Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1989
- Issue
- No. 53 (1989)
- Date
- 1989-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/7506414-7411703-7488672--030-7411713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die letzten Nachstehender Artikel ist dem Gedenkbuch „Das Breslauer Seminar (Jüdisch-Theologisches Seminar (Fränkelsche Stiftung) in Breslau 1854—1938)“ (Redakteur Guido Kisch) entnommen und wir veröffentlichen ihn hier mit der frdl. Erlaubnis des Leo Baeck Instituts. Bald nach der nationalsozialistischen Machtergreifung am 30. Jannuar 1933 machte sich der politische Umschwung auch am Seminar bemerkbar. Zunächst in der deprimierten Stimmung, die unter den Juden in Deutschland herrschte. Man fühlte sich in einem deutlichen Niedergang und musste schon die ersten Auswanderungen wahrnehmen. Die Situation verschlechterte sich zusehends, aber wie so oft in der jüdischen Geschichte stärkte in den Zeiten der Bedrohung das religiöse Bewusstsein die Menschen und brachte sie der Gläubigkeit und dem Gottesvertrauen näher. Es stand daher von vornherein fest, dass das Leben am Seminar weitergehen müsse, wenn auch verschiedene neue Faktoren zu berücksichtigen waren. Dazu gehörte die sich abzeichnende Aussichtslosigkeit des Leben in Deutschland, die es begreiflicherweise nicht erlaubte, die Hörerzahl auf der bisherigen Höhe zu belassen. An neu eintretende Hörer wurden besonders strenge Anforderungen gestellt, da man ihnen weder einen gesicherten Studiengang noch eine einigermassen zuverlässige Zukunftsaussicht bieten konnte. Aus diesem Grunde kamen mehrere ausländische Hörer zu der Überzeugung, dass die Fortsetzung ihres Studiums in ■Deutschland zwecklos geworden sei, und kehrten nicht nach Breslau zurück. Einige aus Deutschland stammende Hörer brachen ihr Studium ab, um sich, auch schon im Hinblick auf eine Auswanderung, •anderen Berufen zuzuwenden. Eine Reihe von ihnen ging nach Erez Israel, um am Aufbau des Landes mitzuwirken. Dass sich mit dem Blick auf Erez Israel als einem werdenden Sammelpunkt jüdischen Lebens das neuhebräische Studium intensivierte, war eine naheliegende Forderung der Zeit. Die neuhebräischen Kurse bildeten jedoch nur eine Fortsetzung der bereits früher eingerichteten, wie auch die hebräische Sprachschule bereits bestand, die ihre Tätigkeit wesentlich ausweitete und im Jahre 1935 von mehr als 400 Kursteilnehmern besucht wurde. Da seit Bestehen des Seminars eine Abschlussprüfung in hebräischer Sprache verlangt worden war, bestand im internen Betrieb die einzige Neuerung darin, dass bei dem Eintritt in den Oberkursus A der Nachweis neuhebräischer Kenntnisse erbracht werden sollte. Dem Bedürfnis, die jungen Menschen für die Verhältnisse im damaligen Palästina vorzubereiten, musste in immer weiterem Umfang Rechnung getragen werden. Deshalb wurden 1935 in Verbindung mit der hebräischen Sprachschule Kurse eingerichtet, die den Teilnehmern den Eintritt in die Lehrerseminare Palästinas ermöglichen sollten. Die beiden damals in Jerusalem bestehenden Lehrerseminare erkannten diese Vorbereitungskurse an und erteilten das Recht, die Aufnahmeprüfung zum Eintritt in eine dieser Lehrerbildungsanstalten in Breslau abzunehmen. Dies bedeutete ein grosses Entgegenkommen für die Gewissheit der nach dem Heiligen Land ausreisenden Schüler. Schon bei Einbruch der nationalsozialistischen Ära war zu befürchten, dass im Bestand der Lehrerschaft Änderungen eintreten könnten. Ein 10 * Jahre des Rabbinerseminars schmerzliches Zeichen der ungewissen und rauhen Zeit war es, dass sich im Jahre 1933 Professor Dr. Michael Guttmann entschloss, einen Ruf als Direktor der Landesrabbinerschule in Budapest anzunehmen. Das Amt des Seminarrabbiners wurde Dr. Rabin übertragen, und angesichts der völlig ungewissen politischen und wirtschaftlichen Situation erhöhte man die Pflichtstunden der verbleibenden Dozenten, um von der Neuansteliung einer fünften Lehrkraft absehen zu können, was aber nicht als definitive Regelung anzusehen war. Da auf diese Weise kein voller Lehrplan geschaffen werden konnte, nahm man dankbar die Bereitschaft von Rabbiner Dr. Simonsohn an, einige talmudische Vorlesungen zu halten. Der auf diese Weise zustandegekommene Studienplan musste jedoch kurz vor Beginn des Wintersemesters geändert werden, da Dr. Rabin und der mittlerweile zum ausserordentlichen Dozenten ernannte Dr. Zimmels aus Gesundheitsrücksichten einen längeren Urlaub benötigten und Dr. Simonsohn eine Reise nach Erez Israel antrat. In die notwendig gewordenen Vertretungen teilten sich Rabbiner Dr. Louis Lewin, ein sehr verdienter Historiker, Dr. Heinrich Speyer in Breslau und Bezirksrabbiner Dr. Nachum Wahrmann in Oels. Neben diesen inneren Schwierigkeiten zeichneten sich bald nach dem Umsturz ernste Existenzprobleme ab. Die Reichsvertretung der deutschen Juden als die neugeschaffene Zentralinstanz, der im Verein mit den Landesverbänden aussergewöhnlic.he Lasten aufgebürdet wurden, studierte die Frage, oh nicht zwei Rabbinerbildungsanstalten in Deutschland genügen dürften. Da bei einer solchen Regelung, die sich an die religiösen Haupt richtungcu geholten hätte, das orthodoxe Rabbinerseminar in Berlin und die auf liberaler Basis stehende Hochschule für die Wissenschaft des Judentums weniger gefährdet waren, musste Breslau den Kampf um sein Weiterbestehen mit Energie aufnehmen. Aus dem Jahresbericht für 1933 spricht eine begreifliche Besorgtheit: „Wir glauben, dass es nicht an der Zeit ist, eine Stätte der Wissenschaft eingehen zu lassen, die acht Jahrzehnte lang der Erkenntnis des Judentums gedient hat, und dass kein Streben nach ‘Rationierung’ es rechtfertigen könnte, wenn gerade diejenige Rabbinerbildungsanstalt untergeht, die allein in Deutschland das Vertrauen konservativer wie liberaler Gemeinden geniesst. Sollte von uns verlangt werden, dass wir neben den seither übernommenen Aufgaben uns auch neue Ziele stecken, wie etwa die Heranbildung von Lehrern für jüdische Schulen, so werden wir uns auch solchen Anregungen keinesfalls entziehen“. Es darf vorweggenommen werden, dass es den vereinten Kräften gelungen ist, alle drei Rabbinerbildungsstätten zu erhalten, bis sie der zerstörende Sturmwind der nationalsozialistischen Gewalttätigkeit hinwegfegte. Infolge der Übernahme des Seminarrabbineramtes durch Dr. Rabin und das Ausscheiden von Dr. Zimmels, der nach Wien zurückkehrte, war die Berufung eines neuen Dozenten unumgänglich geworden. Mit der Wahl von Dr. Heinrich Speyer in Breslau kam ein jüngerer Gelehrter an das Seminar, dessen wissenschaftliche Leistungen zu glänzenden Erwartungen berechtigten. Der neue Dozent war 1897 in Frankfurt am Main geboren, hatte dort die Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft besucht und studierte nach Abschluss der Gymnasialzeit semitische Sprachen, Geschichte und Philosophie. Auf Grund seiner Dissertation „Die biblischen Erzählungen im Koran“ wurde er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Akademie für die Wissenschaft des Judentums empfohlen, In deren Auftrag er das seit Abraham Geiger nicht mehr in Angriff genommene Thema klar und kundig behandelte. Von 1925 an wirkte Speyer als Lehrer am Jüdischen Reformrealgymnasium in Breslau. Bei seiner Einführung als Dozent im Februar 1934 gab Dr. Speyer seiner Verbundenheit mit dem Geist des Seminars folgenden Audruck: „Mehr denn jemals ist heute der Standpunkt Frankels und Graeizens, das Bekenntnis zum positiv-historischen Judentum, der Wegweiser für die Aufbauarbeit unseres Volkes: sich als historische Gemeinschaft zu erkennen, auf dem Boden des positiven Judentums weiterzubauen und an die alten Traditionswerte anzuknüpfen. Ich gelobe an dieser Stelle, im Sinne der grossen Lehrer dieser Anstalt zu wirken“. Leider war die so verheissungsvoll begonnene Lehrtätigkeit von Dr. Speyer nur kurz bemessen. Im Herbst 1935 raffte ihn in Frankfurt eine schwere Krankheit dahin. Das Seminar veranstaltete gemeinsam mit der Synagogengemeinde Breslau, deren Vorstand des Heimgegangene angehört hatte, eine Trauerfeier. Die entstandene Lücke war über die menschliche Tragik hinaus auch deshalb besonders einschneidend, da der Seminarrabbiner Dr. Rabin im Sommer 1935 nach Israel übersiedelte. Dass der Seminarbetrieb im Wintersemester in vollem Masse aufg'enommen worden konnte, war der Treue ehemaliger Hörer zu verdanken, die sich dem Appell der ehrwürdigen Ausbildungsstätte nicht verschlossen. Die Vorlesungen des Seminarrabbiners übernahm Rabbiner Dr. Samuel Moses Ochs in Gleiwitz. Er war 1886 in Polen geboren und hatte in seiner Jugend in verschiedenen Jeschiwot den Grund zu einem umfangreichen Wissen gelegt. Seine theologische Ausbildung hatte er sich am Breslauer Seminar erworben. Neben der Betreuung der Gemeinde Gieiwiiz setzte der neue Seminarrabbiner für die Fortführung der halachischen Studien am Seminar die ganze Kraft seines Geistes und seines Herzens ein. Rabbiner Dr Nachum Wahrmann, der, geboren 1895, ebenfalls Absolvent des Seminars gewesen war und seit 1933 bereits talmudische und geschichtliche Vorlesungen hielt, übernahm einen Teil der Stunden des Seminarrabbiners und trat als nicht vollbeschäftigte Lehrkraft mit Prüfungsberechtigung dem Dozentenkollegium bei. Die von Dr. Speyer betreuten Disziplinen wurden Rabbiner Dr. Ephraim Elimelech Urbach übertragen, der zugleich die Leitung der Seminarbibliothek übernahm. Der neue Dozent war 1912 in Polen geboren, hatte dort verschiedene Talmudschulen besucht und fiel schon bei seinem Eintritt ins Seminar durch seine umfangreichen, rasch fortschreitenden Kenntnisse auf. Sein Doktorexamen hatte Urbach in Rom abgelegt und war nach Breslau zurückgekehrt, um nun als der jüngste Dozent seine grossen Fähigkeiten für das Seminar nutzbar zu machen. Wie bereits mehrfach in früheren Jahren stellte sich Rabbiner Dr. Simonsohn weiterhin für talmudische Vorlesungen zur Verfügung, doch rief ihn schon 1936 ein früher Tod aus seinem vielseitigen Wirken. Er hatte dank seines tiefen Wissens und seines bescheidenen Wesens überall höchste Verehrung genossen. In den Talmudübungen der Unterstufe wirkte der ehemalige Hörer Rabbiner Dr. Ernst Hoffmann mit. (Fortsetzung auf Seite 11)