land und dem Verbot zu arbeiten. Wer sich nicht daran halten wollte, wurde taetlich angegriffen. Massenveranstaltungen mit z. T. Hunderttausenden von Teilnehmern entfalteten ihre Eigendynamik, die oft mit Gebrauch von Schusswaffen einherging und bei denen man nie wusste, wo sie enden wuerden. Das Ergebnis war: Hunderte von Toten, Tausende von Verletzten. Das Eigenartige an diesen Veranstaltungen war, dass sie einschliesslich der Ausschreitungen zeitlich begrenzt wurden, zunaechst auf halbe Tage, dann ganze, danach mehrere Tage, zuletzt andauernd. Sie wurden auch ueber die Medien angekuendigt. Wenn es hiess, der Hartal dauert nur bis 14 Uhr, dann konnte man auch unbesorgt ab 14 Uhr auf die Strasse gehen: der oeffentliche Unmut war wie weggeblasen. Das wirtschaftliche wie das oeffentliche Leben litt schwer darunter. Da auch der wichtigste Hochseehafen blockieret wurde, kam die Wirtschaft fast zum Stillstand. Das Benzin drohte auszugehen, man wusste nicht, wie lange man noch telefonieren konnte, es war unklar, wie lange der Flughafen offen blieb. In dieser Sitiuation war voellig unklar, wann ich mein Beglaubigungsschreiben ueberreichen konnte. Es war nicht zu planen, denn die Hartals wurden kurzfristig angesetzt. Schliesslich ergab sich ein Fenster von drei Tagen, das schleunigst genutzt wurde, um die Uebergabe mit dem Staatspraesidenten zu vereinbaren. Dafuer wurde die Feier dann umso feierlicher. Mercedes und Polizeieskorte wurden auf dem letzten Teil des Wegs von Reitern in bunter Fantasieuniform und riesigen Federbueschen eingerahmt, die mich zum Palast geleiteten, wo mich die Adjudanten von Heer und Luftwaffe in einer Art retardierenden Stechschritts zur von Bruno Weber aufgestellten Ehrenformation brachten. Ein Musikkorps spielte beide Nationalhymnen und aehnlich ging es weiter zum Palast selbst, zur Uebergabe, Reden, Fototermin, Gespraech mit dem Praesidenten, Eintrag ins Goldene Buch von Bangladesch. Es wurde mehr Pomp getrieben als bei der Queen im Buckingham Palast, und waehrend man dort auch "nur" eine mehrseitige Instruktion bekommt, musste dies alles vorher minutioes einstudiert werden mit zentimetergenauen Angaben wo man wann zu stehen oder wie zu gehen hatte. Nach erfolgter Uebergabe fuhr ich getrost nachhause, um meine Sachen zu packen. Doch mit dem Trost war es bald vorbei. Da sich die Situation nochmals aggraviert hatte und die Botschaft die Heimsendung der Angehoerigen anregte, gab es eine Krisensitzung im AA, zu der ich zitiert wurde und die mit dem Ergebnis endete, dass niemand evakuiert, sondern zunaechst der Botschafter wieder zurueckgeschickt wurde. Dies trug auch zur Beruhigung bei. So konnte ich erst Ende Juni meinen Umzug durchfuehren. In dieser ganzen Zeit der Unruhen war stets zu befuerchten, dass das Militaer eingreift und dass es dann zu einem unabsehbaren Blutbad kommt. Wie wir heute wissen, hat die damalige Regierung dies auch verlangt. Das Militaer hat sich dieser Bitte aber in dramatischer Auseinandersetzung versagt. Dies und ein spektakulaerer Streik der obersten Beamten (SIC!) hat die Regierung schliesslich zur Abdankung gezwungen. Die Neuwahlen wurden schliesslich demokratisch durchgefuehrt. Sie brachten den Erfolg der Opposition, die 21 Jahre im Abseits (auch finanziell!) gestanden hatte. Sie hat nach ihren ersten hundert Tagen eine positive Bilanz aufzuweisen. Zum Verstaendnis ist anzumerken, dass beide grossen politischen Lager von Frauen gefuehrt werden, deren Vater bzw. Ehemann von politischen Gegnern umgebracht wurden. Ausserdem hat sich dieser an Bevoelkerung achtgroesste Staat der Welt (und viertgroesster Staat der muslimischen Welt) erst 1971 von Pakistan, dem er 1947 bei der Teilung Indiens zugeschlagen worden war, in einem von Pakistan sehr grausam gefuehrten Krieg selbst befreit. In diesen nur 25 Jahren ist ein starkes Nationalgefuehl entstanden. Auch der Sinn fuer Demokratie und Gewaltenteilung ist ausgepraegt, wenn auch nicht immer praktiziert, was immerhin dazu gefuehrt hat, dass die bisherige Regierung das Abstimmungsergebnis im Juni akzeptiert und kampflos das Feld geraeumt hat. Die neue Regierung laesst z.Zt die gesamte Rechtslage ueberpruefen. Sie will einen Ombudsmann schaffen, die Gewaltenteilung staerker akzentuieren und die Macht dezentralisieren. Sie interessiert sich dabei stark fuer westliche Vorbilder, die sie z.Zt. studiert, darunter auch das deutsche. Ich plaediere dafuer, ihr dabei nach Kraeften zu helfen. Es muss uns daran gelegen sein, dass der viertgroesste islamische Staat einen anderen Weg als andere geht, die sich an fundamentalistischem islamischem Recht ausrichten. Die Aufklaerung beschraenkt sich jedoch auf die Spitze, in den Doerfern sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit oft ganz anders aus. Oft ist die Mehrzahl dort noch analphabetisch. Illegale Dorfgerichte von Mullahs faellen immer noch grausame Urteile, unter denen besonders Frauen zu leiden haben. Waehrend beide Regierungen, von Frauen gefuehrt, sich bemuehen, insbesondere auch die Maedchen in Schule und Arbeit zu fuehren, werden sie im Lande selbst oft diskriminiert wie im Mittelalter. Die von uns als Fron angesehene Arbeit in der Stadt, etwa in einer Textilfabrik, ist fuer sie der Weg in die Freiheit und Unabhaengigkeit vom Familiencian. Bangladesch (woertlich: "Das schoene Bengalen") hat keine beruehmten Sehenswuerdigkeiten ausser den MangrovenwaeIdern und den Koenigstigern. Es jedoch nur als das Land der Katastrophen zu sehen, ist genauso einseitig. Es galt einst, als es noch nicht so stark bevoelkert war, als Paradies des indischen Subkontinents. Mit aeusserst fruchtbarem Land erstrecken sich weite gruene Ebenen, die zwei bis drei Reisernten im Jahr bringen, durchsetzt mit kleinen Waeldern aus Palmen, Bambus oder Straeuchern mit Zuckerrohr oder Jute. (Fortsetzung auf Seite 17)