Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1990
- Issue
- No. 54 (1990)
- Date
- 1990-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/7506414-7411724-7489384--054-7411736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Neue Wurzeln (Fortsetzung von Seite 11) diszipliniert, sie besitzen Fairness und Vertrauenswürdigkeit (der Preis von Waren war bei einem Kaufmann aus diesen Ländern fest, und es gab kein Debattieren a la Orient). Ihre Einstellung zur Ordnung und Pünktlichkeit im privaten und offiziellen Leben ist mustergültig, und die Sabres (in Israel Geborene) dieser Familien — meine Mitschüler — wurden von uns wegen der Geradheit und Gewissenhaftigkeit der Lebensführung bewundert. Ihr Interesse an sportlichen Aktivitäten und an Hobbies war auffallend, sie lasen ohne Unterlass Bücher, Musik und ästhetische Genüsse waren ihnen von grösster Wichtigkeit. Was der junge Staat eigentlich brauchte, das Akzeptierten von Gesetzen und Staatsordnung, war dieser Gruppe von Einwanderern und ihren Söhnen mit der Muttermilch eingegeben. Oft erschienen uns die Reaktionen ad absurdum, aber spätere Entwicklungen im Lande zeigten die Notwendigkeit strikter Wertmassstäbe in dieser Hinsicht. Es erschien ein wenig komisch, wenn in einer mitteleuropäischen Familie die Nahrungsmittelrationen während der Anfangsperiode des Staates jedem Familienmitglied mit einem Mass zugeteilt wurden. Sie nahmen jedenfalls die Rationierung bis zum letzten I-Tüpfelchen ernst, und dies sollte so sein. Unser Lehrer, der ausgezeichnete, aus Deutschland stammende Dr. Akiba Ernst Simon (heute Prof. Simon)”, so erzählte Präsident Navon, “fragte die Klasse, was ein wirklicher ,Jecke' sei”. Er beantwortete die Frage selbst durch eine Anekdote: Prof. B. Dinur (1884—1974), der damalige Erziehungsminister im Staate, setzte eine Annonce in die Zeitung, um Bücher bestimmter Thematik zu kaufen. Er bat in der Annonce, man solle eine detaillierte Liste der vorgeschlagenen Bücher mit etwaigen erklärenden Bemerkungen einschicken. Unter anderem erhielt Prof. Dinur eine Liste von inem in Deutschland geborenen Jerusalemer Buchhändler. Die Liste war tadellos angeordnet; Titel des Buches, der Autor, das Jahr des Erscheinens, und Bemerkungen über den Zustand und Inhalt der Bücher waren vorhanden. Bei einem Buch stand die ehrliche Bemerkung: “Übersetzung — sehr schlechte Übersetzung." Dieses groteske Beispiel erklärt, warum Judn aus Deutschland ausgelacht wurden und Gegenstand von Spott waren. Wir waren ganz andere Reaktionen im oft ungebärdigen Stil des Landes gewohnt, dass ein uneigennütziges Benehmen gleichzeitig Bewunderung und Lächeln erregte. Bei allem zivilen Dekorum der jungen Generation dieser Familien waren sie zu freiwilligen Taten fähig, sie waren grosse “fighters". Zwei Erlebnisse aus seiner Jugendzeit mit Juden aus Deutschland bleiben Präsident Navon unvergesslich. Einer seiner Lehrer lud von Zeit zu Zeit Schüler in seine Wohnung ein, um Schallplatten vorzuspielen, die er aus Deutschland gerettet hatte. Welch eine Andacht beim Hören der grossen Musik — und was für eine herrliche Schlagsahne.. ■ Eine andere unauslöschliche Erinnerung ist der barsche Tadel eines aus Mitteleuropa neu eingewanderten Lebensmittelgeschäftsinhabers, der dem Kunden nicht erlaubte, das Brot mit den Händen zu befingern. Die Ermahnung, Papier für die Berührung des Brotes zu gebrauchen, erschien damals nach den Spielregeln des üblichen Benehmens wie ein Befehl aus einer anderen Welt, an die man sich erst langsam gewöhnen musste." Als ich im Interview mit dem in Israel geborenen Justizminister Shmuel Tamir (im ersten Kabinett Menachem Begins) die Frage der Besonderheit der deutschsprachigen Einwanderer anrührte, reagierte auch er mit Bedauern, dass nicht mehr Menschen aus diesen Ländern ins Land gekommen waren. “Was für einen Staat hätten wir mit den 500 000 Juden aus Deutschland gebaut, wenn sie alle gekommen wären!” Er sagte dies, obgleich er als früherer Ezel- Mann erwähnte, dass in der revisionistischen Untergrundbewegung der britischen Mandatszeit nur wenige Kämpfer aus den deutschsprachigen Ländern gekommen waren. Er bewertete den Beitrag der Mitteleuropäer zum gesellschaftlichen Klima des Landes in der Art ihres Lebensstils, in der Suche nach quality of life, nach kultiviertem Wohnen und nach würdigen Formen der Beziehungen zwischen Menschen. Aus seiner Jugend ist ihm der Unterschied zwischen einem von westlichen Juden geführten Delikatessengeschäft und dem früheren üblichen Laden in Jerusalem unvergesslich. Die Eiswaffel und der Käse aus diesen neuartigen Geschäften schmeckten angesichts der Sauberkeit, der gepflegten Bedienung und der einladenden Anordnung besser. Man hat zwar oft über die Pedanterie gelacht, und deutsche Juden hatten einen Dünkel in ihrer Haltung anderen gegenüber, aber ihre Initiative zur Modernisierung, Technisierung und Leistungsfähigkeit war für das Land entscheidend. Dann ging Shmuel Tamir zu einem Thema über, das ihm am besten bekannt ist — dem Aufbau des israelischen Gerichtswesens, welches deutschsprachigen Juden — “unter ihnen einige Riesen der Jurisprudenz” — so viel zu verdanken hat. Als mein Versicherungsagent einmal erklärte, es sei zu bedauern, dass zu wenig Juden aus dem mitteleuropäischen Sektor im Lande leben, glaubte ich, dass dies eine Geste eines Agenten zu seinem Klienten um zukünftiger Profite willen sei. Als aber der Präsident des Landes und ein früherer Justizminister ähnliche Dinge sagten — ohne dass sie gerade von mir irgendwelche Vorteile suchen könnten —, merkte ich, dass es Israelis gibt, die solche schmeichelhafte Ansichten haben. Ein mir unbekannter Artikelschreiber in der “Jerusalem Post" hat dies einmal so ausgedrückt: “Wenn wir doch nur 200 000 zusätzliche Jeckes ins Land bekämen! Sie brauchen nicht gerade solch feierlich aussehende Juden aus Deutschland mit Jackets zu sein, sondern Menschen, die ihre Aufgaben methodisch und verlässlich erfüllen und die darauf achten, dass ihre eigenen Anweisungen wirklich durchgeführt werden... 'Eine Spritze von “Jeckismus” zur Beachtung von Details und eine gesunde Arbeitseinstellung ist notwendig, um aus der typischen Hybris — Dinge-können-nicht-mehrschlimmer-werden, sie können — nur-besser-werden, ohne-dass-man-etwas-dazu.tun-braucht — herauszukommen.” In diesem humoristischen Artikel wird zur Behebung der zivilen und technischen Mängel im Lande die Hilfe von landsmannschaftlichen Charakteristika gesucht, die es im Lande zu wenig gibt. Äusserungen von Menschen, die nicht zum deutschen Kulturkreis gehören und scharfe Beobachtungen haben, sind wichtiger für eine Bewertung der Einwanderer aus Mitteleuropa als Beurteilungen von Landsleuten, die oft versuchten, das Temperament ihres eigenen Kreises zu definieren. Es ist wesentlicher, die Äusserungen anderer zu hören, als uns selbst zu beloben. Zwei Reaktionen besonderer Natur seien hier erwähnt: Der Generalsekretär der machtvollen Gewerkschaft Histadrut in Israel ist Israel Kessar, ein jemenitischer Jude, -der aus eigenen Kräften mit Hilfe akademischer Bildung zu einem der einflussreichsten Posten des Landes gekommen ist. In dem Interview mit ihm sagte er mir: “Wir jemenitischen Juden sind die Jeckes des Orients”. Er erklärte, dass Jemeniten schwer arbeiten und für Wertarbeit bekannt sind. Jemeniten — so sagte er — leben nicht von “Luftgeschäften” (der Ausdruck ist von dem jiddischen Humoristen Schalom Aleichem geborgt), sie arbeiten, schreien nicht und drängen sich nicht vor. Die sephardischen Juden nehmen sie nicht in ihre Kreise auf; die Jemeniten sind in ihrem öffentlichen Einfluss — wie die mitteleuropäischen Juden — beschränkt. Israel Kessar sprach von einer besonderen “Chemie" zwischen jemenitischen und Juden aus Deutschland — ein Ausdruck für positive Verbindungen zwischen Menschen. Eine Reihe von Eheschliessungen zwischen Mitgliedern dieser beiden Landsmannschaften ist tatsächlich auffallend. Der nicht bewanderte Leser muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass Juden aus Jemen für ihren enormen Arbeitseinsatz und ihre Bescheidenheit bekannt geworden sind. Ihre Geschichte in Asien ist mit vielen Sagen verbunden. Man nimmt an, dass sich Juden schon während der Zweiten Tempelperiode in Jemen niederliessen und dass eine jüdisch-jemenitische Familie — wahrscheinlich Proselyten zum Judentum — in Jemen geherrscht haben (irn 6. Jahrhundert D. C.). 43 C00 der 45 000 Juden Jemens, die noch im Jahre 1949/50 dort wohnten, sind in der Alija-Operation “Magischer Teppich” — meist in Flugzeugen — aus Jemen nach Israel in der Erfüllung messianischer Erwartungen aus dem tiefen Mittelalter ins moderne Israel gebracht worden. Diese Identifizierung von Jemeniten mit bestimmten Charaktereigenschaften zentraleuropäischer Juden ist nicht nur eine private Auffassung von Kessar, ich habe eine ähnliche Ansicht von dem verstorbenen Jemeniten-Führer und Vorsitzenden der Knesset, Israel Yeshayahu, gehört, den ich bei der Herausgabe einer Geschichte der jemenitischen Einwanderung nach Israel auf dem Gebiet des Verlagswesens beriet. Eine besondere Würdigung kommt von anderer Seite, von dem israelischen Vertreter der japanischen Firma für elektronische Produkte “Sanyo”. Diese Firma hatte viele Wochen eine grosse Reklame in der israelischen Presse mit einem Bilde vieler solider jugendlicher Japaner; über dem Bilde stand geschrieben; “Wer hat den Titel ,Jecke' von den Deutschen und die Show von den Amerikanern gestohlen?” Dann kam der Text als Antwort auf die Frage: “Der japanische ,Jecke'. An drei Dingen ist der Jecke zu erkennen, an seinem Fleiss, seiner Genauigkeit und seiner beruflichen Qualität. Bis jetzt waren nur die Deutschen für diese Qualität bekannt, aber Sanyo hat dieses Axiom gebrochen. Sanyo hat der Welt den neuen Jecken entdeckt — die japanischen 'Fachleute. Es ist kein Zufall, dass Sanyo auch den deutschen Markt im Sturme nahm”. Der weitere Text gab Details über die Firma und ihre Produkte (Radio, Fernsehapparate, Video usw.) an und war unterschrieben: “Sanyo, der Einstein Japans.” Diese Annonce erschien in den führenden israelischen Zeitungen und war für das weite Publikum bestimmt, um ihm zu versichern, dass Sanyos Produkte so gut sind wie die der “Jeckes". Der Fleiss, die Genauigkeit und die beruflichen Qualitäten wurden mit dem Ruf, den die Deutschen und die Juden aus Mitteleuropa haben, in Verbindung gebracht, und der Jude Einstein, der grösste Vertreter der modernen Wis- (Fortsetzung auf Seite 13) 12