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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1990-01-01 · No. 54 (1990) · p. Seite 17

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1990
Issue
No. 54 (1990)
Date
1990-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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Hebräische Steingravuren vor dem Ohlauer Tor (Fortsetzung von Seite 16) deutschen Städten hat man in den letzten Jahrhunderten beim Abtragen von Rathäusern, Schlössern und Kapellen zahlreiche Totengedenksteine von Juden gefunden und der Wissenschaft übergeben. Bis zum Jahre 1929 hatte man in München 188, in Erfurt 88, in Speyer 38, in Köln 36, in Ulm 224 und in Wien (einschl. Wiener Neustadt) 17 israelitische Grabsteine ausgegraben. DIE VERFÜGTE ZERSTÖRUNG DES FRIEDHOFS ANNO 1345 Nach Hermann Markgraf (Geschichte Breslaus in kurzer Übersicht, 2. Aufl., Breslau 1913, S. 9) gab es im Jahre 1315 noch eine Verhandlung über die Grenze des Judenfriedhofes am Anfang der Wallonengasse. Im Dezember dieses Jahres wurde den Breslauer Juden ausdrücklich das Privileg der Unantastbarkeit ihres Friedhofes und der Steuerfreiheit seines Terrains gewährt. Aber genau 30 Jahre später wurde die Stätte ein Opfer neuer Judenverfolgungen. Eine Verfügung des böhmischen Königs Johann von Luxemburg vom 23. 9. 1345 ordnete die Auflösung des Friedhofs an. König Johann, der Sohn des späteren deutschen Kaisers Heinrich VII., war seit dem Jahre 1340 auf beiden Augen erblindet und ist ein Jahr nach seinem Erlass gegen den Friedhof in der Schlacht bei Crecy am 26. August 1346 gefallen. Den Ratsherren “der guten Stadt Breslau” gestattete Seine Hoheit, “sie mögen alle Steine des jüdischen Gottesackers, über oder unter der Erde, nehmen, ausgraben, fortschaffen und zum Bau der Mauern verwenden." Aus jenen Tagen ist uns eine Rechnung über die Kosten des Abtransports dieser Grabdenkmäler erhalten geblieben, aus der man auf eine recht hohe Zahl schliessen kann. Jedenfalls waren 50 Arbeiter 9 Tage lang mit dem Wegschaffen der steinernen Blöcke beschäftigt. Tatsächlich hat man die mächtigen Granitquader an vielen Stellen als Baumaterial benutzt — dort, wo man ihnen zum kleinen Teil nach Jahrhunderten wiederbegegnete. DIE MOTIVE FÜR DIE VERNICHTUNG Warum liess König Johann der Blinde die Begräbnisstätte der Breslauer Juden so plötzlich auflösen? Im Jahre 1327 hatte er den Juden einen Schutzbrief bestätigt, und 1341 gab er ihnen einen neuen Schutzbrief, der 10 Jahre Gültigkeit haben sollte und in dem auch die Zuwanderung ortsfremder Juden ausdrücklich erlaubt worden war. Nun, eine alte Legende erzählt, die Juden hätten sich den königlichen Zorn zugezogen, weil ein jüdischer Arzt namens Abraham bei ihm eine medizinische Augenbehandlung vorgenommen hatte, die sich als erfolglos erwies und zur totalen Erblindung führte. Abraham sei deshalb zur Strafe im Breslauer Stadtgraben ertränkt worden. Die pietätlose Entscheidung des Monarchen hatte aber vermutlich ihren tieferen Hintergrund in den Kreuzzügen und anderen Ereignissen, die den Judenpogromen überall in Europa vorausgegangen waren. In Schlesien begannen neue antisemitische Ausschreitungen erst im Jahre 1349. Da bezichtigte man die Angehörigen des Volkes Israel, systematisch alle Brunnen vergiftet zu haben, so dass es zur Entstehung und Ausbreitung einer Pest-Epidemie gekommen sei. Für das Jahr 1350 vermerkt Markgraf (1913, p. 12): “Judenverfolgung, wohl bei Gelegenheit eines grossen Brandes", und 1362 entfachte ein weiterer Stadtbrand Pogrome der Juden als Sündenböcke. Die Feindschaft gegenüber dieser Religionsgemeinschaft gipfelte 1453 in einer totalen Vertreibung aller Juden aus der Stadt 3reslau, und zwei Jahre später erlangte die Stadt vom König das Privileg, dass “nie wieder" welche in Breslaus Mauern wohnen sollen. 415 JAHRE KEIN JUDENFRIEDHOF IN BRESLAU Entgegen dieser Zusicherung einer Judenfreiheit für alle Ewigkeit gab es in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neue Einwanderungen jüdischer Familien. Sie mussten ihre Toten jedoch in anderen Städten Ostdeutschlands bestatten (vor allem in Dyhernfurth, Krotoschin, Glogau, Zülz, Rawitsch und Lissa in Polen). In das Jahr 1744 fällt das “Patent”, wonach nur 12 'privilegierte Judenfamilien in Breslau ansässig sein durften, und am 22. 4. 1754 wurde durch ein Edikt der Stadt eine neue Judenverfassung gegeben. Erst im Jahre 1760 aber, mitten im Siebenjährigen Krieg, bekam die jüdische Gemeinde der Stadt die Erlaubnis, wieder einen eigenen Gottesacker anzulegen. Er lag an der Claassenstrasse, unweit vom späteren Hauptbahnhof. Aber über ihn wird in einem späteren Beitrag zu berichten sein. Dr. HELMUT NEUBACH, 6501 Zornheim bei Mainz, Kurt Schumacherstr. 27 bittet für EINE WISSEN¬ SCHAFTLICHE ARBEIT LEBENSDATEN von: 1. Eckstein, Ernst, Rechtsanwalt, gest. 8.5.1933 im KZ Dürrgoy? 2. Eckstein, Klara, seine Frau, geb. Zitz; 3. Hommes, Edith, geb. 10.2.1891 in Breslau, KPD; 4. Ollendorf, Paula, geb. 1860, gest. 1938 in Jerusalem?, 1919-20 Stadtverordnete (DDP) in Breslau, 1936 emigriert; 5. Ollendorf, Friedrich, ihr Mann? Dr., Magistratsassessor; 6. Bandmann, Eugen, geb. 1874 Breslau, gest. 1948 New York, 1919-33 Stadtverordneter, später Vorsteher, Rechtsanwalt, 1933 emigriert; 7. Less, Georg, geb. 1871 Breslau, gest. 1955 Montevideo, 1933-41 Vorsitzender der Synagogengemeinde Breslau; 8. Alexander, Hans, Reichsbanner-Vorsitzender in Breslau; 9. Freund, Alfred, geb. 25.12.1875 Breslau, Zahnarzt in Berlin-Neukölln MdL (USPD) 1921, Stadtverordneter in Berlin; 10. Lichtenstein, Max, geb. 3.1.1880 Breslau, Rechtsanwalt in Hindenburg, MdL (USPD) 1919 für Oppeln; 11. Masur, Kurt, geb. 29.1.1895 (oder 85), Jurist, gest. 7.9.1964 Locarno; 12. Sachs, Max, geb. 23.9.1883 Breslau, MdL (SPD) für Sachsen, Journalist, 1922-24 Stadtverordneter in Breslau, 1935 (?) KZ Sachsenhausen. Ebenso bittet Dr. Neubach um persönliche Einzelheiten über Juden, die in Schlesien während des Röhm-Putsches 1934 ermordet worden sind, nämlich: Rechtsanwalt Förster, Kaufmann Charig, Dr. med. Zweig und Frau (alle aus Hirschberg) und Dr. med. Lindemann aus Glogau. WIE MAN 650 JAHRE ALTE GRABSTEINE FINDET Gewiss möchten unsere Breslauer Heimattouristen und andere Landsleute wissen, wie mann am schnellsten den Weg zu den fast sechseinhalb Jahrhunderte alten Grabsteinen findet. Nun, man erreicht den dritten, sog. “alten jüdischen Friedhof”, vor dessen Pforte zwei dieser Relikte stehen, am besten mit dem eigenen Kraftwagen von Süden her von der Autobahn kommend. Am Hindenburgplatz biegt man rechts in die Steinstrasse (poln.: ul. Kamienna) ein, und von dieser führt — wiederum rechts — noch vor ihrer Kreuzung mit der Lohestrasse (poln.: ul. Slezna) eine Kastanienallee zum einzigen Eingangstor des Friedhofs. Diese kurze Allee, die keinen Namen hat, ist auf den polnischen Stadtplänen nicht als Strasse ejngetragen, führt aber schnurstracks zur Südmauer des Friedhofs. Anschrift des Verfassers: Dipl.-Biol. Horst G. W. Gleiss (“Der Schlesier"). Postfach 3 33, D-2000 Wedel BRESLAU 1929-WROCLAW 1989 (Fortsetzung von Seite 4) Brettern vernagelten früheren “Stiebl" der ostjüdischen “Machsike Tauro” auf der dem “Storch" gegenüberliegenden Seite des Hofes. Aber noch ein Zweites wird mir deutlich. Nach der “Shoah" ist der Glaube erschüttert, hält nicht mehr stand und die Gebete haben häufig nur noch die Bedeutung der geschichtlichen Kontinuität, der Verbindung mit den früheren Generationen. Das “historisch-positive Judentum" des Breslauer Jüdischtheologischen Seminars ersetzt mir die brüchig gewordene Gläubigkeit und hält mich aufrecht. Der letzte Gang führt zum Coseler Friedhof. Über diese Begräbnisstätte hinweg tobten die letzten Kämpfe zwischen Russen und Deutschen. Auch den Toten gönnte man nicht die Ruhe, sofern sie überhaupt noch ein Grab gefunden hatten. Onkel und Tante sind im Osten verschollen, aber die Grosseltern Leon und Theophilie Walk (gest. 1929 und 1931) und meine Grossmutter mütterlicherseits, Dorothea Lewinsky (gest. 1934) sind hier begraben. Während ich im Gestrüpp, mit Hilfe des polnischen “Konservators", die Grabsteine dieser Grossmutter und einer 1937 verstorbenen angeheirateten Tante entdecke, sind die Gräber meiner väterlichen Grosseltern unauffindbar. Plötzlich bleibt mein polnischer Kollege stehen, bückt sich, hebt ein verbeultes Blechschild auf und übergibt es mir mit den Worten: “Hier steht der Name und die Nummer einer aus Osteuropa stammenden Jüdin, die in einem KZ umgeKommen ist und hier irgendwo beigesetzt wurde. Dieses Schild gehört nicht hierher, es gehört nach Yad Vashem.” Soll ich mit diesen schmerzhaften Worten vom “Bet Olam" (“ewigen Ort") scheiden? Oder ist es nicht für mich, als in Israel lebenden Juden, angemessener, den Gedanken an das “Am Olam" (“ewigen Volk”) wachzurufen? Weiss ich doch, dass in eben diesen Tagen in Jerusalem ein Urenkel mit dem Familiennamen Walk zur Welt kommt, sechste Generation meines seligen Grossvaters, das jüngste Glied in der unzerreissbaren Kette der Geschlechter, die jedes, bewusst oder unbewusst, ein Stück Tradition der untergegangenen Breslauer jüdischen Gemeinde in sich trägt. (Mitteilungsblatt des Irgun Olei Merkas Europa, No. 50/51 September-Oktober 1989). 17

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