Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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92 auf menschliche Behandlung und auf Freiheit, auf unbeschränkten Gebrauch und ungehemmte Entwicklung aller sittlichen und geistigen Kräfte, sind sie etwa erfunden, um uns der Pflichten gegen die, welche uns am nächsten stehen, zu entbinden? Ist, wenn jedes Zeitalter seinen Charakter hat und seinen Inhalt, der des unseren die Selbstsucht? Ist es diese, und nichts als diese, die sich hinter dem hochtönenden Namen von Aufklärung und Geistesfreiheit verbirgt? Das Gewissen vieler Edlen hat diese Fragen einstimmig beantwortet." Diese Schrift brachte eine doppelte Wirkung hervor. Die Wahrheit für welche sie in die Schranken trat, die edle, freie, männliche und doch nirgends herausfordernde oder trotzige Sprache in welcher sie diese Wahrheit aussprach, und zwar zu einer Zeit, die Geist und Gemüth vieler Menschen angeregt und über die Alltäglichkeit erhoben hatte, wirkte mächtig, wenn auch nicht auf die öffentliche Meinung, die in unserem Vaterlande in dieser Sache nur zu lange taub war, doch auf viele Ehrenmänner, denen in der Literatur, in Ständcversammlungen, zum Theil auch bei den Regierungen Deutschlands, eine gewichtige Stimme zustand. Am bedeutendsten war aber der Eindruck welchen sie auf Riesser's Glaubensgenossen machte. Des edlen Jünglings (er zählte damals 24 Jahre) würdige Sprache machte die erröthcn, welche sich bis dahin geschämt hatten der unterdrückten Minderheit anzugehören und durch allerlei verächtliche Künste vergessen zu machen suchten, daß sic als Juden geboren seien. Sv offen sich auch unser Verfasser gegen Werkhciligkeit erklärt hatte, so verhinderte dies doch auch die orthodoxesten Juden nicht, ihm aus voller Seele, ja mit wahrer Begeisterung, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, was als ein gutes Zeichen der Zeit betrachtet werden konnte. Daß ihm diese Anerkennung bei seinen Sinnesverwandten, bei der großen Mehrzahl seiner Glaubensgenossen nicht fehlte, deren Gesinnung und Gefühle er ausgesprochen hatte, versteht sich von selbst. Vereine, wie er sie vorgeschlagen hatte (doch ohne die Verpflichtung welche er daran geknüpft wissen wollte) bildeten sich in Frankfurt a. M., in Mannheim und mehreren anderen Städten, und er hat das große Verdienst um seine Glaubensgenossen, sie in ihrer eigenen Meinung gehoben und viele dem Zwitterzustande entrissen zu haben, der