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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1996-01-01 · No. 60 (1996) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1996
Issue
No. 60 (1996)
Date
1996-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Die Naziepoche im Spiegel der Jugendliteratur im Nachkriegsdeutschland (ln Anlehnung an einen Vortrag von Professor ZOHAR SHAVIT: „Aus Kindermund: Historisches Bewusstsein und Nationaler Diskurs in Deutschland nach 1945"; Vortrag gehalten im Rahmen des Wissenschaftlichen Symposiums: Die Darstellung des dritten Reiches in deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur 1945—1995, Humboldt Universität zu Berlin lnstitut für deutsche Literatur, 19.21.5.95). Von M. E. HAUSCHNER Frau Professor Zohar Shavit ist Dozentin für Kulturforschung — Schwerpunkt Kinderliteratur — an der Tel-Aviver Universität. Im Rahmen ihrer Forschungen gelangte sie auch nach Deutschland und stiess dort auf Kinder- und-Jugendliteratur welche sich mit der Naziepoche in Deutschland befasste. Der obengenannte Vortrag ist die Schlussfolgerung ihrer Forschungen auf diesem Gebiet. Ihrer Meinung nach zeichnen sich Kinderbücher in Deutschland als fortschrittlich aus, auch wenn umstrittene Themen behandelt werden, welche sich auch gegen das Establishment richten. Nur wenn es sich um die Naziepoche, die Judenverfolgungen und den Holocaust handelt, gibt es plötzlich ein allgemeines Einverständnis; oder mit den Worten von Prof. Shavit ausgedrückt: „Die deutsche Kinderliteratur ist als provokativ und mutig bekannt, und als solche dient sie in anderen westlichen Ländern als Vorbild. In allem aber was das Dritte Reich angeht, gleichen sich die Bücher sehr: kennst du eines, so kennst du alle. Wie auch andere Texte geben sie ein Bild des Dritten Reiches, das darauf ausgerichtet ist, die erwünschte Vorstellung der deutschen Geschichte, über die Konsens herrscht, zu bestätigen. Die Bücher, die ein Bild des Dritten Reiches zeichnen, mit dem es sich gut leben lässt, geben damit einer untergründigen gesellschaftlichen Forderung statt: sie nehmen an der Bemühung teil, die Deutschen von der Geschichte des Dritten Reiches und der Shoah zu reinigen." (Die Betonung der verschiedenen Stellen ist von mir — M.E.H.). Die Ausführungen der Autorin basieren auf der Analyse von 12 Kinderbüchern, welche in Auflagen von zehntausenden und hunderttausenden verkauft werden. Viele von ihnen erhielten angesehene Preise und werden auch in Schulen gelesen. In der Hauptsache bezieht sich ihre Analyse auf das Buch „Damals war es Friedrich" von Hans Peter Richter, welches eine Auflage in Millionenhöhe hat und auch in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Wenn man diese Bücher liest, bekommt man den Eindruck, dass Deutschland das Opfer der Nazis ist, die die deutschen Bürger und dabei auch Juden unterdrückt haben. Prof. Shavit schreibt: „Die Beschreibung der sich quälenden und leidenden Deutschen als Opfer des Dritten Reiches ist detailreich und rührend. Die Taten der Nazis werden gefiltert: die Beschreibung der entsetzlichen Ereignisse dieser Zeit wird zensiert und abgemildert, während angenehme, aber zweitrangige Vorkommnisse überdimensioniert werden, sehr weit über ihre tatsächliche Bedeutung hinaus". In diesen Büchern wird der Widerstand gegen das Naziregime hervorgehoben, wie auch die Hilfe die die Deutschen den Juden geleistet haben. Hier ist wohl „der Wunsch der Vater des Gedankens". Wie wir wissen— und alle historischen Forschungen haben das bewiesen — gab es keine nennenswerte Widerstandsbewegung in Deutschland. Ausser hier und da eine kleine Gruppe oder einzelne Menschen, welche überhaupt keinen Einfluss hatten. Der Verfasser des Buches „Damals war es Friedrich", Hans Peter Richter ist 1925 geboren. D.h. er hat in seiner Jugend das Naziregime erlebt. Aber auch in seinem Buch, sowie in den meisten anderen Büchern gibt es keine Konzentrationslager für Juden. Von den Pogromen im November 1938 wird nur vom Hörensagen berichtet. Es waren einige Krawalle auf den Strassen. Nichts über die Verbrennung und Schändung von Synagogen, jüdischer Geschäfte und Fabriken. Nichts über die Verhaftung von jüdischen Menschen und ihre Inhaftierung in Konzentrationslagern. Und mit den Worten von Frau Prof. Shavit: „In Bezug auf das, was die selektive Auswahl von Ereignissen und Figuren angeht, scheint auf den ersten Blick, dass alle wesentlichen historischen Ereignisse und alle zentralen Figuren auftreten: die Nazis, Hitler, die Judenverfolgungen, die Züge, der Krieg, der Terror durch die Besatzer, der Hunger. Es scheint, als kämen sogar die Konzentrationslager vor und gäben dem historischen Panorama den Anstrich von Glaubwürdigkeit. Doch dieses historische Material wird auf höchst manipulative Weise verarbeitet, und zwar in der Hauptsache durch folgende Mittel: die falsche Verödung von Elementen; das Ziehen fiktiver zeitlicher und geographischer Grenzen; das Schaffen einer Opposition von Nazis und Pseudo- Nazis; antisemitische und philosemitische Beschreibungen der Juden, die das Verhalten der als Pseudo-Nazis charakterisierten Deutschen rechtfertigen: all diese Mittel werden eingesetzt, um die Deutschen als Opfer des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges darzustellen." Diese Bücher, welche von Selbstmitleid der Deutschen triefen, verkleinern bewusst das grosse Leid der Juden und erwähnen nicht einmal die Vernichtung der Juden in den Gaskammern und Konzentrationslagern. Nach dem Inhalt dieser Bücher wurde der Tod von Juden durch die Bombardierung der Alliierten und Selbstmord von Juden verursacht. Warum es soviele Fälle von Selbstmord jüdischer Menschen gab, blebt ohne Antwort. Nur in dem Buch „Stern ohne Himmel" von Leonie Ossowski wird nebenbei auch erwähnt, dass 8,000 Juden im Gas vernichtet wurden. Prof. Shavit stellt fest, dass dies das einzige Buch ist welches eine Beziehung zwischen Konzentrationslagern und Judenvernichtung herstellt. Was wird in diesen Büchern hervorgehoben? Die Flucht der in der Tschechei, Böhmen und Schlesien ansässigen Deutschen sind ein beliebtes Thema in diesen Büchern. Dort werden Übergangslager geschildert in welche diese Flüchtlinge geschickt wurden. Die Beschreibung dieser Lager erinnert in allem an die Schilderung eines Konzentrationslagers. Nur dass es sich hier nicht um gequälte Juden sondern um Deutsche handelt. Und in Worten von Prof. Shavit: „Und aus den Büchern ergibt sich folgende Rekonstruktion: Es gab einen schrecklichen Krieg, und die Deutschen haben deswegen sehr gelitten. Sie hatten nichts zu essen, und häufig mussten sie ihre Häuser verlassen. Hitler selbst, und nur er, ist am Krieg schuld, denn in Wirklichkeit wollte ihn keiner der Deutschen. Die meisten Deutschen waren gegen Hitler, sie liebten die Juden und haben sich gemeinsam bemüht, sie vor diesem Verbrecher zu retten. Die Juden in Deutschland haben nicht wegen der Feindseligkeit der Deutschen gelitten, son dem wegen eines unerwarteten Einfalles feindlicher Kräfte in Deutschland, und das, obwohl die Deutschen sich bemüht haben, die Juden vor diesem Überfall zu schützen. Nachdem Hitler seine bösen Taten in Deutschland vollbracht hat, ist er von der Bildfläche verschwunden und hat damit den Deutschen erlaubt, zu den guten Tagen von vor 1933 zurückzukehren." Was das deutsche Militär, die Gestapo und die SS in den von Deutschland besetzten Gebieten taten — „darüber schweigt des Sängers Höflichkeit". Dagegen wird mit Übertreibung über die Besetzungsarmee der Aliierten in Deutschland nach 1945, und besonders der russischen Armee geschrieben. Wenn man das Kapitel über antisemitische und philosemitische Darstellungen der Juden liest, muss man zu dem Schluss kommen, dass hier der Philosemitismus ein verkappter Antisemitismus ist. In dem Buch „Damals war es Friedrich" sprich; der Lehrer in seiner Klasse über die „Kreuzigung Jesu durch die Juden" (eine historische Verfälschung da es doch der römische Statthalter Pontius Pilatus war). So stellt der Lehrer den Antisemitismus als eine lange Tradition dar welche bis zu den Zeiten der Römer zurück reicht und ihn so in ein universales Phänomen verwandelt. Die Deutschen sind also nach der Auffassung der Verfasser dieser Kinderbücher ein Teil von einer gemeinsamen Tradition des Judenhasses. Über die Verfolgung der Juden durch die Nazis und ihre Vernichtung in Gaskammern und Konzentrationslagern gerade durch Deutsche und ihre Handlanger wird geschwiegen. Wenn auch in einigen Fällen zunächst die jüdische Begabung in philosemitischen Begriffen geschildert wird: „Eines Fortsetzung auf Seite 11) 10

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