Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1990
- Issue
- No. 54 (1990)
- Date
- 1990-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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EIN BESUCH IN WROCLAW Von Dr. JEHUDA BEN-AVNER Mit einer Gruppe junger Juden aus der Schweiz besuchte ich Polen. Wir fuhren im Autobus, bei Görlitz gingen wir über die polnische Grenze Unsere erste Station in Polen war Wroclaw. Es war etwas über 50 Jahre, nachdem ich meine Vaterstadt Breslau verlassen hatte, u. ich sie jetzt zum ersten Mal wieder sah. Wir fuhren über eine mir vollkommen unbekannte Strasse ein. Ich fragte den polnischen Begleiter in welcher Richtung wir einfahren. Die Antwort war: vom Süden. Und da begriff ich: diese halb leere und halb mit grossen Mietskasernen bebaute Allee war die ehemalige Kaiser-Wilhelmstr. Und da war das alte Strassenbahndepot und der Kaiser-Wilhelm (Hindenburg)- Platz. Von Weitem konnte ich auch den Wasserturm sehen. Am Ende der Strasse, dort wo die Eisenbahnbrücke verläuft, wurde das Auto geparkt, und wir gingen zu Fuss. Da war mir alles bekannt. Wir überquerten die dort wenig veränderte Gartenstrasse, die Schweidnitzerstrasse entlang bis zum Stadtgraben. Der Tauentzienplatz blieb unverändert, ausser dem fehlenden Denkmal, Wertheim steht wie es war, heisst aber “Centrum”, Hotel Monopol, die Kirche dahinter, das Stadttheater, Torwache und Normaluhr standen wie ich sie von Kindheit her kannte. Dann gingen wir über den Schlossplatz. Vom Schloss ist nur noch ein kleiner Flügel vorhanden. Links steht noch das Riesengebäude des Polizeipräsidiums und das Gerichtshaus mit seinen Türmen und Zinnen. Die Graupenstrasse überquerend, gelangten wir in die Wallstrasse. Auf dem Wege, im Auto, hatte ich meinen jungen Mitfahrern schon über Breslau, seine Geschichte und besonders seine Bedeutung als jüdisches Zentrum und Grossgemeinde erzählt. Nun stand ich mit ihnen im “Storchhof", im Hof des Gemeindehauses und der “Alten Synagoge”, in der ich vor so vielen Jahren jeden Schabbath betete und als Bar-Mizwah zur Thorah gerufen wurde. Die grosse Synagoge war geschlossen und die Scheiben zerbrochen. Hier im Hof wurden mir über die Bedeutung des Platzes Fragen gestellt und dann, bei anberechender Nacht, tanzten wir dort Horrah. Inzwischen kam auch der heutige Vorsitzende der Gemeinde mit einigen Leuten. Ich fragte sie, warum das Bethaus so vernachlässigt und geschlossen ist. Man antwortete mir, es gäbe in der Stadt nur noch wenige Juden und alles alte Leute. Nicht lange mehr würden Juden in Wroclaw sein. Geld zur Entstandsetzung haben sie nicht. Sicher würden ihnen Juden anderer Länder Geld dafür geben, aber für wen sollten sie es machen? Für die Polen, die nur darauf warten, dass die Juden aussterben, und das Haus ihnen für ihre Universität in die Hände fällt? Ich fand sie haben recht. Der ganze Bau ist voller polnischer Familien die dort wohnen. Nur die kleine “Storchsynagoge" besteht noch und ist im Gebrauch. Sie haben auch noch eine Wohnung, die zum Empfang und als Speisesaal mit Küche dient, sehr einfach und arm. Dort bewirteten sie uns mit Tee und Bisquiten und brachten in warmen Worten, in Jiddisch, ihre Freude darüber zum Ausdruck so viele junge Juden (es waren 70 Leute) auf einmal zu sehen. Wir antworteten auf ihren Gruss, und dann standen die jungen Leute auf, und begannen sponten die “Hattkwa” zu singen. Die Gastgeber sangen mit, mit Tränen in den Augen. Für mich, den einzigen Israeli dort war es besonders erhebend in meiner Vaterstadt die Hymne meines Staates zu singen, mitten in Polen. Ich wollte noch etwas von den Resten meiner Kindheit sehen. Aber es war indessen stockfinstere Nacht geworden. Schnell ging ich zum Sonnenplatz. Ich hätte ihn nicht mehr erkennen können. Da, wo die Sonnenstrasse war, wo ich zur Welt kam und viele Jahre lebte, ist eine breite Allee mit viel Verkehr. Auch die frühere Gräbschner Strasse, durch welche ich zur Schule ging, ist heute eine breite Allee. In der Gartenstrasse, wo meine Mutter einen Laden hatte, sind die Häuser neu, und ich hatte dort nichts zu suchen. So kehrte ich in die Wallstrasse zurück. Das Seminar steht dort, noch so wie es stand. Schon sollten wir Breslau verlassen. Aber kann ein ehemaliger Breslauer wegfahren, ohne nochmal am Ring gewesen zu sein? Also lief ich schnell über den Blücherplatz zum Ring. Alles war stockdunkel. Das schöne Rathaus steht wie es stand, aber im Dunkeln. Armselige Lampen beleuchten etwas die Strasse, aber der grosse Bau ist unbeleuchtet. Es war bedrückend. Dann lief ich über die Schweidnitzer Strasse zurück zu unserem Auto, das uns dann noch in später Nacht über Beuthen nach Krakau brachte. Beim Rückweg von Warschau fuhren wir nochmals durch Wroclaw. Wieder war es nachts. Wir fuhren vom Norden ein, zweimal auf Brücken über die Oder, konnten aber ausser den Fassaden der Häuser an unserem Weg nichts erkennen, bis wir an den Stadtgraben kamen, an ihm entlang bis Wertheim fuhren, und dann zum Süden hinaus, so wie wir herein fuhren. Nicht viel ist von Breslau übrig geblieben. Das deutsche Breslau und das polnische Wroclaw sind ineinander gewachsen. Die einst dort gesprochene Sprache verstehen die heutigen Bürger nicht, und wir “einstigen" können die Sprache in Wroclaw nicht verstehen. So wurde mir der Besuch meiner Vaterstadt fast zum Bruch mit meiner Vergangenheit. Nur im “Storchhof" erwachte 'tiefes Empfinden, ja fast Begeisterung. Es war die Erinnerung an eine grosse, jüdische Vergangenheit und Tradition. „JUEDISCHES NACHRICHTENBLATT” (Fortsetzung von Seite 5) renz im Dezember, und “Siedlungspläne in British Guayana”,... Die zweite Überschrift wird dem “Kulturbund” gewidmet, der die “Tätigkeit wieder aufgenommen hat”. Auf der zweiten Seite wird mitgeteilt, Bezieher jüdischer Blätter erhalten “mit behördlicher Genehmigung ab sofort zur Information über die Vorgänge im jüdischen Leben das 'Jüdische Nachrichtenblatt’ zugestellt". Die obere Hälfte der Seite ist der Jüdischen Winterhilfe gewidmet, die untere “Jüdische Schulen für jüdische Kinder", wo von Zusammenlegung der Klassen gesprochen wird. (Eine Umschreibung, die aussagt, dass die meisten der jüdischen Schulen geschlossen wurden.) Die “Jüdische Gemeinde zu Berlin” bittet, den “Publikumsverkehr im Verwaltungsgebäude Oranienburgerstrasse auf die dringendsten Fälle zu beschränken. Anfragen sind möglichst schriftlich einzureichen". — Die Nummer 2, Jahrgang 1938, trägt das Datum, Dienstag, 29. November. Auf der rechten Seite die gleiche “Unbedenklichkeitserklärung". Unter der Überschrift “Möglichkeiten der Einwanderung” erscheinen Meldungen aus der Schweiz, Portugal, Belgien, Guatemala, Peru, Schweden, Swaziland. Die untere Hälfte der Seite spricht wieder von “verstärkter Kulturbundarbeit”. Auf der äusseren Spalte wird auf die Notwendigkeit der Beantragung der Kennkarte hingewiesen, “Am 31.12.1938 läuft für die Juden deutscher Staatsangehörigkeit die Frist für die Beantragung der Kennkarte ab”, wie der Hinweis “Jüdische Vornamen” hinzuzufügen, Israel und Sara. (Damit werden einmal alle Juden erfasst und registriert, eine wichtige Vorarbeit für die später eingeleiteten Deportationen, wie gleichzeitig, durch die Zufügung der Vornamen, demoralisierend.) Unter “Nachrichten aus den Gemeinden" teilt Breslau mit, dass die Haushaltsschule noch einige Schüler aufnehmen kann, wie die “Pflicht zur Zahlung der Gemeindebeiträge" und “Aufforderung für die Jüdische Winterhilfe zu spenden", 'Köln weist auf die „Zweite Pfundsammlung der Jüdischen Winterhilfe” hin, — die anderen Gemeinden schweigen. — Die zweite Seite bringt einen Bericht der “Jüdischen Winterhilfe, Berlin”, wie “Mitteilungen der Schulverwaltung”, aber auch “Offene Auslandsstellen”: in Mandschuko wird ein lediger jüdischer Uhrmacher gesucht, in Bolivien Webstuhleinrichter und Weber für Kunstseide, in England ein Chemiker zur Herstellung von Schwefelkadmium,... Es gibt keine Hinweise auf g”ttesdienstliche Veranstaltungen, auf Sportbetrieb oder anderen Gemeindeaktivitäten. ★ Die vergilbten Blätter des “jüdischen Nachrichtenblattes” sollten die Juden beruhigen, die in Deutschland, so wie d. wenigen Empfänger in anderen Ländern, “seht, das jüdische Leben geht weiter”,... Der Kulturbund kündigt am 23. November acht Vorstellungen an. Die “Novemberkonzerte fallen aus technischen Gründen aus". Statt der angekündigten Vorträge sollen im Dezember Orchesterkonzerte stattfinden. Der Text wird in der zweiten Nummer wiederholt. — ★ Haben die Juden in der Welt, insbesondere die besoldeten Funktionäre, die die politische Führung mitbestimmt haben, oder mitbestimmen wollten, verstanden, das aus den wenigen Zeilen herauszulesen, was sie ausgesagt haben. Das “Nachrichtenblatt” hatte nichts mit der jüdischen Presse gemeinsam, wie man es in Deutschland gewohnt war. Der “verantwortliche Redakteur", als gewandter Journalist bekannt, wurde gezwungen, seinen Namen für etwas herzugeben, auf das er sicherlich keinen Einfluss ausüben konnte. Man •klammert sich an wenige Tatsachen und wenige Themen, Wohlfahrtseinrichtungen, Kulturbund, Schule, um der jüdischen Bevölkerung in Deutschland wie in der Welt den Eindruck zu vermitteln, in dieser abgegrenzten Welt überleben zu können, — ein verhängnisvoller Trugschluss. — ★ Die Eltern, die mir diese Blätter ins Ausland schickten, wurden genau drei Jahre später deportiert. Aus ihrem letzten Rot-Kreuz-Brief, datiert 11. November 1941: “Wir verlassen morgen Berlin. Richtung unbekannt,... Neue Adresse folgt". Die “neue Adresse" ist niemals mitgeteilt worden... 9