Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 1416)
- Language
- German
- Belongs to
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MATERIALIEN ZU EINER GESCHICHTE DER JUDEN (Fortzetzung von Seite 17) bald Leichen, wenn er weiter die SPD unterstütze. Der Betreffende erklärte, er habe sich nie mit Politik befasst und auch die SPD nicht unterstützt. Die MZ meint, es handle sich bei den Antisemiten um „Leute nach Art des bekannten Grafen Pückler" und stellt klar: „Wuchertum und Preistreiberei bekämpft man nicht damit, dass man an offenen und versteckten Orten Hakenkreuze anschmiert und die Schaufenster jüdischer Geschäfte mit Glaserdiamanten zerschneidet" — MZ 24.9.24: „Schmutzfinken, Stahlhelm und Hakenkreuz sogar an öffentlichen Gebäuden." Auch in den Versammlungen der verschiedenen deutsch-völkischen Grüppchen spielt der Judenhass die Hauptrolle. Die MZ berichtet etwa über eine Versammlung der „Deutschvölkischen" am 23.4.24: „Eine einzige, grossangelegte Judenhetze. ...Sensationshascher und Radaupolitiker kamen auf ihre Rechnung; denkende Menschen konnten sich eines Gefühls des Schauderns nicht erwehren. Noch beim Deutschen Tag des STAHL¬ HELMS im Mai 1925 erscheint u. a. ein Auto mit Insassen, die das Ehrhardt-Lied singen: „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiss-rot das Band; die Brigade Ehrhardt werden wir genannt. Wir brauchen keine Judenrepublik. Pfui Judenrepublik". Doch sei noch einmal betont: das sind jeweils Einzelfälle, die erst in der Rückschau ihre Bedeutung gewinnen. Dem Zeitgenossen — auch dem jüdischen — blieben sie eher obskure Kuriositäten, die das Alltagsleben höchstens am Rande berührten. Was hier aus dem Gesamtgeschehen herausgehoben wird, war dem Zeitgenossen ungefähr so auffällig und (un)bedeutend, wie heute vereinzelte Hakenkreuz- oder RAF-Schmierereien und gelegentliche Demos. Die jüdische Gemeinde ist in das normale Leben der Stadt eingebettet. Zwar wird das 50jährige Jubiläum des Synagogenbaus nur mit einem Festgottesdienst — Prediger Felix Brock hält die Festansprache zum Thema: Die Geschichte der Synagoge — am 12.9.1927 ohne weltliche Feier begangen; der Grund dafür liegt aber lediglich in der schweren Krankheit des I. Gemeindevorstehers, Justizrat Landsberg. Nach Landsbergs Tod ehrt die Stadtverordnetenversammlung den Mitbürger der Schweidnitzer DDP, der dem Gremium 18 Jahre lang amgehört hat, indem es sich zu seinem Gedenken von den Plätzen erhebt. Nur die drei anwesenden Kommunisten bleiben demonstrativ sitzen. Das 25jährige Jubiläum Brocks als Prediger in Schweidnitz wird im März 1929 von der Synagogen-Gemeinde festlich begangen, die auch anlässlich der Rheinlandräumung — wie die anderen Konfessionen — am Abend des 30.6.1930 einen Dankgottesdienst abhält. DIE SCHWEIDNITZER JUDEN IM DRITTEN REICH BIS ZUR „KRISTALLNACHT" Mit der „Machtübernahme" Hitlers zeigt sich, dass die Drohungen und Beschimpfungen aus der „Kampfzeit" nicht nur leere Worte waren. Allerdings sehen sich auch die nichtjüdischen politischen Gegner, vor allem aus den beiden marxistischen Parteien, aber z. T. auch aus dem Zentrum, brutaler Gewalt und psychischem Druck ausgesetzt. Immerhin kann die MZ — andere Schweidnitzer Zeitungen des Jahres 1933 konnte ich bisher leider nicht ausfindig machen — noch bis zu den März-Wahlen Übergriffe der Nationalsozialisten anprangern. So berichtet sie am 2.2.33 unter der Überschrift: „So weit sind wir schon!" von der erzwungenen Einstellung der Vorlesungen des bekannten Rechtswissenschaftlers an der Universität Breslau, Professor Dr. Cohn, am 6.2. von einem Überfall auf Synagogenbesucher in Hamburg. Bei den Reichstagswahlen am 5.3.33 erzielte die NSDAP in Schweidnitz 45,4%, die Kommunalwahlen des 13.3. mit „nur" 41,8% brachten ihr 15 der 32 Stadtverordnetensitze. Die MZ kommentiert das letztere Wahlergebnis: „Er ist nicht zu leugnen, dass das Bild etwas anders ausgesehen hätte, wenn die Ereignisse der letzten Tage nicht manchen Wähler mit Gewalt und manchen mit Einschüchterung von der Wahlurne ferngehalten hätten." Und im Fettdruck hervorgehoben: „Und die viehischen Misshandlungen angesehener Bürger, die Verschleppungen, die Erpressung von Geld, der Diebstahl von Waren, das Einschlagen von Scheiben, das rohe Belästigen von Gästen in den Lokalen usw. usw. sind kein Ruhmesblatt für diejenigen, die dafür verantwortlich sind." Die Verantwortung habe nicht bei den Trägern der staatlichen Gewalt gelegen, sondern bei in der Mehrzahl „sehr jungen, unerfahrenen Personen", die sich Amtsbefugnisse angemasst hatten. Kaum verschleiert wird damit auf die Rolle der SA hingewiesen. Wieweit die Übergriffe jüdische Bürger Irafen, lässt sich nicht im einzelnen belegen, doch kann als sicher gelten, dass sie nicht unbelästigt blieben. Die erste offizielle Massnahme der neuen Machthaber gegen die Juden war der von der Regierung für das ganze Reich angeordnete Boykott jüdischer Geschäfte, der als Aktion gegen Aufrufe jüdischer Organisationen im Ausland und die angebliche „Greuelhetze" der internationalen Presse gegen Deutschland angekündigt wurde und am Samstag, 1.4.33, „schlagartig" einsetzen sollte. In Schweidnitz, wie in vielen anderen Städten, wurden die Geschäfte schon früher geschlossen, und zwar am 29.3. (Nach der MZ „wieder", also bereits früher schon einmal, wohl um den 12./13., die Zeit der Kommunalwahlen). Die MZ berichtet: „Zu besonderen Massnahmen kam es jedoch nicht. Bekanntlich waren die hiesigen jüdischen Firmen schon vor Tagen zum Schliessen der Geschäfte veranlasst worden oder hatten sie aus eigenem Antrieb geschlossen gehalten. Heute vormittag sah man einige SA-Leute mit Pinsel und Kleistertopf, die auf die Schaufenster der jüdischen Geschäfte Plakate klebten des Inhalts: „In diesem Judenladen kauft so lange kein Deutscher, bis die jüdische Greuelpropaganda aufhört." Vor einzelnen jüdischen Geschäften sah man- SA-Posten. Sonst ereignete sich nichts." Schon am Tage vorher waren die Geschäftsschilder jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte mit Plakaten überklebt worden: „Dieser Arzt (bzw. Rechtsanwalt) ist Jude". Alle Plakate erhielten Strafandrohungen gegen unbefugtes Entfernen. Auch am Portal der staatlichen Friedrich-Schule, dem Mädchen- Lyzeum an der Feldstrasse, verkündeten seil dem 1.4. Plakate: „In dieser Schule unterrichten zwei jüdische Lehrkräfte". Während die anderen Anschläge auf Anordnung der Boykott-Leitung schon am Sonntag wieder entfernt wurden, hingen sie an der Schule noch am 5.4., was die AAZ mit der Begründung kritisiert, der Schulbesuch könne ungünstig beeinflusst werden; sie nennt aber auch allgemein pädagogische Grundsätze gegen die öffentliche Herabsetzung von Lehrkräften vor ihren Zöglingen. — Die Schulleiterin seit Oktober 1929, Studiendirektorin Magdalena Oppenheim, und die Lehrerin für Mathematik und Naturlehre, Studienrätin Dr. Gertrud Weyi, wurden aus dem ünTerricht heraus verhaftet und mussten die Schule verlassen. Eine damals sechzehnjärige Schülerin .nennt Frau Oppenheim eine „beliebte und konziliante Direktorin", Frau Dr. Weyl eine „sympathische, auch bei den Schülern sehr beliebte Lehrkraft." Sie war Zeugin der Verhaftungen: „Meine Mathematik-Stunde: Laute Stiefelschritte auf dem Flur, energisches Klopfen an der Klassentür: 2 SA-Männer traten ein und haben — ohne Worte — Frau Oppenheim abgeführt. Eine Stunde später war in meiner Klasse (Chemie und Botanik) derselbe Vorgang wie bei Frau Oppenheim: Türklopfen, Strammslehen der SA-Männer, Abführen! Fürchterliches Erlebnis!" (E. G., Brief v. 14.2.90). Im April 1933 erklärten die drei jüdischen Mitglieder des .Automobilklubs Schweidnitz — sicher nicht freiwillig — ihren Austritt, ähnlich wird es in allen Vereinen im Zug der Gleichschaltung gegangen sein. Ende Mai wird den Rechtsanwälten Paul Landsberg (Thielestr. 4) und Dr. Hans Gabriel (Freiburger Str. 26 die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft . entzogen; damit können sie am Schweidnitzer Gericht nicht mehr tätig werden. Mann gibt an, dass zwei Polizeibeamte (Hauptwachtmeister Pusch und Kriminalsekretär Gazecki) in den Ruhestand versetzt werden „mussten". Wieweit diese Entlassung auf rassische Gründe zurückgeht, bleibt offen. Ausdrücklich wird dort aber die „jüdische Abstammung" als Grund für die Ruhestandsversetzung des Kasseninspektors Fuss angegeben. Ab August durften die bisherigen Aron-Werke den Namen ihres jüdischen Begründers nicht mehr tragen; sie heissen fortan Heliowatt-Werke. Das hindert den Leiter des Schweidnitzer Zweigwerks, Direktor Schoder nicht, noch im Oktober 1933 in einer Rede anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Unternehmensgründung die Rolle des 1913 verstorbenen Geheimrates Aron eingehend zu würdigen. „Man gedenkt seiner in dankbarer Erinnerung." Schon damals verliessen einzelne Juden Schweidnitz; die Zahl jüdischer Bürger sank — wie schon erwähnt — bereits zwischen 1925 und 1933 von 130 auf 114. Nur wenige der Emigranten nach 1933 sind namentlich bekannt. Prediger Brock verzieht im Dezember 1933 nach Berlin; auch der Hautarzt Dr. Georg Hiller hat Schweidnitz 1936 verlassen. Die Judengesetzgebung, am bekanntes- (Fortsetzung auf Seite 19) 18