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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1996-01-01 · No. 61 (1996) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1996
Issue
No. 61 (1996)
Date
1996-01-01
Page
Seite 6 (sequence 1404)
Language
German
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JÜDISCHES WIRTSCHAFTSLEBEN IN OST- UND WESTPREUSSEN Hinzuweisen gilt es zunächst darauf, dass das Wirtschaftsleben Ost- und Westpreussens massgebend durch die agrarische Struktur der beiden Provinzen geprägt wurde, zudem durch ihre relativ dünne Besiedlung. Wie sich die Bevölkerungsentwicklung seit 1871 darstellte, verdeutlichen die folgenden Zahlen: In Ostpreussen wuchs sie von 1.823 Millionen Einwohnern (1871) auf 2.064 Milionen (1910), 2.229 Millionen (1919) und 2.488 Millionen (1939). Die Bevölkerung Westpreussens nahm von 1.315 Millionen Einwohnern (1871) auf 1.703 Millionen (1910) zu. Demgegenüber hatten, Pommern ausgenommen, sämtliche übrigen preussischen Provinzen einen erheblich stärkeren Zuwachs, vor allem Brandenburg, Westfalen und die Rheinprovinz. Der geringe Industrialisierungsgrad Ost- und Westpreussens lag nicht zuletzt begründet in der „industriefeindliche(n) Einstellung der ostdeutschen Landwirte, die fürchteten, Arbeiter an die örtliche Industrie zu verlieren...". Sie zogen es stattdessen vor, die Arbeiter an die auswärtigen Produktionsräume, so an Rhein und Ruhr und in Sachsen wie auch in erheblichem Umfang an das Berliner Produktionszentrum abzugeben. Angesichts derartiger Taisachen blieben Ost- und Westpreussen vom Industrialisierungsprozess des 19. Jahrhunderts geradezu zwangsläufig weitgehend ausgeschlossen. Zwar hatte die Kolonisation seit der Regierungszeit des Grossen Kurfürsten zu eindrucksvollen wirtschaftlichen Erfolgen geführt. Dementsprechend waren die Wollproduktion ebenso wie die Spinnerei und Weberei Ostpreussens bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts beträchtlich gewachsen. Zu Produktionsschwerpunkten hatten sich Königsberg, Gumbinnen, Bischofsburg, Insterburg und Liebstadt entwickelt. Noch bedeutender war die Woll-, zudem die Leinwandherstellung in Westpreussen, insbesondere in Elbing,Danzig und Marienburg, wo auch feineres Leinen und sogar Damast gefertigt wurden, von der Glas-, Papier- und Tabakfabrikation, dem Schiffsbau sowie der Metallgewinnung undverarbeitung einmal abgesehen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts allerdings kam es zu Rückschlägen. Vor allem das Handwerk wurde durch den wirtschaftlichen Umbildungsprozess, gekennzeichnet durch die Entwicklung zum kapitalistischen Grossbetrieb und die Einführung neuer Techniken im Produktionsbereich, beeinträchtigt. Anders als im handwerklichen Bereich waren die Wiikungen der wirtschaftlichen Entwicklung im Verlauf des 19. Jahrhunderts in der Industrie, wenngleich sie zu keinem Zeitpunkt an die im Westen der preussischen Monarchie, in Schlesien, in Berlin oder in Sachsen auch nicht entfernt heranreichte, wobei die negative Einstellung der Agrarier wie im Handwerk nicht übersehen werden darf. So war die Textilindustrie ebenso wie die Metallindustrie relativ stark entwickelt, ausgenommen die Ziegeleien, Kalkbrennereien, Gipsmühlen, Steingutfabriken sowie die Glashütten und Glasschleifereien. von Prof. Dr. KONRAD FUCHS Ausgeprägt und technisch hochentwickelt war die Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Im Jahre 1862 bestanden bereits rund 3000 Mühlen, darunter 62 Dampfmühlen, 389 Ölmühlen und Ölraffinerien; ferner eine beträchtliche Zahl von Konservenfabriken, Stärke- Nudeln- und Sagofabriken, Honigkuchen-, Schokoladen- und Zichorienfabriken, 50 Tabak- und Zigarettenfabriken, 582 Bierbrauereien, 822 Branntweinbrennereien und Destillationen. Die Zahl der Produktionsbetriebe und die Vielfalt der produzierten Güter, die noch um eine Anzahl ergänzt werden könnten, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass, wie erwähnt, Ost- und Westpreussen seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in ihrer industriellen Entwicklung vor allem gegenüber Westdeutschland, aber auch Schlesien und Sachsen, mehr und mehr ins Hintertreffen geriet. Der wesentliche Grund dafür war einmal die ungünstige Standortlage, sodann die fortwährende Abwanderung nicht unerheblicher Bevölkerungsteile in die industriellen Ballungsräume, wo sich ihnen weit bessere und vielfältigere Arbeitsmöglichkeiten als in den vorwiegend agrarisch ausgerichteten ost- und westpreussischen Regionen boten. Vor diesem strukturellen Hintergrund ist die Gestaltung des jüdischen Wirtschaftslebens in den beiden Ostprovinzen zu sehen. Die Voraussetzung dafür hatten die Stein- Hardenbergschen Reformen geschaffen, denn sie ermöglichten dem jüdischen Bevölkerungsteil die allmähliche Gleichstellung mit dem christlichen. Im Verlauf dieses Prozesses wurden die in Preussen lebenden und mit Schutzbriefen und Konzessionen ausgestatteten Juden einschliesslich ihrer Familien aufgrund eines am 11. März 1812 erlassenen Edikts zu „Einländern und preussischen Staatsbürgern" erklärt. Verbunden war damit die Verpflichtung, „festbestimmte Familiennamen anzunehmen und sich in allen Geschäftsakten der deutschen oder anderen lebenden Sprachen zu bedienen. Die Juden genossen nun wie die Christen gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten; sie durften akademische Lehr-, Schul- und Gemeindeämter verwalten und hatten Niederlassungs- und Gewerbefreiheit."1 Die Emanzipation der Juden, die in ihrer definitiven staatsrechtlichen Gleichstellung für den Bereich des Norddeutschen Bundes in den Regelungen vom 2. Juli 1869 gipfelten und schliesslich in die Verfassung des Deutschen Reiches vom 16. April 1871 eingingen, lösten nicht nur vielfältige Aktivitäten der jüdischen Bevölkerung in Ost- und Westpreussen aus, inbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Handel und Finanzen, sondern führten darüber hinaus zu einem nicht unerheblichen 1 Aloys 'Sommergeld, Juden im Ermland, Ihr Schicksal nach 1933, Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Beiheft 10, MünsterA/Vestf. 1991, S. 31; desgl. Encyclopaedia Judaica, Bd. 6, Berlin 1930, S. 31. Zuzug von Juden aus Russisch-Polen sowie aus Litauen. Infolge ihrer unterprivilegierten Stellung hatte die jüdische Bevölkerung Ost- und Westpreussens bis ins 19. Jahrhundert, hinein in wirtschaftlich ungünstigen Verhältnissen gelebt, d.h. dass sie in der Regel arm waren. Das galt in noch höherem Masse für die einwandernden Juden. Der Emanzipationsprozess änderte ihre Lage jedoch nachhaltig, so dass eine nicht unerhebliche Anzahl von ihnen in bemerkenswert kurzer Zeit Spitzenpositionen im Wirtschafts-, Handels- und Finanzleben Ost- und Westpreussens, darüber hinaus selbstverständlich auch im Reich, erlangten. ihnen ist zweifelsfrei Moritz Becker, der Schöpfer der modernen deutschen Bernsteingewinnung-und-verarbeitung, zuzurechnen. Bekanntlich ist das Samland,umfassend das Rechteck zwischen Ostsee, Kurischem und Frischem Haff, Deime und Pregel einschliesslich des Südufers bis zum Waldgürtel, derjenige Landstrich, in dem Bernstein in einer derartigen Menge und Qualität vorkommt wie nirgendwo sonst. Nachdem Bernstein nach einer langen Phase grossen Zuspruchs im 18. Jahrhundert unmodern geworden war, erfuhr er im 19. Jahrhundert eine Renaissance. Sie führte dazu, dass Moritz Becker, nachdem die preussische Regierung am 20. Mai 1875 die Konzession zum Bau eines Bergwerks in Palmnicken, der wichtigsten Fundstätte für Bernstein im Samland, erteilt hatte, den ersten Grossbetrieb zum Abbau des fossil gewordenen Harzes tertiärer Nadelhölzer errichtete. Bis zum Ende der 80er Jahre entwickelten sich Beckers Bernsteingewinnungs-uidverarbeitungsanlagen zum bedeutendsten Industrieunternehmen Ostpreussens mit ca. 2.000 Beschäftigten. Auf ihnen wurden erstmals Dampfbagger sowie moderne Taucherausrüstungen und Tauchertechniken eingesetzt. Neben Moritz Becker hat sich das wichtigste Berliner Unternehmen für die Fabrikation von Zigaretten, Loeser & Wolff, um das ostpreussische Wirtschaftsleben in hervorragendem Masse verdient gemacht, denn es . errichtete in dem „industriearmen Grenzland" nicht weniger als drei Zigaretten-Produktionsstätten. Davon war das in Elbing arbeitende Werk nicht nur das grösste des Unternehmens, sondern gleichzeitig das bedeutendste der Zigaretten-Branche im Reich. Zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt Danzig die nach Jahrzehnten erheblicher kommerzieller Schwierigkeiten von der Zeit der Reichsgründung im Jahre 1871 an den Anschluss an das Wirtschaftsleben Preussens und des Reiches, u.a. durch die Errichtung von Werften, Zuckerraffinerien, Ölfabriken und Brauereien zu bewerkstelligen vermochte, was zu einem Bevölkerungszuwachs von 108.000 Einwohnern im Jahre 1880 auf 139.000 1900 und T94.000 1920 führte, trug in bemerkenswertem Masse Max Cassirer durch die Gründung eines Holzexportgeschäfts bei. Die Aktivitäten des risikobereiten Unternehmers führten ihn 1887 nach Berlin. Doch mit den dortigen Aktivitäten liess er es (Fortsetzung auf Seite 7) 6

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