Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1997
- Issue
- No. 63 (1997)
- Date
- 1997-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 1464)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche Juden in Palästina seit 1933 von Prof. K. Fuchs I. "Ich (Werner H.) bin am 26.5 1892 in Stettin geboren. Meine Eltern siedelten 1900 nach Berlin über. Dort habe ich das Wilhelm- Gymnasium besucht und 1911 das Abiturienten-Examen bestanden. Von 1911 bis 1914 studierte ich Rechtswissenschaft in Freiburg, München und Berlin, und habe im März 1915 das Referendar-Examen am Kammergericht bestanden. Ich habe den Weltkrieg alsFrontsoldat mitgemacht. Infolge schwerer Ver-wundung wurde ich erst Ende September 1919 vom Militär entlassen. Ich bin dann in den juristischen Vorbereitungsdienst eingetreten und habe im Dezember 1922 das Assessorexamen bestanden." In diesen wenigen Sätzen dokumentiert sich ein als typisch zu bezeich-nender deutschjüdischer Lebenslauf in der Zeit des Kaiserreichs und der Republik, aber auch im folgenden: Am 26. Januar 1936 schrieb der Reichsjustizminister dem Rechts-anwalt Werner H., der, 1925 aus dem Justizdienst ausgeschieden, Syndikus einer Danziger Bank geworden war und 1928 seine Zulassung als Rechtsanwalt bei den Berliner Landgerichten beantragt hatte, ei-nen knappen Brief, dem als Anlage "ein Entlassungsbescheid" beigefügt war, in dem es heisst: "Aufgrund des §3 des Reichsbürgergesetzes in Verbindung mit §4 Abs. 1 der Ersten Verordnung dazu vom 14. November 1935 (RGBL. I S. 1333) sind Sie mit Ablauf des 14. November 1936 aus Ihrem Amt als Notar ausgeschieden." Am 24. August 1937 heiratete Werner H. die Ärztin Meta Dorothea, geborene R. Nachdem sie ihre Niederlassung als Ärztin zum 30. September 1938 verloren hatte, bereitete das Ehepaar seine Auswanderung nach Palästina vor. Am 5. November 1938 teilte die Devisenabteilung der Reichshauptbank Berlin dem Ehepaar mit, dass seinem Antrag auf "Bereitstellung 1.000 Palästinesischen Pfund (Vorzeigegeld für die Auswanderung nach Palästina)" entsprochen worden sei. Am 29. November 1938 schliesslich informierte das Britisch Passport Control Office Werner H. darüber, dass ihm und seiner Familie "ein Einwanderungszertifikat zur Einwanderung nach Palästina (erteiit)werde". Zu diesem Zeitpunkt war Werner Fl. noch im KZ Sachsenhausen inhaftiert, in das er am 9. November 1938 (Reichskristallnacht) eingeliefert worden war. Am 29. Dezember 1938 schrieb das Ehepaar Werner und Meta H. dem Polizeirevier 128 in Berlin-Charlottenburg:"Wir, die unterzeichnenden Eheleute Werner und Dr. med. Meta Fl. geborene R., Berlin-Charlottenburg, Grolmannstrasse 32/33 wohnhaft, bitten hiermit zum Zwecke der Auswanderung um Erteilung eines Passes.“ Im Mai 1955 heisst es in einer eidesstattlichen Erklärung Werner H.s u.a.:"lch bin ...im März 1939 nach Palästina ausgewandert und seit Anfang April 1939 ununterbrochen in Tel Aviv ansässig. Infolge mangelnder Sprachkenntnisse des Hebräischen, die ich mir erst aneignen musste,und der damaligen schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse konnte ich erst im Dezember 1945 bei(der) American Porcellain Tooth Company Ltd. eine Anstellung finden. Bis dahin war ich ohne Einkommen." Das Schicksal Werner und Meta H.s kann als exemplarisch für das zahlreicher deutscher Juden betrachtet werden, denn nirgendwo identifizierten sich die Juden so stark mit ihrem "Gastland" wie in Deutschland. Der Prozess der Assimilation war soweit fortgeschritten, dass Felix A. Teilhaber in seiner im Jahre 1921 erschienen Arbeit "Der Untergang der deutschen Juden" prognostizierte, die jüdische Minderheit in Deutschland werde innerhalb eines Zeitraums von zwei oder drei Generationen nicht mehr existieren. Begleitet war die Assimilation von einer beeindruckenden Emanzipation. Assimilation und Emanzipation verdeutlichen die folgenden Hinweise in der 1991 erschienen autobiographischen Arbeit Walter Grünfelds "Rückblicke": "(Die Familie meiner Mutter Magarete Oettinger aus Breslau) kann ich bis auf meinen Urgrossvater Joseph Oettinger in Rachwitz (Raconiewice) in der Provinz Posen verfolgen. Einer seiner Söhne, mein Urgrossvater Albert, wurde Arzt, promovierte an der Universität Berlin 1835 und liess sich in Neustadt bei Pinne (Lwowek)nieder, verheiratet mit Ettel Schiff. Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr. Riesenfeld in Breslau heiratete. Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Grossvater starb 1860. (Sein ältester Sohn Richard) heiratete eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im Flachsgrosshandel sehr erfolgreich, so dass er zeitweilig als der reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn Richard wuchs als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen. Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Grossvater Max Oettinger,gründeten zusammen ein Flachsgrosshandelsgeschäft und brachten es zu Wohlstand, Siegmund später in Berlin. Mein Grossvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein angesehener Mitbürger wurde, (war) viele Jahre Stadtverordneter, einer von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen Provinzlandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise zusammengeschlossen waren ... Er heiratete Minna Weinstein aus Insterburg in Ostpreussen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war. Meine Mutter war des jüngste der drei Kinder. Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt, Bakteriologe, außerordentlicher Professor an der Universität Breslau. Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner Mutter wurden protestantisch ..." Angesichts der fortschreitenden Assimilierung verwundert es nicht, dass "Religion ... im Elternhaus nicht sehr gross geschrieben" wurde. Wie weitgehend selbst überzeugte Juden sich mit Deutschland identifizierten, verdeutlicht die Feststellung des Breslauer Rabbiners und Religions-Iehrers Dr. Lewin aus den 20er Jahren. Auf die Frage, ob deutsche Juden "an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil nehmen (könnten) wie andere Deutsche, antwortete er: "Natürlich, wenn ich vor der alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und bewegt wie alle Deutschen". Die Zahl derjenigen Juden in Deutschland, soweit sie den führenden Schichten angehörten, die keine oder nur noch geringe Bindung zu ihrer Glaubensgemeinschaft hatten, stieg fortwährend an.