Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1998
- Issue
- No. 64 (1998)
- Date
- 1998-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AUF NIMMERWIEDERSEHEN erzaehlt von Klaus Aufrichtig-Arkwright Es war Leo Baeck, der auf das "Zwiefachige" im Judentum deutete. Im "Zwiefachen" finden wir Juden keinen Widerspruch, sondern eine Erlaeuterung, eine Erweiterung der Fassungskraft. Die Woche und die Ewigkeit, das Gesetz und die Willensfreiheit, die Immanenz und die Transzendenz des Ewigen, sie alle sind nur Teile des Ganzen und nicht Antithesen, wie in der klassischen Philosophie. Daher muessen wir auch nicht nur von den sechs Millionen Toten sprechen, sondern wir muessen auch das Einzelschicksal mit in Betrachtung ziehen, wenn wir uns die Bedeutung der Shoah zu Eigen machen wollen. Die sechs Millionen gehoeren zu der Geschichte der Welt, das Einzelschitksal unserer Familienmitglieder und Freunde ist ein Teil unseres eigenen Lebens. Ich habe schon oft von dem Schicksal der Breslauer juedischen Gemeinschaft erzaehlt; ich glaube ich habe nicht laenger das Recht Ihnen das Schicksal der einzelnen vorzuenthalten. DerJeddjbaer Wir wohnten zusammen mit der Familie Korngruen in einer sehr kleinen Zweizimmerwohnung in dem Gemeindehaus in der Kopischstrasse. Jede Familie bewohnte ein Zimmer und wir mussten die kleine Kueche und das Badezimmer teilen. Wir kannten die Korngruens schon von besseren Zeiten, denn wir waren Nachbarn in der Gabitzstrasse vor der Zusammenlegung juedischer Wohnstaetten. Es war ein dunkler und unfreundlicher Herbstmorgen, 1941. Es muss wohl zwischen sechs und sieben Uhr morgens gewesen sein, als wir ein Haemmern von Faeusten auf die Entreetuer hoerten. "Aufmachen, Gestapo". Meine Mutter oeffnete die Tuer. Zwei Gestapo Beamten schoben sie beiseite: "Wo ist der Jude Korngruen?“ Sie oeffneten die Tuer des Korngruen-Zimmers. Die Familie lag noch im Bett. Wir mussten in unserem Zimmer bleiben. Die Korngruens mussten sich anziehen, das wichtigste einpacken, aber nicht mehr als sie selbst tragen konnten, Brot fuer zwei Tage mitnehmen, Werkzeuge im Entree lassen (Naehmaschine, Axt, Hammer, Zange, Eimer usw.) Das Zimmer wurde versiegelt. Es wurde ihnen gesagt, dass sie in die neue Ostgebiete uebergesiedelt werden, so dass sie endlich ehrliche Arbeit leisten koennen. Die Werkzeuge werden spaeter abgeholt und der Zimmerinhalt wird nachgeschickt. Es konnte doch vielleicht wahr sein, denn Breslauer Juden waren schon nach Tormersdorf, Gruessau und Riebnick verschickt worden und man bekam ab und zu einmal Nachricht von ihnen. Frau Korngruen sollte sich in Anwesenheit der Gestapomaenner anziehen, aber sie hatte den Mut sie aus dem Zimmer fuer ein paar Minuten rauszuwerfen. Sie durften nicht die Toilettentuer verschliessen, sondern nur anlehnen. Frau Korngruen hatte nicht genug Brotmarken fuer zwei Tage und so wechselten wir unsere Brotmarken fuer ihre Kartoffelmarken. Ich musste mit ihnen mitgehen und mit dem Gepaecktragen helfen. Mit der Strassenbahn ging es nach dem Schiesswerdersaal. Dort warteten schon viele juedische Familien und sassen auf ihren Rucksaecken und Koffern. Herr und Frau Korngruen schienen beruhigt zu sein, so viele juedische Mitbuerger zu sehen. Ihr sechsjaehriger Sohn Heini weinte bitterlich. Sein Teddibaer war zurueckgeblieben. Frau Korngruen bat mich den Teddi nach zu bringen, so dass sie Heini beruhigen konnte. Ich kam nach Hause und da lag der Teddibaer im Entree. Zurueck zum Schiesswerderi, welche Freude des Kindes den Teddibaer wieder zu haben und daran Trost zu finden. Die Werkzeuge wurden nicht abgeholt. Wir mussten die Wohnung raeumen und kurz vorher holte die Gestapo alles was den Korngruens gehoerte ab. Nach den Ermittlungen der Universitaet Wroclaw verliess dieser Transport Breslau am Feitag 21.11.41 und war fuer Riga bestimmt. Er wurde am Dienstag 25.11.41 in Kowno abgefangen und 2000 Juden wurden an diesem Tag in dieser Stadt erchossen. Vielleicht war der Teddibaer in Heini's letzten Stunden ein kleiner Trost fuer ihn. Dasjunzekissen Ich hoffe ich habe es richtig buchstabiert. Es steht nicht in meinem Woerterbuch, aber Sie wissen wohl was ich meine; das kleine Federkissen, das man sich unter den Kopf stopft, um bequem zu schlafen. Fraeulein Schein hatte so ein Kissen. Sie war uns als Untermieterin in unsere Wohnung in der Gabitzstrasse 136 zugewiesen worden. Sie war eine Lehrerin der englischen, franzoesischen und spanischen Sprache, ein Beruf, der in der Breslauer Gemeinde waehrend der Hitlerzeit sehr geschaetzt wurde. Da kamen viele ihrer Schueler in unsere Wohnung zum Sprachunterricht, um sich auf die Auswanderung vorzubereiten. Als wir die Wohnung in der Gabitzstrasse raeumen mussten teilte sich unser Weg, aber unsere Feundschaft mit Fraeulein Schein ging weiter. Fraeulein Schein besuchte uns eines Tages, um uns weinend mitzuteilen, dass sich ihre begabte Englisch Schuelerin Anita Treitel das Leben genommen hatte, um den Schikanen der Verfolgung aus den Wege zu gehen. Dann zeigte sie uns auch die Aufforderung sich im Freundesaal zum Abtransport zu melden. Koennten wir ihr mit dem Packen helfen? Da war nicht mehr viel zu packen. Sie gestand, dass sie nicht alles Geld fuer ihr Sprachstunden versteuert hatte und vielleicht koennten ihr diese Geldscheine, wenn sie am Ziel ihrer Reise ankommt, von Nutzen sein. Wie aber kann man das Geld mitnehmen? Und hier kam das Tunzekissen zur Rettung. Das einzigartige Bild steht immer noch vor meinen Augen. Fraeulein Schein und meine Mutter sassen in ihre dunklen Wintermaentel in der kleinen kalte Stube (Kohle waren rationiert) und umnaehten die Geldscheine mit Watte, oeffneten das Kissen und mischten die Geld-Watte-Baellchen unter die Daunenfedern und vernaehten das Kissen wieder. Das ganze Zimmer, die Haare der zwei Frauen (Fortsetzung auf Seite 3)