Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1988
- Issue
- No. 52 (1988)
- Date
- 1988-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 151)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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LEBE IN ISRAEL Ich wurde 1908 in Breslau geboren. Das Elternhaus und die Umgebung waren entscheidend für meine spätere Entwicklung. Der Vater stammte aus der Grenzmark und hatte sich unter schweren Bedingungen zu einem anerkannten und beliebten praktischen Arzt hochgearbeitet. Er war als Student in einer schlagenden Verbindung gewesen und stolz auf seine Schmisse im Gesicht. Er war auch stolz auf seinen Rang als Stabsarzt im 1. Weltkrieg und auf seine Auszeichnungen. Wir lebten in einem Arbeiterviertel Breslaus, wo fast keine Juden wohnten und wir waren so assimiliert, wussten kaum, dass wir Juden sind. Wir feierten mit der christlichen Umgebung alle Feiertage. Im Gymnasium waren wir nur 4 Juden und es gab keinen Religionsunterricht für uns. Später wurde ich umgeschult in ein Realgymnasium, wo es Religionsunterricht gab, eine Barmizwah hatte ich nicht. Ich trat dann dem deutschjüdischen Wanderbund „Kameraden" bei, indem die Mehrzahl der Mitglieder auch Assimilanten waren. Hier gefiel mir die freiwillige Disziplin, die Kameradschaft und die Liebe zur Natur durch die vielen Wanderungen. Der Vater hatte kein Verständnis dafür, ich rauchte nicht, trank keinen Alkohol und ging nicht tanzen und was das Schlimmste war, ich wollte Gärtner werden. Den Abstieg vom Akademiker zum Gärtner wollte er nicht erlauben. Für mich war aber gerade die Verbindung mit der Natur ausschlaggebend und ich wollte auch nicht so lange finanziell vom Elternhaus abhängig sein. Auf der Schule war ich auch nicht gerade der Beste, so fing ich mit 17 Jahren an Gärtnerei zu lernen, mit 19 Jahren die Gehilfenprüfung und nach den 4 Jahren Praxis ging ich in die Gartenbauschule Berlin-Dahlem. ich trat aus dem Wanderbund aus, schon in der Lehrzeit war ich in ganz sozialistischer Umgebung. Gewerkschaft, Arbeiter Turn- und Sportbund. — Auch die Kameraden schlugen ja später einen sozialistischen Kurs ein und wandten sich dem Zionismus zu, weil sie die Hitlergefahr sahen. Sie gingen nach Palästina und gründeten Kibbutzim in denen die Tradition der Kameraden erhalten blieb Ich hatte es sehr schwer auf der Gartenbauschule, meine Nachbarn sassen schon fast alle mit der Hakenkreuzbinde neben mir und ein Teil der Lehrer war auch schon „gleichgeschaltet”. Ich wurde Mitglied des antifaschistischen Kampfbundes, wir versuchten die Überfälle der Nazis zurückzuschlagen, aber da die Polizei schon auf Seiten der Nazis war, hatten wir wenig Erfolg. An einem Freitag-Abend im Mai 1933 war ich zu Besuch bei meiner Tante. Durch den Nazi-Blockwart wurden die Nazis informiert, sie kamen zu einer Haussuchung und namen uns mit, auch ihre 2 Kinder, in das Hauptquartier der Feldpolizei in der General Papestrasse. Damals hiess es noch nicht Gestapo, sondern Feldpolizei und es waren auch keine Polizisten, eher Studenten. Wir wurden stundenlang schwer misshandelt, ich konnte aber flüchten und da ich einen Pass hatte, flüchtete ich SUCHANZEIGE Frau K. A. Wechenberger, Bredeneyer Strasse 111a, D4300 Essen 1, sucht Mitschülerinnen der Charlottenschule in Breslau, Jahrgänge: 1920/22, nach folgenden Mädchennamen: Lucie (Luzie?) Beck Ilse Cohn Alice Hadda Ruth Geliert Inge Goldstein (VON BRESLAU NACH ISRAEL) WERNER NEUFLIESS in die C.S.R., wo ich Verwandte hatte. Nachdem ich die Folgen der Misshandlung überstanden hatte, begann ich als Gärtner zu arbeiten. Da es aber verboten war als Arbeitnehmer zu arbeiten, so begann ich als selbstständiger Gärtner zu arbeiten. Mein Vater konnte mir etwas Geld transferieren und ich konnte mir ein kleines Häuschen mit etwas Land kaufen. In einem kleinen Dorf im Sudetengebiet in der Nähe von Leitmeritz, legte ich Gärten an und verkaufte Obst und Gemüse, das ich auf biologischdynamischer Art anbaute. 1937 heiratete ich eine tschechische Jüdin, Rosa, sie kam zwar aus einem religiösen Haus, aber war selbst nicht religiös. Ich hatte mich in dem Dorf mit meiner Arbeit durchgesetzt. 1938 wurde das Sudetengebiet von den Nazis besetzt und so gingen wir in den Heimatsort meiner Frau. Der Bürgermeister im Sudetengebiet sagte vorher zu mir (er war ein frommer Katholik): „Von mir aus können sie hierbleiben, aber ich bin nicht sicher, ob sie mich als Bürgermeister lassen". Ich hatte mich beim tschechischen Militär gemeldet, weil wir glaubten, dass es zum Krieg kommt, da die CSR einen Verteidigungspakt mit Frankreich und der Sowjet-Union hatte, aber 1939 wurde die CSR von Chamberlain verkauft und 1939 das ganze Land besetzt. Ich ging nach Prag, um eine Möglichkeit zu finden auszuwandern. Dort lernte ich einen Journalisten kennen (London Times) Mr. Parker, der mich als Butler anstellte, ich konnte damals schon etwas tschechisch und bekam durch ihn Verbindung mit der tschechischen Untergrundbewegung. Er verschaffte mir in England einen Posten als Gärtner (domestic permit). Ich musste noch in der Nacht meine Frau verständigen, sie kam sofort nach Prag, aber auf dem British passport Office war mein permit nicht mehr da, sie hatten einen Nichtjuden darauf wegfahren lassen. Bei Ausbruch des Krieges musste Mr. Parker die CSR verlassen und er übergab mich einer Amerikanerin, Ms. Wellington, die sich um die Auswanderung von Flüchtlingen kümmerte. Ich half ihr bei der Arbeit und als sie auch wegmusste, weil die USA in den Krieg ging, liess sie mir etwas Geld da und einen Stoss Papiere, die ich den Betroffenen schnell zustellen musste. Dabei fand ich meine Papiere zerissen unter dem Tisch. Sie wurde in N.Y. von Freunden zur Rede gestellt, warum sie mich nicht mit rausgebracht hat, da war ihre Antwort: den habe ich doch zu meiner Arbeit gebraucht. Ich begann dann als Gärtner bei der jüdischen Kultusgemeinde in Prag zu arbeiten. Ich musste die Ziergärten zu Gemüsegärten umwandeln, damit die jüdischen Krankenhäuser und Kindergärten Obst und Gemüse bekamen, eine Zuteilung für Juden gab es nicht mehr. Zur Hilfe bekam ich Jugendliche von der zionistischen Bewegung, denen ich auch Unterricht für die Auswanderung nach Eretz-Israel geben musste. Es war eine Freude mit dieser Jugend zu arbeiten, aber immer mehr wurden mit ihren Eltern nach dem Osten verschickt. Ich traf noch einige in Theresienstadt und dann noch weniger in den Kibutzim in Israel. Inzwischen gab es eine Möglichkeit nach San Domingo auszuwandern. Es wurden in Berlin, Wien und Prag Gruppen von Fachleuten zusammengestellt. Wir bekammen an einem Freitag die Pässe zugestellt, aber die Prager Kultusgemeinde liess uns erst am Sonntag wegfahren, damit wir nicht am Schabbat fahren. Aber als wir am Brenner ankamen war die Grenze von den Italienern gesperrt, alle Juden mussten aussteigen und wurden zurückgeschickt. Es war ein Tag bevor die Italiener in den Krieg gingen. Die Gruppen von Berlin und Wien waren noch durchgekommen und von Genua mit einem neutralen Schiff weggefahren. Von unserer Gruppe haben es nur 3 überlebt. Wir kamen zurück nach Prag und ich arbeitete sofort weiter in der Gärtnerei, aber einige Zeit später traf ich auf der Strasse einen Studenten aus dem Sudetengebiet, der mich beschimpfte und bedrohte und 2 Tage später holte mich die Gestapo von der Arbeitsstelle weg in das Hauptquartier der Gestapo im Petschek-Palais. Dort wurde ich viele Stunden vernommen, es wurde ein Protokoll geschrieben, aber der Beamte war noch irgendwie menschlich. Er fragte mich, was ich für unsere Auswanderung tue und ich zeigte ihm die Schiffskarte nach San Domingo. Ich konnte nach Hause gehen. 1943 wurde dann die Jüdische Kultusgemeinde in Prag liquidiert und wir kamen nach Theresienstadt. ich arbeitete dort bis zur Befreiung durch die Rote Armee in der Gärtnerei. Ich hatte als Verantwortlicher viel mit den SS-Leuten zu tun, aber als sogenannte Fachkraft wurde ich nicht nach dem Osten weitergeschickt. Auch hier habe ich 2 Jahre lang mit Jugendlichen zusammengearbeitet. Sie sind heute keine Jugendliche mehr, aber am Befreiungstag treffen wir uns in Givat Chaim. Auch in Theresienstadt gab es eine Untergrundbewegung und wir waren auf einen Aufstand vorbereitet, aber durch das Eingreifen des Schweizer Roten Kreuzes war das nicht nötig. In Theresienstadt lernte ich auch Rabbiner Dr. Baeck kennen, mit dem mich bis zu seinem Tod eine herzliche Freundschaft verband. Nach der Befreiung blieb ich noch einige Monate in Th. um die Gärtnereien aufzulösen im Auftrag der Regierung. Eine Zeit lang wohnten wir in meinem kleinen Häuschen bei Leitmeritz, aber als „Deutscher” konnte ich es nicht offiziell zurückbekommen, landwirtschaftlicher Besitz war nicht erlaubt. Früher waren wir als Juden diskriminiert, jetzt als Deutsche. Bis 1949 arbeitete ich dann noch als Gärtner und Verwalter am Friedhof und Krematorium in Theresienstadt um die Anlagen des Friedhofs zu rekonstruieren, sie waren vor dem Besuch des Roten Kreuzes geändert worden, um zu verbergen, wie viele Juden hier umgekommen waren. 1949 hatten wir genug und kamen nach Israel. Ich wollte in einen Kibutz gehen (Neot Mordechai), wo viele Freunde aus dem Lager waren. Meine Frau wollte aber keinen Kibutz, so landeten wir in Shavei Zion. Hier arbeitete ich als Gärtner, habe mit 78 Jahren aufgehört, aber bin noch immer mit Touristik beschäftigt, hauptsächlich mit deutscher Jugend. Wir ehren in Dankbarkeit das Andenken von FRAU ERIKA WEISS , Miami, die unseren Verband in grosszügiger Weise in ihrem letzten Willen bedacht hat. VERBAND EHEMALIGER BRESLAUER IN ISRAEL Der Vorstand 11