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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1996-01-01 · No. 60 (1996) · p. Seite 18

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1996
Issue
No. 60 (1996)
Date
1996-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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luden in Posen—ein Überblick Eine umfassende Geschichte der Juden in Posen steht bis heute aus, wenn auch zu einzelnen Städten wie zum Beispiel Posen und Lissa im 19. Jahrhundert Monographien verfasst wurden, die allerdings heute kaum greifbar sind. Die Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums „Germania Judaica" veröffentlicht seit einigen Jahren „Arbeitsinformationen", die Auskunft über Studienprojekte auf dem Gebiet der Geschichte des deutschen Judentums und des Antisemitismus geben. Dabei zeigt sich, dass das Thema „Judentum in Posen" in erster Linie im anglo-amerikamschen Raum und in Israel Beachtung findet. Edward David Luft (USA) schreibt unter dem Titel „Minding the störe" eine Überblickdarstellung zur Geschichte des Judentums in Posen. Hanoch Avenary (Israel) widmet sich in ihrer Untersuchung „Nach Posen geht man nicht, aus Posen kommt man!" der erzählten Sprachgeschichte. Sie untersucht dabei das Verhältnis des jüdisch-posenschen Dialektes zur deutschen Hochsprache und stützt sich auf die Generation, die zwischen 1870 und 1900 geboren wurde. Familiengeschichtlich arbeitet der Engländer Simon Srebrny, der eine Darstellung der Familien Biberfeld, Pelz, Norden, Breslauer, Lesser, Springer und Brock vorbereitet und hierbei auch die Methode der „oral history" anwendet. In der Bundesrepublik Deutschland scheint das Thema keine Beachtung zu finden, wie aus dem in den Jahren 1991 und 1992 vom Bundesinstitut für ostdeutsche Kultur und Geschichte herausgegebenen „Wissenschaftlichen Informstinpcrfiianct" hnrunrn^ht- Zwar ist von Daniel Gerson eine Dissertation über das Zusammenleben von Deutschen, Juden und Polen in Lodz in den Jahren von 1919 bis 1939 In Arbeit, es findet sich aber keine Untersuchung zur Geschichte der Posenschen Juden zwischen 1772 und 1918. Auch der kürzlich erschienene Band von Joachim Rogall, „Die Deutschen im Posener Land und in Mittelpolen", hat lediglich einen kurzen Überblick über die Assimilation der Posener Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Forschungen liegen für die Geschichte der Juden während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vor. Leider muss man aber hier festhalten, dass die meisten Arbeiten vor 1945 entstanden sind. Die Arbeiten, die nach dem Krieg erschienen sind, behandeln Fragen der kommunalen Selbstverwaltung in den Jahren von 1808 bis 1848 und das jüdische Leben in der Provinz Posen zwischen 1816 und 1900. Erfreulicherweise gibt es einzelne biographische Forschungen über Vertreter der jüdischen Intelligenz. Zu nennen sind die Historiker Jacob Caro (1836—1904), Ismar Elbogen (1874—1943) und Adolf Warschauer (1855—1930), der Jurist Hermann Kantorowicz (1877—1940), der Unternehmer und Verleger Salman Schocken (1877—1959) oder der Schriftsteller Ernst Toller (1893—1939). Posen gehörte bis zum Jahr 1772 zu Polen und bildete einen Teil Grosspolens. Nach der ersten polnischen Teilung im Jahr 1772 Von ULRICH HUTTER-WOLANDT kamen die nördlich der Netze gelegenen Gebiete unter der Bezeichnung „Netzedistrikt", bei der zweiten polnischen Teilung im Jahr 1793 auch die übrigen Gebiete an Preussen. Während der Napoleonischen Kriege fiel Posen an das Grossherzogtum Warschau (1807— 1815). Die Beschlüsse des Wiener Kongresses (1815) führten dazu, dass Posen nun erneut zu Preussen kam, dem es rund hundert Jahre, bis zum Ende der Monarchie am 10. November 1918 als preussische Provinz „Grossherzogtum Posen" angehörte. Mitte November 1918 konstituierte sich ein polnischer Volksrat, der den Übergang der Provinz an Polen betrieb. Am 15. Dezember 1918 brach Pilsudski die Beziehungen zum Deutschen Reich ab. Anfang Januar 1919 wurde Posen der sich konstituierenden polnischen Republik einverleibt. Diejenigen Gebiete der früheren Provinzen Posen und Westpreussen mit den Kreisen Deutsch-Krone, Schlochau, Flatow, Netzekreis, Meseritz, Schwerin a.d.W., Fraustadt, Bombst und Schneidemühl, die nicht an Polen abgetreten wurden, kamen am 21. Juli 1922 als „Grenzmark Posen- Westpreussen" zum Deutschen Reich. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als deutsche Siedler im Rahmen der Siedelbewegung auch nach Posen gerufen wurden, haben sich in ihrem Gefolge zahlreiche Juden hier niedergelassen. Jedoch müssen schon vor der Siedelbewegung in Grosspolen Juden gelebt haben, denn seit dem 12. Jahrhundert sind polnische Juden z.B. in Deutsch-Krone und Gnesen nachgewiesen. Die Juden Grosspolens waren freilich nicht von Verfolgungssituationen ausgenommen, die vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Nöte oder in Kriegen entstanden. Seit dem Breslauer Konzil von 1267 war den Juden in Grosspolen allein durch den Erzbischof von Gnesen und den Bischof von Posen erlaubt, Synagogen zu bauen. Einschränkungen steuerlicher Art gab es auch nach 1399, als Juden in Posen bezichtigt wurden, Hostiendiebstahl begangen zu haben. Im frühen Mittelalter wurde Grosspolen, besonders Posen, zu einem Aufnahmeland deutscher Juden, die wegen ihres Glaubens ihre Heimat verlassen mussten. Im Jahr 1474 kamen Juden aus Bamberg in die Stadt Posen, im Jahr 1510 Juden aus Brandenburg nach Meseritz. Im 17. Jahrhundert wurden Juden aus Wien vertrieben und Hessen sich in Schwersenz nieber. Im Jahr 1700 fanden erneut Juden aus Bamberg im Land an der Netze Aufnahme. In einem Erlass, der vom polnischen König Sigismund I. am 6. August 1527 herausgegeben wurde, wurde Rabbi Samuel Margolioth aus Posen als Hauptrabbiner Grosspolens bestätigt und mit umfassenden Rechten ausgestattet. Gleichzeitig wurden aber vom Magistrat der Stadt Posen den Juden erhebliche Einschränkungen des Handels auferlegt. So durften Juden z.B. Seide und Pfeffer nur pfundweise verkaufen, Gold- und Tuchstoffe nur stückweise oder Nahrungsmittel vor allem in der Fastenzeit nur in Säcken feilbieten. Es gab im 16. Jahrhundert auch vielfältige Spannungen zwischen der katholischen Kirche und den jüdischen Bewohnern des Landes. So gingen Theologiestudenten des Jesuitenordens mit Gewalt gegen die Juden in Posen vor und organisierten im Jahr 1575 blutige Angriffe gegen die Bewohner des dortigen jüdischen Viertels. Als Friedrich der Grosse im Jahr 1772 den Netzedistrikt in seinen Staat einbezog, befanden sich über 6 000 Juden in diesem Gebiet. Da der überwiegende Teil von ihnen nicht in festen Stellungen war, entschloss sich Friedrich II., zwei Drittel von ihnen über die polnische Grenze abzuschieben. Diese Massnahme fand nicht die Billigung seiner Berater. .Die Angelegenheiten der Juden in Posen wurden im „General-Juden-Reglement" vom 9. August 1773 geregelt, das die Juden ihrer alten Rechte beraubte. Als im Jahr 1793 auch der südliche Teil Grosspolens unter preussische Herrschaft kam, waren 21 Prozent der Bevölkerung Posens jüdischen Glaubens. Die Verbundenheit der jüdischen Bewohner mit dem neuen Herrscherhaus wurde dadurch zum Ausdruck gebracht, dass am Tag, da dem neuen Herrscher Friedrich Wilhelm II. gehuldingt wurde, ein Gebet in deutscher und hebräischer Sprache vorgetragen wurde. Das „General-Juden-Reglement" vom 17. April 1797 regelte zum Beispiel, dass die Juden sich als Handwerker und Händler niederlassen durften, um „nützliche Bürger des preussischen Staates" zu werden. Im Jahr 1797 gab es in Posen 43 315 Juden; ihre Zahl stieg in den folgenden Jahren stetig: 1825 lebten im Grossherzogtum Posen 65 131 Juden, 1840 77102 Juden, 1849 76 757 Juden. Seir Miiie des 19. Jahrhunderts war ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung festzustellen; 1890 lebten in der Provinz Posen 44 346 und 1900 40 019 Juden. Das Judenreglement von 1797 wurde 1833 durch eine „Vorläufige Verordnung wegen des Judenwesens im Grossherzogtum Posen" ersetzt, mit dem den deutschsprechenden Juden die gleichen Rechte wie ihren deutschen Mitbürgern eingeräumt und Möglichkeiten zur Naturalisierung gegeben wurden. Bis zum Jahr 1843 wurden allerdings nur 18 Prozent der Posenschen Juden naturalisiert. Erst nach der Revolution von 1848 erhielten die Juden dieser Provinz völlige Gleichberechtigung. Doch konnte auch diese Massnahme der preussischen Verwaltung die vermehrte Abwanderung jüdischer Bürger aus Posen nicht verhindern. Die jüdischen Bürger entwickelten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein überaus ausgeprägtes preussisch-deutsches Nationalbewusstsein. Im Nationalitätenkampf zwischen Deutschen und Polen nahmen sie deutsche Positionen ein. Gleichzeitig wuchs auf deutscher wie auf polnischer Seite der Antisemitismus, der zu einer weiteren Abwanderungswelle jüdischer Bürger aus Posen führte. So betrug der jüdische Bevölkerungsanteil in der Stadt Posen im Jahr 1849 noch 20 Prozent, im Jahr 1900 dagegen nur noch 5 Prozent. (Fortsetzung auf Seite 19) 18

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