Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1998
- Issue
- No. 64 (1998)
- Date
- 1998-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 AUF NIMMERWIEDERSEHEN (Fortsetzung auf Seite 2) und ihre dunkle Wintermaentel waren bedeckt mit kleine Federn. Fraeulein Schein hatte nur noch eine Niere und sie war immer sehr um ihre Gesundheit besorgt. Ich wurde zur Dogerie geschickt um genuegend Berentraubenblaetter-und-Lindenbluetentee zu kaufen, solte dieser Tee nicht auf dem Transport erhaeltlich sein. Als wir Aufwiedersehen sagten, brauchte sie sich um nichts mehr zu sorgen. Sie hatte ihr Geld gut versteckt, genug Tee und alles war gut verpackt fuer den Transport. Ich bekam zum Abschied einen Kuss. Aber ein Wiedersehen gab es nicht! Ba c h^s_d - mp] I _Vi o] i n ko n ze r t Zimmerstrasse 7 war unsere vorletzte Wohnung in Breslau. Sie hatte vier Zimmer und in jedem Zimmer wohnte eine Familie. Wir teilten alle dieselbe Kueche und dasselbe Badezimmer. Ich arbeitete schon Zwansarbeit bei der Chemischen Fabrik Carl Boeger und Co. In der Alsenstrasse. Am Abend unterrichtete mich mein Vater in Latein, Geschichte, Franzoesich, usw. und in meiner Freizeit fand ich Zuflucht in der Musik. Ich hatte schon seit einigen Jahren Geigenunterricht bei dem einstmals zweiten Konzertmeister des Breslauer Opernhauses und der schlesischen Philharmonie, Siegfried Rosenthal, der in priviligierter Mischehe lebte. Er wohnte uns geradeueber in der Zimmerstrasse und wie gewoehnlich ging ich am Abend zu meiner Stunde um das Studium des schoenen Bach a-moll Violinkonzerts zu vollenden.Diesmal wurde die Stunde unterbrochen durch den unerwarteten Besuch von Elfriede Breslauer. Sie war vor der Judenverfolgung zweite Geigerin in der schlesischen Philharmonie. Sie war erregt und zeigte Siegfried Rosenthal und seiner Frau einen Brief. Sie umarmten sich und weinten. Meine Stunde war beendet, aber ich durfte zuhoeren wie Siegfried und Elfriede, begleitet von seiner Frau am Fluegel, das Bach Konzert fuer zwei Violinen in d-moll spielten. Die klassische Ausgewogenheit des herrlichen Mittelsatzes, "largo ma non tanto", wurde zu einem Gebet. Der Brief war die Aufforderung fuer Elfriede sich im Freundesaal zur Deportation zu melden. Sie ist von dieser Reise nicht zurueckgekommen. Abmarschjeren Unser Arbeitslager war am Rande des Dorfes Gruental gelegen. Der naechste groessere Ort war Trachenberg. Wir mussten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Panzergraben ausheben. Der Winter 1944 war besonders kalt und der Schnee klebte an den Holzsohlen unserer Arbeitsschuhe an. Wir waren schon daran gewoehnt, denn im Herbst war es der Lehmboden des Bartsbruchs in dem unsere Schuhe steckenblieben. Der Himmel war klar und doch konnte man es donnern hoeren. Es war Musik fuer uns: es war das Donnern der Artillerie der vorrueckenden Sowietarmee. Es dauerte nicht lange und wir mussten antreten zum Abmarsch in das Konzentrationslager Gross-Rosen. Im Gleichschritt, in Viererkolonne und singen "im Westenwald, da weht der Wind so kalt", und nicht ohne Genehmigung des Lagerkommandanten aus der Reihe treten. Neben mir marschierte der Rechtsanwalt Goetzei aus Goerlitz. Er war Soldat im ersten Weltkrieg gewesen. Er wollte, dass wir in preussischer Ordnung marschierten,so dass uns die Gestapo respektieren wuerde. Wir hatten weder die Kraft, noch die Neigung diesem Ratschlag zu folgen. Er regte sich sehr auf, denn seiner Meinung nach war sein Rat zu unserem Besten. Und da geschah es! Er brach tot zusammen: Herz-oder-Gerhinschlag, einen Arzt gab es nicht. Vier von uns mussten ihn in dem Strassengraben begraben. Der Boden war ein Meter tief hart gefroren und wir mussten weiter marschieren und so konnten wir ihn nur mit ein wenig Erde bedecken. Ich denke oft an ihn zurueck. Er meinte es gut. Aber er hatte es nicht verstanden, dass der jahrhundertlange Kampf, um eine glueckliche Symbiose zwischen Judentum und Deutschtum zu erzielen, zu dieser Zeit verloren war, und das wir unseren Weg allein gehen mussten. Ein Wiedersehen mit der Welt von Gestern gab es nicht mehr. Befreiung 1945 war ein schoener Fruehling. Ich lebte unter falschen Namen bei einem Bauern in dem Dorf Neudorf, im Fichtelgebirge. Die deutsche Armee hatte sich schon abgesetzt. Die Amerikaner hatten das naechste Dorf "Konnersreuth", wo die "heilige Therese" zu Ostern ihre Stigmata erwartete, schon eingenommen. Die SS kaempfte noch in den Waeldern. Alle Bauernhaeuser hissten eine weisse Fahne um Artilleriebeschuss zu vermeiden. Da kamen sie enlich, die Amies. Alle Deutschen waren im Keller. Ich stand auf dem Felde und sah sie kommen. Ein amerikanischer Soldat kam auf mich zu und fragte in perfektem Deutsch, ob noch deutsche Soldaten im Dorf waeren.lch sagte ihm, dass die Soldaten am Vortage abgezogen waren. Ich sagte ihm auch, dass ich Jude war. Er sagt mir, sein Name ist Loewenstein und er kommt aus deutsch-juedischer Familie, die 1938 nach New York ausgewandert war. Da standen wir zusammen, zwei deutsche Juden, deren Vorfahren fuer Jahrhunderte mit diesem Lande verbunden waren: er, ein amerikanischer Soldat und ich, ein Fluechtling aus dem KZ. Er war nicht sicher, ob ich wirklich Jude war und so sagte ich fuer ihn das Schehecheyanu. Ich habe nie wieder eine bessere Anwendung fuer diesen schoenen Segensspruch gefunden. Er musste weiterkaempfen um den naechsten Ort "Waldsassen" zu erobern. Wir haben uns nie wieder begegnet. Ein Wiedersehen mit diesen Freunden kann es fuer mich ja gar nicht geben, denn ich sehe sie immer noch vor mir, wenn ich ihrer gedenke.