Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1997
- Issue
- No. 63 (1997)
- Date
- 1997-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 1467)
- Language
- German
- Belongs to
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am Aufbau des Landes erheblich mitarbeiten. Diese Ostjuden sind es vielmehr, denen in erster Reihe der Aufbau des Landes zu danken ist. Dessen sind sich auch die bewußt, die für volle Gleichberechtigung des mitteleuropäischen Oleh eintreten." Bei den Auseinandersetzungen in den 30er und 40er Jahren ging es im Grunde genommen um die Frage, wie das im Jahre 1948 in den Staat Israel einmündende Projekt das aus einer Ideologie heraus entwickelt worden war, mit der "materiellen Wirklichkeit" in Einklang gebracht werden könnte, wie Personen, die von Wirtschaftsfragen nichts oder nur wenig verstanden, durch Fachkräfte ersetzt werden könnten, die in der Lage seien, eine solide Wirtschafts- und Finanzstruktur zu schaffen, wiewohl sie am Kampf um die Verwirklichung der Idee von einem jüdischen Staat kaum Anteil hatten, falls überhaupt. Doch damit nicht genug; man unterstellte den deutschen Juden sogar, daß sie nur "auf den Augenblick" warteten, der ihnen die Rückkehr in ihr Herkunftsland erlaubte. Diese hingegen erklärten, daß sie in Palästina ihre neue Heimat gefunden hätten, woraus sie folgerten: "Unser Streben gilt der Erneuerung des jüdischen Menschen in Palästina. Wir haben den neuen jüdischen Menschen im Lande noch nicht gefunden. Es ist nicht die Aufgabe der mittel-europäischen Alijah, ihren Vorgängerinnen gleich zu werden. Uns allen haften noch viele Makel der Golah an. Das Land wird nicht gebaut durch Aufsaugen der neuen Einwanderungswelle durch frühere. Auch die Assimilation der West-an die Ostjuden wäre letzten Endes nichts anderes als eine Einstellung des Ideals vom neuen Judentum. Die Olim aus Mitteleuropa haben ihr Teil zum Aufbau der nationalen Kultur beizutragen. Wir haben es stets abgelehnt, Identifizierung als die Kulturaufgabe der mitteleuropäischen Alijah aufzufassen. Wir haben Eigenes zu geben." III. Das Selbstbewußtsein, welches das aus dem Jahre 1944 stammende Zitat deutlich werden läßt, wurde durch die von den Einwanderern aus Deutschland erbrachten Leistungen durchaus gerechtfertigt.So hatten sie in erheblichem Ausmaß zur Ausweitung der Industrie in Palästina beigetragen. Schätzungen zufolge stammte etwa ein Viertel der in den Jahren 1934/35 im Produktionsbereich investierten finanziellen Mittel von aus Deutschland eingewanderten Juden. Die durch sie hergestellten Produkte wiesen eine beeindruckende Vielfalt auf; sie umfaßten u.a. Isoliermaterial für die Bauwirtschaft, Batterien, Glühbirnen, Feilen, Schrauben, Stahlmöbel, Kohlepapier, Farbbänder, Pharmazeutika, Anstrichfarbe, Wasserleitungsrohre, Steingut, Badeeinrichtungen und Klaviere. Lt. "Report on the Establishment and Progress of Industrial Undertakings by Immigrants from Germany" aus dem Jahre 1936 waren von den damals erfaßten Unternehmen 88% deutschen Ursprungs. Der Bericht nennt außer den bereits erwähnten Produkten Bier, Schuhe, Nahrungsmittel und Spielzeug. Immigranten aus Deutschland verdankt das Land auch seine Hotellerie.Als die ersten Ankömmlinge eintrafen, gab es nur ein einziges Hotel, das modernen Anforderungen gerecht wurde, das "King David" in Jerusalem. Juden, die im deutschen Hotelgewerbe gearbeitet hatten, überzogen nun mit mitgebrachtem Kapital Palästina mit Hotels und Herbergen. Zu den bedeutenden Initiatoren im Bereich des Hotelgewerbes gehört die Familie Federmann; sie errichtete Hotels von internationalem Rang in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa und Ceasarea. Der Aufbau und die Entwicklung der Wirtschaft waren begleitet von Gestaltung eines Bankgewerbes. Im Jahre 1933 arbeiteten in Palästina lediglich zwei Kreditinstitute von Rang, die jüdische Anglo-Palästina Bank und die britische Barclays Bank. Einwanderer aus Deutschland schufen ein System von Privatbanken, das sich als Depositen- und Kreditinstitute bewähren sollte. Auch die Gründung einer Börse verdankt das Land Einwanderern aus Deutschland. Ihr Initiator war Siegfried Saalheimer. Im Jahre 1935 begann sie ihre Tätigkeit in Tel Aviv. Das palästinensische bzw. israelische Versicherungswesen ist ebenfalls der Alijah aus Deutschland zuzuschreiben. Es erstaunt, daß sogar das Pressewesen in erheblichem Umfang von Einwanderern aus Deutschland geprägt wurde, denn in der Regel waren sie des Hebräischen nicht mächtig. Nachdrücklich verwiesen sei im Zusammenhang mit der Entwicklung der Presse neben Azriel Carlebach auf Gershom G. Schocken, den ältesten Sohn Salman Schockens, der zusammen mit seinem Bruder Simon einen der bedeutendsten, 1938 "arisierten" Warenhauskonzerne Deutschlands aufgebaut hatte. 1935 hatte Salman Schocken das damals unbedeutende Blatt "Haaretz" erworben. 1939, im Alter von 27 Jahren, Gershom G. Schocken dessen Herausgeber. Es war, so ist geschrieben worden, in jenen Jahren etwas Außergewöhnliches, daß ein "Jekke" in einem durch ehemalige russische u. polnische Juden beherrschten öffentlichen Leben in eine einflußreiche Position gelangte. Doch damit nicht genug: der eigenwillige Gerschom G. Schocken entwickelte den hebräischsprachigen Haaretz,dem er als Herausgeber und Chefredakteur seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte, zur anspruchsvollsten und angesehensten Zeitung Palästinas bzw. Israels, wo sie bis heute mit der FAZ verglichen wird. Zutreffend ist sein Einfluß, den er über seine Zeitung auf die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gestaltung der komplexen Ge-sellschaft des Landes ausübte, einzigartig genannt worden. Die Verantwortung Gerschom G. Schockens für Israel, dessen Leben und Streben er stets kritisch begleitete, sollte auch sein Vermächtnis werden. Zehn Tage vor seinem Tod 1990 nahm er seinem Sohn und Nachfolger Arnos sowie den maßgebenden Redakteuren das Versprechen ab, den Haaretz in der niveaureichen und kritischen Form, die ihm zeitlebens Richtschnur waren, weiterzuführen. Außerordentlich groß war die Bedeutung, die deutsch-jüdische Einwanderer für das Gesundheitswesen des Landes erlangten. Das verwundert insofern nicht, als unter den rd. 60.000 Einwanderern sich nicht weniger als 1.173 Ärzte befanden. Hatte Palästina bis 1933 seine Kranken im Falle von operativen Eingriffen stets ins Ausland schicken müssen, so entwickelte es sich nun innerhalb von wenigen Jahren zu einem Zentrum der medizinischen Versorgung für den gesamten Nahen Osten. Es steht außer Frage, dass die deutsche den wichtigsten Alijot in der Geschichte Palästinas bzw. Israels zuzurechnen ist. Der Grund dafür ist weniger in ihrer Quantität als vielmehr in ihrer Qualität zu sehen. Sie verlieh dem Land einen nachhaltigen Schub auf sämtlichen Gebieten und Ebenen des wirtschaftlichen, kulturellen, wissenschaft-lichen, öffentlichen und politischen Lebens. Dies beeindruckt umso mehr, als die Erfolge bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit den Ostjuden errungen wurden. Zu ihr bemerkt im Jahre 1944 Felix Rosenblüth, einer der maßgebenden Repräsentanten der deutschen Alijah und späterer Justizminister (Fortsetzung auf Seite 20)