Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1989
- Issue
- No. 53 (1989)
- Date
- 1989-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN JUNGER TROTZJUDE... (Fortsetzung von Seite 7) bert Weltsch' (1891—1982) „Tragt ihn mit Stolz den gelben Fleck“ (4.4.1933) bedeutete für mich nichts Neues, denn ich war rechtzeitig gewappnet gewesen, aus Trotz und aus innerer Überzeugung. BRESLAU ALS TOR ZUR WESTLICHEN WELT UND ZUM MODERNEN JUDENTUM Das Leben in Bresiau war für mich ein angenehmer Zeitabschnitt (1921—1935), denn die Stadt hatte viel zu bieten. Das besonders attraktive Johannes Gymnasium, das Lobetheater, die Büchereien, Musikveranstaltungen und sportliche Ereignisse formten bei mir mannigfache Interessen: die Beschäftigung mit der klassischen Welt, ihrer Literatur, Kunst und Philosophie, die Besuche der Bühnenstücke von Goethe, Schiller, Kleist, Büchner, Moliere, Shakespeare und Gerhard Hauptmann begeisterten den jungen Menschen. Wieviele Bücher habe ich ausserhalb des Schulpensums gelesen und aus wievielen unterschiedlichen Bereichen! Deutsche, russische und westeuropäische Literatur wurde verschlungen. Freud, Marx, Lenin und die soziopolitischen Werke der Autoren aus den Zwanziger und Dreissiger Jahren gehörten zum intellektuellen Haushalt. Die Schule hatte uns das Tor zu allen Werten geöffnet. Der politische Sturm des deutsch-nationalistischen Wahnsinns drohte jedoch mit einer langen Unterbrechung der Weltordnung und störte die Entwicklung kulturhungriger Menschen. Breslau war das Tor zu einem liberalen und geistig bejahenden Lebensweg. Für uns Juden aber war es auch eine Hochburg des jüdischen Lernens und jüdischer Aktivitäten. Hier befand sich das jüdische Theologische Seminar, an dem einmal der bekannte Historiker Prof. Heinrich Graetz (1817— 1891 )4 5 unterrichtet hatte. Namhafte Professoren der Judaistik haben hier gelernt und gelehrt; einige gingen später an die Hebräische Universität, wie z.B. Prof. Isaak Heinemann,6 7 Prof. E. Urbach’ I. A. Rabin,8 * Prof. Chaim Rabin,” Prof. Sch. A. Talmon.10 * Ich habe dieses Seminar nicht besucht, aber viele Freunde und Bekannte lernten dort, um Rabbiner zu werden oder um Judaistik zu studieren; andere kamen nur, um die interessanten Professoren und Dozenten zu hören oder um ihre modernen Hebräischkenntnisse zu bereichern. Wenn man in Breslau als Jude lebte, wurde man in den Bann dieses Seminars gezogen. Man ging zu Vorträgen bekannter Professoren, lernte in externen Kursen Hebräisch; die Studenten beeinflussten das gesellschaftliche und kulturelle Leben der jüdischen Jugend. 4. Dr. Robert Weltsch (1891—1982) — Herausgeber der „Jüdischen Rundschau“, Berlin; Vorsitzender des Leo Baeck Instituts, London. 5. Prof. Heinrich Graetz (1817—1891) — Historiker; „Geschichte der Juden“. 6. Prof. Isaak Heinemann (1876—1957) — Jüdische Wissenschaften; Hebräische Universität Jerusalem. 7. Prof. Ephraim Elimelech Urbach (geb. 1912) — Judaistik; Hebräische Universität Jerusalem. 8. Israel Abraham Rabin (1882—1951) — Judaistik; Hebräische Universität Jerusalem. -9. Prof. Chaim Rabin (geb. 1915) — Sohn von I. A. Rabin — Judaistik; Hebräische Universität Jerusalem. 10. Prof. Schmaryahu Talmon (geb. 1920) — Judaistik; Hebräische Universität Jerusalem. BRUCH MIT DER JÜDISCHEN RELIGION MEINES RELIGIONSLEHRERS — BEKENNTNIS ZU EINER JÜDISCHEN RENAISSANCE Den Bruch mit der jüdischen Religion meines Religionslehrers nahm ich als junger Mensch vor, •eigentlich sofort nach der Bar-Mizwa,11 als ich beschloss, nicht dreimal am Tage zu beten und auch nicht die Gebetsriemen (Tefillin)12 * * anzulegen. Meine Absage an die jüdische Religion wie sie von orthodoxen Kreisen ausgeübt wird, minderte in keiner Weise mein Interesse an der hebräischen Sprache, an der jüdischen Geschichte und Kultur. Ich war weiter für alles jüdische aufgeschlossen, lernte Hebräisch, las eine Menge von Büchern über die jüdische Vergangenheit und Gegenwart und wurde schon aus juger Mensch ein bewusster Zionist. Zu meiner Bar-Mizwa bereitete ich eine Rede auf Neuhebräisch vor und hielt sie vor den Versammelten. Meine Sprachkenntnisse waren nicht allzu reich, aber es war für deutsch-jüdische Kreise jener Zeit doch ziemlich aussergewöhnlich, dass ein junger Kerl wie ich eine hebräische Rede vom Stapel Hess. Einer meiner noch lebenden Vettern erinnert mich öfters an dieses „Phänomen“. Mein erstes zionistische Erlebnis geht auf ein besonderes Ereignis zurück. Ich erinnere mich, dass Prof. Chaim Weizmann,16 Präsident der Zionistischen Organisation, in meiner Jugend nach Breslau kam, und ich ihn mit vielen anderen der Gemeinde, auf der Eisenbahnstation in Breslau empfing. Ich tat dies aus eigener Initiative. Es war ein so starkes Erlebnis, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Die Stationsleitung der Breslauer Bahn öffnete das Kaisertor, das sonst geschlossen war, denn es gab ja seit 1919 keinen deutschen Kaiser mehr, und Weizmann schritt durch das Tor wie bei einem Staatsempfang, während wir ihm zujubelten. Bevor ich diese Zeilen niederschrieb, fragte ich beim Weizmann - Institut in Rechovot an, ob es einen Beweis gäbe, der meine Erinnerungen belegen könnte. Das Archiv — welch ein Wunder! schickte mir die Kopie eines Artikels aus der Tageszeitung „Haaretz“ (Tel-Aviv) vom 27.11.1927, in dem über die Reise Weizmanns nach Deutschland und Rumänien aus Anlass einer Geldaufbringungskampagne berichtet wurde. Er sollte am 27,11.1927 in Breslau ankommen und am Abend an einem Bankett teilnehmen. Das bedeutet, dass ich schon mit 11 Jahren an Weizmann und an einem jüdischen Nationalheim Interesse hatte. Die damaligen Rabbiner der Storchsynagoge in Breslau, Rabbiner Dr. Moses Hoffmann und Dr. Max Simonsohn, schienen mich recht ernst genommen zu haben und erwarteten etwas von meiner Zukunft. Vielleicht glaubten sie sogar, dass ich Rabbiner werden würde. Sie ahnten nichts von meinem Bruch mit der jüdischen Religion als offenbarter Glaubenslehre. Dr. Simonsohn schickte mich zu 11. Bar Mizwa (Sohn der Pflicht) — Der junge Jude wird beim Erreichen des 13. Lebensjahres in die Religionsgemeinde aufgenommen, in der christlichen Religion entspricht dies der Konfirmation, bzw. Jugendweihe. 12. Tefillin (Gebetsriemen ) — Gebetsriemen mit einem ledernen Gehäuse, in dem vier Abschnitte aus der Tora auf Pergamentpapier geschrieben aufbewahrt sind. Diesen Riemen legt man an die Hand und den Kopf beim frühen Morgengebet. 13. Prof. Chaim Weizmann (1874—1952) — Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency; 1. Präsident des Staates Israel. dem Hauptrabbiner Hoffmann, um Privatunterricht im Talmud zu bekommen. Dr. Simonsohn war kinderlos. Er war ein besonders fürsorglicher Erzieher und Mensch, der jeden unter seine Fittiche nahm, wenn er etwas von ihm erwartete. Er war für mich der Inbegriff eines gütigen Menschen, der Jugendliche gern hatte und ihnen in ihrer Entwicklung beiseite stand. Er ist bestimmt nicht daran schuld, dass sich meine Beziehungen zum jüdischen Gott wandelten. Er hatte auf jeden Fall dazu beigetragen, dass mir jüdische Werte nicht fremd wurden. Rabbiner Hoffmann kam aus einer Familie von grossen Gelehrten. Es war nicht leicht Zugang zu ihm zu finden, da er kurz angebunden war. Jeden Sonntag früh fand ich mich im Haus des Rabbiners ein, und wir lernten ungefähr eineinhalb Stunden. Diese Talmudstunden bekam ich während eines Jahres. Wir lernten die Traktate Bawa Batra und Schabbat. Ich war damals ungefähr 17 Jahre alt und am Lernen interessiert, weil ich zu dem Schluss gekommen war, dass ein jüdischer Schüler sich nicht damit zufriedengeben kann, Homer und Plato, Cicero und Ovid in den Originalsprachen zu lesen, sondern auch das Beste der hebräischen Welt zu lernen hat. Die antike Klassik konnte logischer Weise zur hebräischen Vergangenheit führen, denn Hebräisch, Latein und Griechisch sind die Säulen der westlichen Denkweise. Ich unterbrach meine Talmudstunden, denn meine Vorbereitungen für Palästina führten mich ins Neuhebräische. In diesen Jahren lebte Max Nussbaum in Breslau und studierte am Rabbiner Seminar. Er wurde im Jahre 1934 Rabbiner und war später nach seiner Auswanderung Rabbi am Temple Israel in Hollywood. Während seiner Amtsperiode (1942—1974) sind einige berühmte Filmstars zum Judentum übergetreten. Max Nussbaum war in den Jahren, in denen ich bei ihm Neuhebräisch lernte (1934/35), ein moderner, lebensfreudiger und aggressiver Theologiestudent, über den die orthodoxen Kreise wenig begeistert waren. Für uns junge Zionisten aber war er ein perfekter Hebräischlehrer, der den Unterricht lebhaft gestaltete. Leider war ich durch viele andere Interessengebiete abgelenkt und schon damals mit zu vielen Dingen beschäftigt. Ich war in der Leitung der Ortsgruppe der zionistischen Jugendorganisation „Makkabi Hazair“1’ und später des „Habonim“.1,1 So war meine Konzentrationsfähigkeit verzettelt. Mit meinen Hebräischkenntnissen hätte ich es — dem Breslauer Standard entsprechend — zu weit mehr bringen müssen. Bis heute leide ich an dem Versäumnis meiner Jugend. Zu viele Gebiete hielten mich im Bann, und ich habe es nie fertig gebracht, Unwesentliches beiseite zu lassen. Vielleicht tue ich mir und der humanistischen Schulbildung und ihren reichhaltigen Ablenkungsmöglichkeiten unrecht, aber dies ist mein Empfinden im Alter. Heute klagen Eltern über die zu grosse Spezialisierung des Könnens und Wissens ihrer Kinder und sehen darin die Gefahr einer oberflächlichen Erziehung. In unserer Epoche war die Vielfalt der Geistesanregungen verhängnisvoll. Sie erlaubte nicht, die beste Substanz in mir voll zur Geltung zu bringen. Das Genie konzentriert sich auf das Wertvollste in seinem Charakter und in seinen Begabungen. Dies solte wohl auch für einen gewöhnlich Sterblichen der Leitfaden sein. Vielleicht das nächste Mal... in meiner Jugend sagte man, dass jeder zweite (Fortsetzung auf Seite 14) 14. Makkabi Hazair (Der junge Makkabäer)— Zionistische Jugendorganisation u.a. (n Deutschland. 1.5. Habonim (Bauleute) — Zionistische Jugendor ganisatlon u.a. in Deutschland. 8