Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 60 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/7506414-7411745-7489727--192-7411759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erinnerung an David Kempner (ZUM 100. TODESTAG DES BRESLAUER STADVERORDNETEN UND SCHRIFTSTELLERS) Wenn in einem Gespräch über Wroclaw/ Breslau der Name Kempner fällt, so wird manchem die „schlesische Nachtigal" Friederike Kempner einfallen, die aufgrund ihrer Gedichte als „Genie der unfreiwilligen Komik" in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Von der Familie Friederikes aber wird nur den wenigsten etwas bekannt sein. Allenfalls weiss man zu berichten, dass die Verwandten, um ihren guten Ruf bangend, jede neue Auflage der Gedichte aufkaufte und damit unfreiwillig die Nachfrage gesteigert haben sollen — doch dazu später. Wir wollen heute David Kempners gedenken, eines Bruders der Friederike Kempner, dessen 100. Todestag in diesem Jahr zu begehen ist. Heute Ist sein Name vergessen, im Breslau des letzten Jahrhunderts jedoch genoss er allseits hohes Ansehen — wohl im Gegensatz zu seiner berühmteren, aber doch umstrittenen Schwester. David Kempner wurde am 29. Dezember 1820, in dem bei Kempen gelegenen Dorf Opatow, in der preussischen Provinz Posen geooren. Sein Vater Joachim, Sohn des Kempner Weinhändlers und Oberhauptes der jüdischen Gemeinde, Reb Leib Kempner, war Pächter auf Gütern des Grafen Maltzahn; die Mutter Marie entstammte aus der Wiener Bankiersfamilie Aschkenasy. David folgten noch vier Geschwister: Luise, Friederike (1828— 1904), Helene (1840—?) und Isidor (1830— 1906), Erzogen wurde er von Hauslehrern und von seiner Mutter, einer hochgebildeten und an den Prinizpien der französischen Aufklärung orientierten, dabei tieffrommen, wa-mherzioen und philanthropisch tätiqen Frau. Im Jahr 1844 siedelten die Kempners ins nahe geieqene Droschkau um, wo Vater Joachim ein Ritteraut hatte erwerben können. Drosrhkau aber laa schon in der Provinz Schlesien, wo die Emanzipationsqesetzgebung der jüdischen Familie wesentlich günstiqere Bedinpunnen bot, als dies im rückständigen Posen der Fall war. Vierundzwanzigjährig veröffentlichte David Kempner sein -Erstlingswerk, den Roman „Alexander Willigen. Ein Charaktergemälde neuerer Zeit", der den Leser in das napoleonische Europa zurückführt. Das Werk weckt Interesse nicht allein durch seine für die Zeit typische Mischung von Napoleon-Verehrung, preussischem Patriotismus und aufgeklärter Antikriegshaltung, sondern auch durch ein eindeutiges Votum für die völlige rechtliche Gleichstellung der deutsch-jüdischen Bevölkerung ohne den Zwang zur religiösen und kulturellen Aufgabe ihrer jüdischen Identität. Kempner liess den Roman erscheinen, ohne sich als den Verfasser erkennen zu geben — vielleicht als eine Art „Testballon" des noch jugendlichen Autors, vielleicht auch als Schutzmassnahme vor Anfeindungen angesichts der liberalen und dezidiert proemanzipatorischen Ha'tunq des Werkes. Die in der Litemtur über Friederike Kempner nelegentlich geäusserte Vermutung, Bruder David habe anonym publiziert, da er s;ch seiner Schwester schämte, trifft sicher nicht zu; alle seine späteren Werke e-schienen unter seinem vollständigen Namen. Von SEBASTIAN PRÜFER Für Eilinor Fiebelmann Ein Jahr darauf erschütterte eine revolutionäre Welle das Europa der Restauration, die im März 1848 auch Breslau erfasste. Viele Juden in Deutschland verbanden mit der Revolution die Hoffnung auf ihre vollständige staatsbürgerliche und bürgerliche Emanzipation. Auch von David Kempner wurden die zu erwartenden Reformen enthusiastisch begrüsst, wie aus seinem einzigen erhaltenen Autograph, einem Schreiben an den neu eingesetzten liberalen preussischen Ministerpräswg&irM s&s J§B8I sidenten Camphausen vom 5. Mai 1848 hervorgeht. Gleich zu Beginn heisst es dort: „Exzellenz! Die grossartige Umwälzung im Stande, die Ernennung gewissenhafter, populairer Männer zu verantwortlichen Ministern, berechtigen zu der Hoffnung, dass die nun besser berathene Reg'erung, gestützt auf das Vertrauen eines freien Volkes, ihre hohe Aufgabe, für die Sicheiheit und Woh'rhat desselben Sorge zu fragen, lösen werde." — Erwähnt sei hier, dass das Ziel des umfangreichen Schreibens darin bestand, die preussische Regierung zu Massnahmen gegen das Lebendigbegrabenwerden zu bewegen, ein Anliegen, das Davids Schwester Friederike mit Leidenschaft ihr Leben lang verfolgte. Die entsprechenden Passagen hat sie ihrem Bruder wohl in die Feder diktiert — ein erstes Indiz dafür, dass David, wie auch die anderen Familienmitgl'eder solidarisch zu ihrer bemerkenswerten Anverwandten standen. Die hohen Erwartungen, mit denen ein breites Publikum der Revolution geqenübertra+, wurden bekanntlich rasch zunichte oema^ht. Inwieweit Dav;d Kemoner aktiv an den Ereionissen teilnahm, ist unbekannt: überliefert ist iedoch, dass er einem verfobten Freund nach dem Scheitern der Revolution Obdach auf Gut Droschkau gewährte, bevor jenem schliesslich doch der Prozess gemacht wurde. Später äusserte Kempner die Überzeugung, die Revolution sei nicht nur an der Beharrungskraft der Restaurationsmächte, sondern auch an den „vielen Phrasen" gescheitert, worunter er bestimmte soziale Forderungen, wie die „Garantie der Arbeit", aber auch den Sozialismus insgesamt verstand. Hier wird deutlich, wie prägend die Ereignisse von 1848/49 für das politisches Welbtild dieses Mannes, der schliesslich eine Heimat im linksbürgerlichen Lager fand, wirken sollten „Briefe aus Helgoland" von David Kempner wurden zwar erst 1900 veröffentlicht, ihre Entstehung lässt sich aber präzise auf das Jahr 1853 datieren. Die sieben Briefe wurden während einer Sommerfrische auf der Insel Helgoland wahrscheinlich an Kempners spätere Frau Laura geschrieben und geben auch Einblicke in sein politisches Denken. So spricht der spätere Stadtverordnete sich entschieden für die soziale Verpflichtung des Staates gegenüber den in der ersten Industrialisierungswelle Proletarisierten aus, was damals durchaus keine Selbstverständlichkeit war. David Kempner engagierte sich in dieser Zeit selbst in einem Komitee zur Sammlung für die notleidenden schlesischen Weber. Ein Apercu an anderer Stelle gibt uns Auskunft über seine Einstellung zur Gesellschaft der Reaktionszeit in den 1850er Jahren, eine Epoche, die er als „Sieg des Despotismus" empfand. „Es ist mir hier die Betrachtung aufgestiegen, welche Herrschaft vorzuziehen sei: die Aristokratie der Geburt oder die Aristokratie des Reichtums, und wenn ich nun auch b dem Siege der letzteren den socialen Fortschritt als Übergangspunkt anerkennen muss,, also mich unbedingt für letzteren entscheiden würde, so muss ich doch zugeben, dass in geselliger Beziehung der Geburtsaristokrat mir viel lieber als der Geldaristokrat ist, denn ist er mitunter auch nur eingebildet, so ist er doch der Mensch, der an die Macht des Gefühls und des Gedankens glaubt, verdankt er doch der .Macht der Erinnerung seine Stellung. Aber der Geldmensch beugt sich nur vor der Macht der Thatsachen, Gedanken sind bei ihm Chimäre, Gefühl, Lächerlichkeit, er glaubt nur sn die Macht der Thatsachen, an die Realität des Kurszettels. Wo nun, wie jetzt in den meisten Staaten Europas, beide in der Alleinherrschaft ihren Triumph feiern, ist die Regierungsform gewiss die allerschlechteste." Wenig später heiratete David Kempner die in Inowraclaw/Hohensalza geborene Laura Wolffsohn (1835—1907), deren Familie ebenfalls von Posen nach Schlesien übergesiedelt war. In den folgenden Jahren wurden ihnen drei Kinder geboren: Georg (geb. 1855), Karl (qeb. 1858) und Luise (geb. 1861). Wohl in diesen Jahren kaufte Kempner auch ein eiqenes Gut, Klein-Ulbersdorf, das er als Landwirt bewirtschaftete, während Breslau zum eigentlichen Wohnsitz der Familie wurde. Von den zahlreichen Aktivitäten, die der niederschlesische Gutsbesitzer und Literat in der Oderstadt entfaltete, ist an erster Stelle (Fortsetzung auf Seite 15) 14