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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1989-01-01 · No. 53 (1989) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1989
Issue
No. 53 (1989)
Date
1989-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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EIN SEHR JUNGER TROTZJUDE IN BRESLAU Wir waren fünf Kinder in der Familie. Unsere Eltern haben bestimmt nie Bücher über Pädagogik gelesen; sie haben das „Dressieren“ der Töchter und Söhne — wie die meisten Eitern — ihrem Gefühl überlassen. Der Vater arbeitete ohne Unterlass, um die Familie zu ernähren. Dies gelang ihm bis zum nationalsozialistischen Umsturz (1933) nicht schlecht. Er hatte keine Zeit für erzieherischen „Mumpitz". Die Mutter opferte sich wahrlich für uns auf. Sie war eine zarte Person, die leicht die Sympathien ihrer Kinder und Mitmenschen gewann. Die Wärme, die sie ausstrahlte, gab der recht grossen Familie genügend Liebe, und bis zu ihrem frühen Tod (sie starb 1935 im Alter von 58 Jahren), hielt sie uns in ihrem Bann. Ihre restlose Hingabe und die einsetzenden materiellen Schwierigkeiten verschnellten den Prozess ihres Sterbens. Es gab im Hause wenig überlegte und geplante Erziehungsmethoden ausser dem Wunsch der Eltern, uns allen eine höhere Schulbildung zu geben. Dies war bei den ersten Kindern auch möglich; bei mir als viertem Kind, war die finanzielle Lage der Eltern schon schwierig und besondere Anstrengungen werden notwendig. Vielleicht tue ich meiner Mutter und meinem Vater Unrecht, wenn ich betone, dass nichts besonders überlegt war. Beide Elternteile, besonders der Vater, bemühten sich, uns unser Judesein zur Grundvoraussetzung unseres Lebensweges zu machen. Für das deutsche Judentum der Weimarer Zeit war diese Tendenz beachtlich und ich bin ihnen aufrichtig dankbar, dass ich seit frühester Jugend mein Judesein als eine Selbstverständlichkeit hinnahm. Es gab keinerlei Verzerrungen. Wir zeigten unsere Zugehörigkeit zum Judentum offen und machten keinen Hehl daraus. An unserem Haustürpfosten hing eine Mesusa,1 mit dem Vater gingen wir vor allem an den Hohen Feiertagen in die Synagoge und assen koscher. Ohne grosse Worte und Erklärungen und ohne religiösen Fanatismus wollten die Eitern unser Verhältnis zum Judentum so natürlich wie möglich gestalten. In der Breslauer Volksschule {1922— 1925) und später im Gymnasium (bis 1935) schrieb ich am Schabbat nicht. Ich war wohl der einzige Schüler, der das Schreibverbot einhielt, obgleich es viele jüdische Klassenkameraden gab. Als ich später Zweifel an dieser Art von Religiosität entwickelte, behielt ich trotzdem diese Gewohnheit bei — schon viele Jahre vor der Nazi-Zeit wollte ich mein Judesein demonstrativ beweisen. Eine Reihe von jüdischen Schulkameraden versuchte, ihr Deutschtum zu bekunden und dabei die Zugehörigkeit zur Judenheit zu bagatellisieren. Einige nahmen sogar nicht am jüdischen Religionsunterricht teil. Von den mindestens 10 jüdischen Klassenkameraden auf der höheren Schule habe ich keinen in Israel getroffen. Es ist zu befürchten, dass einige im Holocaust umgekommen sind. Mein Bekenntnis hat mir im Umgang mit den christlichen Schülern und Lehrern nicht geschadet; vielleicht hat es mir im Gegenteil sogar genutzt. Jahrelang habe ich mit Johannes Moehring auf einer Schulbank gesessen, und als man ihn nach 1933 zwecks Vermeidung rassischer Anstekkungsgefahr umsetzte, gab er mir als Geste unse- 1. Mesusa — (Türpfosten). Ein Metall- oder Glaszylinder, jn den eine Pergamentrolle mit kur zen Abschnitten aus der Bibel eingelegt ist. Dieser Zylinder wird von Juden an die Pfosten aller ihrer Häuser geschlagen. Von SHLOMO EREL rer Freundschaft das Buch von Thornton Wilder: “The Bridge of San Luis Rey" mit einer Widmung als Geschenk. Sein Vater war der Breslauer Pastor Ernst Moehring, der Mitglied des Pro-Palästina Komitees war und sich für die Sache des jüdischen Palästina-Aufbaus in den 20er und 30er Jahren einsetzte. Meine Versuche, die Familie durch (ien Suchdienst des Deutschen Roten Kreuz zu finden, blieben ergebnislos. Es liess sich nicht feststellen, ob die beiden Moehrings den 2. Weltkrieg überlebt hatten. Als Kuriosum sei hier erzählt, dass mein Nachbar auf der Schulbank (ein Jahr lang) später berüchtigt wurde. Er war einer der schlechten Schüler, der mit grosser Behendigkeit von mir abschrieb, um das Klassenziel zu erreichen. Er borgte mir als Gegengabe sein spitzes und recht scharfes Messer, mit dem ich meine Bleistifte anspitzte. Mit diesem Messer hat er vor dem Naziumbruch einen jungen Fahnenträger auf der sozialistischen 1. Mai - Feier erstochen. Er kam in ein Gefängnis für jugendliche Verbrecher und wurde 1933 zu einem deutschen Volkshelden. Die Betonung meines Judeseins begann sehr früh. Es handelte sich hier um keine Zurschaustellung, sondern geschah vielmehr ungezwungen. Sport betrieb ich im Malckabi Sportverein. Es gibt ein Bild von mir als 8jähriger Junge (1924) in Sportkleidung mit dem Magen-David-Abzeichen des Makkabi. Wir beteiligten uns damals am Breslauer Staffeliruf, der von der Stadtverwaltung organisiert wurde, ich war Kapitän der Knabenfussbalimannschatt des Makkabi, und wir wetteiferten mit den christlichen Jugendgruppen Breslaus. Unsere Tischtennismannschaft gehörte zu den besten der Stadt. Dolly Fass (Dolly ist ein Jungenname) und ich waren Breslauer Doppel-Meister. Rückblickend erscheint mir dies wie ein Traum, aber das ist die volle Wahrheit, die die Breslauer meines Alters bestätigen können. Dolly und ich wurden 1933 gegen die Tischtennisweltmeister (zwei Ungarn) aufgestellt. Das Turnier war mit unseren beiden Namen in den Zeitungen und auf den Litfassäulen angekündigt. Hitlers Machtergreifung änderte so manches am Weltgeschehen. Wir wurden als Juden disqualifiziert und unser Spiel abgesetzt. Zionist zu werden, war für mich keine Sache eines jähen Ereignisses, sondern basierte selbstverständlich auf einem starken jüdischen Bewusstsein. Der Entschluss, mich für die Auswandernug nach Israel/Palästina vorzubereiten, lag aber bei diesem „Sport-Malheur“. Ich hängte den Tischtennisschläger an den Nagel und meldete mich zur landwirtschaftliche Ausbildung mit dem Ziel Palästina. LEHRER UND EINFLUSS Als ich einige Tage nach dem Abitur (1935) in einer Bank in Breslau stand, um von meinem kleinen Konto Geld abzuheben, sprach mich ein von mir besonders geschätzter nicht-jüdischer Lehrer, Dr. Mittelhaus, an und fragte mich nach meinen Zukunftsplänen. Als er die Worte Landwirtschaft und Palästina hörte, glaubte er, seinen Ohren nicht zu trauen und schlug mir vor, an die Prager Universität zu gehen, um nach kurzer Zeit wieder zum Studium nach Breslau zurückzukehren, denn „bald würde alles wieder in Ordnung sein“. Rückblikkend war es angebracht, nicht auf diesen wohlwollenden Lehrer gehört zu haben, denn die Nazis hätten mich später bei der Okkupation der CSSR eines Besseren belehrt. Dr. Mittelhaus war ein wahrer Humanist.. Seine Unterrichtsstunden in Latein und Griechisch formten die Schüler, und machten sie zu denkenden Menschen. Dieses selbständige Denken, zu dem er erzog' führte mich — Gott sei Dank — nach Palästina und nicht nach Prag. Diesen Lehrer werde ich nicht vergessen. Er konnte es kaum übersichbringen, den Nazigruss beim Eintritt in die Klasse auszutiben, aber es gab den „Heil Hitler“ Grusszwang. Er tat dies mit einer charmanten Bewegung, die uns klarmachte, was er davon hielt. Unvergesslich ist auch der Beginn seiner Unterrichtsstunden. Dr. Mittelhaus kam in die Klasse und zog aus einer Seitentasche eine Anzahl von Zetteln mit den Namenslisten der Klassen, in denen er unterrichtete. Dann suchte er geflissentlich die Liste unserer Klasse, aber meist war es nicht die richtige. Wir waren ihm stets dankbar, wenn es ihm gelang, unsere Namen zu finden. Er war ein Lehrer, der die Lehrer und das Pauken nicht allzu ernst nahm, was uns gefiel. Dieses Vergessen der Namen imponierte mir sehr; auch ich gewöhnte es mir an und litt unter dieser Nonchalance. Unsere Schule, das Johannes Gymnasium, war etwas Besonderes in Breslau, vielleicht sogar im ganzen deutschen Schulsystem. Es war ein humanistisches, liberales Gymnasium, fast paritätisch (50% der Schüler waren Juden); ausserdem gab es viele jüdische Lehrer. Die Schule besass eine betont intellektuelle Atmosphäre. Snobistische Familien mit Aspirationen schickten ihre Kinder dorthin. Der Direktor Dr. Alexis Gabriel (ein Nicht-Jude), (Die Heimatsortskartei Schlesien (Suchdienst) teilte mir mit, dass seit 1936 keine Adressenmeldung der Familie Dr. Gabriel vorliegt), der die „Verjudung“ und das freie Schulsystem zugelassen hatte, wurde bald von den Nazibehörden entlassen und unsere Schule vom „Am Zwinger Gymnasium“ übernommen. Der Name „Zwinger“ drückte symbolisch den neuen Geist der dem totalitären Regime gleichgeschalteten Schule aus. Jüdische Lehrer, wie Dr. Kober (Mathematik), die Studienräte Dr. Willy Cohn,- Dr. Alfred Cohn2 3 und Dr. Rudolf Schäffer sind mir noch gut in Erinnerung. Alfred Cohn hiess unter uns Schülern A. C„ während Willy Cohn (mein Geschichtslehrer) kurz und bündig W. C. genannt wurde. Dr. Willy Cohn hinterliess ein interessantes, aber sehr trauriges Tagebuch, in dem er seine Tätigkeit als Archivar für die jüdische Geschichte Schlesiens unter der städtischen Naziverwaltung Breslaus beschrieb. Er war als Zionist bekannt, wanderte jedoch nicht nach Palästina ein. Sein Tagebuch beschreibt — bis zu seiner Evakuierung (Ende 1941) — sein Leben in Breslau. Er hatte die Illusion, dort überleben zu können. Seine Menschlichkeit — zu einer Zeit als um ihn herum'die Zerstörungswut tobte — ist bewundernswert. In diesen verhängnisvollen Jahren erhielt er sich durch seine schriftstellerische und intellektuelle Tätigkeit seine seelische Aus- (Fortsetzung auf Seite 7) 2. Dr. Willy Cohn (1888—1942) — Geschichtslehrer und -forscher. Sein Tagebuch „Als Jude in Breslau. 1941, Bleicher Verlag, Gerlingen 1984. 3. Dr. Alfred Cohn (1898—1976) — Lehrer am Gymnasium in Breslau und Dozent am Lehrerseminar der Klbbutzbewegung „Oranlm“. 6

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