Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1989
- Issue
- No. 53 (1989)
- Date
- 1989-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE LETZTEN JAHRE... (Fortsetzung von Seite 10) Um den Anforderungen der Zeit Rechnung zu tragen, waren, die Vorlesungen in Talmud und im rabbinischen Schrifttum vermehrt worden. Eine zusätzliche Erweiterung drängte sich nach der allgemeinbildenden Seite auf, da das Universitätsstudium nur noch einem kleinen Teil der deutschen Hörer zugänglich war. Die neu aufgenommenen Vorlesungen und Übungen über Semitistik, griechische Philosophie, Psychologie und neuere Erziehungslehre und — für die beiden letzten Semester — über Rechtsgeschichte sollten den Konnex mit einem Teil der allgemeinen Wissenschaft vermitteln. Da die Dozenten nur einen kleinen Teil dieser Aufgabe übernehmen konnten, wurden für bestimmte Gebiete bewährte Fachkräfte zugezogen. Im Jahre 1934 las Professor Dr. Guido Kisch aus Halle am Seminar, der als führender Rechtshistoriker vor allem die Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der Juden sowie deren Rechtsstellung im Mittelalter und in der Emanzipationszeit behandelte. Im folgenden Jahr hielt Professor Dr. Ernst Kantorowicz aus Frankfurt am Main Gastvorlesungen über Gesellschaftskunde. Ein weiterer Lehrauftrag wurde Dr. Willy Cohn, bisher Studienrat in Breslau, erteilt. Er war durch zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiete der mittelalterlichen Geschichte, vor allem der Hohenstaufenzeit, hervorgetreten. An dieser Stelle soll auch ein Wort über die Hörerschaft gesprochen werden, die sich als ein selbständiger Verein konstituierte und über Statuten verfügte, die vom Dozentenkollegium genehmigt waren. Der Hörerschaftsvorstand nahm die Interessen der Studierenden gegenüber dem Dozentenkollegium wahr, und seit langer Zeit bestand der Brauch, dass bei feierlichen und traurigen Anlässen auch ein Vertreter der Hörerschaft zu Worte kam. Ein besonderer Verein innerhalb der Hörerschaft war der 1855 auf Anregung von Zacharias Frankel gegründete Verein „Liwjath Chen“, der den edlen Zweck verfolgte, mittellose Hörer in diskreter und schonender Weise vor Not zu schützen. Über die Tätigkeit des Vereins wurde jeweils im Jahresbericht Aufschluss erteilt, wobei in den früheren Berichten gewöhnlich von der „Wirksamkeit des geräuschlos und segensreich schaffenden Vereins“ gesprochen wird. Motivhaft wurde die Stille seiner Arbeitsweise hervorgehoben. In den letzten Jahren des Seminars erliess der Verein regelmässige Aufrufe, um seinen satzungsmässlgen Aufgaben, die in der Gewährung von Stipendien und zinslosen Darlehen an hilfsbedürftige Hörer bestanden, gerecht werden zu können. Von grosser Bedeutung war auch der homiletische Verein, der 1865 gegründet worden war, und der den Hörern die Möglichkeit gab, sich ausserhalb der Predigtübungen im Lehrplan unter gegenseitiger Kontrolle in der homiletischen Praxis zu üben. Die lebhaften Diskussionen, die sich an die Predigten anschlossen, geben den Zusammenkünften des Vereins Kraft und Farbe. Um den Hörern weitmöglichst entgegenzukommen, wurde dank dem Verständnis mehrerer Spender eine Mensa academica eingerichtet, die ausreichende Mittagsmahlzeiten zu einem verbilligten Preis abgab. Die Hörerschaft, die sich sonst nur mit ihren internen Angelegenheiten befasste, trat im Jahre 1937 einmal an die Öffentlichkeit. Als infolge des Schächtverbots in Deutschland die Einhaltung der Speisevorschriften ausserordentlich erschwert war, versandte sie ein „Memorandum zur Schechitarrage“, in eiern bemängelt wird, dass keine einheitliche Regelung erzielt werden konnte, sodass sich immer mehr Glaubensbrüder von den Speisegesetzen abwendeten, weshalb am Schluss des zweiten Absatzes ausgeführt wurde: „Wir müssen es für äusserst notwendig halten, dass die Schechitafrage eine baldige Lösung erfährt. Dabei betonen wir ausdrücklich, dass die überlieferte und fixierte Halacha als Grundlage und Ausgangspunkt für alle Betrachtungen anzusehen ist. Bei aller Beachtung der rabbinischen Autoritäten sollte das Schechitaproblem einer endgültigen Untersuchung, zu der alle auf dem Boden des Religionsgesetzes stehenden Rabbiner hinzuzuziehen wären, unterzogen werden, damit die deutsche Judenheit in dieser für die religiöse Verbundenheit des Judentums so ungemein wichtigen Frage vor eine klare, eindeutige Situation gestellt ist, und wir nicht allenthalben das schmerzliche Bild karikierender Halbheiten zu beobachten haben“. Wie angesichts des Schächtsverbots eine von allen Kreisen akzeptierte Lösung hätte herbeigeführt werden können, wird nicht ausgeführt. Das Dokument zeigt den am Seminar und in weiten Kreisen der Hörerschaft geltenden Willen, in schwerer Zeit das positiv-historische Judentum im Sinne der konservativen Tradition zu betätigen. Das Jahr 1937 ist das letzte, über das ein Jahresbericht Aufschluss erteilt. Über die Gedächtnisfeier für Jonas Fraenkel vom Januar 1938 sind wir auf die jüdischen Zeitungen angewiesen, denen wir entnehmen, dass der abtretende Vorsitzende, Dr. Lewkowitz, die Zuversicht ausgesprochen hat, dass in einer Zeit, in der seelische Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewusstseins nötiger als je ist, nicht der Bestand einer Anstalt gefährdet werde, die für das -Judentum so segensreich wirkt. Hierauf Übernahme Seminarrabbiner Dr. Ochs den Vorsitz mit einem Vortrag über „Meister und Jünger im talmudischen Schrifttum" und überreichte anschliessend drei jungen Rabbinern ihre Entlassungsdiplome. Über alle Gefahren hinweg konnte die Anstalt bis jetzt ihren Bestand behaupten. Die Situation wurde immer drückender, aber man fand auch wieder den Weg, um die Mittel zur Fortführung des Lehrbetriebes bereitzustcllen. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, die grossen Gemeinden, die Notgemeinschaft für die Wissenschaft des Judentums, der Verein der Seminarfreunde und einzelne Gönner wirkten zusammen, und ihren Bemühungen blieb der Erfolg nicht versagt. Die Opferbereitschaft der Dozenten erleichterte die Aufabe, soweit dies anging. Im vierundachtzigsten Jahre seines Bestehens fiel das Jüdisch-theologische Seminar roher Gewalt zum Opfer. In den von Grauen erfüllten Novembertagen des Jahres 1938, in denen mit barbarischer Gewalt gegen die Gottesstätten im Lande vorgegangen wurde, welche in den von frevleris.cher Hand gelegten Flammen versanken, ging mit den übrigen Stätten jüdischen Glaubens, jüdischen Wissens und jüdischer Kultur auch das Breslauer Seminar unter. Wenige Tage genügten, um im ganzen Lande zu zerstören, woran Jahrhunderte geschaffen hatten. Die Bibliothek wurde weitgehend vernichtet. (Nach dem Krieg gingen dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund mehrere Kisten mit Büchern aus den Beständen des Seminars zu, die an die Bibliotheken der jüdischen Gemeinden Basel, Genf und Zürich verteilt wurden), der Lehrertrieb wurde augelöscht, Forschung und Studium verstummten. In ganz bescheidenen Rahmen wurden noch einige Monate hindurch Vorlesungen gehalten, bis sich dann Lehrer uid Schüler in die Welt hinaus zerstreuten. Unauslöschlich bleibt die Erinnerung an die Gaben, die das Seminar vielen Studierenden und dun.h sie den Gemeinden spendete. Noch sind zahlreiche Rabbiner im Amt, die ihrer Arbeit den in Breslau obwaltenden Geist des positiv-historischen Judentums mit Stolz zugrundelegen. Es ergeht ihnen dabei etwa so, wie es Leo Baeck ausgesprochen hat, als er an der Fünfundsiebzig-Jahrfeier die Wünsche des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland überbrachte: „Wir alle, die wir in der Arbeit für das Judentum stehen wollen wir denken voller Dankbarkeit an das, was die Breslauer Theologie gegeben hat. Wir alle, welchen Weg oder welchen Umweg wir auch gegangen sind, wir kommen doch, schliesslich, auch von Frankel, von Graetz, von Bernays her. Und wir alten Breslauer, wir erinnern uns oft voll dankbarer Wehmut an die theologische Atmosphäre in dem alten Hause, in seinen Hörsälen und in seiner Synagoge, auf seinen Treppen auch und in seinen Wohnungen, an die theologische Luft in dem alten Garten hinter dem Hause, oft gleichsam, wenn es so gesagt werden darf, dem .Garten Epikurs' und der 'Epikureer’“. Die Wehmut hat nicht abgenommen, aber auch die Dankbarkeit nicht. Die geistige Pionierarbeit des Breslauer Seminars besitzt für die Erhaltung des Judentums unvergängliche Bedeutung. Lothar Rotschild Erlebnisse eines Kechaluzsekrciärs (Fortsetzung von Seite 4) Zu meinem grossen Erstaunen erlaubte er, dass der „Kranke" nicht verhaftet wurde. Wir wurden nun erst zum Polizei-Revier in der üräbsonenerstrasse gebracht., wo wir Haftbefehle bekamen — Ordnung muss sein! Nachher schieb man uns ins Polizei-Präsidium ab. Auf dem Wege zeigte man uns die Reste der grossen Synagoge. Der Hof des Polizei-Präsidiums war schon gedrängt voll mit „Inhaftierten“. Bis zur Dunkelheit liess man uns aber in Ruhe. Nach Einbruch der Dunkelheit: Abmarsch. Wir wurden durch die Tauentzienstrasse zum Bahnhof getrieben. Die Vordersten wurden mehrmals plötzlich angehalten, die Hintersten angetrieben, so dass alle aufeinander prallten. Zu beiden Seiten der Strasse die Breslauer Bevölkerung, grölend, lachend, Witze reissend, spottend. Das waren mal unsere friedlichen Mitbürger. Wir, viele hundert Juden, wurden auf dem Bahnhof verladen, allerdings nicht in Viehwagen, sondern in alten Personenwagen. Wir fuhren die ganze Nacht, und wir konnten uns an hand der Stationen, an denen wir vorbei fuhren, vorstellen, dass wir auf dem Wege nach Weimar—Buchenwald waren. In Weimar angekommen, warteten unsere Wachtmannschaften bis alle anderen Züge abgefahren waren, und dann: rrrraussssü In der Unterführung, die vom Bahnsteig zur Strasse ging, wurden wir zusammengefercht. Oben stand unsere „Empfangsdeiigation“, die SS. Nachdem wir z.usammengepresst in der Unterführung standen, schlugen diese feinen Leute, die zum „Herrenvolk“ gehören wollten, ihr Waser auf unser Köpfe ab. Das war die Begrüssung. Danach wurden wir mit Schlägen auf die wartenden Lastautos getrieben, und ab nach Buchenwald. Viele hundert Breslauer Juden wurden durch das Tor gejagt. Auf dem Tor konnte man lesen: „Jedem das Seine“ und „Arbeit macht .frei“. 11