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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1990-01-01 · No. 54 (1990) · p. Seite 19

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1990
Issue
No. 54 (1990)
Date
1990-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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FESTE DEUTSCHER JUDEN IN ALTER ZEIT Wir sprechen von Ghetto und Mitteialter und denken dabei an Leiden und Verfolgungen, enge Stuben, finstere Gassen und abgehaermte, verängstigte Menschen. Wer tiefer in die Dinge hineinsieht, und die Ghettowelt in der Gesamtheit ihrer Lebensaeusserungen betrachtet, bemerkt, dass keineswegs der Schimmer der Freude in ihr erloschen war. Man liess das truebe Geschehen nicht ganz die Seele ueberziehen. Irgendwo war ein verborgener Winkel, in den die Verzweiflung nicht eindrang, eine kleine, uneinnehmbare Festung, in der die helle Lebensfreude sich hielt und ihre Ausfaelle machte. Die Art, wie die Alten sich vergnuegten, mag uns heute mehr als bescheiden Vorkommen. An leidvolles gewoehnt und fast wunschlos dem Leben gegenueber, hatten sie die Faehigkeit, den Genuss- und Erbauungsgehalt von dem, was ihnen zur Ergoetzung diente, restlos auszuschoepfen. Waere hier im Erscheinungsmaessigen in der “Aufmachung" zuviel getan worden, so waere es um die Wirkung geschehen gewesen. Das Gedaempfte, Zurueckhaltende, das, durch aeussere Verhaeltnisse veranlasst, in den Vergnuegungen der mittelalterlichen Juden vorwaltete, war also gradezu die Bedingung fuer die Wirkung der inneren Erhebung und Befreiung, auf die es ankam. Was war es nun, womit man sich die Zeit vertrieb, sich seelisch entlastete? Da 'wird ein Spiel mit Eiern und eins mit Nuessen genannt, denen namentlich die Weiblichkeit huldigte. Da galt es, eine Nuss so geschickt zu kugeln, dass von einem Nusshaufen oder aus einer bestimmten Weise aufgestellten Ordnung moeglichst viele getroffen wurden. Auch ein Drehspiel mit einem Messer wird erwaehnt. Je nachdem die Scheide oder der Stiel zu liegen kam, war man Gewinner oder Verlierer. Meir FAERBER: BANALE BALLADE*) Er war in grosser Stadt ein kleiner Mann als plötzlich seine Unglückszeit begann. Er hatte still, bescheiden angefangen, war treu und ruhig seinen Weg gegangen. Er hatte, was er brauchte, war zufrieden mit dem, was ihm die Vorsehung beschieden und weder Ambitionen noch Beschwerden hatte der kleine Mann auf dieser Erden, da er ein für ihn passend Plätzchen fand im guten Durchschnitt und im Mittelstand. Da stülpte sich das Unglück über ihn und alles, was er hatte, war dahin. Er wusste nicht, womit er sich versündigt und ward auf seinem Arbeitsplatz gekündigt. Das Recht auf seine Wohnung war verloren, als wäre er nicht hier am Ort geboren. Es konnte gar nicht ärger, böser sein, er blieb verfemt, verlassen und allein — nur weil er Jude war im deutschen Land, das plötzlich unter andrer Führung stand. Des kleinen Manns Geschichte war bald aus. Man warf aus seinem Lande ihn hinaus, hat in den Osten weit ihn deportiert und dort ermordet und dann auch kremiert. *) Aus Meir Faerbers Gedichte-Band 'WORTE'. Wer an solchen Gluecks- und Geschicklichkeitsspielen kein Vergnuegen fand, mochte sich bei den Karten oder beim edlen Schachspiel zerstreuen, wiewohl die religionsgesetzlichen Autoritaeten manche Einwendungen gegen diese Spiele hatten... Sie wollten nicht, dass die Beschaeftigung mit ihnen zur Leidenschaft werde und die Menschen von nuetzlicher Taetigkeit abhielt. Der Charakter freundespendender Abwechslung durfte nicht verloren gehen. Namentlich in Kreisen der Jugend erfreuten sich Raetselspiele grosser Beliebtheit. Bei einem handelte es sich darum, ein hebraeisches Wort zu erraten, dessen Buchstaben vom Raetselsteller vertauscht oder sonstwie veraendert worden waren. Oder jemand sagte einen Bibelspruch, worauf ein zweiter mit einem Spruch fortfahren musste, dessen erstes Wort mit dem letzten Wort des vorigen uebereinstimmte, und so fort durch die ganze Gesellschaft. Die Schwere der Zeit konnte die Lust auch an grösseren Festen und Vergnuegungen nicht nehmen, fuer die in groesseren Judengemeinden das Tanzhaus zur Verfuegung stand. Besonders zu Purim und auf Flochzeiten ging es lustig her. Dabei kam auch die Dramatik zu ihrem Recht, zumal wohl am Purim. Die das Fest beherrschende frohe Erregtheit, die Nachsicht der Rabbiner, die an diesem Tag die Verkleidung zuliessen, dann der dramatisch bewegte historische Stoff des Tages selber, das alles wirkte anregend auf die Spiellust, forderte geradezu dramatische Gestaltung. Die Stuecke werden im allgemeinen kaum ueber das Possenhafte und Burleske hinausgekommen sein, denn die deutschen Juden hatten nicht in bezug auf kuenstlerischen Geschmack das Niveau wie etwa die italienischen Juden der gleichen Zeit, die kuenstlerisch ernstzunehmende Dramendichter in ihren Reihen hatten. In ihrer etwas faden und belanglosen Komik, dem derben Realismus in Rede und Handlung, mit den zahlreichen Anspielungen auf lokale Verhaeltnisse und Begebenheiten interessieren sie heute zumeist nur vom kulturgeschichtlichen Standpunkt. Vor mir liegt handschriftlich ein solches Stueck, betitelt “Das Hochzeitsfest von Heichelheim” und nach einem Vermerk auf der Titelseite von einem Augenzeugen herausgegeben. Hier wird lebensnah gezeigt, wie um 1800 eine juedische Hochzeit auf einem hessischen Dorf gefeiert wurde. Weniger sind fuer uns die ziemlich inhaltslosen Couplets und Witzeleien bemerkenswert als das Gesamtmilieu, wie hier die gesamte Dorfgemeinde sich zusammenfindet und an der Festesfreude teilnimmt. Voll Stolz zeigt die Brautmutter allen zum Fest Gekommenen die “Ausstaffierung" der Tochter, den Schulzen nicht ausgenommen, der einen Ehrenplatz beim Mahl erhaelt. Dabei soll auf die Tatsache hingewiesen werden, dass nichtjuedisehe Standespersonen scheinbar gern an juedischen flochzeiten teilgenommen haben, wie uns ja auch die Glueckel von Hameln berichtet, dass peussische Prinzen und viele vornehme Herren der Hochzeit ihrer Tochter beiwohnten und sich dort “traktieren und wohl akkomodieren” Messen. Beim Tanz tut auch die Bauernjugend mit und drollig wird dargestellt, wie mancher Taenzer sich heimlich davonstehlen will, um das Tanzgeld zu sparen, 6 Kreuzer fuer 3 Reigen. Grade bei Hochzeiten ist durch die Enge des mittelalterlichen Daseins gewaltsam zurueckgedraengte Lebensfreude zu elementarem Ausbruch gekommen, und es scheint manchmal mehr getan worden zu sein, als den Frommen lieb war. Durch ein sinnvolles Mittel wusste man die Freude in Schranken zu halten. Die Glueckel berichtet von der eben erwaehnten Clever Hochzeit, dass, nachdem sie Spassmacher ihre Possen gerissen hatten, ein Totentanz zur Darstellung gelangte, der sehr rar war. Und “rar" heisst wohl hier „sinnreich, gehaltvoll". An dem Memento brach sich der ungezuegelte Festesjubel. Es hat seinen sittlichen und historischen Grund. Schon der Talmud erzaehlt, wie ein Gesetzeslehrer bei der Hochzeit seines Sohnes, als die freudige Stimmung den Hoehepunkt erreichte, zum Entsetzen der Gaeste in die Klage ausbrach “Weh uns, dass wir sterben", und darauf ein kostbares Kristallglas an der Wand zerschellte, und vermutlich gehoert die Sitte des Glaszerbrechens bei juedischen Trauungen ihrem Ursprung nach in diesen Vorstellungskreis. So wurde ein Praeventiv geschaffen gegen die bei der Ungeregeltheit und erzwungenen Enge der Lebensform fuer den mittelalterlichen Juden doppelt grosse Gefahr eines Ausbruchs der Stimmung in bacchantische Wirrnis. Eine besondere Freude erwartete noch die Jugend. Nach altem Recht stand ihr eine Art Loesegeld dafuer zu, dass sie den Braeutigam und die Braut aus ihren Reihen entliess. Die Abfindung konnte in bar oder in Naeschereien und dergleichen erfolgen. Um zu verhueten, dass die Jugend in ihren Forderungen zu weit ging und laestig wurde, hatte schon Rabbenu Gerschom im 10. Jahrhundert die Bestimmung getroffen, dass der Braeutigam nicht ueber 6 Denare hinauszugehen brauche. Ob die jungen Leute sich stets an diese Bestimmung hielten, ist mehr als zweifelhaft. Wenigstens lesen wir im Protokollbuch des Barnberger Rabbinats, Eintragung v. Jahre 1678, eine Verordnung, die sich gegen die Masslosigkeit der Forderungen der Jugend wendet und die Abgabe beschraenkt auf 3 Batzen vom ersten Hundert und ein Kopfstueck von jedem weiteren Hundert der beiderseitigen Mitgift. In dem erwaehnten “Hochzeitsfest von Hichelheim" wird auch die Abgabepflicht beruehrt, die allerdings hier sich bloss auf Genussmittel bezieht. Die “Jungen" halten den Braeutigam fest und suchen ihm als Bedingung fuer die Freilassung das Versprechen abzuringen, ihnen 2 Pfund Kaffee und 1 Pfund Konfekt zu ueberlassen. Es kommt zu Verhandlungen. Schliesslich einigt man sich auf 1 Pfund Kaffee und einen Schoppen Branntwein... Rabbiner Dr. Katten, Bamberg (Israelitisches Familienblatt, 11. Mai 1933). J. R. JUTKOWSKI s.A. (Fortsetzung von Seite 18) R. Jisrael Jutkowski war ein Talmid Chacham nicht nur in intellektueller Beziehung, sondern auch als Charakter. Schwere Schicksalsschläge, das vorzeitige Hinscheiden seiner Lebensgefährtin und zweier Söhne, blieben ihm nicht erspart. Er verbarg nicht seinen tiefen Schmerz, aber trug ihn mit Ergebung in G’ttes Willen und mit Würde. Seine Anschauungen, denen er in Wort und Schrift offen Ausdruck gab, zeugten von selbständigem Denken, konsequenter Logik und natürlicher Einsicht. Zugleich aber besass er echte Bescheidenheit und scheute sich nicht, bei Freunden Rat in moralischen und praktischen Fragen zu suchen. Er war jederzeit bereit, anderen zu helfen und gefällig zu sein. Die Pflichten gegen G'tt und die Pflichten gegen den Nebenmenschen waren ihm gleich ernst und gleich heilig. M. F. 19

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