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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1988-01-01 · No. 52 (1988) · p. Seite 9

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1988
Issue
No. 52 (1988)
Date
1988-01-01
Page
Seite 9 (sequence 149)
Language
German
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DER STORCH VON BRESLAU WOLFGANG SCHWARZ Noch im Traum, noch im Taumel nach der langen Fahrt von Landau nach Breslau — gestern in Nebel, Regen, Sturm —, nehmen wir uns für den ersten Vormittag nur das Eine vor: uns in Breslau etwas einzubummeln. Frommer Ritus bei den jährlichen Besuchen dieser schönen Stadt ist stets dieser erste Spaziergang um den „Weissen Storchen" herum. Wir gehen von der Langen Gasse über den Königsplatz zum Ring. Wir biegen vom Salzmarkt durch den Sezessionstunell in den Karlsplatz. Von der Stadt in das Städtl. Da, wo das Getto war. Die Antonienstrasse. Die Wallstrasse. Das grosse Kloster zum Heiligen Antonius strahlt in Dotter und Weiss. Nicht strahlt, Rücken an Rücken zu diesen Sakralbau der Katholiken, der Sakralbau der Juden. Die alte Synagoge zum Weissen Storchen mit den sie umgebenden Backsteingebäuden und dem Hof. Hier *st nur der zerbrochene Davidstern zu sehen. Er guckt, in bizarren Bruchstücken, aus den Prothesen und Binden hervor, in welche das Gotteshaus geschient, geschnürt, gestützt ist. ln solcher Kranken-Armatur steht die alte Synagoge zum Weissen Storchen -mild, mitleiderregend da. Diese alte Synagoge ist in der Reichskristallnacht 1938 nicht angezündet worden. Es hätte, beim Gehäufel der Häuser dicht um sie, einen Riesen-Stadtbrand gegeben. Überhaupt hat sie eine exzellente Geschichte. Die jüdischen Freiwilligen gegen Napoleon sind 1813 in ihr eingesegnet worden. Es ist aber auch, 1S05, nach der gescheiterten Revolution in Russland, in ihr gegen die Willkür der russischen und sonstigen Majestäten — auch der deutschen! — gepredigt worden. Der berühmte rebellische Rabbi Doktor Rosenthal hat diese hohen Herrschaften als Urheber des überall aufglimmenden Antisemitismus gebrandmarkt. rone, über unser Erstaunen. Er sagt: hier hätten schon die besten Regisseure der Welt gefilmt — unter ihnen auch Andrzej Wajda. Tatsächlich, dieses marode, melancholische Wunder dieses Syna gogeninneren regt zu immer neuem Entdecken, zu immer neuem Sichausmalen von Möglichkeiten an. Hat es nicht den Zauber einer Monstre-Bühne an sich? Könnte man auf ihm nicht ideal ein Welt theater des Weitendes inszenieren? Unser junger Bursch führt uns aus der Synagoge heraus, über den Hof, bis zu einer Treppe. In ein hanseatisches Hofhaus hinan. Er erklärt uns: hier habe die Jüdische Gemeinde ihren Tempel. Hier, in diesem Wohn-, diesem Veteranenhaus. Hier sei ihr Betraum, ihre Administration. Getrosl ihm folgen sollten wir. Er werde uns mit dem Herrn Vorsteher der Gemeinde bekannt machen In ein Paterre-Entre geleitet er uns. Doch als er erfahren hat, der Herr Vorsteher sei noch nicht da, schlägt er uns vor, derweil mit dem Herrn Sekretär der Gemeinde zu sprechen. Mit Herrn Fischer. Der Herr Fischer sieht wirklich wie ein Fischer aus. Wie ein Fischer vom See Genezareth. Er hat ein holzgeschnitztes Sonn-Braun-Gesicht. Er spricht ein tuckerndes, tropfendes Deutsch. Die Jüdische Gemeinde sei einst zweihunderttausend Seelen gross gewesen, hören wir. Jetzt seien es nur noch zweitausend. Im Ganzen. Sie habe einen eigenen kleinen Gottesdienstraum. Denn diese grosse Synagoge, die wir gesehen hätten, gehöre ihr nicht. Die gehöre der Staatlichen Kommission für Denkmalpflege, werde aber, wahrscheinlich, nicht wiederhergestellt. Als eine Art Akropolis bleibe die hier, vermutlich, stehn. Haupt, singt, erst in Tieftönen, dann in Hochtönen, ein schweres, schwermütiges Lied. Das legt einen Teppich aus Trauer über die Kuppen und Mulden, die Ranken und Rosen. Der Sarg wird von den Männern in die Höhe gehoben und wieder auf die Erde hinuntergesetzt. Mehrfach wiederkehrt dies Zeremoniell. Und immer, sehr schön, sehr schwer, singt der majestätische Mann. Dann ist der Zug mit dem Sarg am Grab angelangt. Auf einem Grashügel, von einer kleinen Entfernung her auf die Grabgrube schauend, steht, in angelinischer Hoheit, wehendes silbernes Haar unter einer blauen Tibetaika, eine Gestalt, liest ein kleines Wort aus einem kleinen violetten Buch. Der Sarg wird in die Grube gesenkt. Jäh verwandelt sich der wehe Abschied in wache Arbeit. Da ist man miteins im Weinberg des Herrn. Da geben sich die Männer die Schaufeln in die Hände. Da schaufeln die Männer Schollen über den Sarg. Doch als der Sarg bedeckt ist, wieder, in seufzender Lyrik, das wunderbare Beicanto des orientalischen Baritons. Dann, in gelassener Geste, weiter das Schaufeln. Die Männer machen Pausen zwischen der Arbeit. Setzen sich auf die Grabränder. Tauschen Zigaretten aus. Rauchen. Dann abermals in die Hände gespuckt. Im Schaufeln wacker fortgefahren. Von der einen in die andere Hand geht die Schaufel. Jeder muss schaufeln. Jeder von den Männern. Dann stellen die Frauen die Kerzen und Blumen vors Grab. Das war der Tod. Am Ende wird ein Schild in den Hügel gesteckt. Da wissen wir, wer hier beerdigt wurde. TAUBA FREGYN 1904 1986 GESTORBEN IM ZWEIUNDACHTZIGSTEN JAHRE IHRES ALTERS (KK (Kultur Korrespondenz) 663 vom 5. September 1987/16). Plötzlich — wie Kai aus der Kiste — steht ein junger Bursch, ein junger Besaufski, vor uns. Er sagt uns: er wohne hier. Ob es uns interessiere, in das Innere der Synagoge hineinzukommen? Wir sagen ihm: ja, das interessiere uns sehr. Und sogleich — er vornean, wir hinterher — kriechen wir, auf einem Schleich- und Schlammpfad, durch das Loch eines Vorbaus, stapfen wir, glitschend, in Schlick und Tümpel, einen Hang hoch bis zu einem Torbogen. Durch ihn, auf Lehm und Splitter, geht’s zu einem Steinstumpf aus hohlen Stufen. Auf ihm klettern wir zu einem Seiten-Chor empor. Da, in jähem Aufschauen, geblendet von der scharf einschliessenden Sonne, sind wir überwältigt von der Grösse, von der Weite, von der Wucht dieses apokalyptischen Interieurs. Davon hätten wir, angesichts des lädierten Äusseren, nie und nimmer etwas vermutet. Wir meinen, in einem gigantischen Totenschädel zu sein. So knochig-markant, zugleich so zerbröselt und zerlöchert mutet uns dieses monumentale sakrale Innere an. Er ist in drei massive Emporen gegliedert. Nach oben wölbt sich's in eine pompös ausgedehnte Kassette. Aber nach unten ist’s leer. Da gibt’s keine Diele. Da gibt’s keine Fläche. Da stürzen die Wände in einen acherontischen Schlung. Alles ist krud, alles ist wild. Alles ist zugleich in einer heilen tektonischen Schale be schlossen. Das Alphabet unserer ganzen Kultur — die Symbole: Mäander, Eierstab, Aaronshut, Löwe Adler, Hirtenstab, Rose und Stern — es findet sich, in tausend Fragmenten, mitten im Chaos mitten in der Ordnung. Unser junger Bursch, freut sich, wie ein Cice¬ Wir wollen wissen: wie's jetzt hier mit der Kultur der Juden sei. Ob's hier jetzt eine jüdische Schule gebe? Ein jüdisches Theater? — Nein. Sagt er. Eine Schule gebe es jetzt hier nicht. Es lebten nur alte Juden in der Stadt. Ein jüdisches Theater? Ja. Das hätte es hier gegeben. Das sei eine Filiale des Jüdischen Theaters in Warschau gewesen. Des Theaters der Pani Kaminska und des Pan Goldfaden, des Dichters des „Dybbuk". Auch eine jüdische Zeitschrift. Er nickt. Die gebe es in Warschau. DIE VOLKS-STYMME. Die werde in Pol nisch und Jiddisch gedruckt. In Jiddisch mit hebräischen Buchstaben. Für die, d. Jiddisch können. Er, der Herr Fischer, könne kein Jiddisch. Er stamme aus Krakau. Dort habe man nicht Jiddisch gelernt Jetzt kommt der Herr Vorsteher. Aber er ha' keine Zeit, er muss auf den Friedhof Cosel zu ei ner Beerdigung. Wir könnten aber mit, meint er. Fingert in einem Korb, reicht uns zwei Tibetaikas herüber — die bräuchten wir unbedingt als Kopfbedeckung. Also aus der Stadt — schnurstracks gen West, zwischen Hochhäusern zunächst — zum Oderwald An dessen Rand, hinter einer rötlichen Mauer, liegt der Jüdische Friedhof von Cosel. Wir steigen durch eine Lücke der Mauer. Jäh sind wir in einem Aquarell aus Busch, Moos, Birke. In einem wimpligen Gewog aus Sommer und Herbst, aus Hügel und Stein, aus Chaos und Verklärung. Unterm Gebälk der Leichenhalle ist ein Sarg aufgebaut. Eine schlichte braune Kiste. Ein weisser Leuchter. Der Davidstern. Ein majestätischer Mann, ein Mandarin in einem astronomischen Mantel, mit einem hohen Doktorhut auf dem FRIEDHOF COSEL (BRESLAU) Verschiedentlich wurde im ,,Aufbau” und anderen Zeitungen auf den völlig ungepflegten Zustand des Friedhofes Cosel in Breslau hingewiesen. Es besteht kein Zweifel, dass der Friedhof restauriert werden muss, was wir unseren Toten bestimmt schuldig sind. Für den Einzelnen ist es natürlich nicht möglich, in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen. Dankenswerter Weise nehmen sich zwei frühere Breslauer dieses Projektes an und wir bitten alle, die daran interessiert sind, sich mit einem der Herren in Verbindung zu setzen: Vernon W. Fischer 624 W Canterbury R. St. Louis Mo. 63132 U.S.A. Oder : Generalkonsul a.D. F. D. Lucas 80 Cheney Court Royal Hospital Rd. London S.W. 3 HERTA MENDELSON (MENDLOW1Z) S.A. Bei Redaktionsschluss erreichte uns die traurige Nachricht vom Ableben von Frl. Herta Mendelson (Mendlowiz) (ehm. Breslau-New York) in Haifa. Eine Würdigung ihrer Persönlichkeit — s.G.w. in der nächsten Nummer. 9

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