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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1990-01-01 · No. 54 (1990) · p. Seite 11

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1990
Issue
No. 54 (1990)
Date
1990-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Neue Wurzeln (Fortsetzung von Seite 10) Buch zu gebrauchen. Nur gut, dass es Leute gibt, die das Fürchten verlernt haben... Der Fernsehfilm “Die Jeckes” ist gezeigt worden und ist einer der Gründe, warum ich das vorliegende Buch herausgebe, da er eine geschmacklose Darstellung und ein völlig unechtes Bild meiner Landsmannschaft bot. Der Titel des Films störte nicht, aber die Banalität der Auffassung und Schilderung war empörend. Einer der neuen Stars am Firmament des israelischen Journalismus, Amnon Dankner, hat seinem Artikel über den Fernsehfilm “Die Jeckes" die folgende Überschrift gegeben: “Jeder hat seine Art von Jecke”. In diesem Artikel erklärt er, dass jeder den Typus des Mitteleuropäers findet, der einem entspricht oder den man sich aussucht. Dankner schrieb: “Otto, Rudi, Arnold und Willi waren meine “Jeckes”, sie sind mein Vater und seine Freunde... Sie spielten nicht Cello, sondern Karten (Sechsundsechzig); sie konnten sogar am hellen Tage nicht zwischen Goethe und Klopstock unterscheiden, und man hätte sie nicht beim Singen einer Arie aus der .Zauberflöte’ überraschen können — sogar nicht in den Duschräumen. Sie waren einfache und anständige Kerle, das Salz der Erde und des Landes, die sich hier problemlos eingelebt haben.” Die gesunde Grundeinstellung dieses Journalisten ist auch der Leitfaden des vorliegenden Buches. Es gibt keinen idealen Prototyp des Mitteleuropäers, es gibt eine Unmenge von Varianten, jeder ist ein Individuum mit seinen Neigungen, Abneigungen, Qualitäten und Schwächen; die Umgebung, in der er lebte, hat ihn geformt, aber alle sind Individuen mit verschiedenen Idiosynkrasien. Willst Du einen Tölpel unter ihnen suchen, so kannst Du ihn finden, aber es gibt auch unter ihnen den raffiniertesten Kaufmann und Bankier. Du glaubst, sie alle können nicht Hebräisch, Du irrst Dich: ' einige der grössten Experten in Hebraica und Judaica kommen aus diesen Ländern, und die Dichter Jehuda Amichai und Nathan Zach haben im Jahre 1932 die wichtigsten Literaturpreise des Landes gewonnen, der erste den Israel-Preis und der zweite den Bialik-Preis. Beide sind als Jugendliche aus Deutschland nach Palästina eingewandert. Du bist überzeugt, dass Juden Mitteleuropas zu politischen Kompromissen neigen und “weich” sind; Du irrst Dich jedoch: Rabbi Mosche Levinger, der geistige Vater der “Gusch Emunim" Bewegung (eine Gruppe, die für die Ansiedlung im historischen Erez Israel und in allen seinen Teilen kämpft) ist aus München und kann wohl kaum als “weich” bezeichnet werden; er ist Initiator der Besiedlung Hebrons und der Judaea- und Schomron-Provinzen. Die Generale dieser Landsmannschaft haben nicht wenig dazu getan, dass die “harte" Armee Israels zu dem wurde, was sie heute ist. Der verstorbene Redakteur der Abendzeitung “Maariv", Dr. Esriel Carlebach (geboren in Leipzig), galt als besonders aggressiver Journalist, der politischen — und wenn nötig — auch militärischen Aktivismus gegen die britische Mandatsregierung unterstützte. Man kann fleissige und faule, leistungsfähige und unfähige, kultivierte und uninteressierte Mitteleuropäer in Israel antreffen. Nur der böswillige Bürger will unter ihnen den unsympathischen Typ gelten lassen, und der Philo-Jecke sieht nur die guten Qualitäten. Das Buch versucht der Vielfalt gerecht zu werden, positive und negative Züge zu schildern, sogar bei bekannten mitteleuropäischen Persönlichkeiten des israelischen Lebens. Der Autor täte seiner Landsmannschaft Abbruch, wenn er den Tatsachen gegenüber blind wäre und ein ausschliessliches Loblied niederschreiben würde. Viel Grosses ist von Mitteleuropäern in diesem Lande getan worden, und es ist nicht zu verwundern, dass das Individuum und das Kollektiv nicht auch Schattenseiten haben sollten. Die Umrisse einer einseitigen Typologie kann man jedenfalls in diesem Buch nicht finden, denn einen Prototyp des jüdischen Mitteleuropäers gibt es nicht, sogar nicht des deutsch-jüdischen Menschen, wenn man darauf besteht, ihn von dem österreichischen und tschechischen Juden zu unterscheiden. WITZE ÜBER DIE NEUEN EINWANDERER Der Volksmund hat natürlich das letzte Wort, und eine Reihe von köstlichen Witzen der Immigrationsepoche zeigen am besten die Einstellung ■der Bevölkerung zum neuen mitteleuropäischen Einwanderer. Die Witze — und vielleicht auch wahre Begebenheiten — sollen hier ohne Kommentar gebracht werden, denn die Pointen sind klar und unterstreichen die Haltung der alteingesessenen Bevölkerung in Palästina zu den Neuankömmlingen. I. Witz: Ein Alteingesessener fragt einen neuen Einwanderer: “Sind Sie aus Überzeugung hier oder aus Deutschland?” II. Ein Tourist trifft einen Jecken in Erez Israel und fragt ihn: “Wie lange bleiben Sie hier?" Der stöhnt: “Lebenslänglich". III. Es gibt unter den Immigranten aus Deutschland einen Vorschlag, Hitler ein Denkmal im Zentrum Tel Avivs zu errichten — mit der Beschriftung “Unser Herführer”. IV. Meine frühere in England geborene Sekretärin erzählte folgende angeblich wahre Geschichte: “in einer Lotterie gewann eine Familie einen elektrischen Kühlschrank in jenen Jahren, als so ein Haushaltsgegenstand von grosser Seltenheit war. Der Lastwagen mit dem Kühlschrank wurde von Tel Aviv nach Naharia im Norden des Landes geschickt und kam um 2 Uhr mittags am Hause der glücklichen Familie (Immigranten aus Deutschland) an. Als der Lastträger klingelte, öffnete die Frau des Hauses im Hausrock die Tür und lehnte es ab, den Kühlschrank anzunehmen, denn um 2 Uhr wäre Ruhezeit, während der nicht gestört werden darf.” V. Ein kultivierter Jude aus einem deutschsprachigen Land spricht zu einem Bekannten einer anderen Landsmannschaft über Mann. Er merkt, dass der Bekannte nicht so recht weiss, worüber er spricht. So fragt er: “Kennen Sie Thomas und Heinrich Mann?” “Nein”, sagte der Bekannte, “ich kenne Fredric Mann" (Philanthrop des grossen Mann Auditoriums in Tel Aviv) — S. E.). Fragt der aus Deutschland: “Was hat denn der geschrieben?” “Einen Scheck", antwortete der Partner des Kulturgesprächs. VI. Während der Fallschirmübungen springen Chaim und Hans über israelischem Boden ab; die Fallschirme öffnen sich nicht. Sagt Hans zu Chaim bitter: “Zum Teufel, was für eine Armee ist das! Ich könnte wetten, wenn wir unten ankommen, wartet auch keine Ambulanz.” Die drolligsten Witze zirkulierten um die Schwierigkeiten des Erlernens der hebräischen Sprache, denn den Neuen fiel es bitter schwer, sich der hebräischen Sprache zu bedienen: 1. Man fragte einen neuen Immigranten in Hebräisch: “Ata M’wien?” (Verstehst Du?), und man bekommt zur Antwort: “Lo, M’berlin" (Nein, nicht aus Wien, sondern aus Berlin). 2. Es erschien eine Annonce in der deutschen Zeitung des Landes: “Hebräisch-Lehrer gesucht — Lebensanstellung”. 3. Prof. Max Kurrein aus Berlin erzählte seinen Schülern am Technion, dass er in Deutschland in einem “Mifal Neschikot” (Kussfabrik) gearbeitet habe. Die sich amüsierenden Studenten verstanden, dass er wohl in einem "Mifal Neschek" (Waffenfabrik) gearbeitet haben muss. 4. Es war leichter, Jiddisch als Hebräisch zu verstehen, daher sprachen viele zu den Neuen in Jiddisch und beruhigten sie, dass man sich mit der Zeit eingewöhnen werde (in Jiddisch “zugeweinen”). Es erschien den neuen euphemistisch, dass Weinen und Gewöhnen dieselbe ethymologische Bedeutung haben. Witze dieses Genre sind schon lange nicht mehr im Umlauf, sie zeigten Böswilligkeit, ein bisschen Bewunderung und das Gefühl der Befremdung bei der ersten Begegnung mit einer auffallenden Landsmannschaft. DAS IMAGE DER MITTELEUROPÄISCHEN JUDEN IN DEN AUGEN DER BEVÖLKERUNG ISRAELS Es gibt ethnologische Eigenschaften, die ein Volk kennzeichnen. Viele Wissenschaftler haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875—1961) hat für diese Gruppenerscheinungen Erklärungen im kollektiven Unterbewusstsein gesucht. Martin Buber hat versucht, die besonderen Charakteristika für die jüdische Volksgruppe zu formulieren. Der deutsche Psychologe Wilhelm Wundt hat 10 Bände über die “Völkerpsychologie" geschrieben, und Untersuchungen über die genetischen Voraussetzungen und die Umgebungseinflüsse (Ernährung, Klima, Landschaft und Kultur) zur Prägung unterschiedlicher ethnischer Gruppen sind endlos. Die beiden Grossfamilien des jüdischen Volkes, die im Mittelalter in zwei Richtungen unter den verschiedenen kulturellen und sozialen Bedingungen Europas und des Orients entstanden sind, haben aufgrund verschiedener physischer und kultureller Einflüsse spezielle Merkmale entwikkelt. Die Wesensart der mitteleuropäischen Juden im deutschsprachigen Raum stand unter dem Einfluss der besonderen Gegebenheiten dieser Region. Es gibt ein jiddisches geflügeltes Wort für dieses Phänomen, das besser als langwierige wissenschaftliche Untersuchungen diese Erscheinung im jüdischen Bereich auf einen Nenner bringt: man sagt in Jiddisch “asoi wie es sich christelt, jiedelt es sich”. Dies bedeutet, dass die Lebensform der Christen — und im übertragenen Sinn auch der Moslems — die Juden beeinflusst und sie teilweise das Geprägte ihrer Wirtsvölker im Wesen und Tun annehmen. Es ist hier nicht am Platz, volle Beweise dieser lebensklugen und verständlichen Ansicht zu geben, aber wer die russischen Juden, die italienischen, die indischen, die nordafrikanischen Juden und viele andere jüdische Landsmannschaften verstehen will, muss die lokalen Zustände und die Wesensart kennenlernen, um das Temperament der ansässigen oder früher ansässigen Mitglieder der jüdischen Gemeinden und ihre physischen und geistigen Besonderheiten zu verstehen. Wie sieht das Profil der Israelis, die aus deutschsprachigen Ländern stammten, von der Warte eines anderen Juden aus? Der Präsident Israels, Itzhak Navon, ein in Israel geborener Sepharde mit kritischem Blick, erklärte mir, dass es ein Unglück für das Land war, dass zu wenig Juden Mitteleuropas nach Israel kamen, “sie sind (Fortsetzung auf Seite 12) 11

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