Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1988
- Issue
- No. 52 (1988)
- Date
- 1988-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 150)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Landschaft im Nationalsozialistischen Raum Es gibt Bücher, die noch heute, fünf Jahrzehnte nach dem Geschehen, die „Welt von Gestern" in Erinnerung rufen, wie das über die fast idyllische geistige Oase, die Hugo Rosenthal mit seinem pädagogischen Versuch gestalten konnte. Das von Lucy Schachne edierte und mit vielen Eigenberichten arigereicherte Buch über die wenigen Jahre des Landschulheims Herrlingen wurde von dem Kreis der Ehemaligen, Lehrer wie Schüler, gefordert und gefördert. Die heute im Pensionsalter stehenden Menschen haben gründliche Arbeit geleistet, Orginaldokumente, Berichte, persönliche Erinnerungen, die Aufzeichnungen Hugo Rosenthahls mussten aus dem Archiv des Yad Vaschem kopiert werden. Die Herausgeberin, erste und einzige Abiturientin des Landschulheims, sie besuchte anschliessend das jüdische Lehrerseminar, Berlin, das Abitur als Voraussetzung forderte, war dann als Lehrerin in England tätig, nach dem Krieg kurze Zeit;■ Redakteurin der in Berlin erscheinenden jüd. Zeitschrift, „Der Weg”, in London freie Journalistin, später Verwaltungschefin eines Comitees für Gemeinschaftsbeziehungen. Die beigegebenen Bilder kommen aus ihrem Besitz. Unter den aktiven Mitarbeitern in Israel sei Lotte Haas genannt, 1934/35 Lehrerin in Herrlingen, die bei der Zusammenstellung des Materials half. Kontakte mit Ehemaligen aufnahm. Dutzende andere, in Amerika, England, Israel, haben ihre Beiträge, oft interessante menschliche Er- und Bekenntnisse, beigesteuert. — Das „Landschulheim Herrlingen" wurde 1926 von Anna Essinger gegründet, auf einem der Familie gehörenden Besitz, eine der damals aufkommenden reformpädagogischen Anstalten, in der trotz vieler jüdischer Kinder jüdische Fragen niemals einen Einfluss auf die erzieherischen Bemühungen ausübten. Sie erkannte frühzeitig dass für derartige Schulen in dem Deutschland nach 1933 kein Raum vorhanden war und verlegte sie nach England; gleichzeitig suchte sie einen Nachfolger für ihre Anlagen. Irgendwie nahm sie Kontakt mit Hugo Rosenthal auf, der in jenen Tagen Aufsätze über jüdische Erziehungsfragen veröffentlichte, wie sie sich aus der durch den „Umbruch" veränderten Situation ergaben: „Wir wollen unsere Menschen nicht in die Enge zurückführen, sondern ihnen die Weite des Horizonts öffnen. Das kann aber ohne Schaden nur dann geschehen, wenn man selbst auf festen Füssen steht". Er übernahm das Angebot auf Basis eines günstigen Pachtvertrages. Durch Otto Hirsch, Präsident des Oberrates der Juden Württembergs, wie geschäftsführender Vorsitzender der neu geschaffenen Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der dem Plan positiv gegenüberstand, wurden die Betriebsmittel für das erste halbe Jahr gesichert. Rosenthal wollte unabhängig bleiben: „Was ich in Herrlingen beabsichtigte, vertrug nicht die Abhängigkeit von 'Vorsitzenden'... Dr. Hirsch stellte mir keine Bedingungen". Am 15. Oktober 1933 kommen die ersten drei Kinder, im April 1934 sind es schon 48; die Zahl steigt auf ungefähr 100, darunter Tagesschüler aus Ulm und Umgebung. Nach dem Novemberpogrom 1938 gibt es fast nur Abgänge, im März 1939 bleiben 23 Schüler. Die Anstalt musste geschlossen werden. Er und seine Frau wohnen noch einige Monate in einem nahen Dorf, sie kehren im Augusl 1939 nach Palästina zurück, wo er 1924 bis 1929 an der Realschule in Haifa tätig war, jetzt Josef Jaschuwi, der Rückkehr. 1941 übernahm er die Leitung der 'Ahawa', damals eine Internatsschule der (Lucy Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand. Das jüdische Landschulheim Herrlingen, 1933 — 1939) Dipa Verl-ag, Frankfurt/M. 1986 Jugendalija, wo er bis zu seiner Pensionierung, 1956, amtierte. Er verstarb 1980 im Alter von 93 Jahren. — * Was waren die Voraussetzungen, die es Rosenthal ermöglichten, das Landschulheim zu einer „geistigen Oase" zu gestalten, oder zu einem „doppelten Getto", zur „Erziehung zum geistigen Widerstand”, so der Buchtitel, oder „Erziehung als geistiger Widerstand", der Titel eines Referats von Prof. Josef Walk auf der Konferenz des „Leo-Baeck-Instituts", in Berlin. Der Erfolg der Schule basierte auf seiner pädagogischen Auffassung und auf seiner Persönlichkeit, wie die zitierten Berichte und Briefe aussagen. Im Gegensatz zu anderen Internatsschulen, wo die Schüler während vieler Jahre geformt wurden, gab es in Herrlingen einen dauernden Wechsel der Lehrer wie der Schüler, und trotzdem sind noch fünf Jahrzehnte später alle von dem „Erlebnis" beeindruckt, das ihnen die oft wenigen Monate vermittelt haben, beruhend auf die dominante Persönlichkeit Rosenthals. Er bemühte sich, eine Symbiose zwischen der europäischen wie der jüdischen Kultur zu schaffen. Im Schulplan sah er auf „vergleichende Geschichte", er legte Wert auf religiöse Formen und fand einen eigenen Weg in der Gestaltung der Feiertage und Schabbatot, er führte „Lernzeiten" ein, jüdischen Themen gewidmet, geschichtlichen, geisteswissenschaftlichen, religiösen, gestuft nach dem Alter der Schüler, an denen sich Lehrer wie Schüler beteiligten, die aus Kreisen kamen, in denen diese Dinge und Fragen unbekannt waren. Dass der Lehrplan trotzdem erreicht wurde, war durch die geringe Schülerzahl gegeben, die erlaubte den Unterricht konzentrierter zu gestalten. Es war bedeutsam, dass er, wie einige der Mitarbeiter, in der Jugendbewegung wurzelten, in der Begriffe wie Verantwortung und Gemeinschaftsbewusstsein bekannt waren. Nicht zu übersehen ist die geographische Lage Herrlingens, so komisch es vielleicht heute klingt. Das Dorf liegt bei Ulm in Württemberg. Die Schule hatte kaum unter Beschränkungen oder Zwischenfällen zu leiden. Die Behörden gaben zwar nie Erlaubnis, dem Namen das Wort „jüdisch" zuzusetzen, aber sie beschränkten sich auf gelegentliche Kontrollen der sanitären Bedingungen wie auf die jährlichen Berichte zur Überprüfung des Schulplans. Man machte Ausflüge, badete im nahen Fluss, Naturkundeunterricht wurde oft in den Wäldern der Umgebung abgehalten, ein „Stürmerkasten", am Wege zur Schule, soll auf Bitten Rosenthals entfernt worden sein, ein Teil des Personals wohnte im Dorf, die besuchenden Elaern im einzigen Gasthof. Die monatlichhe Schulzeitung, „Herrlinger Leben", dann „Chajenu” genannt, Unser Leben, aus der viele Beiträge wiedergegeben sind, wurde am 10. Nov. 1938 für drei Monate verboten!, und erschien nie wieder. In einer politischen Atmosphäre, in der reformpädagogische Ideen nicht angebracht waren, konnten diese Begriffe in Herrlingen wie in einigen anderen jüdischen Internatsschulen verwirklicht werden, ln dem Buch wird, von Lehrern wie Schülern, die Gattin Judith (Betty) erwähnt, eine ausgebildete Klavierkünstlerin, die in der Arbeit im Heim aufgeht. Sie unterrichtete Musik, organisierte Chöre wie musikalische Feierstunden. Mit dem Schuljahr 1935 wird ein „praktischer Lehrgang" eingeführt, der im ersten Jahr auf Schwierigkeiten stösst, von den Eltern „als nicht standesgemäss” angesehen. Hebräisch wie Englisch werden als gesprochene Sprachen gelehrt. Unterrichtssprache einiger Kurse. Bei aller Freiheit legte Rosenthal Wert auf Disziplin und Autorität, die „Basis jeder Erziehung”. — Die Schule, die aüsser dem Start kaum Zuschüsse erhielt, war selten in einer guten wirtschaftlichen Situation. In den Sommermonaten wurden Ferienkinder aufgenommen, von Studenten der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt betreut, um zusätzliche Einnahmen zu haben. Das Buch, eine Sammlung von Erinnerungen, Dokumenten, Tagebuchblättern, Kinderaufsätzen aus jenen Tagen, Ausschnitte aus den unveröffentlichten Erinnerungen Rosenthals-Jaschuwi, lässt die Zeit noch einmal vorrüberziehen. In dem Buch, in einer Serie „Pädagogische Beispiele" erscheinen, und insbesondere für den Leser in Deutschland bestimmt, wird nur von denen berichtet, denen es gelang, rechtzeitig auszuwandern, bis auf eine Ausnahme, einem damaligen Junglehrer, der im Untergrund überlebte. Es fehlt ein Hinweis auf die, die nicht herauskonnten,... Der Leser sieht die Menschen, Schüler wie Lehrer, in einer glücklichen Oase, eine „Jüdische Landschaft im nationalsozialistischen Raum", wie Rosenthal seine Erinnerungen nennen wollte. Heinzwerner Goldstein Wir gratulieren Herrn Walter Bohm. Valkuse, Australien, zum 90. Geburtstag., SUCHANZEIGEN Gesucht werden: 1. Anni Buchholz, Tochter von Prof. Martin Buchholz, Breslau, Kaiserstr. 76, und deren Bruder Friedrich, von Lieselotte Loeckel-Tschetsch geb. Wojcechowski, 1000 Berlin 41, Dijonstr. 22. 2. Lieselotte Spitzer, zuletzt Tel-Aviv, Nordaußoulvd. 36, oder deren Nachkommen, von Joanne Lusky, Congregation Bnei-Israel, 301 — 59 Street North, St. Petersburg, Florida 33710, U.S.A. Mitteilungen über den Aufenthaltsort oder das Schicksal der Genannten werden erbeten an die Suchenden oder den Verband ehemaliger Breslauer, P.O.B. 3591, Tel-Aviv 61 035. 3. Die Söhne von Rechtsanwalt Lux, zuletzt in Tel- Aviv. 4. Erich Bildhauer, s. Zt. Redakteur der Jüdischen Volkszeitung (genauere Daten über sein Leben und Schicksal). Antworten zu 3 und 4 erbeten an Prof. Joseph Walk, Leo Baeck Institute, 33 Bustenai Street. 93229 Jerusalem, P.O.B. 8298. 5. Gerda Jaschkowitz (Mädchenname), Jahrgang 1918/19, s. Zt. Schülerin der Sophienschule in Breslau, angeblich nach England ausgewandert, von Eva Thöne, D 5900 Siegen, Wallauer Weg 4. 6. Wer weiss etwas über den angeblichen Selbstmord des — (vermutlich administrativen) Leiters des Jüdischen Krankenhauses in Breslau Philip Levenbach, nach der Kristallnacht? - Antwort erbeten an Erich Leyent, Hotel Vereina, 7250 Losters, Schweiz, oder an den Verband 10