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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1990-01-01 · No. 54 (1990) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1990
Issue
No. 54 (1990)
Date
1990-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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JUDEN IN BERLIN, 1671-1945 (EIN LESEBUCH. NECOLAISCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG) Von HEINZWERNER GOLDSTEIN ANTISEMITISMUS 1920 IN BRESLAU BOYKOTT JÜDISCHER GESCHÄFTE! In der Nummer vom 5. November 1920 der “Schlesischen Zeitung" erschien folgende grosse Anzeige: “CHRISTLICHE KAUFLEUTE UND GEWERBETREIBENDE! Zwecks kostenloser Aufnahme in eine Lieferantenliste für hiesige und auswärtige Käufer werden alle Breslauer christlich-deutschen Firmen ersucht, ihre genauen Adressen nebst Angabe der Geschäftsart baldigst nur schriftlich an Herrn Reifgerste, Breslau V. Schwerinstrasse 30/40, einzureichen. Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund, Ortsgruppe Breslau.” Diese Anzeige wiederholte sich noch dreimal im Laufe der nächsten Tage. “Am 22. Dezember 1920 fand im Friebeberge eine Versammlung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes statt, in der laut Bericht der Schlesischen Zeitung der Reichstagsabgeordnete Reinhold Wulle und Prof. Frhr. v. Freiytagh-Loringhoven Hetzreden gegen das Judentum hielten. Hierin wurden die zahlreichen Zuhörer zum schärfsten Boykott der jüdischen Geschäfte aufgefordert.” Kommentar überflüssig! Man muss es dem Senat der Stadt Berlin gutschreiben, das er sich bemüht, den Nachgeborenen die jüdische Vergangenheit, die Geschichte der Juden der Stadt, von ihren Anfängen bis zur Katastrophe, aufzeichnen zu lassen. Das unter der Redaktion von Carolin Hilker-Siebenhaar zusammengestellte 'Lesebuch' versucht ein B4ld des fast 300jährigen Zusammenlebens nachzuzeichnen. Die Zeitperiode ist in fünf Abschnitte geteilt, fünf Wissenschaftler geben knappe aber verständliche Überblicke, beginnend mit 'Im Dunkel der Aufklärung’, 1671 — 1786, bearbeitet von Rachel Livne-Freudental. Julius H. Schoeps schreibt über “Ringen um Reform und Emanzipation”, 1786 — 1871, Raymond Wolff — “Zwischen formaler Gleichberechtigung. Zionismus und Antisemitismus”, 1871 — 1918. Monika Remarz — “Erfolge und Gefährdung der Weimarer Republik”, 1918 — 1933. Abgeschlossen wird die Übersicht durch Annegret Ehrmann — “Verfolgung-Selbstbehauptung Untergang”, 1933 — 1945. — Jedem der kurzen Abschnitte folgt eine längere “Textdokumentation”, die, wie es bei einem “Lesebuch" nicht anders möglich ist, eine persönliche, subjektive Auswahl darstellen muss. Wobei aus der “Editorischen Notiz” nicht hervorgeht, wer die Textwahl vorgenommen hat, die Wissenschaftler oder die Redaktion. “Die Auswahl sehr verschiedener Textgattungen folgt nicht nach streng historischen Gesichtspunkten und möchte keine Interpretation vorgeben", damit hat man sich in der Einleitung abgesichert. — Das mit vielen Bildern angereicherte Buch bringt vieles auf 350 Seiten. Natürlich wird der eine oder andere manches vermissen, was er vielleicht auch für wichtig empfindet. So wird die jüdische Presse aus der zitiert wird, nicht als Teil der Entwicklung erwähnt. In Berlin erschien 1856 ein “Berliner Wochenblatt für jüdische religiöse u. Gemeinde-Interessen". Im Jahre 1938 waren es mindestens zwei Dutzend jüdischer Blätter. Auch die jüdischen Turn- und Sportgruppen wie die Jugendbewegung, die sehr aktiv war, treten zurück (Sportvereine seit 1898, Pfadfindergruppen 1912, Biau-Weiss.) — Das Buch, ohne Anspruch auf wissenschaftliche Übersicht, erfüllt als “Lesebuch” seine Aufgabe. Es ist zu hoffen, dass es von den heutigen jungen Menschen gelesen wird. (In Israel stehen wir vor dem Problem, dass1 der zweiten, der dritten Generation das Lesen eines deutschsprachigen Buches schwerfällt, und das verhindert sie mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren vertraut zu machen.) — Ein Thema wandert durch viele Generationen, das “Abkapseln" der “Eingesessenen”, derer die schon ein paar Jahre in der Stadt leben, und sich gegen „Zuwanderer” wenden. Wir finden einen Brief aus dem Jahre 1773, in dem sich ein Raphael an den Minister von Zedlitz wendet, um “Schutz vor den Judenältesten” zu erbitten, die ihn nach 26jährigen Aufenthalt ausweisen wollen... bis zu einer Bemerkung Alfred Klees in der Berliner Repräsentantenversammlung, wiedergegeben in den Erinnerungen Sammy Gronenmanns. Klee wandte sich an die damaligen “Liberalen”, die sich gegen zugewanderte Juden wehrten, die “Antisemitismus hervorrufende Elemente” seien... Er fragte: “Ich möcht doch einmal feststellen, wer von den Herren der Linken eigentlich auf dem Anhalter Bahnhof (wo die Züge aus dem Westen einlieten) und wer auf dem Schlesischen Bahnhof (dem Ostbahnhof Berlins) angekommen ist... ohne Ausnahme waren diese Herren sämtlich entweder selbst aus Posen, Breslau oder Polen eingewandert, oder es waren mindestens ihre Vorfahren unzweifelhaft östlicher Herkunft". im Oktober 1933 publiziert der “Reichsbund jüdischer Frontsoldaten” in seiner Zeitschrift einen Aufruf: “Kameraden! Es geht um Deutschlands Ehre und Lebensraum. Da übertönt in uns ein Gefühl alles andere. In altsoldatischer Disziplin stehen wir mit unserem deutschen Vaterlande bis zum Letzten". (Ein Kommentar erübrigt sich im Jahre 1990.) — Einem Aufsatz des Rabbiner Joachim Prinz “Wir Juden", wird eine Entgegenung aus der Feder von Hans-Joachim Schoeps gegenübergestellt, “Wir deutschen Juden”, beide aus dem Jahr 1934. Dem Aufbau des “Reichsverbandes der Juden in Deutschland”, wje der Arbeit des Kulturbundes wird gebührend Rechnung getragen. Ein Hinweis regt zum Nachdenken an: Trotz verhältnismässig starker Auswanderung von mindestens einem Drittel der Berliner Juden, gab es 1938 noch immer- oder wieder, 140,000 Juden in der Stadt, durch den Zuzug aus den Orten der Provinz, die alle noch für einige Jahre Wohnung und Beschäftigung fanden. Eine aufregende Statistik, aus Akten zusammengestellt, schliesst die “Textdokumentation”, die Daten von 63 “Wellen” des Abtransportes, vom 10. Oktober 1941 bis März/April 1945. Nachworte, “Epiloge” sind den neuentstandenen Gemeinden gewidmet. Dr. Peter Kirchner berichtet über die Gemeinde im Osten, Heinz Galinski über die im Westen. Das Buch bemüht sich, ein Bild des jüdischen Lebens in der preussischen späteren Reichshauptstadt zu zeichnen. Dem Leser wird der Zeitabschnitt von fast 30 Jahren nahegebracht. Geschichte in Einzelgeschichten und Bildern, die dem Verständnis der verschiedenen Epochen dienen sollen. — ■HW IW BSSti BESS KSE tW ES2 amsn S A F E D ... (Fortsetzung von Seite 14) “Hinterland”, Kleinstädte und Dörfer in genügender Anzahl, um einen wirtschaftlichen Mittelpunkt darzustellen. Für die Landesbewohner gehörte Safed lange Jahre zu einem historischen Kleinod, eine Erinnerung an die Vergangenheit. Nun bemühen sich die Stadtväter, Anschluss an die Gegenwart zu finden, etwas, was nur gelingen kann, wenn die Stadt wie der Bezirk, das Obere Galil, in die Landesplanung einbezogen wird und dann die Pläne tatkräftige Förderung der zuständigen Behörden finden. Es genügt nicht, die Dinge zu sagen — insbesondere vor den Wahlen — und sie dann zu vergessen. In den Erklärungen sind sich alle einig, dass etwas für Safed sowie für das Galil getan werden muss... ABSCHIED VOM TURNVEREIN IN BRESLAU (Fortsetzung von Seite 4) zwänge mich, nachdem ich wieder meine Fassung gewonnen, muehsam wieder heraus. Wie lange kennen wir uns schon?” frage ich die Frau. “Kamen Sie nicht schon vor dem Kriege zum Turnen?" ist ihre Gegenfrage, und ohne eine Erwiderung abzuwarten, faehrt sie fort: “Sie waren fast immer da, zweimal jede Woche. Das wird Ihnen sehr fehlen, sollt' ich meinen." “Ich denke, auch die Nichtarier werden irgendwo turnen duerfen”, erwiderte ich leise. “Ich weiss aber, dass auch Sie, sie alle, hier vielen sehr fehlen werden”, sagte sie ebenso leise. “Das soll uns ein Trost sein”, erwiderte ich und scheide von der braven Frau mit einem warmen Haendedruck. Auf der Treppe begegnen mir Turnschwestern. Ich fuehle mich entehrt, ausgestossen nach zwanzigjaehriger Mitgliedschaft und wage nicht aufzublicken und sie zu begruessen, denn ich fuerchte mich vor mitleidigen Blicken oder Worten des Bedauerns. Unten sehe ich, waehrend ich mich in den lieben Raeumen zum letzten Mal verstohlen umblicke, einige von ihnen am Vorstandszimmer stehen. Eine, die selbst dem Vorstand angehoert, tritt auf mich zu. Ich sehe, dass sie verweinte Augen hat. “Wir sprachen soeben von Ihnen und den andern”, beginnt sie. “Wir muessen uns einmal Wiedersehen — irgendwo. Schreiben Sie uns mal. Wir waren doch so lange miteinander zusammen”. “Gern”, nicke ich und gehe ganz schnell hinaus, denn nun bin ich mit meiner Beherrschung doch am Ende. Meta Fuss-Opet, Breslau (Israelitisches Familienblatt, 11 Mai 1933) 15

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