Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1989
- Issue
- No. 53 (1989)
- Date
- 1989-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ALTE BRESLAUER SYNAGOGEN Wir bringen hier ein Kapitel aus dem Buch „Jüdisches Leben im jüdischen Ritual“ (Studien und Beobachtungen 1902— 1933) von ULRICH GERHARDT. Wir danken dem Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, für die Erlaubnis diese historisch wichtige Darstellung einiger Breslauer Synagogen in unserer Zeitung zu veröffentlichen. Um die Jahrhundertwende, als ich nach Breslau kam, gab es, den meisten christlichen Einwohnern der Stadt kaum bekannt, eine Anzahl alter, kleiner Synagogen neben den beiden grossen offiziellen Gemeindesynagogen, dem neuen Tempel, dem weithin sichtbaren roten Backstein-Kuppelbau in einem Hof am Stadtgraben und dem grossen, aber versteckt zwischen Antonien- und Wallstrasse gelegenen Gebäude der orthodoxen Synagoge zum Storch (gegründet 1829). Von vier Synagogen aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, die ich noch kennengelernt habe, sind drei bis zu meinem Weggang aus Breslau verschwunden gewesen, zwei von ihnen aber an anderem Orte wieder erstanden, ohne dass das alte Bild wiederhergestellt gewesen wäre. Die älteste und erste Synagoge Breslaus, wie mir ihr Vorsteher, Kürschnermeister Landshut, versicherte, die Landschul, lag in einem grossen Hof mit Ausspannungen und Speichern, neben dem „Storch“ zwischen Antonien- und Wallstrasse. In diesem Hofe, nahe seinem Durchgang zur Wallstrasse, stand ein Fachwerkhaus, das auf der Nordseite eine horizontale Holzgalerie aufwies, zu der zwei Treppen hinaufführten, die östliche führte zur Mauer, die westliche zur Frauenabteilung der Synagoge. Die nach der Wallstrasse gekehrte Rückseite des Gebäudes war sehr einfach. An der Ostwand ragte die Toralade etwas hervor. A. Grotte hat nach ihrem Abbruch die alte Landschul und ihre Schätze in einem Artikel beschrieben und die Ansicht geäussert, sie stelle einen westlichen Ausläufer der polnischen Holzsynagogen dar; als Zeugnis dafür führt er besonders das hohe Mansardendach und die äussere Holzgalerie an. Mir ist der Eindruck des alten Hauses nicht als fremdartig aufgefallen, zumal es sich um einen Fachwerkbau handelt und nicht, wie bei den polnischen Synagogen (Zabludow, Kaminski etc.) um einen reinen Holzbau. Als Gründungszeit des Gotteshauses geben Grotte wie Erwin Hintze das Ende des 17. Jahrhunderts an. Neben der Landschul ist ebenfalls als alt zu erwähnen die in einer der alten Ausspannungen (zum „Hirschei“) in der Karlsstrasse, in der Ecke eines der angrenzenden Häuser gelegene Synagoge, deren Tür zu der Männerwie Frauenschule von aussen mit Holzrand verkleidet ist, in die mehrere Stufen abwärts führen. Es ist die Lemberger Schul zu erwähnen, wie der Name sagt, von galizischen Juden, wohl auch vor 1700, gegründet. Die Eingänge zu der Männer- und Frauenschul liegen nebeneinander, von einer Holzwand verborgen, der eigentliche Synagogenraum lag einige Stufen tief unter dem Erdboden. In einem Hinterhause der Graupenstrasse, im sogenannten Professorenhaus, lag die Alt-GIogauer- Schul, auch halb unterirdisch, klein und eng. Endlich ist als vierte eine Synagoge litauischer Gründung zu nennen, die Schklover Schul, die als die orthodoxeste der kleinen Breslauer Synagogen galt und im Hofe Goldene Radegasse 2 im ersten und zweiten Stock lag. Sie heisst nicht unmittelbar nach der Stadt Schklov, sondern nach ihrem Gründer Reb Mordechai ben Jsrael Jser Schklover, der also selbst wohl daher stammte. Ihr Gründungsjahr ist nach E. Hintze 1777. Daneben sollen noch erwähnt sein: Die Synagoge zum Tempel, Antonienstrasse, etwas grösser als die vorige, aus dem 19. Jahrhundert stammend, ohne zentralen Almemor, und noch zwei kleine Synagogen am Sonnenplatz, die ich gelegentlich einmal besucht habe. Eine chassidische Betstube im Hause zum Goldenen Rad, Goldene Radegasse 8, war mir nicht zugänglich. Als ich (1901) nach Breslau kam, wusste ich nur von oen beiden grossen Synagogen, der neuen am Stadtgraben und der alten im Hofe zum Storch, von denen die erste (mit Orgel) „liberal“, die andere orthodox war. In der Storchsynagoge fiel mir immer wieder auf, dass ausserordentlich wenige der um den Karlsplatz herum immer zahlreich vorhandenen Juden aus Russich-Polen dort beim Gottesdienst zu finden waren. Dass sie den neuen Tempel als nicht fromm genug mieden, war selbstverständlich, aber ich wusste nicht, wo ich sie, die ich doch gerade suchte, anderswo finden könnte. Die Synagoge zum Tempel wurde mir zuerst als Ort genannt, an dem ich vermutlich orthodoxe Juden treffen würde, aber auch das was nur in spärlichem Masse der Fall. Allmählich erfuhr ich dann von der Existenz der Ausspannungen mit ihren alten Synagogen, und die Landschul entdeckte ich für mich an einem Kol-Nidre-Abend, als ich aus der benachbarten Storchsynagoge kam und die Kronleuchter in dem kleinen Synagogenraum im alten Fachwerkhaus verschwenderisch brannten. Es kostete mich die Überwindung einer begreiflichen Scheu, ehe ich zum ersten Male wagte, meinen Fuss in diese abgeschlossene Kultstätte mit ihrem kleinen Gemeindekreis zu setzen. Aber die grosse Freundlichkeit, mit der ich, besonders von dem Vorsteher Kürschnermeister Landshut, aufgenommen wurde und die ein für allemal gegebene Erlaubnis zu kommen, wann immer zum Gottesdienst ich wolle, liess diese Scheu bald verfliegen, und immer wieder wurde mir versichert, dass ich niemals störe. Jedenfalls wurde mir niemals irgendetwas von den Ceremonien der grossen Feiertage auch nur zu verheimdlichen gesucht; ich möchte aber hier gleich besonders betonen, dass ich dieses verständnisvolle Entgegekommen gegen den, der sachliches Interesse zeigt und wirklich etwas lernen will, überall in Synagogen in- und ausserhalb Deutschlands gefunden habe, ganz besonders auch in Sarajewo und in Jerusalem. Aber überall, auch an Orten, die fern von abendländischer Kultur liegen, sind mir darin nie ernstere Schwierigkeiten bereitet worden, wenn man die Harmlosigkeit meiner Bestrebungen und den Mangel jeder Animosität erkannte. Nur einmal, und deshalb verdient dieser Fall erwähnt zu werden, wurde ich vor einer Synagogentür am Sabbat glatt abgewiesen mit den überraschenden Worten: „Christen ist der Eintritt nicht gestattet““. Es war dies vor der Synagoge an der Potsdammer Brücke in Berlin, die durch diese Ungefälligkeit eines subalternen Beamten in meinen Erinnerungen eine Ausnahmestellung für sich beanspruchen darf. Das, was den Gottesdienst in der Breslauer Landschul und den anderen orthodoxen und gleichwertigen Synagogen auszeichnete, war grosse Korrektheit und Traditionstreue bei ebenso grosser Disziplin und ruhigerem Gehaben, als es In Polen üblich war. Aber unverkennbar war der starke Einfluss der benachbarten Polen, der sich in der ständigen Anwesenheit von teils dauernd, teils vorübergehend beim Gottesdienst erscheinenden bärtigen Gstalten, die beim Beten den Tallis über dem Kopf trugen, äusserte. Später habe ich auch die anderen alten Breslauer Synagogen in der als ganz überwiegend jüdisch zu bezeichnenden Gegend zwischen Karlsplatz und Stadtgraben besucht, oft die Lemberger Schul, die Hirschei, seltener die Alt-Glogauer-Schul und drittens die Schklover Schul, deren Gemeinde als die strengste galt, und in der mein Erscheinen einwandfrei mehr Verwunderung erregte als in den anderen. Die ersten Synagogenbesuche meines Lebens führten auch in die Storchsynagoge, aber sparet habe ich ganz überwiegend die kleinen, im Ritus strengeren, besucht und in der Landschul bei weitem am meisten über den Kultus gelernt. Daher ist mir diese ostdeutsche, stark polnisch gefärbte Nuance des aschkenasischen Ritus in Breslau sehr vertraut geworden und hat mir als Grundschema für vergleichende Studien in anderen Ländern gedient, und so gedenke ich dankbar dieser beiden verschiedenen versteckten Gotteshäuser. Dass die vier genannten alten Breslaue Synagogen jede etwas verschiedene Tradition hatten, lag an zwei Gründen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts durften Juden nicht in Breslau wohnen und deshalb keine eigene Betstätte haben. Die Juden vom Lande aus der Nachbarschaft der Stadt (Dyhernfurth etc.) gründeten 1571 als erste selbständige Bet- und Kultstätte ihre Landschul, die also ihre Tradition auf die Gebräuche der Juden aus der Breslauer Gegend zurückführt. Die von weiter her aus Schlesien, Posen und Polen nach Breslau regelmässig kommenden Juden richteten ihre Betstuben dann in den Ausspannungen ein, die sie jedesmal aufsuchten, und so konnten Synagogen mehr galizischer oder posenscher Observanz entstehen und ihre Tradition bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen. Es war tief zu bedauern, dass die alten Höfe alle allmählich modernen Neubauten zum Opfer fielen. Zwar siedelte die Landschulgemeinde später in einen Raum in einem Hause der Wallstrasse mit al- <lem Inventar über, aber elektrisches Licht und einige andere (späte) Konzessionen an die neue Zeit Hessen den alten Eindruck nicht mehr aufkommen. Die Alt-Glogauer-Schul musste beim Abbruch des „Professorenhauses“ gleichfalls umziehen; das, was später denselben Namen weitertrug, war eine neu erbaute, nicht kleine Synagoge, orthodox, aber „Frankfurter Richtung“ (Agudat Jisrael) vertretend, also ganz etwas anderes. Ich habe dort einmal dem Freitag-Abend-Gottesdienst beigewohnt. Die letzten jüdischen Gottesdienste in Breslau sah ich 1924 am Neujahrs- und Versöhnungstag in der Landschul. Es ist begreiflich, dass ich zuerst nicht viel von dem Zusammenhang und dem Wesen des jüdischen Gottesdienst verstehen und mir ebenso wenig dabei denken konnte. Hier muss ich der Buchhandlung von Jakob B. Brandeis gedenken, deren längst heimgegangener Besitzer nicht nur die notwendige •Literatur empfohlen und beschafft hat, sondern auch auf alle, also wie ich jetzt hinterher fühle, wohl oft recht quälenden Fragen bereitwillig und immer liebenswürdig Auskunft gab, sowie er merkte, dass mein Interesse sehr viel tiefer ging als - blosse Neugier. Oft sollte ich später noch anderswo die gleiche Erfahrung machen. Ulrich Gerhardt 9