Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1407)
- Language
- German
- Belongs to
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Neuanfang und Nostalgie WIDER DAS VERGESSEN - von Prof. JOSEPH WALK (AUFSÄTZE UND ERINNERUNGEN AUS SECHS JAHRZEHNTEN - BLEICHER VERLAG, 1996) Der uns allen gut bekannte Professor Dr. Joseph Walk — ein wichtiger Historiker des Judentums Deutschlands insbesonders in der Spane des jüdischen Erziehungswesen und langjähriger Leiter des Leo Baeck Instituts — veröffentlichte jetzt in Buchform eine Sammlung von Erinnerungen, Aufsätzen, Artikeln Vorträgen welche sich über eine Zeitspanne von über 6 Jahrzehnten erstrecken. Das Buch welches in 6 Kapitel geteilt ist, enthält neben den verschiedenen Artikeln welche historische Forschungen und Probleme der Gegenwart behandeln, auch sehr viel autobiographisches Material. Angefangen von sei "er Jugend in seinem religiös-zionistischen Elternhaus, sein Beruch in dem damals entstehenden jüdischen Gymnasium am Rhedigerplatz, aber da dieses nur bis zur Untersekunda ging, seinen Übergang in das allgemeine Heilige Geist Gymnasium um dort sein Abitur zu machen. In dieser Zeit gründet er in Breslau den religiös-zionistischen Jugendbund Brit Hanoar schel Zeire Misrachi. Nach dem Abitur geht er nach Köln in das jüdische Lehrerseminar und nach dessen Absolvierung ist er an verschiedenen jüdischen Schulen tätig. 1936 geht er als Leiter einer Jugendgruppe nach Erez Israel. Da beginnt der neue Abschnitt seines Lebens als Jugenderzieher, Lehrer, Schuldirektor—und Inspektor und Studien an der Universität von Jerusalem. Dann wirkt er als Professor an der Bar-Han Universität für Pädagogik und als Leiter des Instituts für neuere Diasporageschichte des jüdischen Volkes an dieser Universität. Das erste Kapitel behandelt die jüdische Erziehung in Deutschland bis 1933 und danach. Der Artikel „Jüdische Erziehung als geistiger Widerstand" behandelt das Problem jüdische Kinder und Jugendliche fn sich zu stärken, gegenüber der feindlichen Umwelt. Es mussten neue Schulen gegründet werden, um die Kinder welche öffentliche Schulen verlassen mussten, aufzunehmen. Es wird auf die Meinungsverschiedenheiten in der „Reichsvertretung" in Bzg. der jüdischen Erziehung, zwischen Gesetzestreuen, Zionisten und Liberalen hingewiesen. Trotzdem sind die Gründungen der jüdischen Schulen als einen der Höhepunkte der jüdischen Gemeinschaft in dieser schweren Zeit an-usehen. Besonders interessant ist der Artikel über die „Jüdische Sondererziehung im Dritten Reich", d.h. Erziehungseinrichtungen für Kinder mit körperlichen oder geistigen Hemmungen. Hier seien besonders zwei Institutionen zu nennen: Das 1907 von Bertha Pappenheim gegründete „Heim für gefährdete Mädchen in Neu-Isenburg" und das „Israelitische Erziehungsheim in Marburg" unter dem Vorsitz von Rabbiner Dr. Naphtali Cohn und unter der Leitung von Chaim Witt. In dem Artikel „Aufsätze und Briefe jüdischer Kinder" behandelt Walk das Thema vom Einfluss der Umgebung auf die jüdischen Kinder, welcher sich in den Aufsätzen und Briefen wiederspiegeft. Hier wird auch der Unterschied zwischen der positiv jüdischen (zionistischen und gesetzestreuen) Jugend und der assimilierten Jugend gezeigt, Im zweiten Kapitel — „Schoa" — lesen wir über die Wannsee-Konferenz und die Interpol und die Nazi-Kontrolle über diese Organisation. Das Problem dieses Buches beginnt mit der Ansprache des Verfassers in der Pauiskirche in Frankfurt und dem Kapitel „Juden und Deutsche". Diese Vorträge und Dialoge sind für eine kleine Gruppe bestimmt. Aber was ist mit der grossen Mehrheit der Deutschen? Der Mehrheit, welche Hitler zur Macht brachte und bei dem Novemberpogrom 1938 schwieg oder sich daran beteiligte? Vielleicht ist die Devise von Gerschom Scholem, dass es nie einen deutschjüdischen Dialog gab, auch heute noch gültig? In dem Kapitel „Leben und Lebenserfahrung in der jüdischen Geschichte" bringt Prof. Walk interessante Begebenheiten in welchen haiachische Entscheidungen in der Zeit vom Holocaust von rabbinischen Grössen getroffen wurden. Dieser Artikel wurde in „Jüdische und christliche Interpretationen in der Oekumene" veröffentlicht; sowie auch der Artikel „Krieg und Frieden in jüdischer Sicht" im „Rundbrief des Denkendorfer Kreises für christlich-jüdische Begegnung". Beim Lesen dieser Artikel und wo sie veröffentlicht wurden, muss man an den Nachruf denken, welchen Franz Rosenzweig zum Andenken an Hermann Cohen schrieb. Rosenzweig erzählte, dass Cohen, noch lange bevor er seinen Lehrstuhl fn Marburg verliess, sein Schillerkolleg nicht mehr las, mit der Begründung: „Ich kann doch nicht über Schiller sprechen vor diesen Leuten, die mich ansehen: Was sagt der Jude?!" Der Artikel „Profil einer zionistischen Ortsgruppe 1903/04" behandelt die Gründung und Entwicklung der zionistischen Ortsgruppe Breslau. Wfr stossen auf bekannte Namen wie Dr. Ernst Kalmus, Dr. Aron Sandler, Dr. Hugo Schachtel. Es ist typisch für die damaligen Zustände, dass der Redakteur der liberalen „Breslauer Zeitung" Gottschalk sowie diverse Rabbinatskandidaten des Breslauer Seminars nur „stille Mitarbeiter" der zionistischen Ortsgruppe sein wollten. Das Buch schliesst mit dem Kapitel: „Erinnerungen". Wir lesen über den verehrten Lehrer Erich Klibansky, zuerst Studienrat an der jüdischen Schule Breslau und dann der Leiter des Jawne-Gymnasiums in Köln; über das Leben in Israel und „Im Leo-Baeck-Institut in Jerusalem". Das Buch ist betitelt „Wider das Vergessen". Wir können und dürfen nichts vergessen. Das Blut (und die Asche) von 6 Millionen unserer Brüder und Schwestern schreien zu uns empor. Ssaw SCHIRA Es sind noch einige Exemplare des Buches ALS JUDE IN BRESLAU - 1941 | (Aus den Tagebüchern von Studienrat . a.D. Dr. Willy Cohn) | zum Preis von 15. — IS erhältlich j Zu wenden an: Prof. Joseph Walk (Leo Baeck Institut) 1 P.O.B. 8298, 91082 Jerusalem . Ein KapiteE von Antisemitismus IN DER VERGANGENHEIT DEUTSCHLANDS Protestanten in der ganzen Welt und besonders in Deutschland begehen dieses Jahr den 450. Todestag von Martin Luther. Dieser Reformator und Kä'mpfer gegen die katholische Kirche, zeigte noch weniger Verständnis für Juden und Judentum, als die von ihm bekämpfte katholische Kirche. Am Anfang hoffte er dass die Juden seiner Lehre Zuströmen werden. Aus diesem Geist heraus entstand 1523 seine Schrift „Dass Christus ein geborener Jude sei" und proklamierte, dass es die Schuld der bisherigen Kirche sei, dass die Juden noch nicht zum Christentum bekehrt seien. Da aber die Juden .an ihrem Glauben unerschütterlich festhiellen, entwickelte sich Luther zu einem Judenhasser, welcher sich der derbsten Schimpfworte und Hetzereien gegen die Juden bediente. Wenn die Übersetzung der Bibel ins Deutsche durch Luther als Anfang des „Hochdeutschen" bezeichnet wird, so kann man die antijüdischen Schriften Luthers als Anfang des modernen Antisemitismus bezeichnen. 1538 veröffentlichte er den „Brief wider die Sabbater". Aber als Gipfel seiner antijüdischen Schriften, kann man zwei nennen: „Von den Jüden und ihren Lügen" (1542) und „Vom Schern Hamephoras". Luther verlangte, dass die Christen die Synagogen verbrennen, die Häuser der Juden zerstören, dass die Fürsten die Juden zum Frondienst zwingen sollten; dass man ihnen die heiligen Schriften fortnehme und ihnen das Beten verbiete. Er hetzte die Fürsten zur Landesverweisung der Juden und die Raubritter zu Überfällen auf. So ist es kein Wunder, dass die antijüdischen Theorien Luthers von der Propaganda der Nazis verwendet wurden und einer der Angeklagten im Nürnberger Prozess sich auf Luther berief um seine Taten zu rechtfertigen. Seiner zwiespältigen Natur ist es zuzuschreiben, dass der Reformator und Kämpfer gegen religiöse Vorurteile weit entfernt von religiöser Toleranz war; er war mitschuldig daran, dass die protestantischen Fürsten und Völker noch grausamer mit den Juden verfuhren als die Katholiken. Er forderte Freiheit für die Protestanten, aber im Kampf gegen die unterdrückten Bauern stand er auf der Seite der unterdrückenden Fürsten. Der berühmte jüdische Sch'tadlan Josel von Rosheim bat im Jahre 1543 den Magistrat von Strassburg um Erlaubnis eine Erwiderung gegen Luther zu veröffentlichen; dies wurde aber „als nicht notwendig" abgelehnt. Der heutige Präsident Deutschlands Dr. Roman Herzog nannte diesen Antisemitismus die „dunklen Seiten" und „fatale Reden" Luthers. M. E. Awi-Achija 9