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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1997-01-01 · No. 63 (1997) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1997
Issue
No. 63 (1997)
Date
1997-01-01
Page
Seite 4 (sequence 1452)
Language
German
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4 (Fortsetzung von Seite 3) Frauenverein. Zahlreich waren auch die speziellen Wohltätigkeitsvereine, die ab 1917 in der Zentralwohlfahrtssteile der deutschen Juden zusammengeschlossen waren. Die Gesellschaft der Brüder, die Talmud-Thora- Vereine, die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Studentenhilfe in Breslau und die in Schlesien fast flächendeckend präsenten Vereine für jüdische Geschichte und Literatur mit ihrem weitverbreiteten "Jahrbuch" bemühten sich auf unterschiedliche Weise um die Festigung der jüdischen Identität. 1886 entstand in Breslau mit der "Viadrina" die erste rein jüdische Studentenverbindung Deutschlands. Auch der jugendbewegte und zumindest anfänglich zionistisch ausgerichtete Bund "Blau-Weiss“ reicht in seinen Anfängen bis in das Breslau des Jahres 1912 zurück. Selbstverständlich besassen auch die Alliance Israelite Universelle, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus und der 1893 gegründete Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.-V.) sowie der Orden Bne Briss mit seinen Logen in allen grösseren Städten einen kräftigen Rückhalt in Schlesien. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erloschen in Schlesien wie auch sonst in Deutschland fast alle Landgemeinden. Stieg in Breslau die Zahl der Juden zwischen 1840 und 1880 von 6 000 auf etwa 18 000, so sank sie im gleichen Zeitraum im oberschlesischen Zülz, wo Ende des 18. Jahrhunderts noch mehr Juden als Christen gelebt hatten, von 755 auf etwa 350. Mit dem Auszug aus den altgewohnten Verhältnissen der kleinstädtischen und ländlichen Gemeinden lockerten sich zumeist auch die Verbindungen zur religiösen Tradition erheblich. Führte diese Entwicklung nicht über die kulturelle Assimilation direkt zur Taufe, so ersetzte das soziale Engagement jetzt oft die traditionell religiöse Bindung. Der entscheidende Umbruch vollzog sich, wie aus den Lebenserinnerungen schlesischer Juden abzulesen ist, in der Zeit nach 1850. Er war bis in die nationalsozialistische Zeit hinein begleitet von einer spezifisch "schlesischen Toleranz" im Verhältnis von Juden und Christen, die heute fast unwirklich anmutet, wäre sie nicht so vielfach und glaubwürdig bezeugt. Die Kehrseite dieser "Toleranz" bezeichnet die ständig zunehmende Zahl von Konversionen. In der schlesischen Hauptstadt wurden zwischen 1812 und 1821 169, 1822 und 1831 290, 1832 und 1841 223 und 1842 und 1846 92 Judentaufen registriert. Die Täuflinge kamen jedoch in Schlesien fast durchweg aus den jüdischen "Randschichten" des Grossbürgertums und des Proletariats, während sich die jüdischen "Mittelschichten" deutlich weniger taufwillig zeigten. Zumeist dürfte der Wunsch nach verbesserten Aufstiegschancen der eigentliche Grund für die Konversion zum Christentum gewesen sein, aber auch die wachsende innere Distanz zum Judentum gerade in den "Randschichten" lässt sich immer wieder als auslösender Faktor für das Taufbegehren feststellen. Auch in Schlesien hatte der Geist der Assimilation gegen Ende des vorigen Jahrhunderts weit um sich gegriffen. Dieser Tendenz wirkten jedoch die Rabbiner nach Kräften entgegen. Gerade die in Breslau ausgebildeten Rabbiner verkörperten den Typus des frommen Juden, der streng ethisches Verhalten im sozialen Leben, und Aufgeschlossenheit zur Allgemeinbildung mit strenger Befolgung aller religiös-rituellen Gebote verband. Als "Mittelschicht zwischen Orthodoxie und liberalem Judentum" erfüllten die Rabbiner Breslauer Prägung somit eine wichtige integrative Funktion, deren Auswirkung weit über den schlesischen Raum hinausreichte. Die überregionale Bedeutung des schlesischen Judentums gewann eindrucksvolle Gestalt in der Person Leo Baecks, der, 1873 im posenschen Lissa geboren, ab 1891 in Breslau studiert hatte und seit 1897 als Rabbiner in Oppeln wirkte. 1905 erschien seine monumentale Abhandlung über das “Wesen des Judentums", die - immer wieder neuaufgelegt - als "eine ideale Repräsentation des deutsch-jüdischen Denkens im späten 19. Jahrhundert gefeiert wurde. Die Beiträge, die schlesische Juden zur Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft geleistet haben, waren so reichhaltig, dass sie hier nicht dargestellt werden können. Neben vielen allgemein bekanten Namen müsste hier an die Leistungen von jüdischen Persönlichkeiten erinnert werden, deren Wirken nur noch dem Spezialisten bekannt ist. Ein biographisches Lexikon der jüdischen Schlesier, das bisher leider noch nicht vorliegt, würde zeigen, wie sie auf allen Gebieten in hervorragender Weise an der Fortentwicklung ihrer Heimat und ihres Vaterlandes beteiligt waren. 4. Das Ende des schlesischen Judentums Die nationalsozialistische Judenpolitik von der Entrechtung über die Verfolgung bis hin zur Vernichtung vollzog sich in Schlesien mit der gleichen furchtbaren Konsequenz wie in ganz Deutschland. Eingehende Untersuchungen zu dieser Endphase der Geschichte des schlesischen Judentums fehlen noch weithin. Die Stufen der Verfolgung lassen sich aber zumindest in Umrissen am Beispiel Breslaus in den Tagebüchern von Walter Tausk und Willy Cohn erkennen. 1941 sagte Leo Baeck in einer Breslauer Synagogenfeierstunde: "Früher hatten wir viel Sicherheit und wenig Gewissheit, jetzt haben wir die Gewissheit und wenig Sicherheit." Aus Breslau wurden bis zum Sommer 1942 rund 2800 Juden zuerst nach Theresienstadt und dann zumeist weiter in die Vernichtungslager deportiert. Nur 200 von ihnen haben überlebt. Karol Jonca, der polnische Historiker, schreibt: "Es ist nicht festzustellen, wieviel Juden in Schlesien den Krieg überlebten.Eins steht unzweifelhaft fest, dass es nur ein Häuflein von Menschen war, das aller Menschenrechte beraubt überleben konnte. Die Gestapo setzte noch während der Belagerung der 'Festung Breslau' bis zum 6. Mai 1945 die Judenverfolgung fort. Im März 1945 plante sie, alle Juden, die bisher der Deportation entgangen waren, auf ein beschädigtes Schiff zu laden und... zu versenken." Nach dem Ende des Krieges lebten in Schlesien, abgesehen von einigen Ausnahmefällen, nur noch einheimische Juden, die durch "privilegierte Mischehen" geschützt waren. In Breslau gehörten im Juni 1945 etwa 2000 Juden dem Jüdischen Komitee an, von denen 200 in den Akten als "polnische Juden" bezeichnet wurden. Die schlesischen Juden, die die Schoah überlebt hatten, mussten das besonders tragische Schicksal erleiden, zunächst von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer "Rasse" brutal verfolgt, nach Kriegsende dann von den zuwandernden Polen, auch von den polnischen Juden, als "Deutsche" diskriminiert zu werden. Durch die Zuwanderung polnischer und russischer Juden nach Schlesien stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung bis in die Mitte der 60er Jahre wieder etwa auf 52000 von denen rund 10 000 in Breslau lebten. 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, verliess der überwiegende Teil von ihnen Schlesien und die Volksrepublik Polen. Zurück blieben die meist unzerstörten, in der Folgezeit aber oft verfallenen Friedhöfe, einige Synagogenbauten und das Archiv der Jüdischen Gemeinde Breslau, das sich seit 1947 in der Obhut des Jüdisch-historischen Instituts in Warschau befindet. (Fortsetzung auf Seite 5)

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