Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1996-01-01 · No. 61 (1996) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1996
Issue
No. 61 (1996)
Date
1996-01-01
Page
Seite 8 (sequence 1406)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/7506414-7411745-7411766--207-7411774
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

JÜDISCHES WIRTSCHAFTSLEBEN (Fortsetzung von Seite 7) Im Verlauf des 19. Jahrhunderts änderten sich die Beziehungen zwischen Juden und Nichfjuden allerdings insofern, als sie nun allmählich enger wurden, sieht man von den aus dem Zarenreich bzw. aus Polen und Litauen zugewanderten „Chassidim" (Frommen) einmal ab. Heiraten von Juden und Christen nahmen jetzt zu. In der Regel trat der eine Ehepartner bei der Eheschliessung zum Glauben des anderen über, „Frauen nicht selten zum Judentum."3 Dementsprechend war der letzte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Königsberg, ein Professor für Kinderheilkunde, der Enkelsohn einer zum Judentum konvertierten Pfarrerstochter. Selbst unter den ostpreussischen Adeligen waren Verbindungen mit Juden keine Seltenheit, was vor allem nach 1933 offenbar wurde, als es galt, die durch die Nationalsozialisten geforderte „arische Abstammung" nachzuweisen. So war beispielsweise der Schwiegersohn des Generalleutnants a.D. August von Cramon, der aus schlesischem Gutsadel stammte, die Breslauer Leibkürassiere kommandierte und während des Ersten Weltkriegs als deutscher Verbindungsoffizier bei den Österreichern mit Generalfeldmarschall August von Mackensen zusammengearbeitet hatte, jüdischer Herkunft, zudem ein ehemaliger Hauptmann. Und ein Neffe v. Cramons, Berufsoffizier, war mit einer Jüdin verheiratet. Übersehen werden darf angesichts derartiger Fakten jedoch nicht, dass der darin sich ausdrückenden Gleichberechtigung von Juden und Nicht-Juden ein keineswegs immer einfacher Emanzipationsprozess vorausgegangen war, zu dem der 1805 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Samson Jacoby zu Königsberg geborene und 1877 daselbst verstorbene Politiker und Arzt Johann Jacoby sich unter anderem folgendermassen geäussert hat: „Wie ich selbst Jude und Deutscher zugleich bin, so kann in mir der Jude nicht frei werden ohne den Deutschen und der Deutsche nicht ohne den Juden; wie ich mich selbst nicht trennen kann, ebensowenig vermag ich in mir die Freiheit des einen von der des andern zu trennen...". Um der Emanzipation willen und darüber hinaus des Aufstiegs in das deutsche Bürgertum und seine Kultur war eine nicht unerhebliche Zahl innerhalb der jüdischen Minderheit bereit, ihre religiösen Bindungen aufzugeben. Zumal in Königsberg lag die Ziffer der getauften Juden verhältnismässig hoch, denn von den 1.800 Übertriten in Preussen zwischen 1812 und 1830 entfielen auf Königsberg 160. Inwieweit der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg der jüdischen Minderheit in Deutschland im allgemeinen sowie in Ost- und Westpreussen im besonderen im Zusammenhang mit ihrer Emanzipation und Liberalisierung zu sehen ist, lässt sich verbindlich nicht sagen. Als Tatsache hat man zu registrieren, dass neben den liberalen auch orthodoxe Juden den Aufstieg schafften. Dazu hat im Falle von Königsberg sicher beige- ’ Immanuel Birnbaum, Achtzig Jahre dabeigewesen, Erinnerungen eines Journalisten, München 1974, S. 15. tragen, dass es sich hier um eine liberal geprägte Kommmune handelte, zu deren bedeutendsten Bürgern der 1810 geborene Eduard v. Simson gehörte, der 1836 Professor für römisches Recht und 1846 Rat im Königsberger Tribunal wurde. 1848/49 war er Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung und seit Dezember 1848 deren erster Präsident. Als führendes Mitglied der Erbkaiserlichen leitete er im April 1849 die Abordnung, die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot. Seit 1854 war Simson Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und von 1867 bis 1876 als Nationalliberaler Mitglied des Reichstags, von 1867 bis 1873 stand er ihm als Präsident vor. Am 18. Dezember 1870 übermittelte Simson Wilhelm I. zu Versailles die Bitte des Reichstags, die Kaiserwürde zu akzeptieren. Nachdem er sich 1877 aus dem politischen Leben zurückgezogen hatte, wirkte der 1888 geadelte und 1899 verstorbene Eduard v. Simson als erster Reichsgerichtspräsident. Auch der 1863 zu Allenstein geborene Hugo Haase konnte sich als Rechtsanwalt und geistiger Führer der ostpreussischen Sozialdemokratie in Königsberg entfalten, ehe er vöi 1897 bis 1907 und von 1912 bis 1918 als Mitglied des Reichstags sowie der Weimarer Nationalversammlung wirkte. Einen Platz in der Geschichte sicherte dem soliden und redlichen Haase, dessen Tatkraft allein „durch die Zweifel eines Patriotenherzens am Geschick Deutschlands gelähmt" wurde, weshalb Rosa Luxemburg ihn als den „süssen Haase" apostrophierte, seine Mitgliedschaft im Rat der Volksbeauftragten. Das liberale Königsberger Klima hat sicher auch dazu beigetragen, dass jüdischer Einfluss im Zeitungswesen der Stadt erheblich war. Bereils im Revolutionsjahr 1848 verfügte Adolph Samter (1824—1883) in Königsberg über einen kleinen Zeitungs-Konzern, der die folgenden Blätter umfasste: die „Neue Königsberger Zeitung", die „Ostpreussische Volkszeitung" und den „Königsberger Anzeiger". Gemeinsam war ihnen ein Inseratenteil. Nach der gescheiterten 1848er Revolution und der nunmehr einsetzenden Reaktion, die eine Revidierung der preussischen Verfassung vom 5. Dezember 1848 bewirkte, während das Ministerium Manteuffel, dem eine Landtagsmehrheit zur Seite stand, die die Herrschaft von .Adel, Bürokratie und protestantischer Orthodoxie garantierte und den bürokiatischen Absolutismus mit zum Teil kleinlichen Mitteln zu behaupten suchte, sah Samter sich gezwungen, Druckerei und Verlag zu verkaufen und ein neues Betätigungsfeld zu suchen; er wurde Bankier. Gleichwohl blieb der jüdische Beitrag zum Presse- und Verlagswesen Königsbergs beträchtlich, denn sowohl die „Königsberger Allgemeine Zeitung" (Auflage 1930: 60.000) und die „Königsberger Hartungsche Zeitung" (Auflage 1930: 8—10.000) waren vorwiegend in jüdischem Besitz liegende Blätter. Ähnlich wie die Königsberger war die Danziger Presse strukturiert, denn sowohl die „Danziger Neueste(n) Nachrichten" (Auflage 1930: 50.000) als auch die „Danziger Zeitung" (Auflage 1930: 20.000) wurden von jüdischen Besitzern verlegt. Darüber hinaus waren Angehörige der jüdischen Minderheit Ost- und Westpreussens an verschiedenen Provinzblättern der beiden Regionen beteiligt. Wie eingangs vermerkt, wurden Ost- und Westpreussen durch ihre landwirtschaftliche Struktur und dünne Besiedlung geprägt. Eine Verstädterung, wie vor allem in den westlichen Teilen der preussischen Monarchie, erfolgte im Osten nicht. Die Aktivitäten der jüdischen Bevölkerung der beiden Provinzen im Handels-, Wirtschafts- und Finanzbereich waren daher begrenzt, denn nach wie . vor dominierten der Roggen- und Kartoffelanbau sowie die Viehhaltung. Zwar spielte die landwirtschaftliche Produkte verarbeitende Industrie, so die Woll- und Leinenherstellung, die Karioffelbrennerei, die Zuckergewinnung, die Getreidemühlen einschliesslich des Getreidehandels, zudem die Guts- und Gemeindehandwerkerei, eine Rolle, doch blieb die Marktlage Ost- und Westpreussens trozt Eisenbahnen und befestigten Strassen schlecht, da die marktfernen Gebiete weit grösser als die marktnahen waren. An diesen Zuständen änderte der Aufschwung Königsbergs und Danzigs, wie auch Elbings, grundsätzlich nur^ wenig, wenngleich er u. a. dazu führte, dass das 1819 zu Breslau gegründete jüdische Bankhaus E. Heimann, das sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts neben v. Eichborn zum bedeutendsten Schlesiens entwickelte, im Jahre 1920 eine Niederlassung in Danzig eröffnete, womit es über seine bisherige Stellung als Regionalbcnk hinauswuchs. Der wirtschaftlichen Gesamtlage in Ost- und Westpreussen entsprechend, engagierte sich die dortige jüdische Bevölkerung zu wesentlichen Teilen im Handel und Gewerbe der Kleinstädte, sieht man von den Kommunen Königsberg, Danzig und Elbing einmal ab. Das galt z.B. für die 1905 165 Personen umfassende jüdische Minderheit Marienburgs bei einer Gesamtbevölkerung der Stadt von etwa 11.000 ebenso wie für d;e 253 Juden Rosenbergs 1905 bei einer Gesamteinwohnerschaft der Kommune von 3.259 im gleichen Jahr. Inwieweit die Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens von .der jüdischen Bevölkerung abhing, wird u.a. an der Entwicklung von Zinten im Kreis Heiligenbeil erkennbar bzw. seiner jüdischen Einwohnerschaft. In dem Städtchen, dessen Bewohner von 1.612 (1817) auf 3.585 (1900) und 3.800 (1930) stieg, gab es vor 1800 keine Juden. 1810 wurde durch den Stadtrat der Zuzug eines Juden zugelassen, da „von seiner Sesshaftmachung ein Aufblühen des Handels" erwartet wurde. Die in die „Sesshaftmachung" gesetzten Erwartungen scheinen sich erfüllt zu haben, denn bereits 1817 lebten in Zinten nicht weniger als 86 Juden, 1895 waren es 84. Dass ihre Zahl sich auf dieser Höhe nicht hielt, denn bis 1925 ging sie auf 43 zurück, ist den bescheidenen wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten Zintens zuzuschreiben bzw. der Attraktivität, die von Städten im übrigen Reichsgebiet ausging. Seit jeher nämlich war es das Ziel zahlreicher Juden gewesen, sich in wirtschafts- und handelspolitisch attraktiven Städten niederzulassen, bevorzugt in grösseren, ganz besonders aber in Berlin. Insgesamt gesehen bleibt festzustellen, dass Ost- und Westpreussen ihrem jüdischen Bevölkerungsteil nur beschränkte Entfaltungsmöglichkeiten im wirtschaftlichen Bereich so- (Fortsetzung auf Seite 11) 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.