Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 60 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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ES WAR EINMAL: LANDJUDEN (Fortsetzung von Seite 16) eine Erklärung für die Entstehung des Begriffes gibt. In den zwanziger Jahren bemüht sich ein Kölner Rabbiner, Dr. Wolff, um die Landjuden, er gründet eine „Vereinigung der Dorfgemeinden", die die Kölner spöttisch „Bauern Verein" nennen. Bei den jährlichen Veranstaltungen treten Persönlichkeiten wie Hans Goslar und Rabb. Josef Carlebach auf. (Leider hat die zion. Organisation hier eine Chance verspielt, jüdische Dorfgemeinschaften in Erez Israel anzusiedeln, bis auf „Schawe Zion".) Die „Herrschaft" errichtet sich 1926 eine Synagoge, um lange Fusswege am Schabbat und Feiertagen zu vermeiden, an denen sich die Familienmitglieder zusammenfanden, auch wenn sie in anderen Dörfern oder im nahen Aachen lebten. Die Synagoge in Hoengen wurde im Herbst 1926 eingeweiht, unter Beteiligung des Kölner Rabbiners, der „Pfarrer schüttelte dem Rabbiner die Hand", der Bürgermeister und der Brandmeister waren beim G"ttesdienst anwesend, aber nicht bei der Prozession bei der fünf Torarollen in die Synagoge gebracht wurden. Die Feuerwehrkapelle eröffnete den Zug, den vergoldeten Schlüssel trugen zwei Mädchen auf einem Samtkissen. Recht nostalgisch wird berichtet, wie die Besucher untergebracht, wie sie bewirtet wurden. Sie waren „Selbstversorger" in Fleisch, Obst, Gemüse. Für viele Festmahlzeiten soll die stehen, mit der die Verlobte des Vaters im Jahre 1911 aufgenommen wurde. Sie kam aus Wiesbaden, eine „Städtische", die sich scheinbar gut einlebte trotz der Befürchtungen der Familie. „Zuerst gab es Hühnersuppe, dann einen grossen Teller Suppenfleisch. Danach kam ein enorm grosser Rinderbraten und noch zwei Hühner auf den Tisch. All das wurde mit viel Kartoffeln und Sosse serviert, zum Schluss gab es noch einen grossen Makkaronipudding. Hedwig (die Braut) konnte über solche Esser nur staunen". Der Vater nimmt für seine junge Frau eine Wohnung in Aachen, wo die drei Kinder geboren werden. Nach dem Weltkrieg zieht es ihn zurück in ländliche Umgebung. Er findet in Forst, 1920, nur wenige Strassenbahnminuten vom Stadtzentrum entfernt, ein Gehöft, indem er sich eine Wohnung einrichtet. Der Vater, wie die Familienmitglieder, Onkel , und Vettern, waren gross und stark. Das ist vielleicht einer der Gründe, dass sie respektiert und gefürchtet wurden. Antijüdische Bemerkungen, die bei den Bauern zum Wortschatz gehörten, ohne die Freundschaft mit dem jüdischen Nachbarn zu stören, wurden mit Schlägen beantwortet, in der Schule, in der Rekrutenzeit im Kaiserreich, das geht bis in die Naziherrschaft, als einer der vielen Cousins einem SA-Mann ins Gesicht schlägt, der ihn als „Judenschwein" tituliert. Er kann die rettende belgische Grenze erreichen. Mit Liebe wird von der ältesten Schwester des Vaters erzählt, sie hatte die acht jüngeren Geschwister erzogen, der Schwer- und Mittelpunktt der Familie. Sie ist vom gleichen Schrot und Korn. Als am Tage des Pogroms, November 1938, ein Nachbarsjunge in SA Uniform, sie am Verlassen des Hauses hindern will, sagte sie: „Geh heim und sag deiner Mutter, sie soll dir den Hintern versohlen, oder ich werde es tun". Ein besorgter Nachbar, ein Bauer, schiebt die 74 jährige ins Haus zurück, um einen Zwischenfall zu vermeiden. Trotzdem die Bauern ihre Schulden bei den Juden nicht mehr zahlen wollen—alle Handelsgeschäfte werden auf Treu und Glauben abgeschlossen, durch Handschlag besiegelt — versucht die Tante, die Schulden eines Onkels einzutreiben, „Hitler oder nicht". Die, die auswandern konnten, haben sich eingeordnet, in Argentienen betreiben sie eine Farm, in Amerika und Israel Metzgereien. Behördliche Schwierigkeiten behindern die Auswanderung. Die Konsulate handeln nach dem Prinzip, dass „ein Visum in einen Pass gehört", die deutschen Behörden verlangten erst ein Visum, bevor sie den Pass ausstellten. * „Am Ende des Krieges las ich seit Jahren... die vertrauten Namen. In-und-un ..ALMEMOR UND GITTER” (Fortsetzung von Seite 3) 3. Synagogen, die in ihren Einrichtungen dem überlieferten Judentum folgen, sind an diese Bestimmungen gebunden." Wie wir sahen, stützt sich dieses Gutachten auf dieselben religionsgesetzlichen Quellen und historischen Argumente, die in den Zeitungszuschriften von den Befürwortern des Umbaus gebracht wurden, nur dass Rabbiner Hoffmann sich jetzt auch aut rabbinische Autorität berufen konnte. Seinen formalen Abschluss fand der Kampf um den Almemor allerdings erst neun Monate später durch einen Beschluss der Breslauer jüdischen Gemeindevertretung. In dem Bericht der IZfO über die „Sitzung der Breslauer Gemeindevertreter vom 27. März 1929" lesen wir: „Endlich fand auch die Almemor-Frage der Alten Synagoge ihre Erledigung, nachdem im vorigen Jahre eine äussere Instandsetzung der Alten Synagoge vorgenommen, die Innenerneuerung zurückgestellt wurde, weil der Wunsch laut wurde, den Almemor in die Mitte des Raumes zu verlegen. Der Streit um diese Frage währte schon lange und gerade unsere Zeitung gab dieser Frage durch Diskussionsartikel verschiedener Richtungen grossen Raum. Die Mehrkosten der Verlegung des vorderen Podiums 15 000 Mark, wovon 3000 Mark durch noch nicht verwendete Beiträge für die Renovation der alten Synagoge sowie der Wochentagssynagoge vorhanden sind. Der Antrag auf Gewährung von 12 000 Mark wurde angenommen. 16 Plätze gehen dadurch verloren." Es ist für die Breslauer Verhältnisse bezeichnend, dass in derselben Sitzung der Bau einer neuen Orgel für die „Neue Synagoge" beschlossen wurde, „nachdem die jetzige völlig unbrauchbar geworden" war. Die Kosten hierfür betrugen allerdings 50 000,— Mark, „wovon 25 000 Mark in der Rücklage vorhanden" waren. Die Verteilung der Gel- Aachen,... Auch der Name des Dorfes Hoengen erschien in den Berichten, das Dorf, in dem die „Herrschaft" gelebt und sich ihre neue Synagoge gebaut,..." Die „Herrschaft", der Familienclan, mit dem Boden verbunden, viele Generationen. Sie sprachen den Dialekt des Landes, hatten die Lebensgewohnheiten der Umwelt, dabei ein religiöses Leben führend, so wie sie es verstanden, bei den Gebeten erfüllen sie alle Funktionen, ohne besonders ausgebildet zu sein, arbeiten schwer, ihr Arbeitstag begann früh, die Kühe mussten gemolken, der Boden bearbeitet, der Metzgereibetrieb aufrecht erhalten werden, die Bauern, von den man Rinder kaufen oder verkaufen wollte, wurden oft in den Abendstunden besucht. Es ist nach Jahrzehnten spät, aber nie zu spät, dass die Nachwelt von dem Landjudentum erfährt. Ihre Geschichte ist abgeschlossen, ihre Gemeinden sind endgültig ausgelöscht... Das ist vielleicht einer der Gründe, dass der Fischer Verlag, Frankfurt, es unternommen hat, diese Erinnerungen zu publizieren und der Nachwelt zu übermitteln. der zwischen der „Alten" und der „Neuen Synagoge" entspach dem Kräfteverhältnis zwischen Konservativen und Liberalen. Die Einweihung der umgebauten „Storch- Synagoge" fand drei Monate später (13. Juni 1929) statt: Rabbiner Hoffman benutzte die Gelegenheit „eine durch ihre Versöhnlichkeit ausgezeichnete Predigt" zu halten. Trotz der Meinungsverschiedenheiten scheint die bauliche Veränderung der überwiegenden Mehrzahl der Beter zugesagt zu haben. Der Bericht der neutralen IZfO wirkt geradezu überschwenglich. „(...) der neue Almemor in der Mitte des imposanten Raumes gab dieser (der Synagoge) wieder den Anstrich und das Wesen einer solchen alten jüdischen „Schul", in der unsere Vorväter geweint und gebetet haben." Vom Gitter ist zwar nicht die Rede, aber die Empore war, den Vorschriften gemäss, erhöht worden, wie ich aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen kann. Es zeugt für das „gute Einvernehmen der beiden jüdischen Richtungen" in der Breslauer Einheitsgemeinde, dass an der Einweihungsfeier ausser dem Rabbiner des Jüdisch- Theologischen Seminars der liberale Gemeinderabbiner Hermann Vogelstein (1870—1942) teilnahm. Für den inneren Frieden der „Storch"-Gemeinde dürfte es von symbolischer Bedeutung gewesen sein, dass der erste, vom neuen Almemor verlesene Toraabschnitt folgenden Vers enthielt (4. Buch Moses, 7.1): „Und es geschah am Tag als Moses endete die Wohnung (das Stiftszelt) zu erstellen", gleichsam auf die von Rabbiner Moses Hoffmann nach seinen Angaben erfolgte Herstellung des Gotteshauses anspielend. Diesem Vers aber gehen die Worte des Priestersegens voraus, die gleichsam an die Gemeinde gerichtet, lauten (6,26): „Wende Er sein Antlitz Dir zu und gebe Dir Frieden." Der Streit um „Almemor und Gitter" hatte sein Ende gefunden — die Einheit der Gemeinde war wiederhergestellt. (Menora 5, Jahrbuch für Deutsch-Jüdische Geschichte, 1994) 17