Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 60 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wroclaw: Neues Leben im alten Breslau Man muss als junger Schweizer erst einmal in Polen gewesen sein, sei es in der Metropole Warschau oder etwa im südwestlich gelegenen Wroclaw, dem ehemals schlesischen Breslau, um zu ahnen, in welcher Pracht und in welch geistigem Glanz das europäische Judentum dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts seinen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religiösen Beitrag verleihen konnte. Im Schutthaufen des Holocausts finden sich aller deutscher Gründlichkeit und allem traditionellen polnischen Antisemitismus zum Trotz noch Überreste dieser vor gut 50 Jahren abrupt zu Ende gegangenen Epoche. Die wenigen aus jener Zeit stammenden Gebäude aus dem Warschauer Ghetto, die heute unaufällig zwischen den klotzigen Mietkasernen als Mahnmal an diese Schreckenszeit erinnnern, vermitteln in ihren Treppenhäusern und Hinterhöfen noch heute jenen Hauch von schmerzvoller Agonie und Hoffnung, die die zweieinhalb Ghettojahre in Warschau geprägt haben müssen, bevor die sogenannte Endlösung in den Vernichtungslagern auch diesem letzten Bangen ein jähes Ende bereitete. Ein Gang durch den Friedhof Wroclaws vermittelt ein Bild von diametraler Sichtweise: einerseits prunkvolle Grabmäler, noch bis in die frühen 30er Jahre datiert, die ein Abglanz jener gutbürgerlichen, emanzipiert jüdisch-deutschen Koexistenz wiedergeben, und andererseits dieselben Grabmäler, die einst von den Nazis und dann, von den Kommunisten geschändet, zerbrochen darniederliegen — ein Geschichtsunterricht am Ende des 20. Jahrhunderts, wie er intensiver nicht erlebt werden könnte. Und so finden sich heute zahlreiche Zeitdokumente, die sich für den Besucher zu einem Mosaik zusammenfügen lassen, das eine stolze und traurige Vergangenheit aufleben lässt. Vergangenen Schawuot bot sich uns die Gelegenheit, zwar unter dem starken Eindrücke dieser unermesslichen Vergangenheit, am gegenwärtigen jüdischen Leben in Polen teilzunehmen. Nachdem die polnische Perestroika auch den Juden die Religionsfreiheit wieder ermöglicht, entwickelt sich in ungeahntem Ausmasse ein totgeglaubtes polnisches jüdisches Bewusstsein, das sich uns sehr eindrücklich in der jüdischen Gemeinde Wroclaws offenbarte. Diese „Gemina" legt unter den Trümmern nationalsozialistischer und kommunistischer Schreckensherrschaften verschüttetes jüdisches Leben frei und besitzt eine starke Ausstrahlungkraft. Allerdings beschränkt sich das Gemeindeleben zahlenmässig nur auf mehrere Dutzend Seelen. Es ist jedoch die Herausforderung aller polnischen Gemeinden, Juden und ihre Nachkommen, die in den letzten zwei Generationen in Polen untergetaucht sind (inoffiziell werden heute 15 000 Juden in Polen vermutet) am Gemeindeleben wieder teilhaben zu lassen. Verdienst der Breslauer Gemeindeführung ist es, die Jugend in den G'ttesdienst zu integrieren und sie an den überlieferten Traditionen teilhaben zu lassen. Andererseits beleben die Jugendlichen, die sich oft lediglich auf einen jüdischen Elternteil oder jüdische Grosseltern beziehen können, das Gemeinde- Von PHILIPPE BOLLAG-DREIFUSS leben mit Begeisterüng und Konsequenz für praktiziertes religiöses Leben. Gerade unter diesen „Breslauer Chassidim" ist ein tiefer Drang zu verspüren, den Anschluss an heutiges jüdisches Leben dort und jetzt zu finden. Echte Gastfreundschaft konnten nicht nur wir in dieser warmen kleinen Gemeinde erleben. Ein auf Arbeitssuche in Polen gestrandeter junger jüdischer mittelloser Ukrainer wurde von dieser selbst mittellosen Gemeinde ohne Zögern mit Obdach und Verpflegung versorgt. Schawuot im 700 km entfernten Wroclaw hatte diesmal eher einen Duft nach einer Laubhütte als nach frischen Blumensträussen. Denn anstatt des obligaten Blumenschmuckes, der in unseren Synagogen an diesem Feiertag jeweils hängt, behalfen sich die Breslauer Juden mit einfachem Laub zur Beschmückung. Wir verbrachten inmitten trauriger Erinnerung an eine ausgelöschte jüdische Welt einen freudigen Schawuot mit den heutigen Breslauer Juden. Persönliche Kontakte zu dieser und anderen polnischer Gemeinden (diesen Schawuot wurde erstmals wieder ein Minjan in Gdansk (Danzig) abgehalten) vermitteln den polnischen Juden, die es sich nach der neu errungenen Religionsfreiheit nicht leicht machen, ein Zeichen der Zugehörigkeit zum heutigen Judentum und zum Judentum unserer Breitengrade. (Israelitisches Wochenblatt/Nr. 25) Einiges über die jetzige Gemeinde Wroclaw (Breslau) Unser Verband erhielt von Herrn Jerzy Kichler, Vorsteher der jetzigen jüdischen Gemeinde Wroclaw, folgenden Bericht über die Tätigkeit der Ge. meinde. Anfangs 1994 gab es über 40 formale Mitglieder der Gemeinde und über 100 Familien standen mit ihr In Verbindung. Jetzt zählt die Gemeinde über 150 formale Mitglieder und über 300 Familien’ kommen zu verschiedenen Veran. staitungen im Rahmen der Gemeinde. Die Gemeinde erhielt von dem German-Polish Cooperation 10,000 USD für historische Forschungen und notwendige Piänefür Friedhof Cosel. Es exisiiert eine Liste von allen vorhandenen (Fortsetzung auf Seite 5) Gemeindehaus und Wochentags- Synagoge (Storch) 4