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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1989-01-01 · No. 53 (1989) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1989
Issue
No. 53 (1989)
Date
1989-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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EIN JUNGER TROTZJUDE... (Fortsetzung von Seite 6) dauer. Bis zum Schluss (seine Evakuierung erfolgte am 20.9.1941) arbeitete er im Domarchiv und dem Archiv der jüdischen Gemeinde in Breslau an der Geschichte der schlesischen jüdischen Gemeinden, insbesondere an der der Breslauer Juden. Die Manuskripte und Veröffentlichungen können in den General Archives of the History of the Jewish People, Hebräische Universität Jerusalem (S. 8.8) gefunden werden. Es besteht die Hoffnung, so erklärte Dr. W. Cohn's Tochter Ruth Atzmon-Cohn (Mitglied des Ein-Shemer Kibbutz), dass die historischen Manuskripte von einem deutschen oder polnischen Verlag herausgebracht werden. A. C. war der beliebteste und meist geschätzte Lehrer der Schule. Seine Unterrichtsstunden in Deutsch, Latein, Griechisch und Philosophie besassen Universitätsniveau. In dem Gedenkheft „Alfred Cohn (1898—1976)“, veröffentlicht vom Kibbutzseminar „Oranim“ und dem Kibbutzseminar in Tel- Aviv (Hebräisch 1977), habe ich von meinen Erinnerungen an A. C. vom Johannes-Gymnasium erzählt. Wir brachten ihn nach Berlin. Er wurde zu einem sehr gefragten Lektor bei den zionistischen Jugendbewegungen und war kurze Zeit Lehrer an der Theodor Herzl Schule Berlin. Für sechs Monate übernahm er die Leitung des Jugenddorfs Schniebienchen (1939), in dem Zöglinge der Jugenalija auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden. Diese Etappe war seelisch und praktisch für A. C.’s Auswanderung nach Palästina entscheidend Hier schloss er sich dem Erziehungswerk der Kibbutzbewegungen an. Obwohl viele von uns glaubten, dass er das Zeug hätte, an der Hebräischen Universität zu lehren, war ihm die Herausforderung der Kibbutzbewegung ein genügend grosses Unterfangen, dem er den letzten Teil seines Lebens widmete. A. C. war viele Jahre an dem Kibbutz-Lehrerseminar „Oranim“ in den Karmeibergen tätig. Er hat keine Bücher geschrieben, aber seine vielen Schüler sind dem Andenken dieses originellen Lehrers treu geblieben. Er war ein Pädagoge mit Charm und besass die grosse Fähigkeit, junge Menschen durch Lerninhalte und nicht über Zeugnisnoten zu fesseln: sein Unterricht war ein Erlebnis und er hat bewiesen, dass das Lehrersein eine besondere Berufung sein kann Sein Einfluss auf mich und viele andere Schüler kann nicht genügend hervorgehoben werden. Zwei christliche Lehrer des Gymnasiums sind mir unvergesslich geblieben: Studienrat Dr. Freund und Prof. Jiittner. Dr. Freund war für einige Zeit mein Klassenlehrer. Er hatte jüdische Vorfahren, war aber gläubiger Christ. Von Zeit zu Zeit besuchte meine Mutter die Klassenlehrer der verschiedenen Lehrgänge und so gelangte sie auch zu Dr. Freund. Sie muss ihm wohl in den letzten Jahren vor meinem Abitur (1935) von den schweren wirtschaftlichen Bedingungen unserer Familie erzählt haben, weil Vaters Textilgeschäft angesichts des Judenboykotts verkauft werden musste, und er sich als Handelsvertreter nicht wenig quälte. Sein Einkommen wurde zusehends niedriger. Dr. Freund, so hörte ich nach dem Abitur, bat meiner Mutter seine Hilfe an und zahlte die Hälfte meines Schulgeldes. Ich weiss bis heute nicht, was ihn dazu bewogen hatte — das schlechte Gewissen getauft zu sein? Wer kann beurteilen, warum sich ein mir sonst fremder Mensch in den Jahren der Barbarei human, und mir gegenüber positiv benommen hat.. Ein aufrichtiger Dank , gebührt ihm. Menschen, wie Dr. Freund haben ein wenig dazu beigetragen, den Glauben an die Menschelt zurückzugewinnen. Dr. Willy Cohn erwähnt in seinem Tagebuch: „Als Jude in Breslau — 1941“ die schicksalsschweren Beschlüsse, vor denen Dr. Freund stand und seine ungewisse Zukunft. Prof. Jüttner wurde von allen Prof. Funzel genannt, ein spöttisch gemeinter Name. Er war ein Kuriosum, hager, linkisch und zerstreut — wie man sich einen Professor vorstellt und naturwissenschaftlich begabt. Man erzählte sich, dass er Prof. Einsteins wissenschaftlicher Sekretär gewesen sein solle; ich bin nicht sicher, dass es sich hierbei um die Wahrheit handelte. Er selbst soll gesagt haben, dass Einstein und er die einzigen SüGHAUFThAG NACH Dr. FREUND UND | Dr. JÜTTNER AUS BRESLAU | Sehr geehrte Frau Erel, | wir danken für Ihre obige Anfrage und teilen . Ihnen nach -Überprüfung unserer Unterlagen ' von Breslau mit, dass I Prof. Dr. Johannes Freund, Studienrat, j I geb. 1876 i ■ aus Breslau, Hohenzollernstr. 71 . mit 31.12. i945 vom Amtsgericht Dortmund für tot erklärt worden ist. Angehörige konnten wir nicht feststellen. ' Ein Prof. Dr. Ferencz Jüttner, aus Breslau, « I Friesenstr. 33 (nicht verehelicht), lebte in | I den 50er Jahren in Oberköllnbach bei Lands- | | hut. , | Der Genannte ist 1878 geboren und dürfte seit langem verstorben sein. Angehörige konnten wir auch hier nicht fest- I stellen. I Heimatsortskartei Schlesien I wären, die die Relativitätstheorie erklären könnten Die Schüler ärgerten ihn unaufhörlich und unbarmherzig. Ich erinnere mich gehört zu haben, dass jemand am 1. Aprii an eine Klassentür klopfte und der Schüler, der die Türe öffnete, laut verkündete, dass Einstein draussen stände. Funzel war ganz erregt, lief rot an und ging hinaus. Draussen lag ein Stein. Bei einer anderen Gelegenheit zogen sich alle Schüler nackt aus, bevor Prof. Jüttner in die Klasse kam. Beim Betreten des Klassenraums war er so schockiert, dass er schnurstracks zum Direktor ging. Als die beiden Herren die Klasse betraten, waren alle schon wieder angezogen. Funzel sagte dann beklommen, dass „dies wohl eine optische Täuschung gewesen sein musste“. Wir Schüler waren nicht nur zu Prof. Funzel, sondern auch zu anderen Lehrern erschreckend grausam, obgleich sie es, weiss Gott, nicht verdient hatten. Prof. Jüttner war eine Type, dabei aber sehr liebenswert. Ich sage das, obgleich ich keine Koryphäe in Mathematik war. ANTISEMITISMUS IN DER SCHULE Die Namen antisemitischer Lehrer sollen hier nicht erwähnt werden: sie wären bedauerliche Geisteszwerge. Hoffentlich sind einige von ihnen unter den Trümmern des Tausendjährigen Reichs, an das sie so fest geglaubt hatten, begraben. Meine erste Begegnung mit einem anti-jüdischen Lehrer machte Ich in der privaten Volksschule kurz vor dem Wechsel in die höhere Schule. Dieser Lehrer bereitete mich in Privatstunden für die Aufnahmeprüfung vor. Weder meine Mutter-noch ich kannten die antisemitische Haltung des Lehrers, bis ein Zufall sie enthüllte. Einer meiner Mitschüler, ich war wohl zehn Jahre alt, machte in der Pause eine antisemitische Bemerkung vor vielen Klassenkameraden. Obgleich ich nicht zu Prügeleien neigte, erhob ich mich von meiner Bank und versetzte dem Jungen einen gut gezielten Schlag. Er fiel um und purzelte auf die Bankkante. Seine Nase blutete heftig und in der Klasse verursachte der Vorfall einen allgemeinen Lärm. Als der Lehrer hereinstürmte, glaubte er wohl, etwas Dramatisches unternehmen zu müssen. Er schickte mich mit bösen Worten zu einem Lehrer in die Nebenklasse, um den Rohrstock zu holen. Dieser Lehrer, der mich als ordentlichen Schüler kannte, war erstaunt, als ich ihm erklärte, dass der Rohrstock für mich bestimmt war. Die Dresche, die ich bekam, war nicht so schlimm wie die Gemeinheit des Lehrers, der nicht anerkennen wollte, dass ich aus Provokation gehandelt hatte. Am Ende der Schulstunde erklärte ich trotzig vor der Klasse: „Meine Mutter lässt ihnen sagen, dass meine Privatstunden bei Ihnen unnötig geworden sind“. Damit glaubte ich, mich ein wenig an dem Lehrer gerächt zu haben. Damals kannte ich den Begriff „Trotzjude“, den Zionisten geprägt hatten, noch nicht. Ein Trotzjude war jemand, der zu seiner jüdischen Identität durch die Auseinandersetzung mit der feindlichen christlichen Welt fand. Bei mir war das nicht so ganz der Fall, denn ich nahm mein Judesein auf Grund von positiven Werten hin, aber der Trotz half mir, niemals nachzugeben. Auf der höheren Schule sagte mir einmal ein mir sonst sympathischer Lehrer — ihn hatte mein zu häufiges Reden mit dem Nachbarn während des Unterrichts an einem Sabbat irritiert: „Schade, dass Moses nur das Schreiben am Sabbat verboten hat, der hätte auch das Sprechen verbieten sollen. Obgleich ich das Gefühl hatte, der Lehrer war mit seiner Rüge im Recht, wollte ich meine Niederlage nicht so einfach hinnehmen. Zwei Tage später, als der Lehrer ein Fenster in der Nähe meiner Bank öffnen liess, bat ich ihn laut, es zu schliessen, da ich „als mittelmeerstämmiger“ gegen Kälte empfindlich sei. Er lachte verständnisvoll, und ich verzichtete in Zukunft darauf, ihn zu provozieren. Eigentlich kann ich nicht behaupten, dass das •Judesein für mich ein Trauma war — in keiner Weise. Als ich im vorletzten Schuljahr (1934) vom Geographielehrer, der auch für Rassenforschung verantwortlich war, vor die Klasse gestellt wurde, um semitische Elemente des Körperbaus zu erklären, nahm ich dies gelassen hin. Ich sah schlank, schwarz und feurig wie ein arabischer Beduine aus und bildete mir ein, gut auszusehen. Ich besass keinerlei Minderwertigkeitskomplexe. Vor der Klasse zu stehen, machte mir gar nichts aus. Ich erinnere mich nur, dass dieser Versuch der Rassenforschung ein unangenehmes Ende für den Lehrer hatte, der alles andere als ein arisches Urbild darstellte. Einer der christlichen Mitschüler fragte bei dieser Gelegenheit, um den Lehrer zu ärgern: „Sa-, gen Sie, bitte, ist Ihre Physiognomie slawisch, oder was ist sie genau?“ Ein Höllengelächter brach aus, denn einem Lehrer der Rassenforschung slawisches Blut zuzumuten, war geradezu Staatsbeleidigung. In Breslau gab es viele slawische Namen und Mischungen, aber dies sollte doch nicht einem Lehrer der Nazi„wisesnschaften“ passieren. Slawen waren ein Untervolk... Als die apokalyptische Epoche der Hitlerverschwörung gegen die Kulturwelt einbrach, war ich schon lange auf das Schlimmste vorbereitet. Der historisch gesehen bedeutende Artikel des Chefredakteurs .der Jüdischen Rundschau (Berlin) Ro- (Fortsetzung auf Seita 8) 7

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