Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 1405)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHES WIRTSCHAFTSLEBEN (Fortsetzung von Seite 6) nicht bewenden. Cassirer begann sich in der Cellulosefabrikation zu engagieren, gründete eine Fabrik für die Herstellung von Cellulose in Polen und errang auf diesem Wirtschaftssektor eine Spitzenposition. Die Vielfältigkeit seines Engagements dokumentiert sich auch darin, dass er auf dem Feld der Kabel- und Gummi-Herstellung aktiv wurde. Schliesslich wirkte er auch noch als Dezernent bei den Städtischen EIektrizitäts-, Gas- und Wasserwerken in Berlin. Seine ebenso herausragenden wie verdienstvollen Aktivitäten fanden ihre Würdigung in der Verleihung der Ehrenbürgerrechle durch die Stadt Charlottenburg. Überra^: werden die Leistungen der bisher Genannten bei weitem durch den 1850 in Danzig geborenen Carl Fürstenberg, der zunächst bei dem in seiner Vaterstadt ansässigen Bankhaus R. Damme in die Lehre ging, um sTch im Anschluss daran in einem Textilhaus zu betätigen. 1868 zog es Fürstenberg, wie so viele seiner ost- und westpreussischen Landsleute, nach Berlin, wo er in die Dienste der Disconto-Gesellschaft trat. Die Disconto- Gesellschaft war zu jener Zeit die grösste Berliner Aktienbank. Doch nur kurze Zeit blieb er dort; dann wurde er in dem Berliner Bankhaus S. Bleichröder tätig, wo er in relativ kurzer Zeit zum Prokuristen avancierte. Vermutlich wäre er Miteigentümer des Geldinstituts geworden, hätte sich nicht 1883 die Gelegenheit ergeben in die Handels-Gesellschaf 1 als Geschäftsinhaber einzutreten. Das Bankhaus war 1856 durch Mitglieder der deutschen Hochfinanz gegründet worden. Fürstenbergs Eintritt in die Handels-Gesellschaft bewirkte vor allem eine Stärkung der Geldhauses innerhalb der Berliner Grossbanken. Er engagierte sich in der Industriefinanzierung und beteiligte sich am Ausslandsgeschäft. Was die Industriefinanzierung betrifft, so erstreckte sie sich insbesondere auf das Ruhrgebiet und das Oberschlesische Revier. Zunächts lag das Schwergewicht des Engagements in Oberschlesien, doch allmählich verlagerte es sich an die Ruhr. Bereits 1887 war der umfangreiche Grubenbesitz der Breslauer Unternehmerfamilie Caro sowie der aus Westdeutschland stammenden Unternehmerfamilie Hegenscheidt — der Oberschlesischen Eisenindustrie AG für Bergbau und Hüttenbetrieb und der Oberschlesischen Draht-Industrie AG — zur Oberschlesischen Eisenindustrie AG für Eisenhüttenwesen und Bergbau vereinigt und ihre Aktien auf den Berliner Markt gebracht worden. Von den zahlreichen durch Carl Fürstenberg finanziell begleiteten Unternehmensgründungen ist neben der Oberschlesischen Eisenindustrie AG für Eisenhüttenwesen und Bergbau vor allem die Gründung und Entwicklung des Friedländer-Konzerns zu nennen. Er umfasste, ausgehend von den 1890 ins Leben gerufenen Oberschlesischen Kokswerken und Chemischen Fabriken, im Börsenjargon „Oberkoks" genannt, eine Vielzahl von Produktionsstätten im In- und Ausland. Ende der achtziger Jahre hatte Friedländer im Rybniker Revier Oberschlesiens die technisch veralteten und daher wenig leistungsfähigen Gruben Emma, Johann Jakob und Anna erworben. Mit Fürstenbergs finanzieller Unterstützung errichtete er neue Schachtanlagen, Kohlenwäschen, Brikettfabriken, Koksöfen und Elektrizitätswerke. Die Kohleproduktion erfuhr eine Steigerung von lediglich 200.000 t auf 2,5 Mill. t. Ausserdem produzierte er 200.000 t Koks. Der Entwicklung dieser eigenen Kohlenindustrie, die er im Jahre 1903 zur Rybniker Steinkohlen-Gewerkschaft zusammenschloss, galt sein Hauptaugenmerk. Beschäftigt wurden auf den Anlagen 13000 Beamte und Arbeiter. Daneben wurde er zum Mitbegründer der Eminenzgrube bei Kattowitz. Ausserhalb Oberschlesiens war vor allem die Errichtung der Norddeutschen Kohlen- und Kokswerke in Hamburg durch Friedländer von Bedeutung. Mit ihnen verfolgte er die Absicht, britische Kohle nach Deutschland zu importieren und daraus Kohlenebenprodukte und Koks zu erzeugen. Seit 1898 expandierte der Konzern nach Russland. Dort gründete Friedländer mit finanzieller Unterstüizung durch Carl Fürstenberg bzw. der Berliner Handelsgesellschaft, deren Verwaltungsrat er mittlerweile angehörte, mit zwei Millionen Mark Aktienkapital die Russische Montan-Industrie-AG. Das Unternehmen baute Koksöfen für die russische Eisenindustrie. Im Jahre 1900 wurde diese Gründung ergänzt durch die Etablierung der Russischen Eisenindustrie-AG, an der ausser den beiden Industriellen Friedlä'nder und Caro als Finanziers Fürstenberg und Bleichröder sowie Walther Rathenau beteiligt waren. In das Jahr 1900 fällt auch Friedländers Gründung der Braunkohlen- und Brikett-Industrie-AG. Unter der Bezeichnung „Bubiag" entwickelte sie sich zu einem der massgebenden Zentren der Braunkohlenproduktion Deutschlands. Eine spätere Gründung des oberschlesischen Unternehmers war die AG für Teer- und Erdölindustrie. Nachdem er in Österreich-Ungarn Kohlen- und Eisenstützpunkte eingerichtet halte, kam es in den Vereinigten Staaten zum Aufbau eines Tochterunernehmens der „Oberkoks". Finanziert wurden die sämtlichen Gründungen Friedländers, 'ebenfalls ihr Ausbau, durch Carl Fürstenberg bzw. die Handels-Gesellschaft. Wie intensiv das Zusammenwirken zwischen dem Unternehmer Friedländer und seinem Finanzier Fürstenberg war, geht daraus hervor, dass ersterer kein industrielles Engagement von Bedeutung einging, ohne sich zuvor von letzterem beraten zu lassen Von den zahlreichen finanziellen Beteiligungen Carl Fürstenbergs sei noch auf das bei der Entfaltung der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), der eindrucksvollen Schöpfung Emil Rathenaus, verwiesen. Nach dem Tod Georg von Siemens im Jahre 1901, der bis zu diesem Zeitpunkt die unternehmerischen Aktivitäten Rathenaus als Bankier begleitet hatte, fand er in Carl Fürstenberg einen „idealen Ersatz als Finanzberater." Beide nämlich verfügten über das gleiche unternehmerische Talent und waren Manager, die organisatorische Strukturen schufen, welche richtungweisend für die nachfolgenden Unternehmergenerationen werden sollten. Es lag daher nahe, dass die Berliner Handels- Gesellschaft seit 1901 zur Hausbank der AEG avancierte. Ohne das Verdienst Emil Rathenaus zu schmälern, darf darauf hingewiesen werden, dass der Erfolg der AEG, die im Geschäftsjahr 1913/14 einen Umsatz von 453 Millionen Mark bei einem Aktienkapital von 155 Millionen Mark aufwies und mehr als 66.500 Mitarbeiter beschäftigte, auch dem Engagement Carl Fürstenbergs zuzuschreiben ist, zumal er als einer der Aufsichtsratsvorsitzenden des Unternehmens fungierte. Der von 1902 bis 1930 als Seniorgeschäftsinhaber der Berliner Handels-Gesellschaft agierende Fürstenberg war seit seinem Eintritt in das Geldinstitut 1883 zweifelsfrei einer der herausragenden Inustriebankiers Deutschlands. Ihren speziellen Aufgabenstellungen, nämlich die Industrie und den Handel zu fördern, hat die Handels-Gesellschaft unter der Ägide Fürstenbergs vollauf entsprochen. Durchaus zutreffend ist er einer der ideenreichsten Bankiers seiner Zeit genannt worden. Dass dem exzellenten Bankmanager Fürstenberg im Gegensatz zu manch einem seiner Kollegen auf dem Feld des Finanzwesens, des Handels und der Industrie nur weniae Ehrungen und Auszeichnungen zuteil wurden — so stieg Friedländer in den Adelsstand auf — lag daran, dass er Orden eher widerstrebend akzeptierte, während er gegenüber Titeln eine gewisse Scheu empfand, da „er Lächerlichkeit fürchtete." Dennoch „wurden so viele um ihn herum Kommerzienräte, Bauräte, Justizräte, meist in der Hoffnung, den höheren Rang eines Geheimen Kommerzienrates und so weiter zu erklimmen, sich dann aber abgekürzt ,Herr Geheimrat' anreden zu lassen und — o Wunder — von Aussenstehenden wohl gar für höhere Beamte gehalten zu werden. Schon bei Beginn seines grossen Aufstiegs bot ein Eingeweihter dem jungen Bankdirektor einen solchen Tilel an, erhielt aber darauf die ablehnende Antwort, dass er den erwünschten Titel doch nicht beschaffen könne. ,Das wollen wir mal sehen', rief der in seinem Ehrgeiz verwundete Mittelsmann. , Ich meine Konsistorialrat', schmunzelte Fürstenberg."' Er war, so ist durchaus zutreffend bemerkt worden, nicht nur ein weit über seine Zeit hinaus wirkender Bankier und Geschäftsmann, sondern auch „der unerschöpfliche Erfinder von Anekdoten und Witzen", die Zeugnis geben von seinem Geist und Esprit, „Danziger Goldwasser" eben. Sieht man von den zu Spitzenpositionen im Wirtschafts- und Finanzwesen aufgestiegenen Persönlichkeiten einmal ab, dann bleibt festzustellen, dass es der jüdischen Bevölkerung Ost- und Westpreussens seit den Stein-Hardenbergschen Reformen wirtschaftlich zwar langsam, aber stetig besser ging. Zu nicht unerheblichen Teilen zumal aus Polen eingewandert, hatte sie sich vor allem im Einzelhandel engagiert, dabei stets den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg erstrebend. Das Verhältnis der Juden zu ihren christlichen Nachbarn blieb zwar distanziert, doch war es von gegenseitigem Respekt geprägt, was nicht zuletzt hinsichtlich der religiösen Bräuche galt. Wohl gab es Freundschaften zwischen Juden und Christen, doch nur relativ selten kam es zu familiären Verbindungen als Folge von Eheschliessungen, da die strenge Einhaltung ihrer religiösen Gesetze und rituellen Vorschriften (Sabbat- und Speisegesetze) ihnen seit jeher eine enge Lebensgemeinschaft mit Nichtjuden bzw. mit Christen verbot. s Hans Fürstenberg, Hrsg., 100 Fürstenberg- Anekdoten, zit. nach Erich Achterberg, Berliner Hochfinanz, S. 158f. (Fortsetzung auf Seite 8) 7 %