Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1988
- Issue
- No. 52 (1988)
- Date
- 1988-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 148)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7506414-7413591-7411686--010-7411694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Memorien des Ascher Levi (1598 — 1635) Es ist ein kleines Buch, das wir in einer aufgelösten Bibliothek entdecken. Bei Louis Lamm, Berlin, 1913 herausgegeben, 'Die Memoiren des Ascher Levi, 1596 — 1635, übersetzt und mit Anmerkungen versehen, von Dr. M. Ginsburger'. Das Heft enthält die 74 Seiten des hebräischen Textes, und die Übersetzung, der 238 Anmerkungen zugefügt sind wie ein Register. Noch heute muss die Fleissarbeit bewundert werden mit der Herausgeber und Übersetzer die Anmerkungen zusammenstellen, aus historischen Büchern und durch umfangreiche Korrespondenz mit den Verantwortlichen der vielen in den Memoiren erwähnten Orte, um herauszubekommen, was damals, am Anfänge unseres Jahrhunderts, von und über die Juden des 17. Jahrh. bekannt war und/oder dokumentiert. Ein Bemühen, das seinerzeit noch erfolgreich sein konnte. Heute, nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges kaum noch durchzuführen. Dr. Ginsburger schreibt das Vorwort in Gebweiler, wo er seinerzeit als Rabbiner fungierte, bevor er nach Strassburg übersiedelte. — Die Entdeckung des Manuskriptes ist einem Zufall zu verdanken, so wie wir auf das wenig bekannte Buch zufällig gestossen sind. Elie Scheid. Verfasser der „Histoire des Juifs d'Alsace” wie der „Histoire des Juifs de Haguenau” findet das Manuskript ,,vor einigen Jahren" in den Bücherkästen in den Quais in Paris. 43 Blätter, 15x9,5 cm, von denen 70 beschrieben sind. Die Pagnierung stammt von Dr. Ginsburger. Da einige Seiten unbeschrieben sind, kommt er auf die Zahl 74. Die Einbanddecke des Manuskripts ist ein auf beiden Seiten beschriebenes Pergamentblatt mit Texten aus dem lateinischen Testament, Cor. I. V.9-13,... Als Schutzblatt zwischen Pergament und Manuskript dient ein aus einer mir unbekannten Ausgabe des „Familiarium colloquiorum formulae” von Erasmus aus Rotterdam entnommenes Doppelblatt, das die Seiten 33, 34, 47, 48, ausweist. Die letzten Eintragungen, von einem Schwager des Ascher Levi, Simcha Cohen, stammen aus dem Jahre 1674. Es bleibt eine offene Frage, wo sich die Handschrift ungefähr 220 Jahre befunden hat, und wer und was sie um die Jahrhundertwende an die Quais in Paris brachte. (Vielleicht haben es Emigranten nach 1871, als der Eisass zu Deutschland kam, mitgenommen, und dann verkauft. Die Erklärung, die wir aus Haguenau erhalten haben, löst nicht die Frage der Einbandblätter.) — * In den Aufzeichnungen erzählt Ascher Levi sein persönliches Schicksal wie Ereignisse in der Familie. Selten werden Ereignisse des Krieges erwähnt, den wir als „Dreissigjährigen" kennen, nur dann wenn die bestimmend in sein Leben eingreifen. Die Kaiserlichen wie die Schweden verwüsten das Land, plündern. Einige Male erscheint ein Hinweis auf einen „zweiten Teil, den ich über den Krieg der Völker geschrieben habe”, der bis heute nicht aufgetaucht ist. — Das Buch der „Erinnerungen” beginnt mit persönlichen Daten. Er wurde geboren am Freitag den 3. Ellul in „Oiesheim in der Altmühlgegend''. Das Dorf Alesheim liegt in der Nähe von Rotenburg, die Altmühl ein Nebenfluss der Donau. Ein Jahr später übersiedelt die Familie in ein Dorf bei Metz, Lothringen, dann nach Bizingen. Als er sechs Jahre wird, beginnt der Vater ihn zu unterrichten. „Bis dahin habe ich nach dem Hörensagen geschrieben,... wei- Heinzwerner Goldstein ter schreibe ich nach meinem Gedächtnis”. Als achtjähriger lernt er bei einem Talmudjünger in Metz. Im Jahre 1612 — im Orginal stehen die jüdischen Daten — geht er nach Prag um in der Klaus Slovo Monisch zu lernen. Als dort die Pest aus bricht, kehrt er zurück. Mit 15 Jahren ist er Kinderiehrer in Hensenstamm bei Frankfurt. Er erwähnt Ausschreitungen in Worms und Frankfurt, den Fettmilchaufstand 1614. „Es ist schon ein Buch davon gedruckt, darum habe ich mich kurz gefasst”. — Ascher Levi kehrt nach Prag zurück, dann ist er in Prossnitz, Böhmen, Purim und Pessach verbringt er in dem Dorf Zluschau bei Mirwitz, später lebt er in Bressnitz und Mardewitz in Mähren. „Purim 1616 war ich in der berühmten Gemeinde und Stadt Wien in Österreich, etwa 5 Wochen". Dann ist er fr Austerlitz Aufseher über Talmudjünger. Er erkrankt, er muss von schwacher Natur gewesen sein, es wird oft von Krankheiten berichtet, und er stirbt im Alter von nur 37 Jahren. Er kommt in seinen Geburtsort, in dem Verwandte leben und fungiert dort als Lehrer, später finden wir ihn in Atzbach bei Giessen. Am 21. Ellul 1617 kehrt er in das Haus der Eltern nach Bizingen zurück, er hat „fünf Jahre und 15 Tage in der Fremde verbracht”; „damals war ich 19 Jahre und 18 Tage alt’, eine Rechnung, die er immer wieder aufstellt, bei seiner Heirat, bei der Geburt der Kinder, bei freudigen wie traurigen Ereignissen Eine andere stilistische Form, die er gerne wählt, vielleicht um zu zeigen, dass er ein gelernter Mensch ist, der auch Briefe und Dokumente für andere schreibt, sind Gedichte, die er bei freudigen Ereignissen und Elegien bei Todesfällen einschiebt, wobei er oft das Akrostichon benützt, deren Anfangsbuchstaben Namen wiedergeben, die Namen der Besungenen oder Beklagten, die der ersten dritten usw Zeile, die der anderen, seinen eigenen. — Eine der Krankheiten, die er erwähnt wird „Rofles” genannt, nach Ginsburger kommt das Wort von Skrofulöse, und wird für Blattern verwendet. Epidemien werden von ihm Pest genannt. Interessant sind die Angaben über, die wirtschaftliche Lage, er gibt Preisschwankungen für Getreide. Wein und Fleisch an, die sich nach der Ernte, später -nach den kriegerischen Ereignissen richten. Gerste bezeichnet er im hebräischen Orginal mit „Gerschtem”, Hafer mit „Habern” während für Weizen der hebräische Ausdruck „Chittin” steht. Im Jahre 1626 herrscht Lebensmittelknappheit, von Pessach bis zu Ernte, dann „viel Getreide in diesem Lande von Weissenburg bis Basel". Um einem Bericht besonderen Ausdruck zu verleihen, wie den über seine Verlobung 1820 in Reichshofen (bei Haguenau) — später ärgert er sich über den Schwiegervater, der die versprochene Mitgift nicht voll auszahlt — beginnt oder endet er mit dem Hinweis, ,,Es — oder so — spricht Ascher der Schreiber". — Er bemüht sich in vielen Berufen und Beschäftigungen. Lehrer, Schreiber, Schlachter, Mohel (Beschneider), so in Buchsweiler, Ingeweiler und bei seinem Sohn, er handelt, kauft und verkauft Waren. Auf der Messe in Frankfurt, 1623, verliert er Gelder mit Getreidehandel, er erwähnt Geschäfte mit den Besatzungstruppen. Die Kaiserlichen, die in Reichshofen 2 schwedische Gefangene hatten, beauftragten ihn in Metz über den Austausch zu verhandeln. Die Reise verbindet er mit geschäftlichen Aktionen. Eine seiner letzten Eintragungen, Herbst 1633, sagt, dass schwedische Soldaten im Ort sind, es sei unmöglich am Versöhnungstag in die Synagoge zu gehen und am Sukkot in der Laubhütte zu sitzen. „Die Ernte und Weinlese war annormal, aber Fremde assen es”. — . ' Um 1631 lässt er sich ein Haus in Reichshofen aufstellen, das drei Besonderheiten aufweist; ein Studierzimmer, ein Ofen, um Mazzot zu backen, darin ein kleinerer für Challot und um die Schabbatspeisen warm zu halten, wie ein Badezimmer hinter dem Winterofen. Es werden Namen von Gemeinden wie von Gelehrten und Rabbiner aufgezählt. Zwei lange Listen berichten über „die Grossen in Israel”, die in Prag amtieren, in Frankfurt, Krakau, Lublin, Schnaittach, Posen, Premslau (Premslav), Austerlitz, Metz, Friedberg, Worms, Fulda, Hanau, Mainz, Burgau, Fürth, Hildesheim, Ansbach, Bischheim, Aufstellungen, die zeigen, dass es für die Juden des 17. Jahrhunderts trotz des Krieges keine Grenzen gab, dass Kontakte bestanden haben, und es viele Gemeinden mit bekannten und anerkannten Gelehrten gab. Die letzten Seiten der Eintragungen, er fühlte sich scheinbar krank oder wollte keine aktuellen Einträge mehr schreiben, widmet er den Vorfahren, beginnend mit Jakob Levi, einem Flüchtling aus Spanien, der in Landau als Rabbiner und Gerichtsvorsteher amtiert, in 2. Ehe mit einer Rabbinerstochter aus Alsheim bei Bingen verheiratet, der Urgrossvater unseres Ascher, der Anfang des 16. Jahrh. nach Landau gekommen sein muss, denn sein Enkel, der Vater Aschers, wird 1563 geboren. Die letzten Seiten tragen Eintragungen des Schwagers Jona, Sohn des Simcha Cohen, der die Daten seiner Familie in knappen Worten bis 1674 aufzeichnet. — * Ascher Levi aus Reichshofen schreibt seine Erinnerungen in hebräisch. Hundert Jahre später ist es Glückei von Hameln, 1645 — 1724, in Hamburg beheimatet, in 2. Ehe mit Cerf Levi in Metz verheiratet, die dort ihre „Denkwürdigkeiten" beendet. Es ist vielleicht ein Spiel des Zufalls, dass Glückei in die Familie Levi einheiratet, die aus Spanien kam, zu der auch unser Memoirenschreiber Ascher gehört. Beide Werke sind heute die einzigen erhaltenen Aussagen für ihre Periode. Glückei schreibt schon deutsch, aber noch mit hebräischen Lettern. Weitere hundert Jahre später berichtet ein hausierender Tapezierer, Gabriel Schramek, der bei den letzten Aushebungen für das französische Heer unter Napoleon rekrutiert wird, über seine Erlebnisse und Erinnerungen im elsässer Deutsch, mit französischen und hebräischen Brocken. (Jüdisches Jugendbuch, Berlin, Welt Verlag, 1920.) Gabriel Schramek kommt bei Teplitz, in dem damaligen Böhmen, in russische Gefangenschaft. Aus Furcht vor der Deportierung nach Sibirien — es hat sich wenig geändert — stellt er alles an, trotz seiner von ihm selbst beschriebenen Schlemihlhaftigkeit, um sich aus dem Krankenhaus in Iglau „abzusetzen". Er schlägt sich bis Gross Meseritz durch, wo ihm Juden Unterkunft lind Arbeit gewähren, bis er 1816 in den Eisass zurückkehren kann. — (Fortsetzung auf Seite 12) 8