Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1989
- Issue
- No. 53 (1989)
- Date
- 1989-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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EIN JÜDISCHES SCHICKSAL Von H. W. Goidstein Es gibt Erlebnisse in unser Generation, die ihre besonderen tragischen Momente haben. Trotz moderner Technik werden sie manchmal erst nach Jahrzehnten bekannt, oder überhaupt nicht. Es war einmal — man muss lange zurückgreifen — ein russischer Soldat, der während des ersten Weltkrieges in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. Er beschloss nach 1918 in Deutschland zu bleiben. Als Schneider fand er bald einen Arbeitsplatz in Berlin, dort hatte er einen jungen Kollegen, ein ungarischer Staatsbürger, der sein Glück in der damaligen Reichtshauptstadt suchte. Der Russe heiratete die Schwester des Ungarn, die ihn in den zwanziger Jahren in Berlin besuchte, der Ungar nahm eine Berlinerin zur Frau. Die verschwägerten Familien lebten mit fremden Pässen, was kaum störte, die Konsulate beider Länder erneuerten die Pässe regelmässig. Mit dem Ausbruch des Dritten Reiches änderte es sich. Beide Familien hatten mit ihren Staatsbürgerschaften wenig Aussicht Visen für Überseeländer zu erhalten, die Zertifikate für Palästina waren beschränkt, in die Vorstellungswelt jener Tage passten keine Schneider. Der Russe, ein überzeugter Antifaschist und dem Kommunismus wohlwollend gegenüberstehend, beschloss bald, nach Russland zurückzukehren. Die ersten Grusskarten waren voller Zuversicht, Mann und Frau arbeiteten in Moskau, für das Kind wurde gesorgt. Dann brach die Korrespondenz ab. Man schrieb das auf das Konto der politischen Gegensätze beider Staaten. Man freute sich in Deutschland, dass es den anderen gelungen sei, zeitig genug dem Inferno zu entkommen... Die ungarische Familie entschloss sich erst nach Kriegsausbruch, 1939, in die „Heimat“ zu fahren, wo der Mann eine grössere Familie hatte. Die ungarischen Behörden warfen ihnen zur „Begrüssung" vor, dass er sich lange Jahre nicht um sein „Vaterland“ gekümmert hätte, internierten sie in Sammellagern als „Staatenlose“. Kurz vor Ausbruch des Krieges gegen Russland, 1941, erklärte man sie wieder zu „ungarischen Bürgern“. Bald darauf wurde der Mann für das ungarische Militär rekrutiert. Er soll als Soldat in der Ukraine an Typhus gestorben sein, — so die amtliche Mitteilung Frau und Kinder wurden bald darauf interniert, irgendwie gelang es der Frau, unterzutauchen, und in der Illegalität zu überleben. Nach dem Krieg kam sie nach Österreich, und durch eine neue Heirat zu einem neuen Pass, — ein Stück Papier, das für Juden immer von besonderer Bedeutung ist. Von Österreich sind Reisen nach Ungarn schon lange Jahre ohne besondere Schwierigkeiten durchzuführen. Sie, die ungarisch sprechen gelernt hat, konnte Kontakte mit Freunden und Bekannten aus der illegalen Zeit aufnehmen, und mit entfernten Verwandten ihres ersten Mannes, die überlebt haben. Durch sie wurde die Verbindung mit der Schwägerin in Russland hergestellt. Die Mitteilungen fliessen sparsam. Was mit wenigen Worten berichtet wird, dauerte Jahre. Der Sohn ist Akademiker geworden, Dozent, spricht immer noch oder wieder deutsch, er war zu jung, eine deutsche Schule in Berlin zu besuchen. Er sei schon einige Male als Gastdozent an Hochschulen in der Deutschen Demokratischen Republik gewesen. Einmal bekommt sie die Mitteilung, dass der Neffe bald in der DDR sein werde und sie gerne sehen möchte. Die Tante, an Jahren älter, rafft sich zur Reise auf. Um ein Visa in die DDR zu bekommen, muss sie fünf Tage in einem Luxushotel buchen, dass es in dieser mittleren Universitätsstadt nicht gibt. Die Reise führt durch die Tschechoslowakei in die DDR, und nimmt jedesmal fast einen Tag in Anspruch. Der Neffe erwartete sie am Bahnhof. Durch vorher ausgetauschte Passbilder erkannte man sich sofort. Sie hatten sich viel zu erzählen, aus den kleinem Jungen ist ein älterer Herr geworden. In den fünf Tagen erfährt die Tante von dem Schicksal und der Leidensgeschichte der Familie. Fast fünf Jahre lebten sie unbehelligt in Russland. Im Jahre 1938 wurde der Vater plötzlich verhaftet. Die Begründung, er müsse ein deutscher Spion sein, da er als Russe so lange in Deutschland leben konnte. (Eine sehr unlogische Begründung, — aber wo gibt es in absoluten Staaten Logik). Man verurteilte ihn zu 15 Jahren Verbannung nach Sibirien. Die Schwägerin musste in all denen Jahren schwer arbeiten, um sich und den Sohn durchzubringen. Nach 13jähriger Verbannnung wurde der Vater rehabilitiert, 1951 kehrte er heim, ein körperlich wie geistig zerbrochener Mensch, der drei Jahre später verstab. Der Sohn konnte erst jetzt, 1951, mit dem Studium beginnen, bis dahin galt er als Sohn eines Volksfeindes, damit stand er ausserhalb der Gesellschaft. Vielleicht ist das einer der Gründe, dass er es nicht einmal wagt, eine Erlaubnis für einen Besuch in Ungarn anzumelden, schliesslich ein Land, das in den gleichen politischen wie gesellschaftlichen Rahmen wie Russland gehört, und wo man Touristen aus anderen Ostblockländern antrifft. Die Schwägerin lebt mit seiner Familie, lange Jahre hat sie den Haushalt füh- Viele Breslauer, die in das Johannes Gymnasium gegangen sind, erinnern sich noch heute sehr gern an ihren Lehrer Dr. Willy Cohn, der sie Geschichte und (oder) Deutsch unterrichtet hat. Dr. Willy Cohn verstand es, das Thema des Unterrichtes interessant zu gestalten und seine Schüler zu selbständigem Denken zu erziehen. Er war modernen Gedanken in der Erziehung zugänglich und verstand sie im Unterricht zu verwirklichen. Obwohl Dr. Willy Cohn als Studienrat voll beschäftigt war, hat er doch noch Zeit gefunden, wissenschaftlich zu arbeiten und seine Arbeiten sind in der Nachkriegszeit in neuen Auflagen herausgegeben worden; das ist ein Zeichen, dass seine Bücher von bleibendem Wert sind. Z.B. ,,Die Geschichte der sizilischen Flotte 1060—1266“ und „Hermann von Salza“; gesammelte. Aufsätze, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind, über das Thema „Juden und Staufer in Unteritalien und Sizilien“, sind wie die oben genannten Werke im Jahre 1978 in Scientia Verlag, Aalen, erschienen. Dr. Willy Cohn stammte aus einer assimilierten Breslauer Familie, aber trotzdem war er ein bewusster Jude, und ein treuer Anhänger des Zionismus und des Sozialismus. Er veröffentlichte auch für das breite Publikum und besonders für die Jugend bestimmte Biographien über bekannte Sozialisten wie z.B. über Ferdinand Lassalle. ren müssen, da er und seine Frau arbeiten. Nach unseren Begriffen ist ihr Lebensstandard sehr bescheiden. Beim Abschied verspricht er der Tante, gelegentlich nach Ungarn zu schreiben, aber nicht in den Westen, so hoffe er, die Kontakte aufrecht zu erhalten... ★ Vielleicht ein Einzelschicksal, das niemals bekannt geworden wäre, wenn es nicht gemeinsame Bekannte und entfernte Verwandte noch in Ungarn geben würde, und die Tante von ihrem heutigen Wohnort aus oft nach Budapest kommt. Der Schwager hatte das „Glück“ aus Sibirien zurückzukommen, etwas, was in keinem Schreiben erwähnt wurde, und sie nur aus dem persönlichen Gespräch erfuhr. Andere verschwinden dort, und werden in keiner Statistik aufgeführt. Hier soll ein anderer Fall erwähnt werden: Die Russen verhafteten im Mai 1945 einige ältere Juden, die mit Hilfe angeheirateter christlichen Verwandten, insbesondere Ehefrauen, überleben konnten, unter dem Vorwand, dass noch lebende Juden „nur“ Spione sein können. Einer von ihnen wurde am 8. Mai 1945 abgeholt. Die russischen und später die Behörden der DDR, wo die Frau wohnte, erklärten immer wieder, dass dieser Mensch nie verhaftet, also auch nicht verschickt worden sei. Einer aus der Gruppe der nicht vorhandenen Exilanten kehrte überraschend nach Jahren zurück, und da auch seine Familie in Ostberlin lebte, kam er in Kontakt mit der Frau des anderen. Auf deren Bitte gab er eine eidesstattliche Erklärung vor dem Roten Kreuz ab, dass der andere, mit dem er zusammen deportiert wurde, im Herbst 1945 in Inta, Sibirien, an Lungenentzüdung verstorben sei. Die russischen wie die ostdeutschen Behörden erklärten der inzwischen verstorbenen Frau weiter, dass der Betreffende niemals verschickt wurde, also auch niemals gestorben sei... Als im Jahre 1933 die nationalsozialistische Regierung alle jüdischen Lehrer in den Ruhestand versetzte, wurde Dr. Willy Cohn nicht nur als Jude, sondern auch als Sozialist gekennzeichnet, und deshalb konnte er nach 1933 an keiner jüdischen Schule tätig sein. Aber erwar deswegen nicht untätig: er arbeitete weiter wissenschaftlich und er war im Vorstand der jüdischen Schule, die Rabbiner Dr. Simonsohn s.A. gegründet hatte, tätig. Er leitete auch ein Seminar für Lehrer an der jüdischen Schule, deren pädagogische Ausbildung nicht zum Abschluss gekommen war; in dem Seminar wurden besondere Themen behandelt, die für jüdische Schulen damals sehr wichtig waren, wie z.B. die Zusammenhänge der jüdischen mit der allgemeinen Geschichte und Probleme des Deutschunterrichtes in der jüdischen Schule. Im Jahre 1936 erhielt Dr. Willy Cohn einen Lehrauftrag für Geschichte am weltberühmten Rabbinerseminar in Breslau. Dr. Willy Cohn führte ein Tagebuch und aus diesem Tagebuch veröffentlichte Professor Walk im Verlag des „Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier in ■Israel“, „Als Jude in Breslau — 1941“. Dr. Willy Cohn und seine Frau mit 2 kleinen Töchtern sind in der Schoah umgekommen. ZUM 100. GEBURTSTAG VON DR.WIILY COHN s.a. 17