Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 1418)
- Language
- German
- Belongs to
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IVBATEH8ASJEN ZU EINER GESCHICKTE DER JUDEN (Fortsetzung von Seite 19) Die welihistorischen Ereignisse des Jahres 1938, der nicht 'nur im Altreich begeistert gefeierte Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes, drängten das Judenproblem nur scheinbar etwas in den Hintergrund. In der „Osimark" brachen Verfolgung und Gewalt über die dort‘lebenden Juden herein. Mit dem Pogrom des 9V10.11.1938 im Gefolge des Attentats auf den Pariser Botschaftsrat Ernst vom Rath gewinnt die Judenverfolgung neue erschreckende Dimensionen mit der direkten Gewaltanwendung im grossen Stil. DAS POGROM DES 9./10.11.1938 IN SCHWEIDNITZ Die Ereignisse, die in der „Reichskristallnacht" und den folgender Tagen auch in Schweidnitz zur Zerstörung der 1877 errichteten Synagoge, zur Festnahme jüdischer Mitbürger, zur Verwüstung ihrer Läden und zur Schändung ihres Friedhofes hinter dem Schüt zenplatz führten, können nur bruchstückhaft rekonstruiert werden. In den späten Abendstunden des 9.11. muss die Nachricht vom Tod des von Herszel Grynszpan am 7.11. in Paris niedergeschossenen Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath nach Schweidnitz gelangt sein, zusammen mit den Anweisungen an die Partei, eine „spontane Aktion des Volkes" zu „organisieren". Sicher sind sie — wohl von Reichspropagandaminister Goebbebls in München angeregt — über die Gauleitung gelaufen; parallele Informationswege (SD, Polizei) sind wahrscheinlich. Möglicherweise könnten darüber Bestände im Breslauer Staatsarchiv noch Aufklärung bringen. Aktiv handelnd trat jedoch nur die Partei mit ihren Gliederungen auf. Was geschah nun am Tag des eigentlichen Pogroms, am Donnerstag, dem 10. November 1938? Die Meldungen der beiden Schweidnitzer Lokalzeitungen sind knapp und unterscheiden sich in Einzelheiten. Während das in Waldenburg (mit Lokalausgabe für Schweidnitz) erscheinende offizielle Parteiorgan, die „Mittelschlesische Gebirgszeitung", fast triumphierend von der „verdienten Vergeltung für den Pariser Mord" spricht und — wohl auch besser Informiert als die Konkurrenz — die Abläufe der Nacht richtig wiedergibt, wiegelt die aus Tradition konservative „Tägliche Rundschau" eher ab. Nach der MGZ kam es noch in den Abendsutnden des 9.11., nachdem die Nachricht vom Tode des Legationsrates vom Rath auch Schweidnitz erreicht hatte, zu Gruppenbildungen und erregten Diskussionen auf dem Ring und in den Strassen. „Im Laufe der Nacht kam es an verschiedenen Stellen zu offenen Demonstrationen, die schliesslich dazu führten, dass man gegen Morgen die Synagoge in Brand steckte. ...Ausserdem wurden im ganzen Stadtgebiet Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmert". Möglicherweise trauten sich die Redakteure der TR, ehe eine offizielle Sprachregelung vorlag, noch nicht offen von aktiver Brandstiftung zu sprechen und schrieben 20 deshalb: „Kurz nach 8 Uhr brach in der Synagoge Feuer aus. Die Flammen zerstörten die Inneneinrichtung, ergriffen später den Dachstuhl des Gebäudes, der mitsamt dem aufgebauten kleinen Turm ins brennende Innere fiel. Die Feuerlöschpolizei sorgte für den Schulz der Umgebung der Brandstelle." Auch über die Schliessung von Geschäftslokalen am Markt und in der Hohstrasse und die Zerstörung von Einrichtungsgegenständen wird berichtet. Zusätzlich informiert die TR ihre Leser davon, dass auch Juden verhaftet wurden, allerdings in einer Form, die die Wahrheit auf den Kopf stellt: „Da sich die Erregung der Bevölkerung in den Vormittagsstunden noch steigerte, wurden die jüdischen Einwohner, soweit sie zu erreichen waren, zu ihrer persönlichen Sicherheit in Schutzhaft genommen." Von einer gegen die Juden gerichteten „Erregung der Bevölkerung" war damals in Schweidnitz nichts zu spüren. Wohl gab es manchen, der sich die offizielle Lesart von der „gerechten Vergeltung" zu eigen machte, vielleicht auch einige wenige, die sich über die „Bestrafung" offen freuten. Es gab natürlich die Täter, die SA- und SS-Leu*e, die die Synagoge erbrachen, viele Kanister Benzin hineinschütteten und sie in Brand, setzten; es gab den Kreissportlehrer, der sein Vergnügen daran fand, mit einer Horde die Grabsteine des Friedhofes umzuwerfen und die Gräber zu zertrampeln. Die Mehrheit der Bevölkerung aber war eher betreten, steckte den Kopf in den Sand und mochte sich nicht selbst gefährden. Über kritische Reaktionen berichtet dennoch H. R.: „Ich fuhr immer mit dem Fahrrad morgens von Graditz nach Schweidnitz in eine Bäckerei, als Verkäuferin. Da waren an dem Morgen im Spirituosengeschäft die Scheiben kaputt, die Flaschen lagen in der Gosse. Die Leute kamen empört in die Bäckerei hinein und erzählten, dass in der Nacht die Synagoge gebrannt hat. Dass viele jüdische Geschäfte geplündert worden wären; dass Juden weggebracht worden sind. Dabei habe ich die Brötchen verkauft. Man hat sich normal unterhalten. Nicht geflüstert, man war entrüstet. In Schweidnitz kannten sich ja viele gegenseitig. Es war nicht gerade ein Schock, aber viele fanden es nicht richtig." (Mitteilung von J. K.). Zu den wenigen, die öffentlich Stellung bezogen, gehörte nach seinen gedruckten Lebenserinnerungen (hier TR 3/1988, S. 6f.) der damalige Pastor an der evangelischen Friedenskirche, Johannes Schulz. Er schreibt: „Am Sonntag darauf, 13.11.1938, hatte ich den Hauptgottesdienst. Ich habe die ganze Woche mit mir gerungen, ja bis in den Sonntagmorgen, ob ich zu den Ereignissen in der Predigt Stellung nehmen sollte. Erst — ich weiss es noch heute genau — in dem Augenblick, als ich die Kanzel betrat, war ich mir klar, dass ich, komme was kommen würde, nicht schweigen dürfe. Der Text war Lukas 9,57 ff. Dort fordert Jesus klare Entscheidung und schliesst mit dem Wort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes." Was ich im einzelnen gesagt habe, weiss ich nicht mehr, es stand nicht in meinem Konzept. In der gut besuchten Kirche herrschte eine lautlose Stille .Sofort hinterher sagte mir der Kirchenälteste W. Schmitz: „Herr Pastor, wenn Sie wegen der heutigen Predigt Schwierigkeiten bekommen sollten, so möchte ich Ihnen folgendes berichten: Ein guter Bekannter von mir, Mitglied des kath. Kirchenvorstandes, erzählte mir, als er an der brennenden Synagoge vorübergegangen sei, habe ein SA-Mann ihm zugerufen: „Die nächsten, die drankommen, seid ihr!" Schon am Dienstag wurde ich auf die Kriminalpolizei zitiert, wo ich von dem Beamten, der mir bis dahin mit Wohlwollen begegnet war, ausserordentlich ungnädig empfangen wurde. Er las mir einen längeren Schriftsatz vor, in dem ein Predigthörer seiner Empörung über das, was ich gesagt hatte, Ausdruck gab. Nun folgte ein stundenlanges Verhör. Ein Protokoll wurde aufgenommen. Ich unterschrieb es erst, als der Beamte sich bereitgefunden hafte, auch die Äusserungen des SA-Mannes niederzuschreiben. Natürlich war ich mir im klaren, dass ich mich auf allerlei gefasst machen musste. Aber ich hatte viel weniger Unruhe als in der Woche zuvor. Und tatschlich ist gar nichts geschehen. Meine Gottesdienste wurden regelmässig vom SD überwacht. Auch Staatsanwalt Dr. Ülsmann, den ich persönlich gut kannte, war regelmässig da, aber ich blieb von Weiterungen verschont." Der damalige Oberstaatsanwalt in Schweidnitz, Dr. Walter Wagner, erfuhr erst beim Betreten des Gerichts am Morgen des 10.11., dass die Synagoge abgebrannt sei und sah dann von den hinteren Räumen des Gerichts aus die noch rauchenden Trümmer und das schwelende Feuer. Da er Brandstiftung vermutete, teilte er das Ereignis fernmündlich dem Generalstaatsanwalt in Breslau mit und wollte die Ermittlungen aufnehmen. Dies aber wurde ihm ausdrücklich und kategorisch untersagt. Er sollte lediglich eine schriftliche Meldung an die Vorgesetzte Behörde machen. — Dr. Wagner erwähnt auch, dass SA- oder SS-Leute gegen einen Apotheker vom Markt tätlich geworden seien, als er die Verfolgung der Juden kritisiert hätte. Der Angegriffene, der die Täter auch nicht namhaft machen konnte, verzichtete auf eine Anzeige, die ihm unter Umständen noch mehr geschadet hätte. Unterschiedlich waren die Reaktionen der Lehrkräfte in den Schulen, an die sich mancher Schüler heute noch erinnert. Da ist die Rede von „versteinertem Gesicht", grosser Erregung, die auch an den Schülern ausgelassen wird, schroffer Zurückweisung eines als Nazi bekannten Lehrers durch seine Kollegen, als er freudig bewegt zu einer Besichtigung der Brandstätte auffordert. Manche Schulklasse wurde von ihrem Lehrer tatsächlich hingeführt; die Mädchen der Sedan-Schule hatten an diesem Tag nicht viel Unterricht. Die Feuerwehr bespritzte ihr Schulhaus mit Wasser, um ein Übergreifen des Brandes — den sie auf offiziellen Befehl hin nicht löschen durfte — zu verhindern. Dafür liess der neue Rektor an einem der nächsten Tage das Aufsatzthema „Auge um Auge, Zahn um Zahn" behandeln. Eine damals elfjährige Schülerin der Pestalozzischule (Grabenstrasse) erinnert sich, wie sie, da die Schule am Morgen des 10.11. noch verschlossen war, mit Klassenkameradinnen in die Oberstadt lief: „Wir sahen dort am Markt die Glassplitter auf der Strasse. Ich wusste gar nicht, dass wir so (Fortsetzung auf Seite 21)