Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 1414)
- Language
- German
- Belongs to
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Materialien zu einer Geschichte der Juden in Schweidnitz im 19. und 20. Jahrhundert Die Geschichte der bedeutenden mittelalterlichen Judengemeinde in Schweidnitz endete abrupt mit dem Martyrium ihrer Mitglieder im Gefolge der Predigten Johanns von Capistrano in Bresfau, der Verbrennung von 17 Schweidnitzer Gemeindeangehörigen auf dem Scheiterhaufen, der Konfiskation allen jüdischen Besitztums, der Übergabe der Synagoge an die Kirche und der Vertreibung der Überlebenden (1453/54). 1457 besiegelte ein Dekret des siebzehnjärigen Böhmenkönigs Ladislaus Postumus das Ende der einst blühenden Gemeinde: Darin wurde der Stadt Schweidnitz das „Privileg“ erteilt, niemals mehr einen Juden in ihren Mauern dulden zu müssen („ius Judaeos non tolerandi"). Bis zum Emanzipationsedikt Hardenbergs, durch das 1812 auch die preussischen Staatsbürger mosaischen Glaubens gleichgestellt wurden, wachten die Stadtväter eifersüchtig über die Einhaltung des Niederlassungsverbots. Zwar tauchten seit dem 17. Jh. wieder Juden, besonders aus Zülz, auf den Schweidnilzer Märkten auf, doch wurden sie von Rat und Bürgern misstrauisch betrachtet und durften sich nicht auf Dauer ansiedeln. Erst 1799 finden wir wieder einen ansässigen Juden, den Hoflieferanten Wolf Lohnstein, in Schweidnitz vor. Lohnstein muss sehr wohlhabend gewesen sein; er erwarb 1810 die Dominikaner- und die Fronleichnamskirche zum Abbruch, um eine wohltätige Stiftung für Juden und Christen zu begründen. 1812, im Jahr der preuss. Judenemanzipation, wohnten nur zwei jüdische Familien am Ort, die nun das Staatsbürgerrecht erhielten. Die Zahl wuchs rasch; 1815 waren es fünf Familien. Im selben Jahr erwarb dieser Kern einer neuen Gemeinde für 80 Taler von dem Kaufmann Samuel Gottfried Benjamin Gebhardt einen Begräbnisplatz, den Judenfriedhof am hohen Ufer der Weistritz, oberhalb „Texas", hinter dem späteren Schützenplatz. Nach Brilling lebten in Schweidnitz 1840 137, 1849 174, 1871 257, 1880 339 Juden. Damit war der Höhepunkt erreicht. Silbergleit nennt für 1905 164 jüdische Bürger (88 männl., 76 weibl.), für 1925 130 (-- 0,42% der Gesamtbevölkerung). Die jüdische Gemeinde gab sich auch bestimmte Organisationsformen. 1835 wird ihre Satzung polizeilich bestätigt. Am 29.1.1853 wird ein neues Statut der „Israelischen Gemeinde" beschlossen, doch schon bald durch das Statut des Synagogenbezirks Schweidnitz vom 15.2.1859 ersetzt. Der Synagogenbezirk Schweidnitz umfasste ursprünglich neben dem Kreis Schweidnitz auch die Kreise Neumarkt, Reichenbach, Striegau und Waldenburg. Lange Zeit besass die Gemeinde keine eigene Synagoge. Seit 1847 diente als Bethaus ein Raum im Haus Markt 8. Erst in den „Gründerjahren", nach der Schaffung des Bismarck-Reiches, trat die Gemeinde, die nun 60 Familien umfasste, dem Plan näher, sich ein eigenes Gotteshaus zu schaffen. 1874 veranstaltete man zur Finanvcn HORST ADLER (Etwas gekürzt) zierung des Bauvorhabens eine Tombola, im April des gleichen Jahres stattete die Synagogen-Gemeinde öffentlich ihren Dank ab für die von Mitbürgern aller Konfessionen reichlich gespendeten Geschenke zu dieser Verlosung. Die jüdische Gemeinde selbst zahlte 1876 33’/a% Zuschlag zur Gemeindesteuer, um den noch fehlenden Teil der Bausumme aufzubringen, die sich schliesslich auf 54000 RM stellte. Am 26.8.1877 wurde die neue Synagoge am Sedanplatz eingeweiht. Der Entwurf stammte von dem in Oels geborenen Regierungsbaumeister Edwin Oppler/Han.nover (1831 — 1880), der auch schon Synagogen in Breslau, Hannover, Hameln und Bleicherode gebaut hatle. Die Bauausführung lag in den Händen des Schweidnitzer Maurer- und Zinnmenneisters Urban. Das Gotteshaus war nach liberalem Ritus (mit einer Orgel) im neuromanischen Stil erbaut. Die Weiherede hielt in Anwesenheit der Schweidnitzer Prominenz — an ihrer Spitze Oberbürgermeister Glubrecht — der Prediger A. Blumenfeld. Zur Einweihung erschien (It. Brilling) ein gedrucktes Programm. 1885 wurde auch der Judenfriedhof erweitert und dort eine Leichenhalle errichtet. „Am Neujahrstag 1893 wurde in der Synagoge das 25jährige Amtsjubiläum des Rabbiners Blumenfeld durch einen Festgottesdienst begangen. Die Synagoge war dicht gefüllt von Anhängern aller am Ort vertretenen Religionsbekenntnisse. Unter ihnen befand sich Erster Bürgermeister Thiele, Gymnas.Direktor Dr. Monse, der Direktor des Arbeits¬ und Landarmenhauses Major a. D. von Zaluskowski und der Schweidnitzer Lehrerverein, dessen Mitglied der Jubilar bis an sein Lebensende gewesen ist. Landesoberrabbiner Dr. Rosentha! aus Breslau hielt die Festpredigf und Kantor Grossmann leitete die Gesänge des von ihm gebildeten, trefflich geschulten Chors. Dieser Feier im Tempel schlossen sich zahlreiche Glückwünsche durch Deputationen im Hause Blumenfelds an. Sie bewiesen die Wertschätzung, deren sich der schlichte, wohlwollende Mann in der Bürgerschaft erfreut". „Seit 1897 gehörte Schweidnitz dem neugegründeten Verband der Synagogengemeinden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes an. Der Synagogenbezirk umfasste ausser dem Stadt- und Landkreis Schweidnitz noch die Kreise Reichenbach und Striegau. Er bestand aus den Einzelgemeinden Schweidnitz als Hauptgemeinde sowie Reichenbach, Striegau und Freiburg. Die Gemeinde Schweidnitz unterhielt einen Prediger, einen Kantor, einen Lehrer und einen Schächter. Der israelitische Frauenverein war ebenso vertreten wie die Beerdigungsbrüderschaft". Im März 1904 wurde Nachfolger des am 20.1.1904 gestorbenen Predigers Blumenfeld (seit 1868) Felix Brock (*22.3.1864), der vorher fast elf Jahre in Hirschberg gewirkt hatte. Die allgemeine Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wurde, zeigte sich auch darin, das er hochgeachtetes Mitglied in vielen Vereinen war, u. a. im Bürger-, Lehrer- und Tierschutzverein . Auch mit der Büchse wusste er gut umzugehen; es wird berichtet, dass er 1907 bei dem von der Schützengiide veranstalteten Sedsn-Bürgersrhiessen unter 77 nichtorganisierten Teilnehmern den ehrenvollen 5. Platz belegte. Wie ihr Prediger schienen auch die übrigen Bürger jüdischen Glaubens voll in die Bürgerschaft integriert. Brock übernahm von Blumenfeld auch den fakultativen jüdischen Religionsunterricht am Gymnasium, der ab dem Schuljahr 1889 widerruflich genehmigt worden war.’) Im Ersten Weltkrieg leisteten auch in Schweidnitz, wie im ganzen Deutschen Reich, die Juden als preussische und deutsche Bürger ihre vaterländische Pflicht im Felde oder in der Heimat wie jeder andere. Mancher erwarb sich Auszeichnungen, wie die Ärzte Dr. Martin Adamkiewicz und Dr. Ernst Meyer, die das EK I erhielten, oder der Kaufmann Leopold Prager, dem das EK II verliehen wurde. Zu den Opfern des Krieges zählte der Absolvent des Schweidnitzer Gymnasiums (1908) Bruno Feibelsohn, der 1917 verschüttet wurde und danach als vermisst galt. Der 1918 siebzigjährige ehemalige Kaufmann Eduard Eisenberg leitete ehrenamtlich die Altbekleidungsstelle. Dass aber unter der Decke von bürgerlichem Gemeinsinn, Duldung und Achtung auch ein meist verborgener, in Einzelfällen sogar kräftiger Strom des Antisemitismus floss, erhellt blitzartig ein Vorfall in der Stadtverordnetensitzung vom 28.2.1918, in der der neue Bürgermeister Dr. Peikert in sein Amt eingeführt wurde. Ein verhältnismässig unbedeutender Punkt der Tagesordnung führte zum Eklat. Der Magistrat hatte vorgeschlagen, ab 1.4.1918 die Vergütung, die dem Prediger Brock für vier Wochenstunden Religionsunterricht am Gymnasium gewährt wurde, von 240,— auf 440,— zu erhöhen und damit den Sätzen in anderen Städten anzupassen. Die Diskussion darüber ging rasch ins Grundsetzliche. Dabei kam es zu heftigen Ausfällen des Stadtverordneten Sanitätsrat. Dr. ') Evangel. Gymnasium zu Schweidnitz, Jahresbericht Osten 1890. S. 12. Damals besuchten 28 jüdische Schüler das Schweidnitzer Gymnasium (= 8,5%); am Beginn des Schuljahres 1904 sind es 12 (= 4,1%), 1914. 7 (= 3,4%), 1924-29 findet sich kein jüdischer Schüler. — An der städtischen Oberrealschule i. E. (im Entstehen) finden wir bei Kriegsbeginn 1914 nur 2 jüdische Schüler, zusätzlich 3 in der angeschlossenen Vorschule, das sind 0,7 bzw. 3,6%. (Fortsetzung auf Seite 17) 16