Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 61 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 1402)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gedenksteine EINE KLEINE BETRACHTUNG von KLAUS AUFRICHTIG-ARKWRIGHT Der Zug von Prag brachte uns ueber Halbstadt, Waldenburg nach Hirschberg. Ein paar Tage im Riesengebirge halfen uns die Freude ueber den Brith unseres Enkelsohnes in Oxford mit den traurigen Ergebnissen der Nachforschung ueber das Schicksal unserer Familienmitglieder in Theresienstadt gefuehlsmaessig unterzubringen. Die Berge und die Waelder in Schreiberhau und Krummhuebel sind noch unveraendert schoen und in ihrer Stille draengen sich die Gedanken des 24.Psalms auf, der am Vorabend des Offenbarungsfests in der Neuen Synagoge erklang „Des Ewigen ist die Erde und was sie fuellt-". Von dort ging die Reise weiter nach Breslau. Der Breslauer Hauptbahnhof sieht unveraendert aus. Von der grossen Bahnsteighalle kann man den kleinen aeusseren Bahnsteig sehen. Von dem sind wir ins Lager verfrachted worden. Der Bahnsteig ist noch da, aber die Menschen, die ihre letzte Reise von dort angetreten haben, sind nicht wiedergekommen. Die Taxifahrt zum Hotel am Dominikanerplatz ging an der Claassenstrasse vorbei. Der juedische Friedhof ist spurlos verschwunden. Nur eine kleine Gruenanlage zwischen den Miethaeusern erinnert an diese alte Ruhestaette der Breslauer Juden. Es war Freitag Nachmittag und es goss in Stroemen. Wir gingen die Taschenstrasse entlang, in die Zwingerstrasse, am Hallenschwimmbad vorbei, nach dem Zwingerplatz. Dort hat man noch das Gefuehl im alten Breslau zu sein. Die Oper, das Mossehaus, das Monopolhotel, die Dorothea Kirche, Wertheim, das Cafe Fahrig Haus und die Ruine des Schlosses erhalten das ehemalige Landschaftsbild, und man uebersieht, dass das Kaiser Wilhelm Denkmal, das Oberkommandohaus und das Tauentziendenkmal verschwunden sind. Durch die Buden auf dem Schlossplatzmarkt, ueber den Stadtgraben gingen wir in der Richtung Neue Synagoge. Das Rabbinerhaus am Stadtgraben ist verschwunden und auf dem Platz der Synagoge stehen jetzt Miethaeuser. Der Vorplatz an der suedlichen Seite der Synagoge, auf dem jedes Jahr die Sukkah aufgebaut wurde ist noch unveraendert und das Verwaltungsgebaeude steht auch noch unbeschaedigt. Hinter den grossen Fenstern im Erdgeschoss war die Wochentagssynagoge und in diesem Haus war die Religionsunterrichtsanstalt II, am Anger 8. Da haben wir die Tradition des Judentums bei den Lehrern Wesel und Davidsohn gelernt. Dieses Haus war in der Nazizeit das Hauptquartier der Gestapo. Das Polizeipraesidium, vor dem die Breslauer Juden Schlange gestanden haben um Radios, Briefmarkensammlungen, Fahrraeder usw. abzuliefern, ist auch noch da. Das Haus an der Ecke Tauentzienstrasse und Anger wo das Koschere Restaurant Schaal die juedische Kueche darbot hat sich nfcht veraendert. Von dort ging es in die Agnes Strasse auf der Suche nach dem Haus der Lesingloge. Erinnerungen an die jaehrliche Channukahfeier in dem Festsaal der Loge, zu der mich meine Grosseltern stolz mitnahmen, sind unvergessen. Das Logenhaus ist das einzige zerstoerte Haus in dieser Strasse. Von dort eilten wir durch die Gartenstrasse nach dem Sonnenplatz. Das Konzerthaus, in dem die Zweiggottesdienste der Neuen Synagoge und der Jugendgottesdienst fuer die hohen Feiertage stattfanden, steht nicht mehr. In meiner Gebetbuchsammlung befindet sich noch das Gebetbuch fuer den Jugend-Gottesdienst, das die Breslauer Juedische Gemeinde 1924 im Druck von Th. Schatzky herausgegeben hat. Unser Weg ging durch die Neue-Graupen, die Graupenstrasse nach der Wallstrasse. Das Haus der „Gesellschaft der Freunde" steht nicht mehr und Mietwohnungen stehen auf diesem Grundstueck. Bilder der Vergangenheit draengten sich auf. Im Freundehaus war einstmals der juedische Kulturbund, das Ende der Rehdigerschule, die juedische Gemeindekueche, die juedische Lebensmittelmarkenverteilungsstelle, der juedische Friseur, das Ende des juedischen Waisenhauses und die Sammlungsstelle fuer die Osttransporte. Dort mussten wir grossen Jungen von der juedischen Schule helfen Koffer tragen, Strohsaecke fuellen, Essen austeilen und den juedischen Mitbuergern helfen umzupacken, so dass sie im Stande waren ihre letzte Habe noch selbst tragen zu koennen. Wie viele Traenen, wie viele Tragoedien! Vor mir liegt ein Artikel der Universitaet Wroclaw mit einer Liste der Breslauer Juden die zwischen 1940 und 1943 Selbstmord veruebten, um den Transport zu vermeiden. 108 Namen! Ich glaube es muessen wohl mehr gewesen sein. Viele davon taten es im Freundesaal. Ich erinnere mich an die gesamte Familie Berger; Alice, Arnold, Artur, Marianne mit Zyankali am 28.2.1943 verstorben. Aleksander Kruglow, in seinem Artikel in dem Journal der Universitaet Wroclaw (1990) berichtet, dass dieser Transport von 1405 Menschen am 5.3.1943 in Auschwitz eintraf. 596 davon mussten arbeiten und 809 starben an diesem Tag in der Gaskammer. Es war Zeit fuer den Erev Schabath Gottesdienst. A.n der Getreideboerse vorbei eilten wir nach der Wallstrasse. Die Storchsynagoge stand da, verfallen hinter einem Bretterzaun. Das Gemeindehaus war verschlossen. Die Wochentagssynagoge war dunkel. Mieter im Haus erklaerten das am Freitag Abend kein Gottesdienst stattfindet. Wir waren nass bis auf die Haut, es war kalt, dunkel und spaet. Im Hotelrestaurant feierten wir den Schabath. Judith sagte die B'racha ueber eine Kerze die auf den Tisch stand, ich sagte Kiddusch ueber ein Glass sauren Wein und als der Kellner endlich das bestellte Brot servierte, konnten wir auch noch Hamotzi sagen. Danach machten wir den grossen Fehler zu Ehren des Schabaths Raeucherlachs zu bestellen. Der Lachs war vertrocknet, voller Graeten und bestimmt so alt wie die Stadt Breslau. Es war kein Oneg Schabath aber ein Schabath Schuvah. Eine Rueckkehr in eine dunkle Vergangenheit. Am naechsten Morgen schien die Sonne und es ging zurueck nach der Wallstrasse. Die Wochentagssynagoge war offen und der Gottesdienst fing an. MinhagJPolen, keine bekannte Melodie, 32 Maenner, und Judith war die einzige Frau. Drei alte Maenner beteten vor, mit grosser Liebe und Andacht, so dass ich den monotonen Nussach nicht als stoerend empfand. In d esem Raum fanden einige der letzten Gottesdienste statt. Liberal und Orthodox. In der Mitte stand ein Harmonium fuer den liberalen Gottesdienst. In der verfallenen Synagoge nebenan sang einstmals der Kantor Weiss und predigte Rabbiner Hamburger. In dem Haus war die Gemeindeverwaltung, das Ende des juedischen Waisenhauses, das Ende des juedischen Krankenhauses und das Ende des juedischen Altersheimes, und die letzten Unterrichtsstunden der Rehdigerschule. Ein aelterer Herr kam zu mir mit einem Tallith und mit der Frage: „koennt Ihr Davnen?" Mein „Jah" veranlasste ihn diese Sache auszuprobieren und mir eine Aliyah zu geben. (Fortsetzung auf Seite 5) I,::*®:: tv UA. #0^: \ £ {?( Cjki illllllSS Kisiiit ms* .***-•'■ VT iw*S fc****fc&* -V“-' Das ehemalige jüdische Altersheim, Breslau, Kirschallee. Heute ein polnisches Institut. 4