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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1989-01-01 · No. 53 (1989) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1989
Issue
No. 53 (1989)
Date
1989-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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ERINNERUNGEN (Fortsetzung von Seite 4) ich bemerke hier, dass dieser Revierleiter oft abends noch in die Gastwirtschaft zu kommen und dort etwas zu verzehren pflegte. Er war ausgesprochen wohlwollend, die anderen Beamten machten ihre Arbeiten und kümmerten sich nicht um uns. Am zeitigen Nachmittag fuhr ein Lastauto vor, auf dem bereits eine Zahl jüdischer Verhafteter stehen mussten. Fahrer war ein mir bekannter Autofachmann namens Schönfeld. Er fuhr laut Ansage, sprach kein Wort mit den unfreiwilligen Fahrgästen. Wir fuhren, als der LKW voll war, in das Polizeipräsidium in einen inneren Hof. Dort waren schon viele jüdische Bürger (nur Männer) versammelt, die Stimmung war sehr gedrückt. Wir konten von diesem Innenhof genau die fast ganz abgebrannte Neue Synagoge sehen. Man konnte Flammen usw. beobachten, die Nachbargebäude waren nicht gefährdet, ich glaube, es standen Feuerwehrposten um diese Häuser herum. Viele konnten nicht mehr stehen, setzen sich auf den Erdboden. Ich erinnere mich noch an Herrn JULIUS BRÜHL, einen älteren Mann, dem das lange Stehen wohl schwer fiel. Als es dämmerte, gab es eine Suppe, nicht sehr kräftig, aber sie tat uns gut. Noch etwas später, gegen Abend, mussten wir in zwei langen Reihen antreten, „Abzählen“ wurde befohlen, ein junger Polizeileutnant hatte das Kommando übernommen, und ging dann, um sich beim Präsidenten abzumelden. Vorher wurde der fr. Reg. Rat Dr. Halpert entlassen, der schwer kriegsverletzt war. Dann wurde etwa in der neunten Stunde eine grosse Marschkolonne aufgestellt, mehrere hundert Männer, und auf jeder Seite als Ordner abwechselnd ein Polizeibeamter und ein SS- Mann in Uniform gestellt. Dann zog der ganze Zug durch das groses Tor des Präsidiums auf die Tauentzienstrasse, im normalen Schritt, vorne eine Polizeigruppe. Es ging Richtung Güterbahnhof Ost. Hier stand ein langer Personenzug, alles Wagen 3. Klasse, und genau abgezählt ging es in die Abteile; je ein Polizist und ein SS-Mann gingen in jedes Abteil. In meinem war auch mein Kollege Dr. LUX, ein gewisser Loewy, an die anderen erinnere ich mich nicht mehr. Ein Mann musste stehen, je eine Stunde, das ging aber geordnet vor sich. Der Polizist hatte seinen Karabiner mitgenommen und legte ihn ins Gepäcknetz. Niemand konnte schlafen. Der Zug hielt morgens in WEIMAR, alles musste aussteigen. Wir zogen zuerst in einen langen Tunnel unterhalb der Bahnsteige, immer zehn Mann in einer Reihe. Von rückwärts stiessen Weimarer Polizisten%nit Schlägen und brutal in die letzten, die dann immer mehr nach vorn drängten. Man bekam fast keine Luft. Dann gruppenweise nach oben, dort standen Polizei-Transporter, wir mussten sehr schnell nach oben, die Köpfe zwischen die Knie, es wurde dauernd geschrien und gedroht. Die Wagen fuhren eng angefüllt auf die Landstrasse, wir konnten nichts sehen, wir hielten an einem Lagerzaun, Buchenwald. Schnell herunter mussten wir durch ein grosses Tor einmarschieren, Auf der inneren Seite war völliger Morast, viele blieben stecken, fielen hin, ich denke noch an Herrn Weisstein, Bruder eines Kollegen, er konnte sich nicht mehr allein erheben, wurde geschlagen wie andere. Dann in einen grossen ßaräckenraum, wir wurden in sog. Aufnahmebögeh als Schutzhäftlinge registriert, jeder bekam eine Nummer, ich: 23001. Innerhalb des Lägerzäuns ging es dann fri Fünfer-Kolonnen weiter, zu einem Waldstück. Auf dem Boden, ohne Untergrund waren sehr plumpe Barakken errichtet, d.h. Bretterhaufen, und wir mussten eng an eng auf die Bretter kriechen, die in 5 Stück völlig roh zwischen Eckpfosten locker liegen mussten. Wir lagen so eng, dass nur eine ganze Reihe sich immer zur selben Zeit drehen musste, niemand konnte austreten, Ruhe gab es nicht. Im Dunkeln musste man heraus, richtige Waschgelegenheit gab es nicht, man musste sich wieder anstellen. Das ging immer weiter so, und jeweils mussten die Inhaftierten vortreten, um Namen usw., usw. anzsagen. Die Schreiber waren Häftlinge, recht ungewandte Leute. Es wurden Listen aufge- Die Storchsynagoge, Wallstrasse in Breslau. ‘V. ' * stellt, die oft fehlerhaft waren. Es gab immer wieder Unrichtigkeiten. Ich erinnere mich an einen Mann namens LESSER MOSES, mal wurde er als MOSES und mal mit LESSER als Familiennamen eingetragen, es gab auch viele gleiche Nachnamen, so erinnere ich mich an ROSENTHAL, der vielmals vorkam. Dadurch ergaben sich immer wieder Widersprüche. Nach etwa 2 Wochen erfolgten erste Entlassungen, gemäss der Heimat-Gestapo, in der Regel auf Grund von Auswanderungsmöglichkeiten. Die erste grössere Entlassung erfolgte etwa Mitte Dezember 1938. Wer seine Frontkämpfer-Urkunde vorlegen konnte, konnte heraustreten. Etwa 1600 Mann marschierten in Kolonnen zu Fuss nach Bahnhof Weimar. Nun wurde die eine Baracke der 5 Unterkünfte geräumt, es erfolgten Verlegungen. Die 4 Baracken waren praktisch nicht heizbar, es wurde ein eiserner Ofen aufgestellt, die Häftlinge zogen mehrmals reihenweise um diesen kleinen Ofen herum, die ■Kälte aber blieb. — Alle Häftlinge trugen noch ihr Zivil, meistens abgetragene Sachen; Wechsel von Socken oder anderen Gegenständen gab es nicht, Waschmöglichkeit bestand nur, wenn frischer Schnee gefallen war. Die sanitären und anderen Verhältnisse waren unbeschreiblich. Eine kleine Linderung erfolgte, als die geschäftstüchtige Kommandatur Händler aus Weimar mit sog. MARKETEN- DERWARE bis ans Tor liess; alle alten Sachen wurden zu Wücherpreisen angeboten, viele hatten kein Geld mehr. Es wurde dann eine Postkarte pro Person'zugelassen, die Folge wären auch Geldsendungen. Ein sog. ZAHLMEISTER überwachte die Auszahlungen durch den Kassenbetreuer Dr. Gustav HERZOG aus Wien, der später im Lager Auschwitz III, Buna, Rapportschreiber wurde, und der sehr gewandt war. Geldempfänger aber mussten sofort einen Teilbetrag, vom Zahlmeister bestimmt zurücklegen, angeblich für die Rückfahrtkarten für zur Entlassung kommende Häftlinge. Etwa am 10.1.39 kamen vier Breslauer zur Entlassung und wurden rasiert und mit Reisegeld versehen nach Weimar entlassen. Hier gab es am Eingang eine winzige Kaffee-Verpflegung, von Weimarer Juden unterhalten. Wir fuhren dann im D-Zuge zunächst bis Leipzig, dann bis Breslau. Nächsten Nachmittag sollten wir zur Gestapo, aber der eine war mit Lungenentzündung ins Krankenhaus gekommen. Dann mussten wir alle 4 Wochen zur sog. Kontrollversammlung, jeder musste nachweisen, inwieweit seine Auswanderung weitergekommen war. Immerhin, gelang es doch einer erheblichen Zahl, die Auswanderung durchzuführen. Nicht vergessen konnte man die Leiden, immer wieder kamen Angehörige von Verstorbenen und wollten Auskünfte haben. Ich erinnere mich an einige sehr gute Kameraden, die niemals ihre gute Haltung verloren haben, etwa den Buchhändler BRANDEIS von der Karlstrasse oder jungen Herrn WEYL, der eines Tages sterben musste und nie seine Stimmung verlor. Auch der Arzt Dr. BRESLAUER war ein guter Kamerad, half jedem nach Möglichkeit, er starb dann in Breslau nach wenigen Wochen. Vorbildlich hielt sich auch Gemeinderabbiner Dr. HOFFMANN; er fiel von der obersten Bretterlage auf die Erde, brach sich ein Bein, musste mühsam Hilfe bekommen. Erstaunlich war, dass die Kenntnisse über Lager Buchenwald so verbreitet waren, auch in nichtjüdischen Kreisen. Die ganze Aktion hatte Aufsehen und Interesse erregt. Fast niemand hatte dann noch eine Existenz- Möglichkeit, das Sozialamt musste die allermeisten unterstützen. Nach Kriegsbeginn fanden wir uns in der Rüstungsindustrie wieder, etwa FAMO-Fahrzeug-Motoren-Werken, früher Linke Hofmann, und nach dem 28.2.43 im Saal der Freunde-Gesellschaft oder im Storch-Synagogensaal, um am 5.3. zeitig Richtung Auschwitz abtransportiert zu werden. PROFESSOR ERNST COHN s A Auf Umwegen erreicht uns die Nachricht vom Ableben von Professor Ernst Cohn. Er war ein glänzender Jurist, dessen überragende Fähigkeiten schon früh erkannt wurden, sodass er in dem ganz ungewöhnlich jugendlichen Alter von 27 Jahren zum Ordentlichen Professor für Strafrecht an der Universität Breslau ernannt wurde. Er stiess aber bei der damals schon stark nazifizierten Studentenschaft auf so starke Ablehnung, dass es ihm kaum möglich war, eine Vorlesung zu halten, bevor die nationalsozialistische Machtergreifung seiner Tätigkeit ein frühzeitiges Ende bereitete. Er emigrierte nach England und bestand dort das Barrister-Examen, hatte aber mit' grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, da sich ein Nicht-Engländer in diesem, ohnehin stark übersetzten Beruf kaum durchsetzen kann. Nach dem Weltkriege ehrte ihn Deutschland durch Ernennung zum Honorar-Professor an der Universität'Frankfurt a/M. Dr. Richard Prager 5

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