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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1990-01-01 · No. 54 (1990) · p. Seite 16

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1990
Issue
No. 54 (1990)
Date
1990-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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Hebräische Steingravuren vor dem Ohlauer Tor DIE GESCHICHTE DES ERSTEN JUEDISCHEN FRIEDHOFS IN BRESLAU Wechselvoll wie die Geschichte der Juden in der Welt ist die ihrer Friedhöfe. Das war und ist auch in Breslau nicht anders. Die Gottesäcker, auf denen die jüdischen Mitbürger unserer Stadt beerdigt wurden, sind ein getreues Spiegelbild ihrer Rolle im Leben dieses Gemeinwesens. Ihre Grabsteine sprechen noch heute zu uns, freilich nur, wenn wir uns die Mühe machen, ihre Aussagen zu verstehen und Antworten auf die Frage nach dem Leben und Wirken der Menschen zu suchen, für die sie einmal errichtet worden sind. Jüdische Gemeinden waren in Mittel- und Osteuropa schon im frühen Mittelalter, und zwar hauptsächlich an den grossen Handelswegen, entstanden. Im Handel mit dem Osten spielten vor allem Juden der Rheinlande, Frankreichs und Spaniens eine Rolle. Und da Breslau schon damals im Schnittpunkt wichtiger Handelsstrassen von Westen nach Osten und von Süden nach Norden lag, bildeten sich hier auch früh etliche kleinere jüdische Niederlassungen. Die ersten Juden sind urkundlich im Jahre 1204 erstmals nachweisbar. Und in der ältesten Breslauer Stadtrechnung von 1299 wurden auch Steuern für Juden berechnet. Da die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft aber bereits damals — wie immer wieder auch in späteren Zeiten — als Dissidenten galten, durften sie ihre Toten vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert als einzige nicht in der Stadt, sondern nur ausserhalb deren Mauern bestatten. Welche Entwicklung das Beerdigungswesen der Juden in Breslau von seinen Anfängen bis zum Jahre 1345 genommen hat, will dieser Beitrag umreissen. ANFÄNGE AN DER WALLONENGASSE (KLOSTERSTRASSE) Breslaus allerster jüdischer Friedhof lag unmitteibar hinter dem Ohlauer Tor am Stadtgraben im Gebiet der damaligen Wallonengasse (später: Klosterstrasse) sowie im Raum Ohlauer Stadtgraben — Feldstrasse. Wann er angelegt wurde, ist unbekannt. Man darf seine Errichtung aber wohl ins 12. Jahrhundert datieren. Nach einem Lageplan von Breslau (um 1300) hatte diese erste Begräbnisstätte einen dreieckigen Umriss und lag links der Strasse nach Ohlau, unmittelbar an der “Stadttohlau” westlich vom Ketzerberg. Von seinen Grabmonumenten sind nur sehr wenige bis heute erhalten geblieben. Die nach Jahrhunderten wiederaufgefundenen wenigen Steine sind leider nach ihrer Entdeckung grösstenteils wieder verlorengegangen. Die ersten Belege fand njan im Jahre 1716; drei weitere wurden 1799 im Gewölbe von einem Verlies im Rathaus aufgespürt. Sie stammten aus den Jahren 1242 und 1245. Bedauerlicherweise müssen diese Stücke aber wieder als verschollen gelten. Ein ähnliches Schicksal hatten die 16 jüdischen Grabplatten, die mann im Jahre 1848 bei Renovierungsarbeiten in den Kellern des Rathausturms ausgraben konnte. Der Magistrat der Stadt übergab diese Zeugnisse jüdischer Grabkunst aus den Jahren 1304—1342 der israelitischen Gemeinde, die sie auf ihrem 16 Von HORST G. W. GLEISS neuen Friedhof an der Claassenstrasse aufstellen wollte. Aufgrund eines Missverständnisses zwischen den Behörden der Stadt und der jüdischen Begräbnisbruderschaft sind diese Relikte aus dem 14. Jahrhundert jedoch von Friedhofsarbeitern zertrümmert worden. Glücklicherweise wurden sie zuvor kopiert, so dass man sie als Zeichnungen von S. Nissen in dem “'Buch der Judenschaft 1856” von Liebermann noch heute betrachten kann. DER ÄLTESTE GRABSTEIN (VON 1177?) So kommt es, dass von vielen Totengedenksteinen dieses Friedhofs insgesamt nur fünf Exemplare bis heute erhalten geblieben sind, das älteste von ihnen leider nur noch in stark zerstörtem Zustand. Es stammt vermutlich (aus dem Jahre 1177 und gehörte zum Grab des Rabbiners Ahron, dem Sohn des Rabbiners Abraham, der am 5. Cheschwan (Oktober/November) gestorben war. Ahron und Abraham sind nur die Vornamen dieser beiden Männer. Fromme Juden schreiben vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts immer nur den Vornamen des Verblichenen und den seines Vaters auf den Stein, und zwar in hebräischer Sprache. Dieses Grabmal fand man im Fussboden des Hauses Herrenstrasse 5 oder Ring 6. Es tauchte in drei Bruchstücken im 19. Jahrhundert in der Sammlung des Grafen Hoverdensch auf, unterlag aber inzwischen weiterer Beschädigung. DER STEIN VON RABBINER DAVID (1203) Das demnach wohl Zweitälteste jüdische Grabmal von Breslau ist am 4. August 1203 angefertigt worden. Die Polen bezeichnen es, als das “älteste jüdische Grabdenkmal in Polen”. Es stand für den “Rabbiner David mit der allerliebsten Stimme, Sohn des Rabbiners Sar Schalom, verstorben am Montag, dem 25. Tag des Monats Ab im Jahre 4963 der Schöpfung. Möge seine Seele mit dem Lebensknoten verschlungen sein." Aus der Anspielung auf die Ouadität seiner Stimme darf man annehmen, dass er in der Synagoge der Kantor war, der die Gebete sang. Das Grabmal wurde Anfang September 1917 im Nordteil des Breslauer Doms in der Nähe der Johanneskapelle bei der Installation eines Heizungskessels aufgefunden. Der Historiker Dr. phil. Marcus Brann (1849—1920), der am Rabbiner- Seminar in Breslau lehrte, berichtete über diese Neuentdeckung unter dem Titel “Ein neuer Grabsteinfund in Breslau" in der “Monatszeitschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums” (Band 62, S. 99 ff.). Das Stück besteht aus grauweissem schlesischem Granit und ist 164 cm hoch und 67 cm breit. Die neunzeilige hebräische Inschrift bildet ein Rechteck von 10 x 54 cm Der Zeilenabstand beträgt etwa 12 cm. Älter als Ahrons und Davids Steine in Breslau sind nur vergleichbare Exemplare in München (1080—1171), Worms (1096), Speyer (1113—1183), Erfurt (1147) und Köln (1166). DAS 3. UND 4. GRABMAL (1246/1343) Am Eingangstor des “alten jüdischen Friedhofes" nahe der Lohestrasse befindet sich der drittälteste jüdische Grabstein Breslaus. Er trägt das Datum des 25. Dezember 1246 (nach dem hebräischen Kalender: 15. Tebet 5007) und stand einmal am Kopfende des Grabes der jungen Tochter des Rabbiners Chaim Ben Levi. Er wurde im Jahre 1848 im Breslauer Rathaus gefunden. Vom vierten Totenmal sind nur Fragmente erhalten. Es zierte einmal die letzte Ruhestätte des Rabbiners Jakob Isaak, Sohn des Rabbiners Chajm, der wahrscheinlich am 13. Mai 1343 beigesetzt worden ist. Die Bruchstücke sind am 12. Oktober 1936 zum Vorschein gekommen. DER 5. STEIN STEHT FÜR EIN MORDOPFER Das fünfte und zugleich jüngste und grösste Denkmal vom ältesten Judenfriedhof der schlesischen Hauptstadt trägt als Sterbeda* tum den 28. Schebat 5105 (das ist der 1. Februar 1345) und die hebräische Inschrift: “...dem ehrlichen, geschundenen und zermürbten Rabbiner Simon, dem Manne reinen Herzens, Sohn des geachteten Rabbiners Isaak, dessen Blut der grausame Basileus vergoss...” Basileus ist das griechische Wort für König. Welcher grausame König gemeint ist, erhellt aus den Erörterungen des nächsten Kapitels. Das ehrwürdige Grabmal von “Rabbi” Simon trägt auch heute noch im Sockel folgenden eingemeisselten deutschen Text, der auf vier Zeilen verteilt ist: “Dieses Denkmal wurde im Grunde des katholischen Pfarrhauses in Lissa (Kr. Neumarkt) gefunden und stand einst zu Haupten des R. Simon, Sohn des R. Isaak, (der) am 28. Schebat 5105 erschlagen worden ist”. Hinzuzufügen wäre noch, dass die Entdeckung dieses Relikts in den Fundamenten des Pfarrhauses von Deutsch- Lissa, dem späteren Breslau-Lissa, im Jahre 1846 erfolgte. Ein sehr gutes Farbfoto dieses Grabsteines bietet die deutschsprachige Ausgabe der Broschüre “Der alte jüdische Friedhof in Wroclaw/Breslau" von Maciej Lagiewski, herausgegeben vom Architekturmuseum in Breslau, auf einer der acht Bildtafeln in der Mitte des Heftchens. Die polnische Originalausgabe stammt vom Jahre 1986, ist aber nicht in dieser Form illustriert. Die deutsche Ausgabe, die von Klaus Reiff (Bonn) redigiert wurde, geht auf eine Übersetzung aus dem Polnischen von Angelika Wegener zurück. Das ist die Tochter unseres Breslauer Landsmannes Heinz Wegener (Düsseldorf). Die deutsche Ausgabe wurde in Meckenheim gedruckt und ist im November 1988 erschienen. Über den deutschen Buchhandel ist sie nicht zu beziehen; es ist als käuflicher Führer für Besucher des Museums und des Friedhofs in Breslau gedacht und wird nur dort vertrieben. Belegexemplare befinden sich in den Bibliotheken des deutschen Ostens in Herne und Düsesldorf. DER FÜRSTENSAAL IM RATHAUS RUHT AUF GRABSTEINEN Über die oben abgehandelten fünf Denkmäler hinaus sind inzwischen noch weitere bekannt geworden, aber nicht zu bergen. So ruhen z. B. die Mittelsäulen des Fürstensaales im Breslauer Rathaus auf jüdischen Grabplatten, und im Jahre 1984 entdeckte man in der St.-Elisabeth- Kirche unter einer der Säulen ebenfalls ein bisher unbekanntes jüdisches Mal. Aber nicht nur in der Odermetropole, sondern auch in anderen (Fortsetzung auf Seite 17)

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