Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1990
- Issue
- No. 54 (1990)
- Date
- 1990-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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NEUE WURZELN Von SHLOMO EREL Shlomo Erels Buch “NEUE WURZELN — 50 JAHRE IMMIGRATION DEUTSCHSPRACHIGER JUDEN IN ISRAEL” ist beim Rubin Mass Verlag Jerusalem in hebräischer Sprache (kart.) neu aufgelegt worden. Es ist die zweite Auflage in Hebräisch, der Titel ist “HAYEKKIM”. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir die folgenden Auszüge mit der Erlaubnis des Bleicher Verlags, Gerlingen. Erel ist Breslauer und war unter dem Namen Siegusch Ehrlich bekannt. DER ORIGINELLSTE BEITRAG — IN DER LANDWIRTSCHAFT Der originellste Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des Landes war jedoch auf einem Gebiet, das unerwartet war, nämlich auf dem der Landwirtschaft. Es war unerwartet, denn nur 1,75% aller Juden in Deutschland — laut der Volkszählung von 1933 — waren in der Landwirtschaft beschäftigt gewesen. Nach L. Pinner haben sich 15% der mitteleuropäischen Einwanderer zwischen 1933—1939 in Kibbuzim oder Moschavim und in Mittelstandssiedlungen niedergelassen und haben das Ideal des Zionismus — “Von der Stadt aufs Land” — in die Wirklichkeit umgesetzt. Das Land war gewohnt, dass junge Einwanderer als Pioniere (Chaluzim) in Kibbuzim und Moschavim gingen und dort ein neues Leben anfingen; es war aber nicht gewohnt, dass Familien aus dem Bürgertum mit Kindern, ohne landwirtschaftliche Erfahrung, den revolutionären Schritt des radikalen Berufswechsels und der Absage an die Stadt auf sich nahmen. Dies taten jedoch 1500 Familien aus Mitteleuropa während der Fünften Alija, und die Majorität unter ihnen gründeten Dörfer, die als Mittelstandssiedlungen bekannt wurden. Ein grosser Teil der Investition kam direkt aus Kapitalen der Einwanderer selbst, und auch dies war eine Neuheit, denn Kibbuzim und Moschavim waren in ihrer Finanzierung gänzlich von der Zionistischen Organisation abhängig. Unter den Siedlern des Mittelstandes konnte man viele Kaufleute, Ärzte, Apotheker und Anwälte finden. Eine Liste der Mittelstandssiedlungen zeigt 13 Orte, deren Gründer Mitteleuropäer waren. Die erste Siedlung dieser Art “Ramot Haschavim" im Scharon (gegründet 1933) hatte unter ihrer Gründergruppe “29 Kaufleute, 17 Ärzte, 2 Apotheker, 7 Anwälte, 2 Industrielle, 2 Beamte und je einen Ökonom, Buchhalter, Techniker, Lehrer, Versicherungsagent und einen Landwirt”, und dieser anfängliche Kern schuf eine blühende Siedlung, basiert auf Hühnerzucht und Gemüseanbau. Intensive Landwirtschaft mit Bewässerung wurde zur Parole dieser Kolonisationsepoche. Bezalel Amikam hat eine Untersuchung dieser Siedlungsbestrebungen der deutschen Alija geschrieben, der den Prozess der Einordnung und des Aufbaus beschreibt. Er kommt zu dem Schluss, dass 20% aller Einwanderer aus Deutschland in die Landwirtschaft gegangen sind. Margarete Turnowsky-Pinner stellte fest, dass “90—95% der Siedler “Umschichtler" waren, überwiegend frühere Kaufleute und Akademiker. In einigen Orten bildeten Akademiker ein Drittel bis zur Hälfte der gesamten Siedlerschaft." Die meisten Siedlungen waren auf kleine Bodeneinheiten (4—5' Dunam pro Familie) aufgebaut. Der Ein- und Verkauf war vom Dorf zentral organisiert, die Dorfleitung plante auch die Kreditbeschaffung. Die Siedlungen wurden sowohl wirtschaftlich, als auch gesellschaftlich zu einem grossen Erfolg. Heute ist ein Teil dieser Siedlungen zu modernen Wohngegenden und Vorstadtsiedlungen geworden: Naharia ist heute eine Stadt mit einem industriellen Zentrum und ist als Badeort am Mittelmeer gepriesen. Das Gästehaus der Genossenschaftssiedlung (Moschav Schitufi) Shavei Zion, auch am Mittelmeer, gibt dieser Siedlung ein besonderes Gepräge. Kfar Schmarjabu, in deren nächster Nähe der Autor wohnt, ist heute eine Villenvorstadt von Tel Aviv, deren herrliche Häuser und parkähnliche Anlagen den Neid aller Nachbarn entfacht. Viele Bewohner dieser Orte sind heute “Zugewanderte” anderer Regionen. Naharia ist schon lange nicht mehr “deutsch", die “Urbevölkerung” ist in der Minorität, und in Kfar Schmarjahu hört man viel Englisch und andere Sprachen. Das oben erwähnte Buch von M. Turnowsky- Pinner, Die Zweite Generation Mitteleuropäisch0! Siedler in Israel, ist von besonderem Wert, da dies der erste Versuch ist, die in Israel geborenen oder zumindest erzogenen Nachkommen der Mitteleuropäer thematisch zu erfassen und zu studieren. Es wäre eine enorme Aufgabe, diesem Thema weiter nachzugehen und das Besondere dieser Generation in der Armee, in religiösen Kreisen, in den Kibbuzim, unter den Akademikern und in speziellen Berufen zu erforschen. Die Kibbuzbewegung und ihre mitteleuropäischen Mitglieder kommen in einem besonderen Kapitel dieses Buches zum Wort, so dass das vorliegende Kapitel darauf verzichten kann, auf diese wesentliche und besondere Leistung in der Siedlungsgeschichte des Landes einzugehen. Dr. Alex Bein veröffentlichte eine Liste aller Siedlungen des Landes und die Zusammensetzung ihrer Gründergeneration. In einigen Fällen waren dies Menschen aus ein und demselben Land der Galut, oft waren es Menschen aus zwei oder drei Ländern, die gemeinsam die Siedlung gründeten. Nach dieser Liste von A. Bein im Buch, “Alija und Ansiedlung im Staat Israel” wurden 51 Kibbuzim mit Hilfe von mitteleuropäischen Gruppen gegründet, 18 davon wurden von Zöglingen der Jugendalijagruppen aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei aufgebaut. “JECKE”, WAS IST DAS? Es gibt für einige Landsmannschaften abfällige Begriffe — meist aus dem jiddischen entnommen. Für den sephardischen Juden ist es “Fraenk", für die polnische Frau “Polnische Dripke”, für den aus Galizien “ Galizianischer Ganev” (galizianischer Dieb). Für den Juden aus Deutschland gebraucht man den nicht mehr ganz eindeutig erklärbaren Ausdruck “Jecke”, und wenn man ordinär sein wollte, hing man dieser Benennung ein unzüchtiges Wort an, das man nicht zu Papier bringen kann. Bei diesen Ausdrücken macht, der Tonfall die Musik, und meist geht es um nicht allzu ernstzunehmende Beurteilungen. In einer ärgerlichen Szene kann so eine Bezeichnung schwer beleidigen. Um der Wahrheit willen muss man gestehen, dass in den ersten Jahren der Begegnung mit Juden Deutschlands der Begriff “Jecke” kein Ehrentitel war und oft bösartig gebraucht wurde. Er symbolisierte für verschiedene Leute Verschiedenes: Der andersartige Jude aus Deutschland erschien naiv, tumb, humorlos, er konnte Situationen nicht schnell erfassen, er konnte leicht übers Ohr gehauen werden, er war schwer von Begriff, aber er galt auch für fleissig, gewissenhaft, verlässlich und hochanständig. All diese Schätzungen und Abschätzungen sind in dem Begriff “Jecke” vorhanden. Es gibt einen philologischen Streit der “Experten”, woher dieser Ausdruck stammt. Die Böswilligen sagen, dass Jecke ein Akronym aus dem Hebräischen ist: Jehudi Kasche Hawana (begriffsstutziger Jude). Andere suchen historische Erklärungen, z. B. dass der Jude Osteuropas, der noch die traditionelle, mittelalterliche schwarze Tracht trug, lächelnd auf den sich modernisierenden westlichen Juden herabschaute, als der sich a la Berlin mit kurzem Jacket kleidete. Aus dem Wort Jacket wurde Jecke. Eine andere, nicht besonders freundliche Auslegung bringt den Begriff mit dem rheinländischen Karneval in Verbindung, in dem-der Organisator des Karnevals Geck genannt wird. Man gebrauchte in diesem Zusammenhang den Begriff Jeck anstelle Geck; es gibt auch bei dieser Gelegenheit einen Ehrenjecken oder Oberjecken. Die Assoziation kann auch mit dem Wort Geck als Hofnarr verbunden werden, und der Joker beim Kartenspiel soll auch davon abgeleitet sein. Der Duden bringt einige Synonyme für “Geck", die alle nicht besonders schmeichelhaft sind. Die ursprüngliche Erklärung des Begriffs im jüdischen Zusammenhang ist jedenfalls verlorengegangen, und der anfänglich negative Kontext hat sich mit der Zeit in eine positive Bezeichnung verwandelt, so dass Menschen aus Deutschland sich gern als “Jeckes” bezeichnen lassen und sich nicht herabgesetzt fühlen. Der bekannte Humorist aus Deutschland, Sammy Gronemann (1875—1952), der in Israel lebte und hier starb, konnte beruhigt sein Buch “Erinnerungen eines Jecken” veröffentlichen, ohne sich eine Blosse zu geben. Das Oberste Gericht Israels hatte den seltsamen Fall zu entscheiden, ob das Wort “Jecke” beleidigend ist, als ein Jude Deutschlands vor dem Gerichtshof forderte, dass der in den Zeitungen annoncierte Fernsehfilm “Die Jeckes" nicht gezeigt werden soll, da er in dem Ausdruck ein Schimpfwort sah. Der Kläger erklärte, “...so, wie das Radio und das Fernsehen des Staates kein Programm über die sephardische Gemeinschaft unseres Präsidenten mit dem Namen “Die Fränken” bezeichnen oder über die Landsmannschaft unseres Premierministers “Die Polacken" nennen würde, so darf man auch ein Programm über die aus Deutschland Eingewanderten nicht “Die Jekkes" bezeichnen.” Das Oberste Gericht (in Anwesenheit von drei Richtern) lehnte die Klage unter dem Hinweis ab, dass der Ausdruck “Jecke” kein Schimpfwort sei, sondern eine Bedeutung der Ehrung und sogar der z.u,.eigung haue. Der Richter Chaim Cohn sagte bei dieser Gelegenheit: “Ich selbst gehöre zu dieser Rasse von Menschen, und ich habe stets gedacht, dass dies ein Ehrentitel sei." Der Kläger gab sich mit diesem salomonischen Urteil zufrieden. “Wenn ein Richter in Israel erklärt, dass das Wort “Jekke" ein Wort der Ehrung sei, dann ist es auch nur eine Ehre, ein Jecke zu sein." Trotzdem gibt es den einen und den anderen Menschen, der sich vor dem Ausdruck ein wenig fürchtet. Ein Professor der Hebräischen Universität bat mich, den Begriff “Jecke" nicht in meinem (Fortsetzung auf Seite 11) 10