Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 1419)
- Language
- German
- Belongs to
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MATERIALIEN ZV EINER GESCHICHTE DER JUDEN (Fortsetzung von Seite 20) viele jüdische Geschäfte hatten. Die Schaufenster zeigten ein wirres Durcheinander, zum Teil leergeplündert, zum Teil zerrissene Waren und Hüllen überall verstreut. Aus einem Geschäft stürzte ein Jude heraus — gross, hager, mit entsetztem Gesich. Er sah uns nicht, rannte an uns vorbei. „Das ist der Läufer", flüsterte eine, die ihn kannte. „Wir wollen ihm nach, wir wollen sehen, wo er hinläuft", schlug ich vor. Er lief ein paar Strassen weiter zur Synagoge. Ein unübersehbarer Haufen von Menschen stand davor — schweigende Menschen — und aus den viereckigen Fenstern quoll Rauch." Sicher ist, dass ausser dem Geschäft von Pinkus Läufer auch das Galanterie- und Spielwarengeschäft Gallewski (Erich Kohn) und das Spirituosengeschäft von Emil Laqueur (Markt) verwüstet waren. Es mögen noch mehr gewesen sein. Die Zahl der Schweidnitzer Juden betrug 1937 noch 47. (1925: 130, 1933: 114). Wieviele von ihnen am 10.11. verhaftet wurden, lässt sich nicht feststellen. Jedenfalls gehörte zu ihnen auch der beliebte Arzt Dr. Martin Adamkiewicz, Untere Wilhelmstr. 12. Dr. Adamkiewicz hatte als Militärarzt — wie sein Schweidnitzer Kollege Sanitätsrat Dr. Ernst Meyer — das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhalten. Man erzählt sich, dass er bei seiner Festnahme das EK aus dem Nebenzimmer geholt und es sich an die Biust gesteckt habe. Dann habe er den ihn Verhaftenden erklärt: „Gehen wir, meine Herren!" Die jüdischen Frauen und die älteren Männer wurden auf die Polizeiwache am Burgplan gebracht. Dort bekam jedes einen Löffel Rizinusöl zwangsweise eingeflösst. In der Mitte des Raumes wurde ein Kübel aufgestellt, anschliessend das Zimmer versperrt. Die Inhaftierten mussten 12 Stunden in diesem Raum verbringen. Nach ein paar Tagen Hess man sie alle wieder frei. Die wenigen jungen Männer (Hermann Epstein, Rudolf Nothenberg und Kurt Kohn) wurden nach Buchenwald geschickt. Sie wurden aus dem KZ entlassen, nachdem sie ihre Ausreisepapiere vorzeigen konnten" (H. S„ 19.8.89). Ähnlich verführ man in vielen anderen schlesischen Städten. Aus Breslau. Liegnitz, Bunzlau, Neustadt/OS, Bernstadt, Trebnitz kamen Männer nach Buchenwald, Oranienburg, Sachsenhausen und Dachau. Fanden die Rollkommandos der SA eine Wohnung verlassen, hausten sie auch dort wie in den Geschäften. So liegt mir ein Bericht vor, in dem eine ehemalige Schweidnitzerin den Zustand schilderte, in dem sie ihr Haus bei der Rückkehr aus Berlin vorfand. Dort hatten sie und ihr Mann beim US-Konsulat die Auswanderung vorbereitet. „Die Wohnung, eine zehnräumige Villa mit Küche, fand ich bei meiner Rückkehr in folgendem Zustand vor: Sämtliche Möbel waren zu drei Viertel zerstört, mit Gewehrkolben zerhackt, die Türen abgebrochen, ca. 5 Teppiche (3 Perser) vollkommen zerschnitten, ferner drei kostbare Ölgemälde zerschnitten. Das Meissner Pozellan in der Vitrine, sehr kostbare Vasen und Figuren, waren gegen das Buffet geschleudert worden, wobei all dieses und 3 Porzellan-Essservice im Buffet vollkommen zerschlagen wurden. Das Schlafzimmer war zerstört, die Betten zerschnitten, die Wäsche, grösstenteils neu zur Auswanderung, im Schrank zerstört, die Tapeten heruntergerissen. Das Kinder- und Fremdenzimmer war zum grössten Teil zerstört, der kostbare marmorne Waschtisch mit Spiegel und Badewanne vollkommen zerschlagen. Mein arischer Rechtsanwalt, Dr. Friedrich Geisler, der den Schaden besichtigte und kritisierte, wurde mit Verhaftung bedroht und legte meine Vertretung nieder. Der Wert der in der Kristallnacht zerstörten Werte belief sich damals auf eiwa RM 25 000. Für RM 10 000 unseres Vermögens erlaubte die Regierung die Anschaffung von Ersatzgegenständen. Dafür wurde die gleiche Summe an die Golddiskontbank abgeführt. Für die bereits zur Auswanderung angemeldeten Gegenstände musste die Muswanderungsabgabe ebenfalls geleistet werden. Abgesehen von der Zahlung an die Golddiskontbank beziffere ich den durch die Plünderung entstandenen Schaden zuzüglich der 10 000,— für Ersatzbeschaffung auf RM 35 000,- bis 40 000,-." DIE WEITEREN SCHICKSALE DER SCHWEIDNITZER JUDEN Die Ruine der Synagoge wurde Ende 1938/Anfang 1939 abgebrochen; Grabsteine des Friedhofes sollen 1941M2 bei Pflasterarbeiten verwendet worden sein. Die Zahl der Juden Schweidnitz beträgt 1939 nur noch 25. Insbesondere versuchen die Familien, ihren Söhnen und Töchtern die Auswanderung zu ermöglichen. Ziel der meisten sind die USA; manche müssen den Umweg über Shanghai machen. Dr. Adamkiewicz gelangt nach Chile, wo er alle Examina auf Spanisch ein zweites Mal machen muss. Nach dem Krieg wanderte mancher nach Israel weiter. Einige der Älteren blieben; so Emil Laqueur, der Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges, der im November 1940 an einem Herzanfall in Schweidnitz starb und auf dem Judenfriedhof beigesetzt wurde. Seine Frau wurde nach Lublin verschleppt und kam in Majdanek um. 1940 und 1941 mussten die wenigen noch in Schweidnitz verbliebenen Juden in das sog. „judenhaus", das Haus Erich Kohns (Markt 27) ziehen. Der Vorbereitung dieser Ghettoisierung diente die „Anordnung der Einführung einer Meldepflicht für von Juden vermietete oder genutzte Räume" von 22.8.39 (MGZ 24.8.39). Danach hatten nichtjüdische Hauseigentümer alle an Juden vermieteten Wohnräume zu melden, jüdische Hauseigentümer neben dem eigenen Wohnraum und leerstehenden Räumen jeweils an Nichtjuden bzw. Juden vermieteten Wohnraum. Die vom Oberbürgermeister Unterzeichnete Bekanntmachung definiert auch den Begriff „Jude": Jude ist, wer mindestens drei Volljuden als Grosseltern hat. Ab 19.9.1941 mussten alle Juden über 6 Jahre einen fest angenähten Judenstern auf der linden Brustseite tragen und durften ihren Wohnbezirk nur mit polizeilicher Genehmigung verlassen. — Die Synagogengemeinde Schweidnitz e.V. wurde schon am 30.10.1940 in das beim Amtsgericht geführte Vereinsregister unter der Nummer 128 eingetragen, nach dem Kleingärtnerverein „Schwarzer Weg" (Nr. 127; Eintrag vom 15.4.40). Erich Kohn ist ihr Vorsitzender. Das letzte sichere Datum, das Erich Kohn in Schweidnitz nennt, ist der 21.9.1941. „Soweit ich weiss, sind alle Juden von den Kleinstädten in ein Sammellager nach Breslau geschickt worden, und von dort nach den verschiedenen Konzentrationslagern." (H. S. 12.3.88). Nicht verifiziert ist die Mitteilung: „Die Eltern Läufer, Pinkus L. und Dora Schendel, Hutgeschäft am Markt, lebten noch 1943 in Schweidnitz, ganz kümmerlich." (A. S. 5.4.87). Die Witwe des 1932 in Schweidnitz gestorbenen Getreidegrosshändlers Julius Schlesinger stirbt ca. 1944 in Theresienstadt: ihre 5 Kinder konnten sich durch rechtzeitige Auswanderung retten. Ein einziger Jude erscheint noch im Adressbuch von 1942. Der Eintrag lautet: „Meyer, Ernst, Israel, Geh. San.-Rat i.R., Martm-Luvher-Platz 1—2". (Der Beiname „Israel" bzw. „Sara" war allen Juden schon ab 1.1.1939 zwangsweise verordnet worden.) Sanitätsrat Dr. Meyer, gebürtiger Schweidnitzer, war eine hochangesehene Persönlichkeit der Stadi gewesen, wie schon sein Vater. Er genoss allgemeine Achtung und Wertschätzung nicht nur wegen seiner fachlichen Kompetenz als Arzt, sondern auch wegen seiner sozialen Einstellung. Seit 1904 wirkte er für das Wohl der Gemeinde auch als Stadtverordneter (bis 1920; zuletzt für die DNVP). Im Ersten Weltkrieg wurde er als Oberstabsarzt mit dem EK I ausgezeichnet; noch im Dezember 1932 verlieh ihm der Militär-Verein Schweidnitz das Kriegervereinsehrenkreuz 1. Klasse. Doch sass in den letzten Kriegsjahren noch ein Jude, voll Angst und Schrecken, im Keller der Familie Faron auf der Kupferschmiedestrasse 20. Er gehörte nicht zur alten Schweidnitzer Kultusgemeinde. Irgendwie muss es ihm gelungen sein, der so perfekten Todesmaschinerie zu entrinnen. Möglicherweise entkam er aus dem KZ Gross Rosen. Überliefert ist nur, dass er mehrere Jahre in seinem Versteck sass und den Einmarsch der Russen am 8. Mai 1945 wirklich als Befreiung begriff. Sein Name war Josef ßlomenfeld. Er soll Anfang der achtziger Jahre in der Bundesrepublik gestorben sein. Die Familie Faron, die durch das Verbergen des Opfers der wahnwitzigen Rassenpolitik Hitlers buchstäblich das eigene Leben aufs Spiel gesetzt hatte, wurde als eine der wenigen niederschlesischen Deutschen für würdig erachtet, die polnische Staatsangehörigkeit zu erhalten und damit vor der Vertreibung geschützt zu werden, die die ganze Schweidnitzer Bevölkerung nach 1945 in alle Winde verstreute. Nach dem Kriege entstand in der nun von Polen besiedelten und in Swidnica umbenannten Stadt eine neue jüdische Gemeinde; 1962 wird dort eine jüdische Produktionsgenossenschaft genannt. Nach dem Sechstagekrieg 1967 hörte das Gemeindeleben praktisch auf: der grösste Teil der Mitglieder wanderte nach Israel aus. ZU DEN QUELLEN DIESER MATERIALSAMMLUNG Während die Geschichte der mittelalterlichen Judengemeinde Schweidnitz in vielen Veröffentlichungen angesprochen wird, finden sich Angaben für das 19., besonders aber (Fortsetzung auf Seite 22) 21