Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1997
- Issue
- No. 62 (1997)
- Date
- 1997-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE „JÜDISCHE TURNERSCHAFT Es ist schwer vorstellbar, und nach den Ereignissen unseres Jahrhunderts noch weniger zu begreifen, dass einmal ein Dachverband geschaffen wurde, der sich stolz „Jüdische Turnerschaft" nannte. Die Anfänge organisierter Turn- und Sportgruppen liegen hundert Jahre früher, eine Antwort auf die Absichten Napoleons, Europa zu beherrschen. V'on „Turnvater Jahn" heisst es, dass er die sportliche Jugenerziehung begründete, in Berlin einen „Turnplatz" schuf. Wie sehr die Pläne „politisch" bedingt waren, zeigt die Antwort der nach dem Sturz Napoleons wieder etablierten Reaktion, 1819 wird er verhaftet und nach Freyburg a. d. Unstrut verbannt, einer unbedeutenden Kleinstadt, wo er 1852 versirbt. — Die „Deutsche Turnerschaft" als Dachverband der bestehenden Gruppen wurde 1860 geschaffen und bestand bis 1936. — * Für die Juden in Deutschland und in allen Ländern, wo es grössere Gemeinden gab, stand der Begriff nicht zur Diskussion. Die wenigen jüdischen Sportler schlossen sich den lokalen Vereinen an, und es dauerte in Deutschland bis 1933, dass der „Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten" für die Nachfolgegeneration Sportgruppen organisierte. in der seinerzeit jungen Zionistischen Orc*nisalion, 1897 in Basel gegründet, war es Max Nordau, der in Paris lebende Arzt, Journalist, Gesellschaftskritiker („Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit"), der auf dem 2. Kongress, 1898, Basel, das Wort vom „Muskeljudentum" in die Debatte wirft, als eine der Aufgaben des Zionismus, um neben dem Geist den Körper zu stärken. Noch im gleichen Sommer kommen in Berlin 48 jüdische Studenten zusammen, auf Anregung des späteren Rabbiner Wilhelm Levi, d e am 28. Oktober 1898 den Turnverein Bar Kochba gründen. Die staatlichen Bestimmungen verlangen Turnlehrer und Vorturner; drei aus der Gruppe legen die Turnlehrerprüfung ab, andere besuchten die Vorturnerkurse der Deutschen Turnerschaft. Die jüdische Gemeinde Berlin, weigert sich, die Turnhalle ihrer Schule zur Verfügung zu stellen. Der Verein hatte neben der körperlichen Ertüchtigung die „Pflege der national-jüdischen Gesinnung" sich zur Aufgabe gesetzt. Das Jugendamt der Stadt Berlin kam ihrer Bitte nach. Am 5. Dezember 1898 konnte der erste Turnabend abgehalten werden. — Das Vereinsblatt, die „Jüdische Turnzeitung" erscheint seit 1900, „Officieiles Organ des jüdischen Turnvereins Bar Kochba Berlin". Richard Blum, Student der Medizin, später Orthopäde und Chiruig, der noch Deutschland verlassen konnte und in Haifa im Jahre 1963, im 90. Lebensjahr, verschied, zeichnete verantwortlich. Aufregende Dinge bewegen die Turner der Jahrhundertwende, sie schreiben kraftstrotzende Gedichte wie „Wohlan lasst das Sinnen und Sorgen". Bei einer „Turnfahrt hatten sich dreizehn Herren beteiligt", es werden „Spiele und Übungen ohne Geräte" wie „Freiübungen ohne Belastung" durchvon HEINZWERNER GOLDSTEIN geführt, was man heute Gymnastik nennt. Man hatte sich mit der jüdischen Presse auseinanderzusetzen, die jüdische Sportgruppen prinzipiell ablehnte. Im Oktober 1900 wird der Verein um eine „Lehrlingsgruppe" erweitert, es ist jetzt keine akademische Verbindung mehr. Seit dem 20. November 1900 erlaubte die Jüdische Gemeinde die Benutzung ihrer Turnhalle. •¥• Die „Tunrzeitung" findet weite Resonanz, Kontakte mit anderen Gruppen in Deutschland wie in anderen Ländern Europas, von denen man nichts wusste, die unabhängig voneinander in der gleichen Zeit entstanden sind. In Konstantinopel bestand ein jüdischer Turnverein schon seit 1895, in Philopbpel seit 1898, in Hamburg eine „Israelitische Turnerschaft" seit 1898, einige Wochen vor dem Bar Kochba gegründet. Die Forderung Nordaus war zeitgerecht und lag irgendwie in der Luft, was fehlte war die Kommunikation. In Wien wurden 1899 und 1900 zwei Gruppen gegründet, in Sofia 1899, Bialitz-Bialla 1899, Halberstadt und Mährisch-Ostrau 1900. Die Gruppen schreiben fleissig Briefe an die Zeitschrift, — Sprachenfragen sind unbekannt. Man tauscht Gedanken und Erfahrungen (Fortsetzung von Seite 16) Im Jahre 1920 wurde der JJWB (Jungjüdischer Wanderbund) gegründet. Diese anfangs neutrale Bewegung, war bald dem Einfluss der grassierenden politischen Strömungen ausgesetzt. Zu dem Einfluss des „Wandervogel'1 gesellte sich bald eine zionistische Orientierung sozialistischer Prägung. 1923 entstand eine dem JJWB sehr nahestehende Bewegung — Brith Haolim. Diese Bewegung befürwortete auch die Synthese zwischen Zionismus und Sozialismus, forderte aber von ihren Mitgliedern Alija nach Erez-Israel und Mitgliedschaft in den Kibbuzim des Kibbuz Hameuchad. 1925 erfolgte die Vereinigung des JJWB mit dem Brith Haolim, welcher das chaluzische Reservoir des Kibbuz Hameuchad war. Im Jahre 1926 wurde eine neue Bewegung unter dem Namen „Kadima — Bund jüdischer Jugend" gegründet. Diese Bewegung wurde als neutrale jüdische Pfadfinderbewegung gegründet. Aber da die zionistisch orientierten Mitglieder den „Kadima” als zionistische Jugendbewegung sehen wollten kam es 1930 zur Spaltung. Die nichtzionistischen Mitglieder verliessen „Kadima” und gründeten den JPD (Jüdischer Pfadfinderbund Deutschlands). 1932 vereinigten sich die Reste von „Kadima", wie schon gesagt, mit dem Brith Haolim zu den Habonim Noar Chaluzi, welche von da an die grösste zionistische Jugendbewegung war. Während die bisher genannten Jugendverbände in Deutschland gegründet wurden, lesen wir in den zwei letzten Kapiteln, über zwei Jugendbewegungen die aus Osteuropa, durch Studenten die zum Studium nach Deutschland kamen „importiert" wurden. Diese Zwei entpuppten sich als die politischaus, bald wird der Ruf nach einer Dachorganisation erhoben, die auf dem 6. Zionistenk'ongress im Jahre 1903 verwirklicht wird. „Die Jüdische Turnerschaft bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel der körperlichen Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der national-jüdischen Idee", ein Motto, das den Geist der Anfänger wiedergibt. * Im Gründungsjahr bestand die Jüdische Turnerschaft aus 15 Gruppen, neben 5 Vereinen in Bulgarien, in einem Landesverband zusammengeschlossen, mit dem man offiziell nur durch die Turnzeitung im Kontakt stand. In Palästina wurde die erste Sportgruppe 1906 gegründet. Es fehlten Turnlehrer und Vorturner, um Sport populär zu machen. Der Turnlehrer des hebräischen Gymnasiums in Jaffa wird 1908 nach Deutschland und in die Schweiz zur Ausbildung geschickt. Aus einem Interview mit Zwi Orloff erfahren wir, „Häufig bildete der gemeinsame Dreschplatz der Kolonie den Versammlungsort". Man veranstaltete Pferderennen, Preisschiessen, Wettläufe. Die Schüler des Gymnasiums veranstalteten Pessach 1908 ein Schauturnen in Rech'owot. „Der Eindruck dieses improvisierten Schauiurnens war ein aussermordentlicher (Fortsetzung auf der letzten Seite) extremsten, von links und rechts. Der im Jahre 1931 in Deutschland gegründete „Haschomer Kazair" war eine Abzweigung von der Bewegung, welche schon 1916, durch die Vereinigung der„Ze'ire Zion" und des „Haschomer" in Galizien entstand. Diese Bewegung hatte zuerst den Charakter einer Pfadinderbewegung, entwickelte sich aber dann zu einer marxistisch-zionistischen Bewegung, welche mit dem Kibbuz Ha’arzi in Erez-Israel verbunden war. Die Mitglieder des Haschomer Hazair schlossen sich grossenteils nach ihrer Alija nach Erez-Israel dieser Kibbuzbewegung an. Die oberste Leitung dieser Bewegung blieb jedenfalls in Warschau. Da der Haschomer Hazair erst 1931 in Deutschland gegründet wurde und die Zeitspanne dieses Buches nur bis 1933 reicht, gibt es wenig authentisches Material. Die Jugendbewegung der revisionistischen Partei, Betar, wurde in Deutschland erst 1929 gegründet. Diese rechtsstehende Bewegung welche den „Staatszionismus” im Sinne von Se’ew Jabotinski propagierte, wurde 1923 in Riga (Lettland) von einer Gruppe aus Russland stammenden Studenten gegründet. Auch über diese Gruppe ist wenig Material vorhanden, da sie erst 1929 entstand. Das Buch bringt Anweisungen für die Leiter der einzelnen Gruppen verschiedenen Alters, wie die Heimabende im Sinne der Betar-Ideologie zu gestalten. Dieses interessante Buch ist ein historisches Denkmal für die jüdische Jugend in Deutschland bis zur Machtergreifung der Nazis. Es wird in Vielen liebe Erinnerungen erwecken; an Heimabende, Ausflüge, Sommerlager. und stürmische Diskussionen. Ein Andenken an unsere Jugend. M. E. RUTHA’l Die Jüdische Jugendbewegung in Deutschland 17