Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1989
- Issue
- No. 53 (1989)
- Date
- 1989-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Hermann Graml, Reichskrisfäfinachf (ANTISEMITISMUS UND JUDENVERFOLGUNGEN IM DRITTEN REICH) ln diesem, auf gründlicher Quellenforschung beruhenden Werke, schildert der Verfasser zunächst nicht nur die, unseren Lesern im wesentlichen Bekannten Vorgänge vom 9. und 10. November 1938, sondern vor allem auch die Drahtzieher und ihre Methoden. Er weist nach, dass es sich, bis auf einzelne, lokal begrenzte und wirklich spontane Reaktionen auf den sinnlosen Mord an dem deutschen Botschaftsrat von Rath in Paris, um eine kalt berechnete, genau geplante und von einer bestimmten Personengruppe geleitete und durchgeführte reichsweite Aktion handelte, die nur einen weiteren Schritt in der unbarmherzigen Verfolgung des deutschen Judentums durch die nationalsozialistische Staatsleitung darstellte. Er zeigt ihren Ursprung in der Zusammenkunft der „alten Kämpfer“ der Partei, die, wie alljährlich, am 9. November des Jahres in München zum Gedächtnis an den misslungenen Putsch Hitlers vom 9. November 1923 stattfand, und während derer die Nachricht vom Tode von Raths eintraf. Unmittelbar darauf führten Hitler und Göbbels — bekanntlich der Propagandaleiter der Partei und Regierung — eine geflüsterte Unterredung, deren Inhalt niemals bekanntgegeben wurde, und Hitler verschwand, ohne seine, an diesem Tage übliche Rede zu halten. An seiner Stelle sprach Göbbels, der unter wüsten Ausbrüchen gegen die Jüdin über die schon beginnende und weiter zu erwartende „gerechte“ Vergeltung des Volkes für den Mord wetterte, die'von der Partei mit Wohlwollen zu betrachten sei — dies alles, ohne in diesem weiteren Kreise irgendwelche deutlichen Anweisungen über Form und Umfang dieser „Vergeltungsmassnah- EIN TROTZJUDE IN BRESLAU (Fortsetzung von Seite 8) Breslauer Jude aus den Posener Landen gekommen war und jeder zweite Berliner Jude aus Breslau. Dies mag übertrieben sein, aber die Bemerkung unterstreicht den Drang vom Osten nach dem Westen in der jüdischen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte. Unser Glück in Breslau war, dass sich der Osten und der Westen hier trafen, und wir beide Welten in uns aufnehmen konnten. Dies sei an einem persönlichen Beispiel illustriert. Mein Vorname Siegfried — wie ihn mir die Eltern gaben — wurde in Siegusch umgewandelt. Auf Jiddisch — in Anlehnung an das Polnische — gibt es viele Kosenamen mit de>- usch-Endung wie z.B. Leibusch, Wilusch, Musch, Feibusch, Janusch, triert. Mein Vorname Siegfried — wie ihn mir die Umgebung und Kreise, in dem ich mich bewegte, hielten anscheinend den arischen Namen Siegfried für einen Juden für unpassend. Wann diese Umnennung vor sich gegangen war. ist mir nicht bekannt. Sie muss sich wohl in meiner frühen Jugend durchgesetzt haben. Die Breslauer und auch die Posener Gemeinde waren in dieser Hinsicht den Danzigern ähnlich! Dort war der Zusammenprall zwischen Ost und West noch deutlicher. Dieses Zusammentreffen hat bestimmt positive Erscheinungen mit sich gebracht. Viele Menschen deutschjüdischer Abstammung haben leichter Anschluss an das ursprüngliche jüdische Erbe gefunden, bevor die Hitlerepoche sie da^u zwang. In diesen östlichen Gegenden Deutschlands ist uns unser Judesein authentischer geblieben, obgleich unsere Muttersprache Deutsch war und uns der westeuropäische Einfluss ih jeden Hinsicht geprägt hatte. (c) Schlotno Erel, Herzlla, 1988 men“ zu geben. Diese Anweisungen sind aber zweifellos gegeben worden, wie sich aus ihrer einheitlichen Durchführung im ganzen Reiche ergibt. Das dazu gewählte Werkzeug war die S.A.; nur eine militärisch organisierte Truppe war in der Lage, eine solche Aktion einheitlich und präzise durchzuführen. Diese Voraussetzungen hätte auch die S.S. erfüllt, die später die führende Rolle in der „Endlösung der Judenfrage“ übernahm, aber sie erschien der Leitung wohl weniger geeignet, als die weniger disziplinierte „revolutionäre“ S.A. So wurde sie nicht eingeschaltet und ihr Führer, Himmler, nicht einmal eingeweiht; als er aus Meldungen von Ort und Stelle von der Aktion erfuhr, verbot er allen S.S.-Formationen die Teilnahme — natürlich nicht aus Teilnahme für ihre Opfer, sondern weil er sich übergangen fühlte und weil ihm die gewalttätige Art der Durchführung missfiel; ihm schwebte wohl schon damals eine ganz andere, in ordentlicher Form unter staatlicher Autorität durchgeführte „Endlösung vor. So wurde die S.S. nur an wenigen Orten tätig, bevor Himmlers Verbot eintraf und wo sie von der örtlichen Parteileitung alarmiert wurde, z.B. in Baden-Baden, wo eine Aufnahme sie in der schönen Synagoge zeigt, deren Bild — in Flammen gehüllt, — jetzt die Gedenkmarke der Deutschen Bundespost für diese furchtbare Nacht zeigt. Aber auch ohne die S.S. ging alles streng nach Plan, einheitlich im ganzen Reiche: Zerstörung der Synagogen und der jüdischen Geschäfte, Verhaftung aller Juden bis zum Alter von 60 Jahren und ihre Verbringung in die Konzentrationslager, Auferlegung der enormen Reparaturkosten und einer Kollektivstrafe von einer Milliarde Reichsmark auf die jüdische Bevölkerung; die bei dieser Aktion mit unterlaufenen 91 Morde waren nur ein Nebenprodukt, nicht gerade angeordnet, aber auch nicht missbilligt. Polizei und Staatsanwaltschaft rührten sich nicht, und selbst die Mörder wurden, auf Anordnung von Rudolf Hess als „Stellvertreter des Führers“, der ordentlichen Gerichtsbarkeit entzogen und nur vor das Oberste Parteigericht der N.S.D.A.P. gestellt, das sie freisprach, da sie nur den wahren Willen der Parteileitung ausgeführt hätten; die öffentlich geheimgehaltene Verantwortung der Partei wurde dabei ausdrücklich festgestellt. So geschehen im 20. Jahrhundert, im Lande des Volkes der „Dichter und Denker“, in aller Öffentlichkeit. Der Verfasser stellt die Vorgänge der „Reichskristallnacht“ in dem Zusammenhang der, mit allen Mitteln durchgeführten Verfolgung des deutschen Judentums durch die nationalsozialistische Bewegung und Regierung, angefangen von der Verdrängung aus der Beamtenschaft und den freien Berufen, der erzwungenen Arisierung von Betrieben und der fortgesetzten Verdrängung aus allen zum Lebensunterhalt dienenden Tätigkeiten bis zu den kleinlichsten Schikanen, wie das Verbot der Benutzung von Parkbänken und der öffentlichen Verkehrsmittel; er sieht in all dem und der Aktion der „Kristallnacht“ nur einzelne Schirtte ih der Richtung auf die „Endlösung“; die Ausrottung des Judentums durch Massenmord; Hier können wir dem Verfasser nicht ganz beipflichten. Wohl war die Aktion vom 9.—10. November 1938 ein weiterer radikaler Schritt der zum zum Regierungsprogramm erhobenen Jundenverfolgung, aber ihr Zweck war noch nicht die „Endlösung“, sondern sie war nur ein weiterer Schritt zur Austreibung der deutschen Juden. Göbbels hat dies eine Woche später offen zugegeben, und es ergibt sich auch aus den Verfolgunysmassnahmen selbst, während und alsbald nach der Aktion. Zur Endlösung brauchte man keine brennenden Synagogen und zerstörte Geschäfte, und die Verhafteten wurden, mit ganz wenigen Ausnahmen, nicht in den Konzentrationslagern schneller oder langsamer zu Tode gebracht, was in der Macht des Regimes lag, sondern einige Zeit darauf freigelassen mit der Auflage, das Reichsgebiet, bei Strafe der Wiederverhaftung, innerhalb von zehn Tagen zu verlassen. Wer einen Vorgeschmack von der Hölle des K.Z. erhalten hatte, verliess das Land fluchtartig, und wer irgendwie konnte, folgte ihrem Beispiele, soweit sie nur irgendwie, legal oder illegal, eine Zuflucht finden konnten, über die „grüne Grenze“ oder in exotischen Ländern, deren Namen sie kaum kannten, oder an einem Platz ohne eine wirkliche Staatsgewalt, wie Shanghai. So grotesk es klingt, ohne den furchtbaren Anstoss der Kristallnacht und ihrer Folgen wären noch viel mehr deutsche Juden im Reiche geblieben, dessen Tore sich, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, neun Monate später bei Kriegsausbruch schlossen, ur.d hättendu.auf ihre F.'t'e in den Vernichtungslagern gefunden. Im Verfolg seiner Absicht, die Stelle der Kristallnacht in der Kette der Judenverfolgungen durch das Hitlerregime aufzuzeigen, geht der Verfasser, wie er meint, zurück auf die Wurzeln des Antisemitismus von der Judenemanzipation an, nicht ohne „einzelne Verfolgungen“ der früheren Zeit zu erwähnen. Hier geht er nicht weit genug zurück und nicht tief genug. In Wahrheit war das ganze Mittelalter eine Periode der Judenverfolgung — nicht immer in Form des Pogroms, obwohl dieses nicht fehlte (in Breslau ist eine jüdische Gemeinde seit 1200 nachweibar, das erste Pogrom nur 36 Jahre später), sondern vor allem durch Verdrängung der Juden aus der politischen Gemeinschaft und allen, ausser einigen als verächtlich geltenden Berufen und Tätigkeiten, das alles verbunden mit, und begründet durch, einen furchtbaren Hass, der nur Anlässe, nicht aber Gründe brauchte, um in offene Pogrome auszubrechen. Genährt wurde er durch die Kirche, die nicht müde wurde, den Juden die Schuld am Tode ihres Stifters zuzuschieben. Mit dem Niedergang des Einflusses der Kirchen nahm der auf religiöser Basis fundierte Hass, eine andere Form an; eine rassische und nationale. Auch nach der Emanzipation blieb ein Gefühl der Fremdheit. Der Gesetzgeber konnte den Juden die politische Gleichberechtigung geben, ihnen den Weg zu wirtschaftlichem Fortschritt und den Eintritt in die freien Berufe und schliesslich sogar in das Richteramt und die Beamtenschaft öffnen, aber nicht die Aufnahme in die deutsche Gesellschaft, deren wichtige Organisationen sich durch Religions- oder gar schon Rassenparagraphen satzungsmässig von den deutschen Juden abschlossen, angefangen vom Wandervogel über die studentischen Verbindungen zu den Freimaurerlogen, vom Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband bis zu den „Resourcen“ der wohlhabenden Kaufmannschaft. Wir reagierten darauf durch Schaffung eigener Organisationen, aber trotzdem haben wir die Zeichen der Zeit nicht oder nicht genügend erkannt, viele von uns selbst nicht ätn Beginn des Nazi-Regimes. Wir alle haben diesen Mangel an Erkenntnis teuer bezahlt, viele mit ihrem Leben; ihrer gedenken wir in Trauer am Jahrestage der „Kristallnacht“. Dr. Richard Prager 14