Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1998
- Issue
- No. 64 (1998)
- Date
- 1998-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/7506414-7411833-7491688--275-7411840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 Die "Arisierung" (Fortsetzung von Seite 6) durchgeführt wurden. 1938 wurde dann die Arisierung "von oben“ eingeführt. Die bisher "freiwilligen" Transaktionen bedurften von nun an einer amtlichen Bewilligung. Verletzt wurden auf diese Weise die Grundsätze des Zivilrechts, wie auch die des Rechtsverkehrs. Als Novum ist hier die Beteiligung des Staates am Arisierungsprozeß zu betrachten. Die Staatsorgane verdrängten jetzt den bisherigen Hauptakteur, die NSDAP, ins zweite Glied. Von diesem Zeitpunkt an konnte man auf legalem Wege das jüdische Vermögen neuen Erwerbern entgegen den Willen des bisherigen jüdischen Eigentümers übertragen. Das Wesen der Arisierung beruhte - wie wir sehen - stets auf der Mißachtung der Grundsätze der allgemein anerkannten Rechtsordnung. Obwohl es sich um die wirtschaftliche Sphäre handelte, verfolgte die zwangsweise Übernahme jüdischen Vermögens einen par exzellence politischen Zweck, nämlich die Diskriminierung der jüdischen Mitbürger. Die Arisierung betraf sowohl das große Kapital, Banken, Industrie-und Handelsunternehmen, als auch kleine und kleinste Geschäfte und Werkstätten. Es sei betont, daß 60 bis 70% aller jüdischen Unterehmen und Bertriebe Ende 1938 in die sog. arische Hand kamen, oder auch aufgelöst wurden. Das bedeutet, daß der Hauptteil des jüdischen Vemögens auf dem Wege der hier beschriebenen "freiwilligen" Arisierung in fremde Hände überführt worden war. B. Materialqrundiaqe Die Quelienbasis zur behandelten Thematik in Schlesien ist sehr spärlich, es fehlen sämtliche Partei-und Polizeiakten. Nichtsdestoweniger verfügen wir in Schlesien über Archivbestände, die es vermutlich in anderen Provinzn nicht gibt. Sie ermöglichen eine ausreichende Rekonstruktion der Übernahme von jüdischem Eigentum nach 1938. Die fragmentarischen Materialien gestatten eine Rekonstrukton der sog. "freiwilligen" Arisierung nicht. Hierfür fehlen die entprechenden Finanzdokumente, z. B. Quittungen für Geldüberweisungen. Es fehlen ebenfalls die Bestätigungen informeller Verträge und geheimer Klauseln, die mit wichtigeren des jüdischen Vermögens Transaktionen oft verbunden waren. Ein Teil der Veräußerungen von Liegenschaften läßt sich anhand von Notarakten, die in Wroclaw erhalten sind, rekonstruieren. Diese Akten sind aber leider unvollständig, und es fehlen gänzlich die Akten für den Regierungsbezirk Liegnitz sowie andere größere Städte außerhalb Breslaus. Wie gesagt, der Großteil von Bank-, Industrie- und Handelsunternehmen ging auf dem Wege privater Verträge in fremden Besitz über, so daß wir in amtlichen Akten und Dokumenten darüber keine Unerlagen finden. Eine Ausnahme bilden unvollendete bzw. nach dem 3. Dezember 1938 eingeleitete Transaktionen, die laut Gesetz der staatlichen Aufsicht unterlagen. Weit mehr Informationen liefern die Quellen in Bezug auf die nach 1938 durchgeführte Zwangsarisierung, denn sie wurde unter Beteiligung des Staates und Aufsicht der Regierungspräsidenten in Oppeln, Breslau und Liegnitz realisiert. \ Im Bestand des Regierungspräsidenten Breslau im Staatsarchiv Wroclaw sind alphabetische Verzeichnisse von jüdischen Unternehmungen enthalten, die den neuen Eigentümern überwiesen worden sind. Fragmentarische Informationen beinhalten auch politische Lageberichte an die übergeordneten Verwaltungsbehörden, Protokolle verschiedener Konferenzen sowie die amtliche Korrespondenz. Es fehlen zwar die Akten der NSDAP, der Triebkraft der Arisierung insgesamt, lediglich ein aus der Gauleitung Schlesien stammendes Verzeichnis der jüdischen Geschäfte in Breslau wurde überliefert. Manche Ereignisse lassen sich aber anhand der Archivalien aus dem Landesfinanzamt Schlesien, später Oberfinanzpräsident Schlesien, noch später Oberfinazpräsident Niederschlesien benannt, feststellen. Im guten Zustand und recht vollständig sind die Akten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Es ist für uns um so wichtiger, als gerade damals das Finanzressort, geleitet vom Graf Schwerin von Krosigk und Staatssekretär Reinhardt, das Rennen um das Verfügungsrecht über jüdisches Vermögen gewann Die Verlierer waren sowohl die NSDAP als auch Himmlers Polizeiapparat. Oberfinanzpräsident Niederschlesien war seit 1937 bis zum Zusammenbruch Finanzrat Wapenhensch. Daß diese Materialien erhalten in Schlesien 1933-1945 sind, verdanken wir dem Umstand, daß zahlreiche Amtshandlungen nicht abgeschlossen waren und die Akten deshalb nicht vernichtet werden konnten. Besonderen Aussagewert besitzt der Bestand "Die Einziehung des jüdischen Vermögens", das Material aus der Zeit der Deportationen enthält. In zahlreichen Fällen finden dort Ereignisse aus der Zeit vor der" Endlösung" ihre Widerspiegelung. Eher durch Zufall ist auch ein Teil der Bestände des Finanzamtes Breslau-Süd, welches die Angelegenheiten eines Großteils der Breslauer Juden geführt hatte, erhalten geblieben. Es ist anzunehmen, daß manche Quellen über das jüdische Eigentum sich außerhalb Schlesiens befinden: im Jüdischen Historischen Institut in Warschau, in den Sammlungen in Jerusalem des Yad Washem, des Leo Baeck- Instituts sowie in amerikanischen und tschechoslowakischen Archivsammlungen. An dieser Stelle möchte ich unterstreichen, daß die in Schlesien aufbewahrten Archivalien zur Arisierung noch einen zusätzlichen, unüberschätzbaren Informationswert besitzen: Sie erlauben nämlich, die weiteren Schicksale der enteigneten jüdischen Bürger zu verfolgen. Wir erfahren oft den genauen Ort, die Zeit und die Umstände der Emigration, das Datum undim Falle von Nachlässen-die Todesumstände sowie in tausenden von Fällen wer, wann und wohin aus Breslau und Niederschlesien deportiert wurde. Die Auswertung dieser Bestände ist allerdings sehr mühsam, denn die Informationen sind meistens verstreut, tauchen an völlig unerwarteter Stelle auf, und unterliegen keinerlei Systematik. C. Beispiele aus Breslau und Niederschlesien. Nach den obigen Erörterungen über Methodik und Quellenbasis sollen jetzt eine Reihe von Beispielen aus dem Raum Schlesien angeführt werden. Das Breslauer Handelshaus Wertheim an der Schweidnitzer Straße (heute Handelshaus Zentrum) wurde samt dem ganzen Wertheim- Konzern 1937 arisiert. Das Handelshaus Gebrüder Barasch (heute Handelshaus Fenix) auf dem Ring (Marktplatz), dem Hintermarkt und an der Schuhbrücke, eines der modernsten (Fortsetzung auf Seite 8)