Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1990
- Issue
- No. 54 (1990)
- Date
- 1990-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Jüdische Schule-eine Notwendigkeit1 Eine der hervorragendsten Institutionen der Gemeinde Breslau war die jüdische Schule: erst Volksschule und dann auch das Gymnasium am Rhedigerplaiz. Ihr Erziehungsprogramm basierte auf “Thora mit Derech Eretz” im Sinne von S.R. Hirsch, “Thora mit Derech Eretz Israel" wie Isaak Breuer es formulierte und der positiv-historischen Richtung des von Frankel gegründeten Rabbinerseminas in Breslau. Mehrere Absolventen wie auch Dozenten dieses Seminars, (wie z. B. Dr. Heinrich Speyer s.A.), fungierten als Lehrer und an ihrer Spitze unser unvergesslicher Rabbiner Dr. Simonsohn s.A. Die jüdische Schule in Breslau war das Vorbild von vielen anderen jüdischen Schulen in Deutschland, wie z.B. der von Dr. Erich Klibanski geleiteten “Jawne” Schule in Köln. Dr. Klibanski war s. Zt. Studienrat am Jüdischen Gymnasium in Breslau. Doch die Gründung dieser Schule ging nicht so glatt vor sich, und die militanten Assimilanten der Breslauer Gemeinde brachten ihre Gegnerschaft sehr laut zum Ausdruck. Als vom Jahre 1933 an viele jüdische Kinder die allgemeinen Gymnasien verliessen, fanden viele ihren Weg zur Schule am Rhedigerplatz. Ein nicht kleiner Teil dieser Schüler kam aus nicht-orthodoxen und nicht-zionistischen Familien, und doch zogen die Eitern diese Schule, der neugegründeten “liberalen Schulgemeinschaft" am Anger vor. Auch die Kinder ordneten sich gut in der neuen Umgebung ein, dank dem Verständnis des Lehrkörpers und der toleranten Atmosphäre. Auch mehrere Lehrer welche nach 1933 aus dem Staatsdienst ausscheiden mussten und am Jüdischen Gymnasium einen neuen Wirkungskreis fanden, hatten keine Schwierigkeiten sich dieser neuen Umgebung anzupassen. Wir bringen nachfolgend einen Artikel aus der “Jüdisch-liberalen Zeitung” über den Streit um die Gründung der jüdischen Schule in Breslau. Der Artikel wurde uns von Frau Chaja Bar- Or, aus dem Nach,lass ihres Vaters, Curt Jeschajahu Schneller, frdl. Weise zur Verfügung gestellt. Der Artikel ist vom Jahre 1920. Heute, im Jahre 1990, 70 Jahre danach und nach dem furchtbaren Unglück welches die Deutschen über das jüdische Volk gebracht haben, können wir die in diesem Artikel gebrachten Ansichten nicht verstehen. Heute wissen wir dass die jüdische Schule eine Lebensnotwendigkeit war. Und doch gehören auch diese Ansichten, historisch gesehen, zu dem Gesamtbild der Breslauer Gemeinde. Nur durch eine Interpunktion ist diese Überschrift verschieden von den grossen Anzeigen und Aufrufen, durch die ein unbekannter Einberufer nach dem grossen Lessingsaale zu zwei Referaten berief. Die Frage der jüdischen Schule hat schon vor etwa einem Jahre die Gemüter der jüdischen Gemeinde in Breslau erhitzt, sie stand im Mittelpunkt der Wahlparole, unter welcher sich der Kampf um die Gemeindevertretung vollzog und die Verneinung dieser Frage war es, die damals zu einem grossen Teile die Wahlschlacht entschied. Ob es klug und notwendig war, diese Frage, nachdem die erste Klasse dieser jüdischen Schule durch einen besonders gebildeten “Jüdischen Schulverein" bereits geschaffen war, erneut in die Öffentlichkeit zu tragen, ob es dem Frieden in der Gemeinde förderlich ist, durch diese Kraftprobe festzustellen, wie weit grosse Kreise der Gemeinte, Orthodoxe und Liberale, die Gegner der konfessionellen Schule sind, den Toleranzgedanken so auffassen, dass Zionisten und ihre Anhänger in gewissen Kreisen der Ultra-Orthodoxie die Richtung für die ganze Gemeinde angeben, sei dem Urteile der Leser überlassen. Wir fassen religiöse Toleranz so auf, dass jede Partei ohne Gewissenszwang ihren Glauben bekennen und ausüben darf, dass Einrichtungen geschaffen werden, aber aus Toleranz lehnen wir es ab, der Schule efnen konfessionellen Charakter zu geben. Im Jahre 1890 gab es im Preuss. Abg.-Haus, hervorgerufen durch Stöcker, eine grosse Schuldebatte, in der Stöcker rügte, dass die höheren Schulen in Berlin, Breslau usw. mit jüdischen Elementen überlastet seien. Graf Pfeil blies im Herrenhause in die gleiche Trompete und ersuchte die Regierung um Abhilfe, d.h. um Sonderschulen, dem widersprach Miquel, Bötticher, der Feldmarschali Graf Moltke, ganz besonders aber der Kultusminister v. Gossler, der erklärte: “Wenn wir für 15 000 jüdische Schüler durch 500 Lehrer besonderen Unterricht erteilen lassen, so ist ein grosser Teil unserer Bevölkerung in eine Entwicklung hineingedrängt, die zu einem Auseinanderfall, nicht zum Zusammenschluss führt". Der “ Reichsheroid” des Antisemiten Böckel schrieb darauf, die jüdische Abkunft des Minister v. Gossler stände ausser Zweifel. Dass die Zionisten in der Frage der Schule und der Fremdstämmigkeit der Juden in Deutschland mit den Antisemiten einer Ansicht sind, ist bekannt, aber, wie das zionistische Merkbuch von Preuss und Holdheim hervorhebt, segeln auch wesentliche Teile der Agudas, d.h. der am meisten rechts gerichteten Orthodoxie im völkischen Fahrwasser. Allerdings ist bezüglich der Schule der Grundgedanke der beiden Parteien nicht der gleiche, erstrebt die Agudas eine Stärkung der Orthodoxie, so will der Zionismus die Schule als Sprungbrett für den völkischen Gedanken benutzen. Wie aber haben bedeutenden Pädagogen über derartige Zweckschulen geurteilt? Diesterweg schrieb 1863 in den Rheinischen Blättern unter “Konfessionsschule, Simultanschule, Humanitätsschule": “Wer da meinen sollte, die Antipathie gegen die Juden sei aus der Welt geschwunden, irrt gewaltig. Man trifft sie sogar in den gebildeten Ständen noch, am meisten, selbst unter den Literaten und Lehrern. Wie bändigt und beseitigt man dieses grausame Vorurteil? Ich kenne für unseren Zweck kein geeigneteres Mittel als dieses: Man setze einen Lehrer jüdischer Religion als ordentlichen Lehrer in die Lehrerkorporation hinein. Solche Anstalt ist etwas anderes, als die nach Konfessionen getrennten Schulen und sie übt für die Ausrottung von Vorurteilen, für Gemeinsinn menschliches Zusammensein, Achtung der Nebenmenschen ganz andere Wirkungen aus, als konfessionelle Schulen." Der Rechtslehrer Rudolf v. Gneist schrieb von konfessionellen Schulen: “Der Gesichtspunkt der Reinheit des kirchlichen Glaubens und des kirchlichen Galubenseifers wird der entscheidende für die Auswahl der Lehrer und für die Disziplin über dieselben, neben welchen der Lehrerberuf, der Erziehungsberuf, die wissenschaftliche Bildung in zweite Linie zurücktreten.” Die “Kreuzzeitung” allerdings trat am 11. November 1898 für die Ausmerzung jüdischer und katholischer Lehrer an evangelischen Schulen ein, .. sie geht in der Forderung konfessioneller Schulen mit den Herren vom jüdischen Schulverein konform. Wie sieht es im Faust? “Es tut mir in der Seele weh, wenn ich Dich in der Gesellschaft seh’.” Es wird auf die bestehenden jüdischen Schulen hingewiesen. Sie sind vor der Emanzipation gegründet, sowohl die Talmud Thora Schule in Hamburg, als die Jacobsohn Schule in Seesen, als das Philantropin in Frankfurt. Heute jüdische Konfessionsschulen gründen, heisst die mehr als 100jährige Arbeit seit der Emanzipation und die Arbeit vor der Emanzipation vernichten, ...sprechen von den Aufgabe der Erziehung zur einheitlichen Persönlichkeit. Nun auch wir wollen die Einheit der Persönlichkeit, aber die Einheit besteht aus einer Vielheit von Empfindungen und Ansichten, die sich in der Persönlichkeit zur Einheit zusammen schliessen und diese Synthese heisst für uns “Deutsches Volkstum und jüdischer Glaube." Ein jüdisches Volk giebt es seit 1900 Jahren nicht mehr, in Deutschland ansässig, vielfach länger als unsere christlichen Mitbürger, sind wir Teile des deutschen Volkes, auch wenn wir jüdischen Stammes sind, und wir verlangen, dass die Kultur unserer Kinder eine deutsche sei, verbunden mit und durch das Elternhaus errichtet auf der Grundlage jüdischer Glaubenslehre. Wissen denn die Verfechter der jüdischen Schule nicht, dass die Prozentnorm das Ziel des Antisemitismus ist, für Schule und Universität, ausgehend von der falschen Behauptung, wir seien Ausländer im deutschen Lande. Wir sind keine Germanen, übrigens so wenig, wie die grösstenteils slavische Mischbevölkerung im Osten Deutschlands, aber Deutsche sind wir, vielfach seit der Zeit, wo mit Römern, lang vor der christlichen Bevölkerung, Juden nach Deutschland kamen. Deutsche durch Geburt und Nationalitätswillen. Ein heisser Wissensdurst erfüllt den deutschen Juden. Auf höheren Knabenschulen entfallen für 10 000 Einwohner jeder Konfession ungerechnet, 61 Christen, 385 Juden, auf Universitäten 5 Christen, 32 Juden. Soll diese ganze Entwicklung beendet werden, nur weil eine Minorität ihren Kindern den Kampf ersparen will, der den Jüngling erst stählt und zum Manne erzieht. Der Antisemitismus ist ein Teil jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft. Er hat die heutige Jugend jüdischer gemacht und sie mit höherem Stolz auf die Reinheit ihres Glaubens erfüllt als die vorangegangene Generation. Freilich, wie sollen solche Gedanken die Kreise erfüllen, in denen Moses Mendelsohn und die Emanzipation als Unglück für die Judenheit emp- (Fortsetzung auf Seite 7) 6