Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 60 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHES LEBEN UND WIRKEN IN SCHLESIEN (Fortsetzung von Seite 6) lengrosshändlers Emanuel Friedländer, der die erste schlesische 'Kohlengrosshandlung, die Firma Emanuel Friedländer & Co., in Beuthen gründete, denn WoIIheim begann seine Tätigkeit als Repräsentant Friedländers in Berlin. Nachdem er die dortigen Marktverhältnisse kennengelernt hatte, gründete er eine eigene Firma. Unter der Betreuung durch Eduard Arnhold entwickelte sie sich zu einer Massstäbe setzenden Grosshandlung. Als WoIIheim 1885 starb, wurde Arnhold Inhaber und Leiter des Handelsunternehmens WoIIheim. Die Firmen Emanuel Friedländer und Caeser WoIIheim waren die unbestrittenen Beherrscher des schlesischen Steinkohlehandels. Ihre Grösse und Bedeutung im Jahre 1929 verdeutlichen die folgenden Hinweise: Die Rhederei Caesar WoIIheim, Breslau, betrieb Kohlen, und Güterverkehr auf Oder und Elbe, ebenso auf den benachbarten Wasserstrassen und dem Klodnitz-Kanal. In Gleiwitz verfügte sie über eigene Umschlagstellen für Oberschlesisn und die sich daran anschliessenden Räume. Ihr Fuhrpark umfasste 9 Schleppdamp. fer, 98 'Kähne, 3 Motorkähne und einen Bergungsdampfer. — Die „Dampfschiffs-Rhederei Emanuel Friedländer & Co.“, ebenfalls in Breslau ansässig, betrieb Güterverkehr in Massen- und Stückgut- Transporten durch grossen eigenen Schiffspark von Dampfern und Kähnen von und nach allen Stationen der Oder, märkischen Wasserstrassen und Elbe. Ferner unterhielt sie einen „regelmäs. sigefn) Eil-Motorschiffs-Dienst Breslau—Berlin— Hamburg und in umgekehrter Richtung." Zu Zarkau bei Glogau besass sie eine eigene Schiffswerft. Geschäftsstellen hatte das Handelsunternehmen in Hamburg, Stettin, Berlin, Cosel-Oderhafen sowie in Fürstenberg an der Elbe. Wie die Mehrzahl der bereits genannten jüdischen Unternehmer, so war auch Caesar Wollheim weitgehend in die preussische Oberschicht integriert. Zu den auffälligsten Merkmalen dieser Schicht gehörten Rittergutsbesitz, Reserveoffizier in einem der feudalen Regimenter, Mitglied eines exklusiven Korps oder Klubs sowie Träger von mancherlei Titeln und Orden, von den höchsten “Weihen“, dem Adelsprädikat und der Mitgliedschaft im Herrenhaus, einmal abgesehen. Hinzu, weisen’ gilt es auch darauf, dass vor dem 1. Weltkrieg eine beträchtliche Anzahl jüdischer Unternehmer ein beeindruckendes gesellschaftliches Leben1 in einem anspruchsvollen Umfeld entfaltete. So stiftete Fritz Friedländer das Fideikommiss Gross. Gorschütz im Kreis Ratibor. In der Reichshaupt, stadt besass er ein Palais am Pariser Platz, das der Baumeister Ernst von Ihne erbaut hatte, mit einem eindrucksvollen Partio in Marmor, ausserdem Säulengängen und Rundbögen, an deren Gestaltung Alfred Breslauer, ein Schüler des bedeutenden Baumeisters Alfred Messel, mitgewirkt hatte. Vom Grafen Wilhelm von Reden pachtete Friedländer das im Norden Berlins gelegene Rittergut Lanke. Nach seiner Nobilitierung im Jahre 1906 nannte er sich Friedländet-Fuld, damit seinem eigenen Namen den seiner Frau Milly, die aus dem Amsterdamer Bankhaus Becker & Fuld stammte, hinzufügend. Neben dem produzierendem Gewerbe und dem Handel gehört das Bankwesen zu den Betätigungsfeldern, auf denen schlesische Juden besonders intensiv und erfolgreich wirkten. Dazu boten sich vor allem seit dem Beginn des IndustrialisI erungsprozesses in der Provinz Schlesien besonders gute Ghancen, denn der Kapitalbedarf der Unternehmen war ausserordentlich gross, ebenfalls die Investitionen für die Um- und Neugestaltung der Infrastruktur bzw. für den Ausbau der Wasserstrassen sowie das Strassen- und Schienennetz. Kennzeichnend war für die schlesischen Privat, banken zunächst, dass sie ihre Aktivitäten insbesondere auf das Warenkommissions- und Speditionsgeschäft, weniger hingegen auf das Bankge. schäft konzentrierten. Angesichts der Bedeutung, die dem Leinwand- und Wollmarkt zukam, spielte der Handel mit diesen Produkten eine erhebliche Rolle. Dabei stand Breslau als der wichtigste Umschlagplatz für Leinen und Wolle eindeutig im Vor. dergrund. Folglich begann das 1819 in der schle. sischen Metropole durch Ernst Heimann gegründete jüdische Bankaus E. Heimann seine Aktivitäten mit Geld- und Wechsel- sowie mit Textil- und Zinkgeschäften. Ein . erheblicher Teil seiner Tätigkeiten ergab sich aus dem Effektenkommissionsgeschäft. Zu einer wesentlichen Erweiterung der Bankgeschäfte führte seit den 40er Jahren der Eisenbahnbau, denn Heimann war in erheblichem Um. fang an der Finanzierung von Eisenbahngesell, schäften beteligt. Sie erfolgte unter der Leitung von Ernst Heimanns Sohn Heinrich, der den massgebenden Persönlichkeiten des Breslauer Wirtschaftslebens im 19. Jahrhundert zuzurechnen ist. Zunächst beteiligte sich Heinrich Heimann an der Finanzierung der Oberschlesischen Eisenbahn, de. ren Entstehung er von Anfang an begleitete. Auch an der bedeutenden Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn war er finanziell engagiert, von seinen sonstigen Engagements beim Eisenbahnbau einmal abgesehen. Heinrich Heimanns Aktivitäten als Bankier lässt auch die Tatsache deutlich werden, dass er österreichische Bankaktien an der Breslauer Börse einführte und den Breslauer Börsen- und Aktienverein ins Leben rief. Ausserdem war er bei der Gründung bedeutender Industrieunter, nehmen engagiert, darunter die “Vereinigte Königs- und Laurahütte A. G.“ sowie die “Hohenlohe A. G.“ im oberochlesischen Industrierevier. Über die genannten Engagements hinaus war das Bankhaus Heimann an einer Vielzahl schlesischer Unternehmen beteligt, darunter so ausgefallene wie die der in Freiburg, Silberberg und Glogau an. sässigen Uhrenindustrie. Eine erhebliche Erweiterung erfuhr das Bankhaus seit dem beginnenden 20. Jahrhundert. Im Verlauf dieses Prozesses gliederte es sich 1910 das ebenfalls in Breslau ansässige Geldinstitut Dobersch & Bielschowsky an. Nach dem 1. Weltkrieg — 1920 — erfolgte die Gründung einer Niederlassung in Danzig. Mit dem Bankhaus E. Heimann trat zum erstenmal ein von der Leistungsfähigkeit her betrachtet annähernd gleichrangiges Unternehmen neben Eichborn & Co., das bis dahin unangefochten führende Geldhaus Schlesiens. Von dem herausragenden Bankhaus Heimann abgesehen, arbeitete in Schlesien, vor allem in Breslau, eine beträchtliche Zahl jüdischer Geldinstitute, die von zum Teile bemerkenswerter, lokaler und regionaler Bedeutung waren. Von Dobersch & Bielschowsky abgesehen, seien erwähnt die Geldhäuser Hepner & Co. in Beuthen, Luis Pollack (später S. Steinfeld) in Liegnitz, Moritz Sachs in Breslau bzw. die Breslauer Wechselbank, der Schlesische Bankverein zu Breslau sowie Max Perl & Co., ebenfalls in Breslau. Die Betätigungsfelder der schlesischen Juden waren keineswegs nur auf den Handel, das Produktionsgewerbe und das Finanzwesen ausgerichtet. Ein weiterer Sektor, auf dem sie sich zahlreich und erfolgreich engagierten, war die Wissenschaft. Und nicht genug damit, dass der Tätig, keit im Distributions., Produktions, und Finanzbereich häufig eine akademische Ausbildung vorausgegangen war, :in beträchtlicher Zahl verschrieben sich Angehörige des schlesischen Judentums ganz und gar der Wissenschaft. Voraussetzung hierfür war das ausgeprägte Interesse an der Bildung und am Fortschritt der Kultur im weitesten Sinne des Wortes sowie an allem Wissenschaftlichen. In dieser Tatsache dokumentiert sich zweifelsfrei ein optimistisches Gesellschaftsbild, das Bildung mit Aufklärung gleichsetzte. In seiner undogmatischen, praktischen und realitätsbezogenen Zielsetzung unterstützte es die Entwicklung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nachdrücklich, denn die auf der Aufklärung und dem Fortschritt inhärente Dialektik war noch nicht zu einem Problembereich geworden. Vielmehr konnte davon ausgegangen werden, dass die zunehmende Naturbe. herrschung und der wachsende gesellschaftliche Wohlstand einander ergänzten, um segensreich für alle gesellschaftliche Schichten und Gruppen zu wirken und gleichzeitig der weiteren Emanzipation der Menschheit Impulse zu geben. Zumal die Juden, die sich noch lebhaft an die diskriminierende Isolation des Ghettos erinnerten, waren von der Aufklärung und der Emanzipation begeistert. Bildung bedeutete für sie die Voraussetzung und Innovative Kraft für die physische und psychische Befreiung der Menschen. Die wesentlich aus dieser Haltung heraus resultierenden wissenschaftlichen Leistungen und ihr Wert, aber auch ihre Wertschätzung, sind von keinem geringeren als Friedrich Nietzsche folgendermassen artikuliert worden: “ Der Himmel erbarme sich des europäischen Verstandes, wenn man den }üdlsehen Verstand davon abziehen wollte.“ Dessen grundsätzliche Leistung dokumentierte sich für ihn in der Durchsetzung des methodischen Denkens, weshalb er formulierte: “Europa ist gerade in Hinsicht auf Logisierung, auf reichlichere Kopfge. wohnheiten den Juden nicht wenig Dank schuldig; voran die Deutschen als eine beklagenswert döraisonable Rasse. Überall, wo Juden zu Einfluss gekommen sind, haben sie feiner zu scheiden, schärfer zu folgern, heller und sauberer zu schreiben gelehrt. Ihre Aufgabe war es immer, ein Volk zur Raison zu bringen."* Eindrucksvollstes Beispiel für das Engagement und den Erfolg Im wirtschaftlichen Bereich sind die aus Schlesien stammenden Nobelpreisträger, denn der Nobelpreis ist die unbestritten renommierteste wissenschaftliche Auszeichnung weltweit. Dabei hat man in Rechnung zu stellen, dass sich die Preisträger aus einer Minderheit der schlesischen Provinz rekrutieren, die mit lediglich 52.682 Personen im Jahre 1880 ihren höchsten Stand erreichte, um sich bis 1910 auf 44.985 und bis 1925 auf 40.022 Personen zurückzubilden. 'Geehrt wurden mit der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Auszeichnung Paul Ehrlich (geb. 14.3.1854 in Strehlen), Fritz Haber (geb. 9.12. 1868 in Breslau), Max Born (geb. 12.12.1882 In Breslau), Otto Stern (geb. 17.2.1888 in Sohrau), Maria Goeppert-Mayer (geb. 28.6.1906 in Kattowitz) und Konrad Bloch (geb. 21.1.1912 in Neisse). Beeindruckend ist ebenfalls die Zahl der aus Schlesien stammenden jüdischen Künstler und Schriftsteller, von denen genannt seien der Maler und Graphiker Johnny Friedländer aus Pless, der Schriftsteller und Publizist Max Tau aus Beuthen, der Komponist Arnold Ludwig Mendelssohn aus (Fortsetzung auf der letzten Seite) * Nietzsche in einem Brief an seine Mutter (Zit. bei Bernhard Guttmann, Das Ende der Zeit, Freiburg/Br. 1948, S. 234). 7