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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1996-01-01 · No. 61 (1996) · p. Seite 17

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1996
Issue
No. 61 (1996)
Date
1996-01-01
Page
Seite 17 (sequence 1415)
Language
German
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i \ MATERflALIEN ZU EINER GE3CHBCHTE DER JUDEN (Fortsetzung von Seite 16) Max Hertzog gegen das Judenum. Nachdem er zunächst erklärt hatte, die Erteilung des mosaischen Unterrichts sei Privatsache der Synagogengemeinde und die Stadt treffe keine Zahlungsverpflichtung, fuhr er fort, darüber hinaus habe die Stadt gar kein Interesse, die „faulige Ethik und Moral des Judentums" zu fördern. Nach dem — unwidersprochen gebliebenen — Zeitungsbericht verstieg er sich zu der Behauptung, „dass der ganze Staat verjudet sei, was hier Gott sei Dank noch nicht der Fall sei." Er verwies auf die „jetzigen umslürzlerischen Elemente", deren „Führer alles Juden" seien, und beharrte, dass man die Ausdehnung „jener Moral" nicht noch mit städtischen Mitteln fördern sollte. Der SlVO Justizrat Georg Landsberg, selbst Jude, wies die verallgemeinernden, die jüdische Gesellschaft als solche beleidigenden Angriffe sachlich, aber energisch zurück und verwies darauf, dass auch konkret 30—40 Steuerzahler der Stadt damit diffamiert worden seien. Flertzogs Behauptung, nicht die ganze Heimatbevölkerung sei geschlossen und einmütig für das deutsche Vaterland eingetreten. Volksvertreter dar „umstürzlerischen" Parteien — „fast immer jüdisch" —. arbeiteten der rechten „Gesinnung" entgehen, nimmt die Dolchstossiegende voraus, ein Hinweis auf Troizki den Vorwurf einer internationalen Verschwörung des Judentums. Das Echo in der Stadtverordnetenversammlung und der liberalen Zeitung war durchweg negativ, Oberbürgermeister Cassebaum bedauerte das Vorgehen. Hertzogs, StVO-Vorsteher Freudenberg fragte ironisch, ob wohl ausgerechnet die jüdische Ethik für Trotzkis Handeln verantwortlich sei, die SZ spricht vom „peinlichen Eindruck" und davon, dass „solche hasserfüllten Töne" bisher im Stadtparlament noch nicht zu hören gewesen seien. Die Erhöhung der Unterrichtsvergütung wurde schliesslich mit 17 gegen 8 Stimmen gebilligt. Nur eine Episode? Man könnte darüber hinweglesen, wie es die meisten damals sicher taten. Vielleicht war dem Herrn Sanitätsrat gerade eine Laus über die Leber gelaufen; vielleicht hatte er sich bei der Lektüre der Morgenzeitung eben über Trotzki geärgert, der am 10.2.18 aufgrund der deutschen Unnachgiebigkeit bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk erklärt hatte, Russland sehe von sich aus den Kriegszustand als beendet an und werde einseitig demobilisieren (auch so ein jüdischer Trick?), worauf am 18.2. der deutsche Vormarsch an der Ostfront wieder aufgenommen wurde. Es geht nicht darum, eine Einzelperson zum Prototyp des Judenfeindes heraufzustilisieren. Wichtig aber ist die Feststellung, dass latent bei einzelnen und wohl auch Gruppen antisemitische Vorstellungen schlummerten, die nur eines Funkens bedurften, um zum Flächenbrand zu werden. Dr. Hertzog ist eindeutig den Rechtskonservativen zuzuordnen; nach dem Krieg war er als Vertreter der Deutschnationalen Volkspariei lange Jahre Stadtverordneten Vorsteher. m DER WEIMARER REPUBLIK 1925 lebten in Schweidnitz noch 130 Juden; bis 1927 sank ihre Zahl auf 123, bis 1933 auf 114. Zu ihnen gehörten mindestens drei Ärzte (Dr. Martin Adamkiewicz, Dr. Georg H-Iler, Dr. Ernst Meyer), vier Juristen (Dr. Hugo Adamkiewicz, Dr. Hans Gabriel, Justizrat Georg Landsberg, gestorben Ende Februar oder Anfang März 1928, Paul Landsberg), zwei Lehrerinnen am Mädchen-Lyzeum, der staatlichen Friedrichschule (Studiendirekiorin Magdalena Oppenheim, Studienrätin Dr. Gerli'ud Weyl). Den Grossteil bildeten Handel- und Gewerbetreibende. Jüdische Geschäfte konzentrierten sich um den Ring und in den davon abgehenden Strassen. Genannt seien etwa Leopold Prager (Markt 17, Langsfr.), Pinkus OS'-SflsBS tgsjüeE $£&§B 4* mm Die ehemalige Synagoge von Schweidnitz Läufer (Markt 16), Erich Kohn (Gallewski Nachf.; Markt 27), Emil Laqueur (Markt 12), Moritz Neuthal (Burgstr. 2 u. 3), Nestor Stahl (Kupferschmiedestr.) Hermann Brock (Burgstr. 14), Albert Cohn (Langstr. 1). Auch am öffentlichen und politischen Leben nahmen Juden aktiv Anteil. Es warschon die Rede von Georg Landsberg, der fast 18 Jahre als Stadtverordneter wirkte und nach 1918 Mitbegründer der Schweidnitzer DDP wurde . .Als eine der ersten Rednerinnen dieser Partei sprach am 16.1.19 in der „Herberge zur Heimat" Frl. Dr. Edith Stein aus Breslau, später konvertiert, als Nonne in Auschwitz als Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgungen gestorben und 1987 seliggesprochene Karmeliterin. Auf der Kandidatenliste der DDP für 1924 steht neben Georg Landsberg auch Albert Cohn, ohne jedoch ein Mandat zu erhalten. Sanitätsrat Dr. Meyer wirkte von 1904— 1920 als StVO; nach dem Krieg als Mitglied der DNVP. In ihren Vorurteilen gegen jüdische „Geschäftemacher" wurden manche Bürger bestärkt durch den Prozess gegen den 64-jährigen Kaufmann Benno Friedländer, der im März 1920 wegen fortgesetzter Unterschlagung im Schweidnitzer Lebensmittelamt zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Die erste Notiz darüber erscheipt am 20.12.19 in der TR mit dem Hinweis, „der Beschuldigte soll angeblich ein Israelit sein", nachdem die SPD wegen der Angelegenheit eine Anfrage an den Oberbürgermeister gerichtet hatte. Es sind einzelne, meist als Aussenseiter empfundene Personen, die solche Vorurteile bewusst schüren; die übergrosse Mehrzahl der Bürger nimmt das wohl kaum zur Kenntnis; die meisten bewegt zunächst die Frage nach dem materiellen Überleben. In der Rückschau erst gewinnen antisemitische Einzelaktionen ihre Bedeutsamkeit, die dem Zeitgenossen nicht bewusst geworden sein mögen, ihm vielleicht gar ein verständnisloses Lächeln und' Kopfschülteln abgenötigt haben. Da ist die skurrile Gestalt des „Dreschgrafen" Walter v. Pückler aus Klein-Tschirne bei Glogau der im Winter 1921/22 in Schweidnitz von Hotel zu Hotel zieht, wo er meist jugendliche Bewunderer um sich sammelt. Gebannt lauschen sie den antijüdischen Hetzreden, die er gewöhnlich nach Ende der Theatervorstellung in den Lokalen von sich gibt, — Die MZ zitiert am 15.2.22 aus einem Artikel der SZ unter der Überschrift: „Die Judenrede des Dreschgrafen in der KRONE und ihre Früchte". Danach habe er nicht nur allgemein antisemitische Parolen verkündet, sondern gezielt dazu aufgerufen, bestimmte Schweidnitzer Juden zu „dreschen". Er selbst und seine Jubeljünger beleidigten Gäste als „Judenhengste, Judenknechte Judenschweine und Schweinejuden". Nach diesem Bericht hat ein lojähriger Junge „aus guter Familie" schon im Sommer 1921 in eiwa 12 Schaufensterscheiben eingeritzt: „Kauft nicht bei Juden!" Die betroffenen Geschäftsleute hätten auf Schadenersatzansprüche gegenüber dem Vater verzichtet. Als Begründung für sein Tun habe der Junge eine Pücklersche Rede genannt. Auch das Symbol der völkischen Antisemiien taucht schon früh immer wieder einmal auf. So finden sich Hakenkreuze an den Aussenseiten der Mannschaftswagen, als die Kompanie Schweidnitz des SS.OS/Selbstschutz Oberschlesien7 nach 3 Monaten Abwesenheit am 7.7.21 zurückkehrt. Öfters werden sie 1922 mit Kreide an Fassaden gemalt; die MZ (15.2.22) nennt „verhetzte jugendliche Elemente" als mutmassliche Täter. Drastisch spricht der SPD-S1VO Fianke nach der Ermordung Rathenaus bei einer Protestversammlung der republikanischen Parteien (SPD-DDP-Z) auf dem Ring am 27.6., dem Tag der Beisetzung des Ermordeten, unter lautem Beifall das Problem an: die Schulleiter sollten energisch gegen den „Hakenkreuzblödsinn" einschreiten. Sein Rezept: „Jeder Arbeiter, der einen dieser 15—16jährigen unerfahrenen Bengels antrifft, möge denselben durch ein paar kräftige Maulschellen auf das Unsinnige seines Treibens hinweisen". Die Fememörder von Walter Rathenau und dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, kamen aus den Reihen der Freikorps. Die MZ erwähnt am 13.3.23 erstmals unter einem „Eingesandt" einen Schweidnitzer „Nationalsozialismus", der nach dem Verbot des völkischen Schutz- und Trutzbundes sich in einem Geheimbund, der „Schwarzen Schar", organisiert habe. „Es mehren sich die Fälle, dass jüdische Mitbürger Drohbriefe erhalten." Einem alten jüdischen Mitbürger sei angedroht worden, er und seine Familie seien (Fortsetzung auf Seite 18) LI 17

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